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Schüsse peitschen durch die Nacht – Was wäre der Western ohne seine Charakterdarsteller?

25 Feb

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Showdown at Abilene

Von Ansgar Skulme

Western // Der Amerikanische Bürgerkrieg ist gerade vorüber – manch einer weiß noch nicht einmal etwas davon. Jim Trask (Jock Mahoney) zieht es zurück in seine Heimatstadt Abilene, denn er hofft, dass seine Peggy (Martha Hyer) dort auf ihn wartet. Auf dem Heimweg trifft er seinen alten Freund Chip Tomlin (Grant Williams) wieder, der für die Gegenseite gekämpft hat und daher schon bald auf Probleme stößt, in die auch Trask hineingezogen wird. Der gerissene Dave Mosely (Lyle Bettger) hält mit Hilfe des brutalen Sheriffs Claudius (Ted de Corsia) die Stadt unter seiner Kontrolle. Man kommt den beiden besser nicht in Quere – doch Claudius verfolgt auch eigene Ambitionen.

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Dieser Blick verheißt selten Gutes

Jock Mahoney arbeitete nach Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst als Stuntman beim Film, wobei er vor allem als Double der Hauptfigur in der „The Durango Kid“-Filmreihe mit Charles Starrett zum Einsatz kam und schließlich auch vermehrt als Nebendarsteller eingesetzt wurde. Als Starretts Vertrag auslief, plante man, ihn durch Mahoney zu ersetzen. Ein erster Film wurde gedreht, aber nicht veröffentlicht, stattdessen entschloss sich Columbia Pictures kurzfristig, die „Durango Kid“-Reihe 1952 zu beenden. Schon 1951 bekam Mahoney außerdem eine eigene Westernserie im Fernsehen: „The Range Rider“ lief rund zwei Jahre lang. Erst 1954 war Mahoney in „Overland Pacific“ erstmals als Hauptdarsteller und Star eines eigenständigen Kinofilms zu sehen – das Genre blieb dabei, wie gewohnt, der Western. Nach dieser United-Artists-Produktion zog es ihn bald zu Universal, wo er ab 1956 nicht nur den Sektor Western als weiterer Star neben Recken wie Jeff Chandler, Rory Calhoun und Lex Barker verstärkte, aber vor allem in diesem Genre in Hauptrollen besetzt wurde. „Schüsse peitschen durch die Nacht“ war Mahoneys zweiter Universal-Western nach dem bereits durchaus gelungenen „Stunden des Terrors“ (1956), wo allerdings noch Dale Robertson an erster Stelle des Vorspanns genannt worden war. Erst mit „Schüsse peitschen durch die Nacht“ wurde Jock Mahoney somit als eigenständiger Held im Universal-Western etabliert.

