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Buffalo 66 – Das Kunstwerk eines Enfant terrible

13 Mrz

Buffalo ’66

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Ruhig ist es geworden um Vincent Gallo. Das egomanische Multitalent hatte seinen letzten großen Filmauftritt als mutmaßlicher Talibankämpfer in „Essential Killing“ (2010) für den er auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Preis als bester Darsteller gewann. 2016 verklagte Gallo Facebook, da sich ein Unbekannter in dem sozialen Netzwerk mit einem Fake-Account als der Schauspieler ausgab. Selbst Freunde des Schauspielers erkannten den Betrug nicht. Eine Dame schickte dem falschen Gallo sogar ein Nacktfoto. Die Klage zog der inzwischen 55-Jährige später zurück. Ansonsten ist er derzeit als Werbefigur unter anderem für das italienische Brillenlabel Persol aktiv. Seine lauten Jahre gehören offensichtlich der Vergangenheit an.

Billy wurde gerade aus dem Knast entlassen

Früher kannte der Künstler, der in den 80ern mit Jean-Michel Basquiat (1960–1988) musizierte und malte, keine Gnade. Nach seinem Regiedebüt „Buffalo 66“ wetterte er unter anderem offen gegen seine Schauspielkolleginnen Christina Ricci und Anjelica Huston. Die zum Drehzeitpunkt 17-jährige Ricci würde wie eine Puppe schauspielern und sei viel zu fett. Huston habe dafür gesorgt, dass sein Werk nicht beim Filmfestival in Cannes uraufgeführt wurde. Stattdessen lief „Buffallo 66“ beim Sundance Festival. Da Gallo keinen Preis gewann, schimpfte er ordentlich über den damaligen Jurypräsidenten Paul Schrader („Dog Eat Dog“), auch über das Festival ließ er sich in despektierlicher Weise aus: „Ich will einen Film machen mit einer behinderten, schwarzen jüdischen Lesbe als Protagonistin, damit ich einen Filmpreis in Sundance gewinnen kann“.

Ein unmoralisches Angebot eines Rassisten

Solche Aussagen machten ihn nicht nur bei den Studiobossen in Hollywood unbeliebt. Nach der Kontroverse um eine angeblich echte Fellatio-Szene in seinem zweiten Regiewerk „The Brown Bunny“ (2003) und seinem öffentlichen Disput mit dem amerikanischen Filmkritiker Roger Ebert war der selbstverliebte Gallo endgültig als Enfant terrible gebrandmarkt.

Er entführt die Tänzerin Layla

Für Schlagzeilen sorgte der Künstler nur noch mit obskuren Angeboten auf seiner Homepage. Unter anderem stellt er dort seine sexuellen Dienste zur Verfügung, auch sein Sperma kann für einen stolzen Preis erworben werden. Allerdings behält sich der radikale Republikaner und Antisemit das Recht vor, Frauen „mit extrem dunkler Hautfarbe den Zuschlag zu verweigern, da er diese Art von Integration nicht fördern wolle“. Käuferinnen, die beweisen, dass sie eine natürlich blauäugige Blondine sind oder direkt von einem deutschen Wehrmachtssoldaten abstammen, können dagegen auf einen Rabatt hoffen. Noch Fragen?

Billys Mutter ist riesiger Fan der Buffalo Bills

Mit diesem Hintergrundwissen fällt es natürlich schwer, Gallos „Buffalo 66“ als eine der interessantesten und unkonventionellsten Independent-Produktionen der 90er-Jahre zu würdigen. Allerdings sind viele andere Künstler privat durch Eskapaden oder fragwürdige Äußerungen aufgefallen, haben aber dennoch hervorragende Filme abgeliefert. Da kommen einem etwa Mel Gibson, Tom Cruise oder Woody Allen in den Sinn – um nur einige wenige bekannte Namen zu nennen.

