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Der Teufel und die zehn Gebote – Abgefeiert wird zum Schluss

12 Feb

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Le diable et les 10 commandements

Von Ansgar Skulme

Tragikomödie // Der alte Chambard (Michel Simon) arbeitet als Hausmeister in einem Kloster. Zwar leistet er dort gute Dienste, doch können sich die Nonnen einfach nicht an seine Wortwahl gewöhnen. Schnell ist er dem Vorwurf ausgesetzt, nicht ausreichend Respekt vor Gott, dem Herrn zu haben, und sieht sich mit dem Bischof (Lucien Baroux) konfrontiert. Da er diesen aus seiner Jugend noch persönlich kennt, nimmt der lebenslustige Chambard kein Blatt vor den Mund und hält dem alten Geistlichen frei von der Leber weg den Spiegel vor. Der Bischof lässt Gnade walten: Chambard soll lediglich die zehn Gebote auswendig lernen und sie ihm aufsagen, sobald er sie kann. Was es mit diesen Geboten auf sich hat, beleuchten diese und fünf weitere Episoden, die der Teufel persönlich (Stimme: Claude Rich) als Erzähler verbindet, ehe Chambard in der letzten Episode erneut vor den Bischof tritt.

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Warum nicht das Angenehme mit dem Sündigen verbinden?

Julien Duvivier hatte sich seit Anfang der 20er-Jahre zu einer festen Größe des französischen Kinos aufgeschwungen und blickte somit Anfang der 60er auf eine bereits 40 Jahre überdauernde, erfolgreiche Karriere zurück. Nach einer Reihe von Stummfilmen, realisierte er in den 30ern unter anderem ein Tonfilm-Remake des deutschen Klassikers „Der Golem“ (1920) und machte mit Filmen wie „Le paquebot Tenacity“ (1934), „Maria Chapdelaine“ (1934), „Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier“ (1937), „Spiel der Erinnerung“ (1937) und „Lebensabend“ (1939) von sich Reden, ehe er sich nach einem Intermezzo in Hollywood während des Zweiten Weltkrieges unter anderem mit den ersten beiden Filmen der heute legendären „Don Camillo“-Reihe – mit Fernandel und Gino Cervi in den Hauptrollen – zurückmeldete, die 1952 und 1953 ins Kino kamen. „Der Teufel und die zehn Gebote“ wurde der drittletzte Film des seinerzeit 65-jährigen Regie-Giganten, der fünf Jahre später starb. Es handelt sich um eine Art filmisches Resümee eines Regisseurs, der zum damaligen Zeitpunkt einer der namhaftesten französischen Regisseure war, als sich die Nouvelle Vague gerade erst im Aufbruch befand und schon bald neue Legenden des französischen Kinos – wie Truffaut, Godard und Chabrol – hervorbringen würde.

Ein Gipfeltreffen der Stars

Schon in den 30ern hatte Duvivier unter anderem mit Fernandel und Michel Simon zusammengearbeitet. Um diese beiden aus damaliger Sicht lebenden Legenden baute er für „Der Teufel und die zehn Gebote“ einen hochkarätigen All-Star-Cast zusammen; mit Simon als Herzstück der Geschichte in der Rahmenhandlung und Fernandel als „Gott“. Mit dabei sind außerdem zwei weitere Ikonen, die ebenfalls schon in den 30ern Bekanntheit erlangt hatten: Marcel Dalio (oft schlicht nur als „Dalio“ im Vorspann genannt) und Danielle Darrieux, die im Mai 2017 – so Gott will – 100 Jahre alt wird und bereits 1931 erstmals, und gleich in einer recht großen Rolle, auf der Kinoleinwand zu sehen war. Dazu serviert uns Duvivier Charles Aznavour, Alain Delon, Lino Ventura und Louis de Funès – sie alle hatten noch eine lange, erfolgreiche Karriere vor sich, waren dem Publikum aber auch damals schon als Hauptdarsteller beliebter Filme geläufig, die heute Klassiker sind. Es gibt Besuch aus Hollywood von Mel Ferrer und ein Wiedersehen mit dem zwischenzeitlich, während der 50er, in die USA abgewanderten Claude Dauphin. Kurzum: Jede der sieben Episoden der französischen Kinofassung wartet mit mindestens einem Schauspieler auf, den man heute mit Fug und Recht als Legende bezeichnen kann und schon damals als Topstar bezeichnen konnte.

