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Elle – Oh …

14 Feb

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Elle

Kinostart: 16. Februar 2016

Von Simon Kyprianou

Drama // Nach jahrelanger Regieabstinenz – sein letzter Kinofilm „Black Book“ liegt zehn Jahre zurück – hat sich Paul Verhoeven in Cannes 2016 mit „Elle“ furios zurückgemeldet: Schon im Vorspann hören wir aus dem Off Schreie einer Frau, danach sehen wir, wie Michèle (Isabelle Huppert) von einem maskierten Mann vergewaltigt wird. Als sie benommen von der Vergewaltigung wieder aufwacht, nimmt sie erst einmal ein Bad. Der Badeschaum färbt sich rot, Michèle wischt ihn einfach weg, steigt aus der Badewanne, bestellt sich Essen beim Lieferdienst, geht schlafen und ist am nächsten Tag pünktlich bei der Arbeit. Beim gemeinsamen Abendessen erzählt sie ihren Freunden von der Vergewaltigung als sei es eine Nebensache, über die man gar nicht zu sprechen brauche. Der Vergewaltiger aber kann nicht von Michèle ablassen und so beginnt sie, in ihrem Umfeld nach ihm zu suchen.

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Michèle ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau

Verhoevens Film strebt nach Uneindeutigkeit, und widersetzt sich jeder Vereinfachung seiner Thematik. Er bietet keine moralischen Sicherheitszonen, in denen es sich der Zuschauer bequem einrichten kann, die Figuren bleiben widerständig gegenüber Einordnungen und Betrachtungen. Michèle wird vergewaltigt und weigert sich, ein Opfer zu sein, weigert sich, traumatisiert zu sein – darin liegt die Provokation des Films. Es ist die Verweigerung, ein Trauma zuzulassen, die Weigerung, die Vergewaltigung als lebenszerstörenden Akt zu akzeptieren, die Hupperts Charakter zu Filmbeginn ausmacht. Abgesehen von dem Gefühl der Weigerung bliebt die Figur Michèle undurchlässig, Verhoeven und Huppert entstellen sie nicht durch Psychologisierungen und Offenlegungen, geben den Blick eben nicht frei auf ihr Inneres.

Schwierig, die richtige Schublade zu finden

Schon bei der Einordnung des Films hat man Probleme, Elle ist weder ein „Thriller“ im eigentlichen Sinn, ein Rape-and-Revenge-Film schon gar nicht, obwohl er seine Dynamik teilweise schon aus der Konfrontation zwischen Täter und Opfer schöpft. Der Film will sich Einordnungen eben bewusst entziehen. An die anfängliche Vergewaltigung schließt Verhoeven eine ebenso unerwartete wie auch waghalsig komische Familienkomödie an, blickt auf Michèles Beziehung zu ihrem chronisch unfähigen Sohn (Jonas Bloquet) und dessen cholerischer Freundin (Alice Isaaz), zu ihrem Ex-Mann (Charles Berling) und dessen jüngerer Freundin, auf ihre von ihr distanzierte Mutter und deren ebenfalls deutlich jüngeren „Liebhaber“, und auf die Beziehung zu ihrem Vater, einem im Gefängnis sitzenden Massenmörder. Die Betrachtung der brüchigen Familienverhältnisse lässt Verhoeven in einem genüsslich komischen Weihnachtsessen gipfeln, das nicht alle Beteiligten überleben werden.

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Mit dem Ehemann ihrer besten Freundin hat sie eine Affäre

Verhoeven interessiert sich ebenso dafür, wie sich Michèle als Leiterin einer erfolgreichen Computerspielefirma mühelos gegen ihre jüngeren männlichen Angestellten durchzusetzen weiß und sich nebenbei mit dem Mann ihrer besten Freundin Anna vergnügt. Am Ende macht Michèle die Vergewaltigung zu einem Teil ihres Lebens, verwandelt sie in ein erotisches Spiel, erlangt die Kontrolle darüber und beendet es, wenn es ihr beliebt. Nicholas Winding Refn hat zu seinem letzten Film „The Neon Demon“ gesagt, es sei ein Film über Frauen, die Männer würden den Status gesichtsloser „Girlfriends“ einnehmen, wie es in vielen Filmen gang und gäbe sei. Eben das trifft auf „Elle“ in jedem Fall zu: Die Männer sind Nebensache, sie sind teilweise jämmerlich, teilweise gesichtlos, teilweise Lustobjekte. Das Bild des aus dem Fenster spannenden Mannes, der Frauen beobachtet, wie man es aus unzähligen Filmen kennt, codiert Verhoeven um, hier ist es Huppert die aus dem Fenster beobachtet, ein Mann ist ihr Lustobjekt.

Wunderbares Schlussbild

Es ist auch wunderbar zu sehen, wie sehr Verhoeven seine Geschichte auf der visuellen Ebene erzählt – das tut er ja in all seinen Filmen: Anders als im Roman ist Michèle im Film Chefin einer Videospielefirma. Verhoeven erzählte in einem Interview, dass er für den Film eine Tätigkeit für sie finden wollte, die sich filmisch darstellen lässt. Die Verbrechen ihres Vaters werden als wunderbar montierter Fernsehbericht dargestellt, nicht als öder Dialog, bei dem man Drehbuchseiten rascheln hören kann. Generell ist „Elle“ ein wunderbar elegant inszenierter Film, mit dem schönsten und komischsten Schlussbild, das ich seit langem gesehen habe.

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Auch mit ihrem Nachbarn bandelt sie an

Ohne Isabelle Huppert wäre dieser Film nicht denkbar, keine andere Schauspielerin fällt einem ein, die eine solche Rolle hätte meistern können, die sich so sehr aus Leerstellen und Uneindeutigkeiten zusammensetzt. Zu Recht fragt John Waters in seinem Kommentar zum Film „Isn’t she the best actress in the whole wide world?“ Der Golden Globe ist hochverdient, auch der Oscar wäre keine Überraschung. Einen zweiten Globe gab’s als bester fremdsprachiger Film.

Tipp: Double Feature

Mia Hansen-Løves ebenfalls 2016 in Cannes gezeigter Film „Alles was kommt“ fällt einem als Vergleich ein, in dem Isabelle Huppert ebenfalls eine Figur spielt, deren Leben plötzlich ins Wanken gerät. Vielleicht ergeben beide Dramen ja ein schönes Double Feature.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Verhoeven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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Im Umgang mit den hauptsächlich männlichen Mitarbeitern ihrer Firma hat sie keine Probleme

Länge: 130 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Elle
F/D/BEL 2016
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: David Birke, nach dem Roman „Oh …“ von Philippe Dijan
Besetzung: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vimala Pons
Verleih: MFA/Filmagentinnen

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Filmplakat: © 2017 MFA/Filmagentinnen, Fotos: © 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup

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