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Silence – Das Schweigen Gottes

01 Mrz

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Silence

Kinostart: 2. März 2017

Von Andreas Eckenfels

These people are the most devoted of God’s creatures on earth. Father Valignano, I confess, I began to wonder. God sends us trials to test us, and everything He does is good. And I prayed to undergo trials, like his Son. But why must their trial be so terrible? And why, when I look in my own heart, do the answers I give them seem so weak? (Sebastião Rodrigues)

Religionsdrama // Nach einer Sondervorführung seines Skandalfilms „Die letzte Versuchung Christi“ in New York überreichte Erzbischof Paul Moore Martin Scorsese 1988 ein Exemplar des historischen Romans „Schweigen“ des japanischen Autors Shūsaku Endō (1923–1996). Das Werk hinterließ einen tiefen Eindruck beim Meisterregisseur: Das Thema, das Endō hier behandelt, ist in meinem Leben seit meiner frühesten Jugend präsent. Ich wurde in einer streng katholischen Familie groß und beschäftigte mich stark mit Religion. Die Spiritualität des römischen Katholizismus, in die ich als Kind eintauchte, ist das Fundament meines Lebens, und diese Spiritualität hing mit dem Glauben zusammen. Scorseses vorige Versuche, den Stoff zu verfilmen, scheiterten meist an der Finanzierung. Erst mehr als 25 Jahre nachdem der Regisseur den Roman erstmals in den Händen hielt, sollte er die Adaption endlich realisieren.

Verschollen in Japan

Im Jahr 1638 brechen Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) von Portugal nach Japan auf. Dort wollen die beiden Jesuiten nach ihrem verschollenen Lehrer und Mentor Christovão Ferreira (Liam Neeson) suchen, der als christlicher Missionar nach Fernost reiste und dort seinem Glauben abgeschworen haben soll. Vom Christentum sei er zum Buddhismus übergetreten und habe eine Japanerin geheiratet.

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Die jungen Pastoren Sebastião Rodrigues (r.) und Francisco Garpe suchen in Japan nach ihrem Mentor Ferreira

Doch in Japan dürfen die jungen Pastoren keinen warmen Empfang erwarten. Es ist die Zeit der Shimabara-Aufstände. Christen werden von den Machthabern gnadenlos verfolgt, gefoltert und getötet, da die zunächst geduldete fremde Religion zunehmend als Gefahr für die Shōguns angesehen wird. Schon der Besitz eines Kruzifixes kann den Tod bedeuten. Der christliche Glauben ist besonders beim einfachen Volk verbreitet. So werden Rodrigues und Garpe von Bauern versteckt gehalten, die als Kakure Kirishitan ihren Glauben im Verborgenen ausüben müssen. Ständig in Gefahr entdeckt zu werden, machen sich die Jesuiten auf die Spurensuche nach ihrem einstigen Lehrmeister.

Quälende Fragen, brutale Folter

Der später im Verlauf der Handlung in Gefangenschaft geratene Rodrigues, aus dessen Perspektive ein Großteil des Films erzählt wird, setzt sich mit tiefgreifenden Glaubensfragen auseinander. Die quälendste Frage dabei: Warum schweigt Gott zu diesen Zuständen und diesem Leid? So eine Brutalität, mit der die japanischen Machthaber gegen die Christen vorgehen, hat der junge Pastor noch nicht erlebt. Und Scorsese spart dabei nicht mit grausamen Details: Menschen werden an Kreuze gehängt, ihre nackten Körper mit heißem Wasser übergossen oder sie werden kopfüber in eine Grube gesteckt. Wenn sie nach all den Qualen nicht dem Christentum entsagen, werden auch ihre Angehörigen bei lebendigem Leibe verbrannt. Das ist schwer zu ertragen. Dennoch muss man Scorsese zugutehalten, dass er diese Szenen nicht bis zur letzten Konsequenz ausschlachtet. Er dokumentiert lediglich die Zustände dieser Zeit. Auch die Japaner werden nicht als Monster gezeichnet; Scorsese betrachtet ihre Taten und Gründe stets so objektiv, wie ihm das möglich ist.

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Verboten: Rodrigues und Garpe halten für christliche Bauern eine geheime Messe ab

Um den Grausamkeiten zu entgehen, genügt ein Schritt, der sich für Nichtgläubige einfach anhört, für gläubige Christen aber die eigentliche Folter darstellt, weil sie damit eines ihrer heiligsten Sakrilege begehen: Wenn sie den nackten Fuß auf ein Abbild von Jesus Christus stellen, entsagen sie damit ihrer Religion und dürfen auf Begnadigung hoffen. Erst, wenn Rodrigues nach etwa zweistündiger Laufzeit endlich auf Ferreira trifft, kann der Jesuit auf mögliche Antworten auf seine drängendsten Fragen hoffen.

