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Arrival – Wie kommuniziert man mit Aliens?

26 Mrz

Arrival

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Übergroße Raumschiffe verteilen sich an verschiedenen Orten rund um den Globus – da war doch was?! Nun, mit Roland Emmerichs patriotischem Alien-Radau „Independence Day“ von 1996 hat Denis Villeneuves „Arrival“ ansonsten nur wenig gemein. Wir haben es vielmehr mit einer hochintelligenten Vision eines Erstkontakts zu tun, die tiefgründige Fragen über das Wesen von Kommunikation und Sprache in den Fokus stellt.

Sie sind da!

In den USA ist ein abgelegenes Gebiet in Montana der Ort, wo sich eins der einige hundert Meter großen, wie ein sonderbares längliches Ei geformten Raumschiffe platziert. Elf andere der unbekannten Flugobjekte landen unter anderem in Großbritannien, Russland, China und Japan, aber auch Grönland, Pakistan und Sierra Leone. Ein Muster ist nicht erkennbar. Der US-Offizier Colonel Weber (Forest Whitaker) bittet zwei Wissenschaftler um Hilfe bei der Kontaktaufnahme: die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) und den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Über einen Schacht können die beiden in regelmäßigen Abständen ins Raumschiff eindringen, wo sie mit zwei Außerirdischen in Kontakt treten, die aufgrund ihrer sieben Tentakel als „Heptapoden“ bezeichnet werden. In mühevoller Kleinarbeit versuchen beide Seiten, den Gegenübern ihre Form der Sprache verständlich zu machen. Banks und Donnelly zeigen Texttafeln, während die beiden Aliens aus ihren Tentakeln eine tintenähnliche Substanz absondern, mit der sie ausgefranste kreisrunde Zeichen an die Scheibe zeichnen, die Menschen und Außerirdische voneinander trennt. Nach und nach dechiffriert Sprachwissenschaftlerin Louise diese Zeichen.

Die Sapir-Whorf-Hypothese

Sprache formt das Denken. Demnach wirkt sich eine Sprache elementar auf die Wahrnehmung der Realität der sie Sprechenden aus. Sie beeinflusst somit die Entwicklung dieser Sprachgemeinschaft. Diese sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese nimmt in „Arrival“ zentralen Raum ein. Können wir Deutsche überhaupt bis ins letzte Detail verstehen und ins Deutsche übersetzen, wie ein Engländer die Welt wahrnimmt? Gar ein Chinese? Oder ein Aborigine im australischen Busch? Wie soll es uns dann gelingen, die Sprache einer intelligenten Alien-Art zu übersetzen, die von weit her auf die Erde gekommen ist? Dr. Louise Banks gelingt es, und die Sprache der Außerirdischen birgt einige Überraschungen. Grrr – ich hätte an der Uni mehr Linguistik-Seminare besuchen sollen, so jedoch beende ich meine Ausführungen dazu lieber hier. Lasse sich nur niemand davon abhalten, dass ein Film Linguistik thematisiert. Das geschieht behutsam und klug und jederzeit nachvollziehbar, auch für Laien. Linguistik-Profis mag einiges etwas zu simpel erklärt sein, aber die lassen hoffentlich Gnade vor Recht walten. Dafür gibt es wunderbare Details, etwa, dass die beiden Aliens, mit denen Louise und Ian kommunizieren, Abbott und Costello getauft werden, benannt nach den beiden US-Komikern, die einst einen brillanten Baseball-Sketch um sprachliche Missverständnisse geschaffen haben – Näheres dazu ist bei Wikipedia zu finden.

Colonel Weber hat Louise Banks (Amy Adams) und Ian Donnelly um Hilfe gebeten

Zu den Überraschungen gehören auch Louises Erinnerungen – oder Visionen? – an ihre als junge Frau gestorbene Tochter, die den Film einleiten. Was es damit auf sich hat, wird erst spät klar, weshalb es an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden soll. Während weltweit die Wissenschaftler mühsam mit den Besuchern aus dem All kommunizieren, werden die Aliens gleichzeitig von Politikern und Militärs mehr und mehr als Bedrohung empfunden, erst recht, als Louise eine Botschaft übersetzt, die das Wort „Waffe“ zu enthalten scheint. Statt zu kooperieren, entfernen sich die Länder der Erde weiter voneinander, eine militärische Auseinandersetzung bahnt sich an.

