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Der Werwolf von London – Tibetisches Gewächs und englischer Vollmond

24 Feb

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Werewolf of London

Von Volker Schönenberger

Horror // Die Geschichte beginnt in Tibet. Der berühmte Botaniker Dr. Wilfred Glendon (Henry Hull) und sein Begleiter Hugh Renwick (Clark Williams) sind auf der Suche nach der seltenen Mariphasa-Pflanze. In einem entlegenen Tal wollen sie fündig werden, auch wenn ihre Träger furchtsam das Weite suchen und ein mysteriöser Einheimischer sie vor dem Ort warnt. Es kommt, wie es kommen muss: Zwar findet Glendon das Objekt seiner Begierde, doch dabei beobachtet ihn eine sonderbare Kreatur, aufrecht gehend wie ein Mensch, doch über und über behaart. Das Wesen greift den Botaniker an und beißt ihn. Es gelingt Glendon aber, es mit seinem Messer zu verletzten – danach macht sich das Geschöpf davon.

Der Biss des Werwolfs

Zurück im heimatlichen London widmet sich Glendon ganz der Erforschung der Mariphasa-Pflanze. Bald darauf sucht ihn ein anderer Botaniker auf: Dr. Yogami (Warner Oland) gibt an, die beiden seien einander in Tibet begegnet. Er warnt seinen Kollegen, der Biss eines Werwolfs mache ihn selbst zu einem Werwolf …

Die Masken des Jack Pierce

1928 wurde Jack Pierce Chef-Maskenbildner der Universal-Studios, eine Position, die er fast 20 Jahre bekleiden sollte. In dieser Zeit schuf er als Hauptverantwortlicher die meisten der wichtigen Horror-Figuren des Studios – lediglich die Titelfigur aus „Dracula“ (1931) geht nicht auf ihn zurück, da Bela Lugosi sein Make-up selbst entwarf. Das von Boris Karloff im selben Jahr verkörperte Monster in „Frankenstein“ hingegen entsprang Pierces Kreativität.

Henry Hull tritt Maske an Lon Chaney Jr. ab

Auch für die Maske der Kreatur in „Der Werwolf von London“ zeichnete Pierce verantwortlich. Einen frühen Entwurf allerdings lehnte Hauptdarsteller Henry Hull ab, weil er der Ansicht war, damit würde seine Mimik nicht zur Geltung kommen. Jener Entwurf kam sechs Jahre später in „Der Wolfsmensch“ zum Tragen – Lon Chaney Jr. hatte derlei Bedenken offenbar nicht oder nicht die Macht, sie durchzusetzen. Wobei auch Hull kein großer Name war – die Rolle als Werwolf blieb eine der wenigen Hauptrollen in seiner 112 Titel umfassenden Filmografie. Vielleicht war sein Äußeres etwas zu spröde im Vergleich etwa zu Lon Chaney Jr. An der Schauspielkunst kann es nicht gelegen haben, die ist der Chaneys ebenbürtig. Und die Tragik seiner Figur wird jederzeit nachvollziehbar.

John Landis und Warren Zevon

Man kann über Henry Hulls Wolfskostüm heute ebenso lächeln wie über das von Lon Chaney Jr. in „Der Wolfsmensch“. Rechter Grusel mag sich nur schwer einstellen, da muss man sich als Zuschauer schon selbst viel Mühe geben und sich mental in Stimmung bringen. Aber der Versuch ist’s wert! Seinen Charme hat sich „Der Werwolf von London“ über all die Jahrzehnte bewahrt – und seinen Einfluss ohnehin. Oder wusstet Ihr, dass der Mythos von der Ansteckung durch den Biss eines Werwolfs ebenso wie der von der Verwandlung bei Vollmond auf diesen Film zurückgeht? In der Tat, beides entspringt keineswegs alter Folklore, sondern dem guten alten Kintopp. Und natürlich bezieht sich John Landis‘ „An American Werewolf in London“ (1981) ebenso auf den 1935er-Film wie das Warren Zevons Hit „Werewolves of London“ tut.

Homosexualität und Drogensucht?

Ein anderer Rezensent will in bestimmten Aspekten des Films einen homosexuellen Subtext erblickt haben – ingesamt übrigens ein lesenswerter englischer Text. Mangels Beschäftigung mit derlei Codierungen im Hollywood jener Zeit kann ich das weder bestätigen noch abstreiten. Anspielungen auf Drogensucht sind da schon augenfälliger – das Exemplar der seltenen Mariphasa-Pflanze ist begehrtes Objekt. Jawohl, ein scheinbar simpler Monsterfilm mit naiv anmutender Kreatur kann Doppelbödigkeit offenbaren. „Der Werewolf von London“ mag veraltet sein, unterhält Freunde klassischen Grusels aber auch heute noch vorzüglich und hat sich seinen Platz im Regal einflussreicher Universal-Horrorfilme redlich verdient.

Der Monster Legacy DVD Collection gebührt Lob

2004 veröffentlichte Universal die „The Monster Legacy DVD Collection“ – 18 Filme mit den Universal-Monstern, zu denen auch „Der Wolfsmensch“ mit Lon Chaney Jr. zählt. Ein sehr löbliches Unterfangen, nicht nur die großen Klassiker auf den Markt zu bringen, sondern als Bonus auch die flankierenden Filme – Fortsetzungen und eben auch den sechs Jahre vor „Der Wolfsmensch“ entstandenen „Werewolf of London“. Die Box mit drei Büsten – Dracula, Frankensteins Monster und der Wolfsmensch – ist längst vergriffen und wird unter Sammlern zu hohen Preisen gehandelt. Auf Blu-ray sind hierzulande bislang nur die Hauptfilme erschienen. Da Universal aber in den USA begonnen hat, seine Monster inklusive der Folgefilme in Neuauflagen herauszugeben, zum Teil sogar als Blu-rays, besteht Hoffnung, dass das deutsche Label nachzieht. Bleibt abzuwarten, wie der ab 2017 über die Kinogänger hereinbrechende Reboot der Universal-Monster mit den mythischen Kreaturen umspringt. Los geht’s im Juni mit Tom Cruise und einer weiblichen Mumie in „The Mummy“.

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Veröffentlichung: Veröffentlichung: 14. Oktober 2004 als DVD in der „The Monster Legacy DVD Collection“ (18 Filme, 3 Deko-Büsten)

Länge: 72 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch
Originaltitel: Werewolf of London
USA 1935
Regie: Stuart Walker
Drehbuch: John Colton
Besetzung: Henry Hull, Warner Oland, Valerie Hobson, Lester Matthews, Lawrence Grant, Spring Byington, Clark Williams, Ethel Griffies
Zusatzmaterial: Originaltrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use, Packshot: © Universal Pictures Germany GmbH

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