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Das Grauen schleicht durch Tokio – Ein Blob als Warnung vor der nuklearen Katastrophe

27 Mrz

Bijo to ekitai ningen

Von Andreas Eckenfels

SF-Horror // Es ist soweit: Erstmals in seiner bereits fast acht Jahre andauernden Geschichte schaut Anolis mit der „Galerie des Grauens“-Reihe in Richtung Fernost. Die Monsterfilme aus den 50er- und 60er-Jahren des japanischen Filmstudios Tōhō sind legendär und längst nicht nur aufs Kaijū-Genre beschränkt. Ähnlich wie das Aufkommen des Kalten Krieges in den US-Genrewerken jener Zeit prägte die japanischen Science-Fiction- und Horrorfilme die Angst vor einer realen Bedrohung: der Atombombe. Die Bilder der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki waren noch allgegenwärtig und hatten sich tief ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung gebrannt. Gleichzeitig waren weitere Atomtests auf abgelegenen Inseln im Pazifischen Ozean an der Tagesordnung. So ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche Drehbuchautoren schockierende Spekulationen über mögliche Spätfolgen der nuklearen Explosionen anstellten, um damit das Publikum in Atem zu halten.

Was ist auf dem Geisterschiff „Ryujin Maru II“ geschehen?

Allerdings war Regisseur Ishirō Honda wie viele seiner Kollegen gar nicht daran interessiert, das Thema reißerisch auszubeuten. Er wollte vielmehr den warnenden Zeigefinger erheben und daran erinnern, dass die Natur irgendwann zurückschlagen wird – sei es in Form eines Monsters wie in seinem Klassiker „Godzilla“ (1954) oder als schleimiger Flüssigmensch, wie in „Das Grauen schleicht durch Tokio“. Denn die Ursache allen Übels, das über die Menschheit kommt, bleibt immer noch der Mensch höchstselbst.

Spurlos verschwunden in Tokio

In der japanischen Hauptstadt schüttet es in Strömen – ob es saurer Regen ist? Vor einem Gebäude wartet der Gangster Uchida (Makoto Satô) in einem Auto auf seinen Kumpanen Misaki (Hisaya Itô). Als der Drogenschmuggler schließlich erscheint, gebärdet er sich plötzlich panisch. Er schreit, schießt wild um sich, rennt los und wird von einem Taxi tödlich erfasst. Aber ist er wirklich tot? Die Polizei findet keine Leiche, nur Misakis Kleidungsstücke sind am Unfallort zurückgeblieben.

Ein Tänzchen im Nachtclub

Inspector Tominaga (Akihiko Hirata) untersucht den Fall und vermutet zunächst einen Bandenkrieg in der Unterwelt Tokios. Auch Misakis Freundin, die Nachtclubsängerin Chikako Arai (Yumi Shirakawa), gerät ins Visier der Ermittlungen. Doch bald häufen sich Nachrichten über weitere spurlos verschwundene Personen in der Metropole. Die Polizei steht vor einem Rätsel: Zeugen wollen zuvor eine schleimartige Masse und ein grün leuchtendes Wesen gesehen haben. Wissenschaftler Dr. Masada (Kenji Sahara) sieht bald eine Verbindung zu dem Geisterschiff „Ryujin Maru II“, welches im Südpazifik treibt. Dessen Besatzung ist ebenfalls nicht mehr auffindbar …

Das nukleare Schicksal der „Glücklicher Drache V“

Bevor das Geschehen in die Straßen von Tokio wechselt, beginnt Honda seinen Film mit der Einstellung eines riesigen Atompilzes. Darauf folgen Zeitungsschlagzeilen, die berichten, dass im Pazifischen Ozean ein Nukleartest durchgeführt worden ist, dem ein Fischkutter – das besagte Geisterschiff – wohl zu nahe gekommen ist. Das Schicksal ist von den Drehbuchautoren wohl nicht zufällig gewählt. 1954 wurde das Fischerboot „Glücklicher Drache V“ samt Besatzung kontaminiert, obwohl sie etwa 150 Kilometer von dem nuklearen Testareal entfernt waren. Dies beweist, wie ernsthaft sich Honda des Themas annahm.