Es sind die kleinen Dinge …

Auf den ersten Blick ist dieser Western formell sehr durchschnittlich. Er bietet viele typische Versatzstücke und Charaktere: den Helden, das Mauerblümchen, einen die Stadt kontrollierenden Schurken, fiese Handlanger und einen zwischen die Fronten geratenden Freund des Helden. Visuell und zunächst auch strukturell sieht das alles nach typischem B-Westernkino der ersten Hälfte der 50er aus. Doch ein paar Details sind hier eher ungewöhnlich und machen den Film besonders. Da ist das Trauma, das der Held mit sich herumschleppt. Dieses macht ihn nicht nur verwundbar, sondern offenbart ihn schließlich auch als Person mit Schuld, als greifbaren Menschen und nicht als perfekten Gewinner. Die Abkehr vom Strahlemann im Sattel, der das Kind schon schaukeln wird, tut dem Film gut. Natürlich wäre es zu einfach, so zu tun, als wären alle Helden im Western der 50er immer moralisch perfekte Cowboys mit weißem Hut gewesen und die Schurken hätten stets Schwarz getragen, aber wie weit es „Schüsse peitschen durch die Nacht“ mit der Demontage seines Helden immerhin treibt, ist dann wiederum auch nicht der Regelfall. Damit nicht genug, überrascht der Film auch mit einer interessanten Konstellation auf der anderen Seite: Der auf den ersten Blick sehr plakativ erscheinende Mosely – mitsamt seiner fehlenden Hand, an deren Stelle eine Art schwarzer Handschuh den verbliebenen Stummel kaschiert, was ein wenig an spätere James-Bond-Schurken wie Dr. No und Tee Hee erinnert –, entpuppt sich im Laufe der Zeit als weitaus interessantere Figur, die weit über den bloßen Despoten hinausgeht, der seine Handlanger steuert und am Ende typischerweise das alles entscheidende Duell mit dem Helden bestreitet. In seinem tiefsten Inneren plagen Mosely Sorgen und Herausforderungen, mit denen man kaum rechnet und die erst unter der stereotyp scheinenden Oberfläche zum Vorschein kommen. Hinzu kommt, dass in „Schüsse peitschen durch die Nacht“ etwas passiert, das in Western der damaligen Zeit vergleichsweise selten vorkommt: Auf der Seite der Schurken findet im Laufe des Films eine Machtverschiebung statt.

Ein Kino der Typen und Gesichter

Rückblickend kann man es als durchaus genialen Schachzug bezeichnen, dass dieser Mosely dann auch noch mit Lyle Bettger besetzt wurde – einem Schauspieler der des Öfteren Schurken verkörperte, die von Anfang bis Ende so konsequent verschlagen rüberkommen wie hier allerdings nur in der ersten Hälfte des Films. Unvergleichlich sein zähnefletschendes, falsches Lächeln, das auch auf einem der diese Veröffentlichung begleitenden Promo-Bilder sehr schön zu sehen ist. Die Rolle ist also nicht nur ungewöhnlich, gerade Bettger traut man ihre Entwicklung im Verlauf des Films umso weniger zu. Als Vergleich empfiehlt sich beispielsweise sein weitaus geradlinigerer Schurkenpart in „Der große Aufstand“ (1953) – dieser sehr unterhaltsame Universal-Western wurde bereits vor geraumer Zeit als 12. Teil der „Edition Western Legenden“ ebenfalls von Koch Media (heute Koch Films) auf DVD veröffentlicht. Schauspieler wie Lyle Bettger oder Ted de Corsia in „Schüsse peitschen durch die Nacht“ sind es, deretwegen man im Englischen von „Typecasting“ spricht und die den B-Western durch ihre Präsenz immer wieder veredelten. Kerle mit kantigen Gesichtern, Typen mit eindrücklicher Präsenz und Wiedererkennungswert, die selbst die eindimensionalsten Rollen unterhaltsam zu vermitteln wussten – mochten sie nun Schurken spielen oder die besten Kumpels des Helden sein. Jedes der damaligen einigermaßen kapitalkräftigen Hollywood-Studios hatte einen gewissen Grundstock solcher Darsteller unter Vertrag und buchte sich von Film zu Film weitere hinzu. Auch bestimmte Regisseure hatten ihre jeweiligen Vorlieben, mit welchen Charakterdarstellern sie immer wieder zusammenarbeiten. Man könnte im selben Atemzug wie Bettger und de Corsia beispielsweise auch Ward Bond, Lee Van Cleef, Emile Meyer, Alex Nicol, Neville Brand, Elisha Cook Jr., Hank Worden und viele andere mehr nennen, was nur die 50er-Jahre anbetrifft.

