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Schwarzer Sonntag – Direktflug zum Super Bowl

23 Feb

black_sunday-plakat

Black Sunday

Von Ansgar Skulme

Actionthriller // Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ planen einen spektakulären Anschlag auf US-amerikanischem Boden. Im Fokus steht das Saison-Highlight für alle Football-Fans: der 10. Super Bowl am 18. Januar 1976, in dem sich die Pittsburgh Steelers und die Dallas Cowboys im Orange Bowl Stadium von Miami gegenüberstehen werden. Das große Saison-Finale der noch jungen nationalen Football-Liga NFL! Um das Vorhaben realisieren zu können, geht die Terroristin Dahlia Iyad (Marthe Keller) eine Liaison mit dem psychisch geschädigten Vietnamkriegsveteranen Michael Lander (Bruce Dern) ein, der im Umfeld des Super Bowls einen Job ergattert hat und sich somit unbehelligt in einigen potenziellen Gefahrenzonen bewegen darf. Die Mossad-Agenten Kabakov (Robert Shaw) und Moshevsky (Steven Keats) sind den Terroristen dicht auf den Fersen und kooperieren gegen alle Widerstände mit Offiziellen aus verschiedenen Ländern. Das Morden jedoch beginnt schon vor dem Super Bowl, die Gegnerschaft ist äußerst schwer zu überschauen – und wie einen Terroranschlag verhindern, wenn zunächst unklar ist wo, vor allem aber wie er verübt werden soll?

Unter dem Eindruck der Geiselnahme von München entstand Thomas Harris‘ erster, 1975 veröffentlichter Roman – der einzige seiner Romane, der nicht von dem berühmten Serienkiller Hannibal Lecter handelt: „Black Sunday“. Damals wie heute brandaktuell, musste das Buch nicht lange auf eine Leinwandauswertung warten: Schon einige Monate nach Erscheinen des Romans begannen die Dreharbeiten. Terroranschläge, Geiselnahmen und andere Katastrophen waren im US-Kino der 70er seit „Airport“ (1970) sehr beliebt, dem nicht nur mehrere Sequels, sondern auch andere ähnlich konzipierte Blockbuster folgten – und weitere Filme, die zumindest an den Erfolg mit Katastrophen und katastrophalen Ereignissen, der sich an den Kinokassen zeigte, anschlossen. Ins Muster passen beispielsweise „Massenmord in San Francisco“ (1973), „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974), aber auch ein Katastrophenfilm wie „Erdbeben“ (1974), der eher dem Politthriller als der Action zugetane „Zeuge einer Verschwörung“ (1974) und der „Schwarzer Sonntag“ inhaltlich sehr ähnliche „Zwei Minuten Warnung“ (1976). Auch nach „Schwarzer Sonntag“ war die Welle noch nicht vorüber und es folgten beispielsweise „Achterbahn“ (1977) und „Das China-Syndrom“ (1979).

John Frankenheimer hatte schon 1962 mit „Botschafter der Angst“ (Originaltitel: „The Manchurian Candidate“) einen hinterhältigen Anschlag filmisch verhandelt – die Erzählweisen des Kinos hatten sich seither aber in einigen Punkten geändert. „Schwarzer Sonntag“ bietet weitaus mehr Action und war dahingehend wie auch hinsichtlich der gesamten Erzählstruktur einer der richtungsweisendsten Thriller dieses Jahrzehnts, der Maßstäbe setzte, nach denen einerseits der Actionthriller, andererseits aber auch der Politthriller zu großen Teilen noch heute funktionieren. Mochte er auch bereits einige Vorläufer, wie die besagten, gehabt haben, hebt sich „Schwarzer Sonntag“ insofern ab, weil der Kontext der Geschichte enorm politisch ist, aber trotz dieser sehr engen Anbindung an reale Entwicklungen im damaligen Weltgeschehen, gleichzeitig auf viel Action gesetzt wurde. Die Verschmelzung von Polit- und Actionthriller erfreute sich seinerzeit beispielsweise auch in Italien großer Beliebtheit, aber „Schwarzer Sonntag“ überschritt die Schwelle zum wirklichen – großen, lauten, rasanten und teuren – Blockbuster auf Basis einer politisch interessierten Thriller-Story.