Zurück in Buffalo

Gallo übernahm für sein Debüt als Regisseur nicht nur zusätzlich die Hauptrolle, sondern er schrieb auch das Drehbuch und komponierte die Musik. Der Kontrollfreak spielt den frisch aus dem Knast entlassenen Billy Brown. Seine Eltern (Ben Gazzara, Anjelica Huston) wissen nichts von seiner Inhaftierung. Um ihnen weiterhin die Lüge eines intakten Lebens vorzugaukeln, nimmt er kurzerhand die junge Tänzerin Layla (Christina Ricci) als Geisel. Sie soll seine liebende Ehefrau mimen. Bei dem Treffen in seinem Elternhaus und den Streifzügen durch seine Heimatstadt Buffalo kommt langsam ans Licht, was in Billys Vergangenheit so alles schief gelaufen ist.

Zwei verlorene Seelen: Billy und Layla

„Buffalo 66“ ist für Gallo ein sehr persönliches Werk. Er selbst wuchs in Buffalo auf, gedreht wurde in seinem einstigen Elternhaus. In der Stadt war er selbst ein Außenseiter; bereits mit 17 Jahren kehrte er ihr den Rücken. Sein Billy ist ein mehr als bemitleidenswerter Antiheld. Zu Beginn des Films sucht er verzweifelt nach einem Ort, wo er seine volle Blase entleeren kann. Egal, an welchem Ort er pinkeln gehen will, er wird stets bei seinem Vorhaben gestört. Billy ist wie ein Kind, allein kaum überlebensfähig. Mit seiner aufbrausenden Art handelt er sich stets Ärger ein. Wie sich bei den knappen Gesprächen am Essenstisch zeigt, trägt besonders seine Mutter an diesem Zustand die Hauptschuld: Am Tag seiner Geburt verlor ihr heiß geliebtes Footballteam – die Buffalo Bills – ein wichtiges Spiel. Seitdem musste er stets als Sündenbock für ihre Frustrationen herhalten. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet eine verlorene Sportwette, bei der Billy bei einem fiesen Gangster (Mickey Rourke) ein Vermögen auf einen Superbowl-Sieg der Buffalo Bills setzte, brachte ihn den Knastaufenthalt ein. Auch Geisel Layla wirkt wie eine verlorene Seele, die sich trotz Billys unfreundlicher Art bald mit ihm verbunden fühlt.

Von Bild-in-Bild-Collagen, Ozu und Surrealismus

Gallo tobt sich in „Buffalo 66“ künstlerisch vollkommen aus. Über das Geschehen legt er ab und an Bild-in-Bild-Collagen, die auch das komplette Bild einnehmen können und mehr aus Billys trauriger Vergangenheit erzählen. Man merkt schnell: Er ist ein Junge, der nie Liebe erfahren hat und Intimitäten scheut. In den Familienszenen orientierte sich Gallo mit seinen statischen Einstellungen offen am Stil des japanischen Meisterregisseurs Yasujirô Ozu. Besonders „Ein Herbstnachmittag“ (1962) gibt Gallo als einen seiner Lieblingsfilme und Haupteinfluss für „Buffalo 66“ an. Dazu wechselt er häufig überraschend die Bildausschnitte, streut Gallo immer wieder wunderschöne, surrealistische Momente mit ein, etwa wenn Billys Vater sein Gesangstalent zum Besten gibt oder Layla auf der Bowlingbahn zu tanzen beginnt.

Egal, was man von dem Provakateur Gallo halten mag: „Buffalo 66“ strotzt vor Kreativität, ist tieftraurig, witzig, bizarr und romantisch zugleich. Mit dem Film ist ihm ein außergewöhnliches Kunstwerk gelungen, in dem jederzeit die Energie und unterdrückte Wut seines Machers spürbar sind.

Surreale Szene auf der Bowlingbahn

Veröffentlichung: 2. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Buffalo ’66
USA/KAN 1998
Regie: Vincent Gallo
Drehbuch: Vincent Gallo, Alison Bagnall
Besetzung: Vincent Gallo, Christina Ricci, Ben Gazzara, Mickey Rourke, Rosanna Arquette, Jan-Michael Vincent, Anjelica Huston
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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