Es geht mehr um Sprache als um Zeit und Raum

Wie Christopher Nolans großer Science-Fiction-Wurf „Interstellar“ (2014) hat auch „Arrival“ einen familiären Aspekt, der die epische Science-Fiction auf eine persönliche Ebene herunterbricht. Doch anders als Nolan verzichtet der kanadische Regisseur Denis Villeneuve bei „Arrival“ darauf, mehr physikalische Thesen in den Raum zu stellen als nötig. Ihm geht es um Kommunikation, um Sprache, nicht um Theorien zu Zeit und Raum – auch wenn diese bei der Dechiffrierung der Alien-Sprache dann doch zu ihrem Recht kommen.

Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen

Für sieben Oscars nominiert, darunter die als bester Film, für die Regie und das adaptierte Drehbuch, hat es am Ende nur für den Academy Award für den besten Tonschnitt gereicht. Favoriten der 2017er-Verleihung waren ohnehin andere, sieben Nominierungen für einen Science-Fiction-Film sind bemerkenswert genug. Die Anerkennung bei Kritikern wie Publikum ist „Arrival“ auch so sicher, und das völlig zu Recht.

Science-Fiction mit Tiefe

„Arrival“ basiert auf der mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichte „Geschichte deines Lebens“ des amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellers Ted Chiang. Villeneuve hatte schon seit einiger Zeit den Wunsch gehabt, einen Science-Fiction-Film zu drehen. Nun darf er gleich noch einmal im Genre ran: „Blade Runner 2049“ ist abgedreht und befindet sich in der Post-Produktionsphase. Der deutsche Kinostart ist für den 5. Oktober angesetzt. Mit dem formidablen „Arrival“ hat Denis Villeneuve die Erwartungshaltung für das „Blade Runner“-Sequel in große Höhen geschraubt. Er ist auch für die Neuverfilmung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ („Dune“, 1984) nach dem Roman von Frank Herbert im Gespräch, hat also offenbar Genreblut geleckt. Gut so! Bei allem Unterhaltungswert, der Emmerichs „Independence Day“ nicht abzusprechen ist, beweist doch Villeneuves „Arrival“, wie intelligente und relevante Science-Fiction auszusehen hat.

Was bedeuten die Zeichen der Außerirdischen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Denis Villeneuve sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Amy Adams in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Jeremy Renner und/oder Forest Whitaker in der Rubrik Schauspieler.

Was bedeuten die Zeichen der Irdischen?

Veröffentlichung: 27. März 2017 als Limited Edition Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Arrival
USA 2016
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Eric Heisserer, nach der Erzählung „Story of Your Life“ von Ted Chiang
Besetzung: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg, Mark O’Brien, Tzi Ma, Abigail Pniowsky, Julia Scarlett Dan, Jadyn Malone,
Zusatzmaterial: „Xenolinguistik: Arrival verstehen“, „Akustische Signatur: Das Sounddesign“, nur Blu-ray: „Eternal Recurrance (Ewige Widerkehr): Die Filmmusik“, „Nichtlineares Denken: Der Bearbeitungsprozess“, „Der Grundsatz von Zeit, Erinnerungen & Sprache“
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshots: © 2017 Sony Pictures Home Entertainment

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3 Antworten zu “Arrival – Wie kommuniziert man mit Aliens?

  1. Matthias Holm (@MatzeHolm)

    2017/03/26 at 22:12

    Ach, so schlimm ist das mit der Linguistik nicht – klingt alles meistens interessanter als es letzten Endes ist 😉

     
  2. belmonte

    2017/03/26 at 17:25

    Ich habe den Film vor ein paar Tagen zufällig im Flugzeug gehen und war beigeistert. Sehr intelligent und fesselnd. Nicht alles erschließt sich sofort, aber dafür gibt es ja Wikipedia.

     

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