Reale Vorbilder

Schon die Romanvorlage, die in Japan zum Besteller avancierte, basierte auf der wahren Geschichte von Cristóvão Ferreira (1580–1650), der seinen Glauben ablegte. Auch die Figur Sebastião Rodrigues ist angelehnt an einen italienischen Jesuiten: Giuseppe Chiara (1602–1685), der als Missionar in Japan tätig war. Wie von Scorsese gewohnt, packt er sein mediatives Glaubensdrama und den spannenden historischen Kontext in mächtige Bilder, für die Kameramann Rodrigo Prieto eine Oscar-Nominierung erhielt. Das karge Leben der einheimischen Christen, die die Pastoren begeistert aufnehmen, ist beeindruckend eingefangen. Endlich, nachdem sie so viel Leid erfahren haben, können sie wieder Predigten lauschen und ihre Sünden beichten – auch, wenn dies nur im Verborgenen stattfinden darf. Muss man also mächtige Kirchen bauen, wenn der ganze Glaube sich vornehmlich im eigenen Geist abspielt?

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Rodrigues (l.) nimmt Kichijiro die Beichte ab

Für die rauhen Naturaufnahmen wurde als Drehort allerdings nicht Japan gewählt, sondern Taiwan. Passend zum Titel entschied man sich für einen ruhigen Soundtrack, der sich häufig auf die Umweltgeräusche beschränkt.

Harte Geduldsprobe

Nach einer hervorragenden ersten Hälfte stellt Scorsese die Geduld der Zuschauer zunehmend auf die Probe. Besonders Nichtgläubige könnten Rodrigues‘ spirituellen Überlebenskampf, seine Zweifel an sich selbst und an Gottes Existenz als zu ausufernd und Garfields mit sanfter Stimme vorgetragene Voice-overs als zunehmend ermüdend empfinden. Die Motive wiederholen sich: Während draußen Christen zu Tode gefoltert werden, sitzt der Jesuit grübelnd mit seinen Gedanken und Gebeten beschäftigt in seinem Gefängnis. Rodrigues selbst könnte das sinnlose Töten verhindern, wenn er nur seinen Fuß auf das Heiligenbild stellt. Ist er also ein Egoist, weil er nichts dagegen tut, oder ist dies seine Prüfung, die ihm von Gott auferlegt wurde? Der eigene Glaubenskampf und die Suche nach religiöser Wahrheit sind zwar die zentralen Punkte der Geschichte, aber eine etwas kürzere Laufzeit hätte „Silence“ dennoch gutgetan. Hier hat sich Scorsese wohl etwas zu sehr in die Leidenschaft zum Ausgangsmaterial und den eigenen Überlegungen über seinen Glauben verrannt.

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In Gefangenschaft zweifelt Rodrigues zunehmend an seinem eigenen Glauben

Auf seine Darsteller kann sich Scorsese verlassen. Nach seinem Oscar-nominerten Auftritt in „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ spielt Andrew Garfield erneut einen zutiefst religiösen Menschen, der für und mit seinem Glauben kämpft. Wie sein Partner Adam Driver („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) gab Garfield auch körperlich alles für die Rolle: Beide magerten für den Film mehrere Dutzend Kilos ab. Den stets verlässlichen Liam Neeson kannte Scorsese schon von ihrer gemeinsamen Arbeit an „Gangs of New York“ (2002). Neeson konnte in seine Figur sicherlich auch sein Wissen aus „The Mission“ einbringen, in dem er ebenfalls einen missionarischen Jesuiten spielte.

Glauben und Zweifel

2007 schrieb Scorsese für die englische Ausgabe des Romans ein Vorwort, in dem er auch sein eigenes Glaubensbekenntnis und die Faszination des Stoffes darstellt: Das Christentum gründet sich auf den Glauben. Aber wenn man seine Geschichte studiert, so zeigt sich, dass es sich ständig neu anpassen musste – und stets mit enormen Schwierigkeiten kämpft, wenn es als Glauben weiter gedeihen will. Das ist ein Paradox, das sehr quälend sein kann. Auf den ersten Blick stehen Glauben und Zweifel im Gegensatz zueinander. Und doch glaube ich, dass sie Hand in Hand gehen. Der eine nährt den anderen. Aus Zweifel mag große Einsamkeit entstehen, aber wenn er mit dem Glauben eine Koexistenz eingeht – dem wahren, beständigen Glauben – dann kann er ein überaus freudenvolles Gemeinsamkeitsgefühl bringen. Und genau diesen schmerzvollen Prozess – von Sicherheit über die Einsamkeit bis hin zur Gemeinsamkeit – versteht Endō so gut.

Es handelt sich übrigens nicht um die erste Verfilmung von Endōs Roman. Bereits 1971 – gerade mal fünf Jahre nach Veröffentlichung des Bestsellers – entstand „Chinmoku“ des japanischen Regisseurs Masahiro Shinoda, für den Endō auch das Drehbuch beisteuerte. Der Film ist unter dem Titel „Silence“ vom britischen Label Eureka! in deren „Masters of Cinema“-Reihe auf DVD erschienen.

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Liefert Ferreira (r.) die nötigen Antworten auf Rodrigues quälende Fragen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Liam Neeson in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 162 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Silence
USA 2016
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Martin Scorsese, Jay Cocks, nach dem Roman „Schweigen“ von Shūsaku Endō
Besetzung: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yōsuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin‘ya Tsukamoto
Verleih: Concorde Filmverleih

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Concorde Filmverleih

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