Enormes Bemühen um Authentizität

Darüber hinaus zeichnet den Film das Alleinstellungsmerkmal aus, dass tatsächlich umfangreich Material während des 10. Super Bowls aufgezeichnet wurde. Sogar der Hauptdarsteller Robert Shaw war zu diesem Zweck mit im Stadion und wurde ohne das Wissen vieler Zuschauer in Szene gesetzt. Die Kameras der Filmcrew wurden als Fernsehkameras mit dem Logo von CBS getarnt – der TV-Sender ist bis heute eng mit Paramount Pictures verbunden. Dieser Faktor wie auch die Tatsache, dass die tatsächlichen Namen der Vereine, von beteiligten Personen aus dem Umfeld der NFL wie auch der Firma Goodyear verwendet werden durften – was heute so kaum noch denkbar ist –, machen den Film ungemein realistisch, auch wenn er ganz am Ende etwas übertrieben James-Bond-ähnliche Züge annimmt.

Hinzu kommt eine hervorragend geführte, freie Kamera – dies entspricht im filmwissenschaftlichen Sinne etwa dem, was der Fernsehzuschauer im Extremfall als „Wackelkamera“ bezeichnen würde. Es gelang Frankenheimer und seinem Chef-Kameramann John A. Alonzo auf diese Weise nicht nur, für die Story besonders wichtige, ruhige Momente – wie die Konfrontation zwischen Kabakov und dem russischen Geheimdienst-Verantwortlichen Riat (Walter Gotell) vor dem Washington Monument – sehr lässig und fast schon beiläufig wirkend in Bilder zu fassen, diese Art der Kameraführung reißt auch in den Actionszenen ungemein mit. Während der Schießereien und Verfolgungsjagden – gemeint sind wohlgemerkt keine Autoverfolgungsjagden, sondern sprintende Menschen – ist der Zuschauer immer wieder verstörend nah am Geschehen. Bemerkenswert ist dies vor allem in Kombination mit dem vorliegenden Breitwand-Format 2,35:1. Wir sprechen also von Bildern, die etwa die epische Breite eines „Ben Hur“ (1959) haben, gleichzeitig aber immer wieder eine Lockerheit und Beweglichkeit ausstrahlen, als hätte man sie mit einer kleinen Handkamera gefilmt.

Seine einzige Oscar-Nominierung ergatterte Alonzo, der später beispielsweise auch „Das fliegende Auge“ (1983) und „Scarface“ (1983) filmte, übrigens für seine Kameraarbeit an dem modernen Film noir „Chinatown“ (1974), einer völlig anderen Art von Film als der rasante „Schwarzer Sonntag“. Mit der Philip-Marlowe-Adaption „Fahr zur Hölle, Liebling“ (1975) folgte unmittelbar noch ein weiterer Noir, aber auch in „Schwarzer Sonntag“ gibt es eine stilistisch sehr extravagante Szene, in der Kabakov auf den korrupten Muzi (Michael V. Gazzo) losgeht und ihm dabei unter anderem seine Schusswaffe in den Mund steckt; diese Sequenz hat ihre Vorbilder hinsichtlich Lichtsetzung und Figurendarstellung eindeutig im Film noir – angefangen damit, wie Kabakov mit Hut den Raum betritt und unweigerlich an beispielsweise Humphrey Bogart erinnert.

Ein Antiheld im besten Sinne

Dass man mit diesem Film neue Wege zu gehen versuchte, zeigt sich nicht zuletzt gerade durch die Besetzung der Hauptrolle mit Robert Shaw. Noch in „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ hatte Shaw wenige Jahre zuvor einen Geiselnehmer verkörpert und war Gejagter statt Jäger gewesen. Eine von diversen Schurkenrollen seiner Karriere, denen mit seiner Nebenrolle in „James Bond – Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) der Weg geebnet wurde. Den gebürtigen Briten in „Schwarzer Sonntag“ als Israeli zu besetzen, ist auf den ersten Blick sicherlich diskutabel, jedoch hat die Besetzung den großen Vorteil, dass das Bemühen um Authentizität nicht durch einen als dauerhafter Held vorbelasteten Star konterkariert wird – wie es beispielsweise im Jahr zuvor in „Zwei Minuten Warnung“ der Fall war, der ebenfalls von einem Anschlag im Kontext eines Football-Spiels handelt, aber dessen Hauptdarsteller Charlton Heston schon über 20 Jahre lang fast ausschließlich Heldenrollen verkörpert hatte. In einem Film wie „Schwarzer Sonntag“ wäre ein Hauptdarsteller, der berühmt für seine Heldenrollen war, absolut fehl am Platze gewesen.