Inspector Tominaga (l.) rätselt: Nur die Kleidung der Opfer bleibt zurück

Diese Ernsthaftigkeit überträgt sich auch auf die Geschichte und ihre Figuren. Honda vermischt Elemente aus dem Gangster-, Horror- und Science-Fiction-Film gekonnt zu einer düsteren Vision. Dabei erstrahlt „Das Grauen schleicht durch Tokio“ als eine der ersten Tōhō-Produktionen überhaupt in bunten Farben und Cinemascope. Für Auflockerung sorgen die Gesangseinlagen von Nachtclubsängerin Chikako, die allerdings zusammen mit einigen Dialogszenen für etliche Längen im Mittelteil sorgen. Hatten dies die amerikanischen Verleiher ebenfalls bemerkt und deswegen diese Szenen für die internationale Fassung drastisch gekürzt?

Der „Blob“ lässt grüßen

Etwa sieben Minuten fehlen im Gegensatz zur japanischen Langfassung. Beide sind auf der 2-Disc-Edition von Anolis enthalten. Damals nicht synchronisierte Szenen sind im Original belassen und mit deutschen Untertiteln versehen. Vergleicht man die beiden Fassungen – einen ausführlichen Schnittbericht gibt es hier – haben die Straffungen dem Film zumindest in Teilen durchaus gutgetan. Allerdings fielen auch einige Sequenzen der Schere zum Opfer, in denen der Tōhō-Spezialeffekte-Meister Eiji Tsuburaya sein Können demonstriert: So wurde etwa die Tötung einer Frau durch das Flüssigmonster entfernt, da sie damals als zu grausam eingestuft wurde. Auch die Miniatur des brennenden Hafens von Tokio wurde dem internationalen Publikum bisher vorenthalten. Bei Tsuburayas Glibbermonster schießen natürlich sofort Parallelen zum amerikanischen „Blob – Schrecken ohne Namen“ (1958) mit Steve McQueen in den Kopf. Dass einer bei dem anderen die Idee kopiert hat, dürfte allerdings auszuschließen sein. Beide Filme entstanden etwa zur gleichen Zeit.

Misakis Freundin Chikako gerät ins Visier der Ermittlungen

Im großen Finale wird noch einmal ordentlich an der Spannungsschraube gedreht. Bei der Jagd nach dem Flüssigmonster durch die Kanalisation von Tokio werden sogar Erinnerungen an „Der dritte Mann“ (1949) wach. Anolis ist es zu verdanken, dass diese Tōhō-Genrestück den deutschen Fans erstmals ungeschnitten präsentiert wird. Die zwei von höchstem Fachwissen zeugenden Audiokommentare und das Booklet runden die sechste Veröffentlichung der „Die Rache der Galerie des Grauens“-Reihe hervorragend ab.

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. ???
09. ???
10. ???

Veröffentlichung: 17. März 2017 als 2-Disc-Edition (Blu-ray und DVD)

Länge: 87 Min. (Japanische Langassung, Blu-ray), 82 Min. (amerikanische/deutsche Kinofassung, Blu-ray), 79 Min. (Japanische Langfassung, DVD), 76 Min. (amerikanische/deutsche Kinofassung, DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch, Englisch (nur amerikanische/deutsche Kinofassung)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bijo to ekitai ningen
JAP 1958
Regie: Ishirō Honda
Drehbuch: Takeshi Kimura, Hideo Unagami
Besetzung: Yumi Shirakawa, Kenji Sahara, Akihiko Hirata, Eitarô Ozawa, Koreya Senda, Makoto Satô, Hisaya Itô, Machiko Kitagawa
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner, Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer, Deutscher Kinotrailer. Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 16-seitiges Booklet geschrieben von Jörg M. Jedner, Wendecover
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Anolis Entertainment GmbH

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