Die fehlende Episode

Wer den Hauptfilm gesichtet hat, wird sich eventuell wundern, wer die Dame auf der Vorderseite der Illustrierten Film-Bühne Nr. 6282 ist, die sich mit diesem Film beschäftigt und der DVD von Pidax Film als Bonus beiliegt. Es handelt sich um Dany Saval, die zu den Protagonisten einer weiteren Episode des Films gehört, welche zwar nicht für die französische Originalfassung verwendet wurde, in der deutschen Version allerdings enthalten war. Diese Episode ist im Bonusmaterial der DVD zu finden, dort aber nur in der deutsch synchronisierten Version und im falschen Bildformat. Den Anschlüssen zu Beginn und Ende dieses Bonus-Clips ist ferner zu entnehmen, dass die Episoden in der deutschen Fassung auch teils anders gereiht waren als in der Originalversion. Die Episode unterscheidet sich insofern von den anderen sieben Episoden, als die Schauspieler international weitaus weniger bekannt waren und sind; sie ist aber nicht minder unterhaltsam, ebenso moralisch interessant und mit demselben Augenzwinkern erzählt wie ein Großteil des Films. Ob nun hier die Demontage einer Stripperin, die sich daheim für einen Bewunderer als komplettes Gegenteil von einer lasziven Nymphomanin entpuppt, oder in einer anderen Episode eine Mutter, die beinahe ihren Sohn verführt, weil sie ihn nach der Geburt verstoßen hat und nicht weiß, wie er aussieht: Dieser Film scheut weder derbe Sprüche noch erotische Anspielungen bis hin zu moralischen Grenzgängen. Alles verziert mit dem bübischen Humor des Teufels, der den Zuschauer davon abhält, auf irgendwelche prüden Gedanken zu kommen und immer wieder aufs Neue zum Kosten der verbotenen Frucht auffordert.

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Der Herrgott ist herabgestiegen

Der trockene Humor der Erzählung schwingt sich gemeinsam mit vielen weisen inhaltlichen Statements zu einem ebenso verspielten wie lehrreichen Gesamtkunstwerk auf, das in den traurigen Momenten – betrifft vor allem die ernsteste der Episoden, mit Charles Aznavour und Lino Ventura – ebenso überzeugt wie in Situationen kindlichsten Humors. Dem Film wollen auch über mehr als zwei Stunden hinweg einfach nicht die guten, lustigen wie auch klugen Pointen ausgehen, wobei vor allem das Finale der Episode mit Fernandel gewissermaßen die Quintessenz des oft ironischen, gern auch frechen Erzählstils widerspiegelt. Die Handlung wird immer wieder auf den Kopf gestellt und rollt von dort aus zum nächsten der Gebote und der nächsten Pointe. Die besagte Episode mit Fernandel war übrigens in der deutschen Fassung nicht enthalten und liegt auf der DVD daher nur im Original mit Untertiteln vor. In anderen Episoden wurde für die deutsche Fassung nur passagenweise gekürzt, wobei leider auch viele überleitende Kommentare des Teufels der Schere des Cutters zum Opfer fielen.

Neustart mit bewährtem Bonus

Der Film wurde in Deutschland bereits 2006 von Concorde Home Entertainment, im Rahmen der „Concorde Classic Selection“, auf DVD veröffentlicht. Die Extras auf der Disc, die mit dem Film selbst korrespondieren, waren seinerzeit identisch: die in der französischen Fassung fehlende Episode und die gekürzte Version der Episode mit Charles Aznavour und Lino Ventura, ohne die deutsch untertitelten Stellen. Da diese DVD mittlerweile vergriffen ist, ist die Neuauflage dieses Meilensteins des französischen Kinos durch Pidax absolut dankenswert. Wer Julien Duvivier als Regisseur verstehen will, sollte dieses altersweise und herrlich unverkrampft inszenierte Spätwerk auf jeden Fall gesehen haben. Spätestens als es sogar explizit einen verbalen Seitenhieb für die Nouvelle Vague zu hören gibt, wird klar, dass dieses Werk filmhistorisch von wertvoller Bedeutung ist und Duvivier hier frei nach dem Motto „Was ich noch zu sagen hätte …“ eine Art Abschiedsgruß in epischer Länge filmisch formuliert hat. Und wer Filme mag, in denen sich Stars die Klinke in die Hand geben, oder eine Vorliebe für stimmige Episodenfilme hegt, kommt an „Der Teufel und die zehn Gebote“ sowieso nicht vorbei.

Veröffentlichung: 27. Januar 2017 und 12. Juli 2006 als DVD

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte (gesamter Film), Deutsch (nicht synchronisierte Passagen)
Originaltitel: Le diable et les 10 commandements
F/IT 1962
Regie: Julien Duvivier
Drehbuch: René Barjavel, Henri Jeanson, Maurice Bessy, Julien Duvivier und andere
Besetzung: Michel Simon, Lucien Baroux, Fernandel, Louis de Funès, Charles Aznavour, Alain Delon, Lino Ventura, Danielle Darrieux, Claude Dauphin, Mel Ferrer
Zusatzmaterial: Extra-Episode aus der deutschen Fassung, gekürzte deutsche Version der Episode mit Aznavour und Ventura, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 6282
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

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