Der Film lebt maßgeblich davon, dass völlig unklar ist, wie es am Ende ausgehen wird und davon, dass der Mann, der sich aufmacht, viele Menschen zu retten, trotzdem kein wirklicher Sympathieträger ist. Es wird darauf verzichtet, so etwas wie Nähe zwischen Kabakov und dem Publikum herzustellen. Nur in einer einzigen Szene äußert sich Kabakov zu seiner Vergangenheit und dem Schicksal seiner Familie und dieser Kloß bleibt dem Zuschauer dann für den Rest des Films im Hals stecken. Man lernt lediglich eine Figur im Film kennen, die einen gewissen persönlichen Zugang zu Kabakov zu haben scheint, aber schon bald wird der Zuschauer auch dahingehend recht plötzlich alleingelassen werden. Shaw spielt die Rolle voller Resignation, gleichzeitig aber dem leidenschaftlichen Antrieb folgend, Menschenleben zu retten – dieser scheint das letzte zu sein, was ihm noch geblieben ist. Die Szene, in der Kabakov einen Amokläufer verfolgt und sich dabei die Seele aus dem Leib schreit, um ihn zum Stoppen zu bringen, aber auch um die Passanten zu warnen, eine Geisel zu retten und wie der in die Jahre gekommene Agent dabei im Vollsprint eine beträchtliche Distanz zurücklegt, ist eine der eindrücklichsten und glaubwürdigsten des Films. Um sich persönlich geht es Kabakov schon lange nicht mehr. Man fragt sich nicht nur, ob er den Film überleben wird, sondern letztlich auch, ob er es überhaupt will. Daraus resultiert eine Abgebrühtheit, die Kabakov auf seine Art zu einem verdammt coolen – buchstäblich im Sinne von „kühlen“ – Antihelden macht. Man kauft dem damals knapp 50-jährigen Shaw die Erfahrung Kabakovs und das erlittene Schicksal komplett ab. Hier ist nichts geschönt, es gibt keine Liebschaften und keinen Hurra-Patriotismus, auch wenn die Gegner klar definiert sind. Und die Zeiten, wo der Protagonist körperlich möglichst groß sein musste, sind lange vorbei: Kabakov steht seinen Mann und hält dagegen, auch wenn ihm Walter Gotell vor dem Washington Monument auf engstem Raum Auge und Auge gegenübersteht, der merklich größer als Robert Shaw war und, passend zur Haltung seiner Figur, buchstäblich von oben auf ihn herabsieht.

Zeitlosigkeit als größter Erfolg

Der Film startete im Frühjahr 1977 mit hohen Erwartungen, da die Testvorführungen zu den erfolgreichsten gehört hatten, die es in der Geschichte von Paramount je gegeben hatte. Das Studio erhoffte sich von „Schwarzer Sonntag“, der Blockbuster des Jahres schlechthin zu werden und an den Erfolg von „Der weiße Hai“ (1975) anzuschließen – in dem Robert Shaw bereits in einer großen Nebenrolle zu sehen gewesen war, was vermutlich einer der Gründe war, warum er für „Schwarzer Sonntag“ den Zuschlag bekam. Auch unter den Fachleuten aus der Branche wurden große Stücke auf das kommerzielle Potenzial des Films gehalten, aber hinter diesen hohen, wenn nicht übergroßen Erwartungen blieb der Film letztlich zurück und spielte zumindest nicht das Geld ein, was man sich erhofft hatte. Die Krone, der Blockbuster des Jahres gewesen zu sein, sicherte sich stattdessen der erste Film der „Star Wars“-Reihe: „Krieg der Sterne“. John Frankenheimer machte für den gefühlten Flop in einem Interview wenige Jahre später unter anderem die Tatsache verantwortlich, dass „Zwei Minuten Warnung“ kurz zuvor ein ähnliches Thema im Kino abgehandelt und enttäuscht hatte. Demzufolge waren viele Zuschauer wohl zu satt, zu geprellt vom Vorläufer oder konnten aus anderen Gründen mit dem Inhalt nicht (wieder) erreicht werden. Außerdem beklagte er, dass der Film in Deutschland und Japan keine Kinostarts in notwendiger Größe bekommen hatte – in diesem Zusammenhang war sogar von einem Bann bzw. Verbot die Rede. Eine deutsche Kinosynchronisation existiert aber in jedem Fall und ging ab 8. September 1977 an den Start – diese ist auch heute nach wie vor zu hören, wenn der Film im Fernsehen gezeigt wird.