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Trask kämpft mit seinen inneren Dämonen

An den begrenzten schauspielerischen Möglichkeiten des Hauptdarstellers Jock Mahoney wird zuweilen Kritik laut. Sogar der Regisseur Charles Haas behauptete in einem Interview über 50 Jahre nach dem Dreh, er habe den späteren Serienstar David Janssen („Richard Diamond, Privatdetektiv“, „Auf der Flucht“, „Harry O“), der hier eine Nebenrolle als Hilfssheriff spielt, im Film des Öfteren an eine Tür lehnend gezeigt, damit dieser Mahoney in gemeinsamen Szenen nicht ständig die Show stahl. Die Kritik an Mahoney ist im Allgemeinen sicher etwas übertrieben und gerade in den Momenten von „Schüsse peitschen durch die Nacht“, wenn die psychischen Probleme der Figur zum Vorschein kommen, ist er überraschend überzeugend – Würze und Charisma erhält der Film aber trotzdem erst durch seine Charakterdarsteller. Problematisch ist vor allen Dingen, dass die Liebesgeschichte absolut nicht überzeugt und damit auch die Glaubhaftigkeit des Helden leidet, was allerdings weniger an Mahoney denn an der enttäuschenden Martha Hyer liegt, die ihre ohnehin schon völlig oberflächliche Rolle leider sehr schwach spielte.

Verwirrungen um das Bildformat

Die DVD von Koch Films bietet, wie üblich, ein schickes Technicolor-Bild und der Ton lässt keine Wünsche offen. Das Bonusmaterial ist solide und entspricht dem Standard der „Edition Western Legenden“, bei der das Booklet schon immer das Herzstück der Extras war. Etwas irritierend ist lediglich das Bildformat 4:3 (andere Schreibweise: 1,33:1), da der Film ursprünglich im Format 2,00:1 gedreht worden sein soll. Dies passt auch besser zum Veröffentlichungsjahr 1956, da ab 1953/1954 das Breitwand-Kino Einzug hielt und einigermaßen große Studios sich bei ihren Produktionen in der Folge recht schnell und konsequent vom heute sogenannten „Vollbild“ abwandten – auch wenn sehr breite Formate wie 2,35:1 oder 2,55:1 trotzdem immer noch das andere Extrem darstellten und sich die meisten Filme irgendwo in der Mitte zwischen Vollbild und CinemaScope trafen.

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Das schmückende Beiwerk, um das sich trotzdem alle reißen

Leider fällt zuweilen auf, dass der Bildinhalt rechts und links offenbar etwas beschnitten wurde. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der sich Lyle Better in der Bildmitte in einem Spiegel zeigt, während rechts und links von diesem Spiegel der Held und seine Angebetete zu sehen sind, Jock Mahoney dabei aber nicht (mehr) voll im Bild ist. Da es bis in die 90er leider durchaus üblich war, Filme beispielsweise für ihre Fernsehausstrahlungen derartig zu beschneiden, um die Fernsehbildschirme voll auszufüllen und schwarze Balken am oberen und unteren Bildrand zu vermeiden, mag es allerdings sein, dass von diesem Film auch tatsächlich kein anderes Bild-Master mehr zu bekommen war, das gleichzeitig auch noch restauriert vorliegt. Man kann Koch Films hier wahrscheinlich keinen Vorwurf machen, denn in der Regel treiben die Labels für solche DVD-Veröffentlichungen die Original-Kinoformate auf, auch wenn im deutschen Fernsehen Vollbild-Fassungen solcher Western aus der zweiten Hälfte der 50er liefen.

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Sieht so echte Liebe aus?

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schieß zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)
48. Der große Zug nach Santa Fé (Cattle Drive, USA 1951)
49. Der eiserne Kragen (Showdown, USA 1963)
50. Garten des Bösen (Garden of Evil, USA 1954)

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Das Blatt wendet sich – der Schurke kommt ins Schwimmen

Veröffentlichung: 2. März 2017 als DVD

Länge: 77 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch & Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Showdown at Abilene
USA 1956
Regie: Charles F. Haas
Drehbuch: Berne Giler, nach einer Kurzgeschichte von Clarence Upson Young
Besetzung: Jock Mahoney, Martha Hyer, Lyle Bettger, David Janssen, Ted de Corsia, Grant Williams, Harry Harvey, Dayton Lummis, Richard H. Cutting, Robert Anderson
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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