Mag der Film damals nicht erfüllt haben, was man sich von ihm versprach, liegt seine besondere Stärke aber sowieso in der Zeitlosigkeit des Inhalts wie auch der Form, mitsamt des bereits erläuterten Bemühens um Authentizität und moderne Inszenierungsweisen. Die Angst vor Terror ist heute wieder allgegenwärtig. In Folge dessen, korrespondierend mit der narrativ und stilistisch für das Genre richtungsweisenden Machart, ist der Film recht jung geblieben und verliert sich nur in den Schlussminuten etwas zu sehr in angestaubt wirkenden Action-Versatzstücken. Es ist anzunehmen, dass „Schwarzer Sonntag“ auch heute noch ein breites Publikum im Kino begeistern könnte. Bruce Dern sagte später in einem Interview, dass er mit seiner Leistung in dem Film zwar sehr zufrieden sei, gleichzeitig aber auch bereue, in dem Film mitgewirkt zu haben, da der Film wirklichen Terroristen Ideen liefern könnte. Dies sagt viel über die Zeitlosigkeit wie auch die Realitätsnähe des Projekts aus.

Deutsche DVD höchst überfällig

In „Kill Bill – Volume 1“ zitierte Quentin Tarantino eine Szene und den Trailer des Films. Aber dies ist nur einer von vielen Gründen, die diese Produktion ausgesprochen interessant und bedeutsam machen. Die DVD-Veröffentlichung des Films in den USA bewegt sich mittlerweile mit großen Schritten auf ihr 15-jähriges Jubiläum zu, in Deutschland allerdings hat es das Werk bis heute nicht auf DVD geschafft und läuft leider auch im Fernsehen stets im falschen Bildformat. Zwar ist es für Labels offenkundig schwierig, Rechte an Paramount-Klassikern zu bekommen, da sich der Verleih mit Sublizenzen offenbar schwer tut, aufgrund der Tatsache jedoch, dass der Film als Veröffentlichung von 1977 allerdings nun wiederum auch keine 60 oder 70 Jahre alt ist, stirbt die Hoffnung zuletzt, dass eine angemessene Veröffentlichung im Laufe der nächsten Jahre doch noch zur Realisierung kommt. Damit wäre eine wichtige Lücke geschlossen, da es sich hierbei um einen der, wenn nicht den alleinig letzten wirklich großen Action-/Katastrophen-/Polit-Blockbuster der 70er-Jahre aus Hollywood handelt, der bei uns immer noch nicht auf DVD veröffentlicht worden ist. Als der Soundtrack zu „Schwarzer Sonntag“ Anfang 2010 erstmals auf CD herausgebracht wurde, war dies der letzte bis dato unveröffentlichte, komplett von John Williams komponierte Film-Soundtrack aus dessen gesamter Schaffensphase. „Besser spät als nie!“ wäre auch das passende Motto für eine deutsche DVD.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Frankenheimer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 14. Oktober 2003 als DVD

Länge: 143 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Black Sunday
USA 1977
Regie: John Frankenheimer
Drehbuch: Ernest Lehman, Kenneth Ross und Ivan Moffat, nach einem Roman von Thomas Harris
Besetzung: Robert Shaw, Bruce Dern, Marthe Keller, Fritz Weaver, Steven Keats, Bekim Fehmiu, Michael V. Gazzo, William Daniels, Walter Gotell, Victor Campos
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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