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Ich, Daniel Blake – Aufrecht bleiben in den Mühlen der Bürokratie

28 Mrz

I, Daniel Blake

Von Dirk Ottelübbert

Sozialdrama // Es ist kämpferisches Kino, Kino der Empathie, voller Zorn und Trotz, anklagend und links aus tiefster Überzeugung. Ken Loachs naturalistisch erzählte Filme verschreiben sich den Belangen – also vor allem dem Niedergang – der britischen Arbeiterklasse und künden von der steten politischen Erregbarkeit ihres Schöpfers.

Schicksalsgenossen: Daniel mit Katie und den Kids

Der Elektrikersohn aus Nuneaton in Warwickshire studierte Jura, ging mit einer Theatertruppe auf Tournee und drehte 1966 für die BBC seinen Erstling „Cathy Come Home“. Seit jeher geben seine Werke den gesellschaftlichen Verlierern ein Gesicht und eine Stimme, gleichgültig, ob in den 60ern entstanden, in der Thatcher-Ära oder während der 90er-Jahre, als die Labour-Regentschaft Tony Blairs die Tories ablöste. Von „Cathy Come Home“ und „Looks and Smiles“ über die Meisterwerke „Riff-Raff“, „Raining Stones“ und „Ladybird, Ladybird“ bis zu „My Name is Joe“ – Loach zeigt Alltagshelden, die sich abstrampeln und wehren gegen Benachteiligung, soziale Not und behördliche Willkür. Oder es zumindest versuchen.

Herzinfarkt – trotzdem keine Stütze

So einer ist auch Daniel Blake (Dave Johns). Nach einem Herzinfarkt auf Sozialleistungen angewiesen, erlebt der verwitwete Schreiner einen Spießrutenlauf durchs Behördendickicht. Trotz seiner Krankheit wird Daniel als arbeitsfähig eingestuft, bekommt die Unterstützung gestrichen. Unbeleckt im Umgang mit Computern, muss der Endfünfziger Online-Formulare ausfüllen und abschicken, ein Bewerbungstraining absolvieren und mit dem Lebenslauf in der Tasche – er hat ihn mit Bleistift hingekritzelt – Jobs suchen. Jobs, die es nicht gibt. „Danna“, wie ihn Bekannte und Nachbarn nennen, verfügt über Mutterwitz und Mut. Beides braucht er dringend, beides nutzt sich furchtbar ab während dieser unwirtlichen Winterwochen in Newcastle.

Katie wehrt sich gegen die Bevormundung

Im Jobcenter begegnet er per Zufall der alleinerziehenden Katie (Hayley Squires). Die junge Mutter, mit ihren Kindern Daisy (Briana Shann) und Dylan (Dylan McKiernan) gerade aus London hergezogen, erfährt ähnliche Kaltherzigkeit und Willkür wie Daniel. Das verbindet. Daniel versucht der Familie zu helfen, handwerkert in der Wohnung, passt auf die Kids auf. „Als Hoffnungsschimmer erscheint, wie so oft in Loachs Filmen, die Solidarität der Schwachen untereinander“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Bringt die Schicksalsgemeinschaft eine Wende, bietet sie einen Ausweg aus der Abwärtsspirale? Eher nicht.

Daniel (l.) verleiht seiner Forderung Nachdruck

Loach erzählt das alles formal streng, distanziert fast, ohne thematische Abschweifungen oder gefühlige Annäherung. Sein Hauptdarsteller Dave Johns, von Haus aus Stand-up-Comedian, fügt sich scheinbar mühelos in diese traurige Story und beeindruckt mit präzisem Spiel. Sein Daniel ist ein störrischer Fels in der Brandung der Ungerechtigkeit, die ihn am Ende überspülen wird – ein unvergesslicher Loach-Held. Einige der ergreifendsten Szenen gehören gleichwohl Katie, wunderbar verkörpert von Hayley Squires. Einmal putzt sie in ihrer heruntergekommenen Wohnung das Bad, eine Kachel bröckelt dabei ab und zerbirst. Später an diesem Abend sitzt Katie, die Kinder sind schlafen gegangen, am Treppenabsatz und beginnt zu weinen – über mehr, sehr viel mehr als die kaputte Kachel. Etwas später im Film betreten Katie, Daniel und die Kids einen Ausgaberaum mit gespendeten Lebensmitteln für Bedürftige. An einem Regal reißt Katie heimlich eine Dose Bohnen auf, stopft sich den triefenden Inhalt in den Mund und bricht dann zusammen, vor Schwäche und vor Scham. Uns drückt es dabei das Herz ab. Aber selbst diese Szene wirkt wie en passant eingefangen, die inszenatorische Beiläufigkeit schafft hier hochemotionale Dichte.

Plädoyer wider die hartherzige Ämter-Bürokratie

Loach zeigt, wie Menschen bevormundet, gedemütigt, abgewiesen und letztlich zerrieben werden, er macht klipp und klar, dass Ämter-Bürokratie keine wirkliche Hilfestellung leistet, sondern eine Abwehrstrategie fährt. Diese kompromisslose und dabei auf genaue Kenntnis fußende Kritik an den Auswüchsen des Sozialstaats ist eine Wohltat. Und machte das Werk zumindest in Großbritannien zum Politikum: Labour-Chef Jeremy Corbyn riet der Premierministerin May, sich den Film anzusehen, um die „institutionalisierte Barbarei“ des britischen Sozialhilfesystems zu verstehen.

Bekommt er endlich, was ihm zusteht?

Überhaupt: Das demonstrative „Empört euch!“ dieses Films ist, verdammt nochmal, ganz schön viel im derzeitigen Kino, wo Verlierergeschichten in Erfolgsstorys münden, Gesetzesbeuger als Helden oder zumindest Charismatiker auftrumpfen, wo soziale Not oft nur als schrille Kulisse dient und es Milieuschilderungen so oft an Genauigkeit mangelt. „Ich, Daniel Blake“ gewann unter anderem 2016 die Goldene Palme in Cannes und stach dabei Maren Ades (zu Recht) hoch gehandelte Vater-Tochter-Geschichte „Toni Erdmann“ aus. Ein beeindruckendes Alterswerk, ein traurig aktuelles und – ja, das darf man so sagen: zutiefst anrührendes Drama. Vor einiger Zeit verkündete Ken Loach, der am 17. Juni 81 Jahre alt wird, er wolle keine Filme mehr drehen. Hoffentlich macht er noch weiter.

Veröffentlichung: 28. März 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: I, Daniel Blake
GB/F/BEL 2016
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Besetzung: Dave Johns, Hayley Squires, Sharon Percy, Briana Shann, Dylan McKiernan
Zusatzmaterial: Making-of, zusätzliche und erweiterte Szenen, Interview mit dem Regisseur, deutscher und Original-Kinotrailer, Wendecover
Vertrieb: Prokino Home Entertainment

Copyright 2017 by Dirk Ottelübbert

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Prokino Home Entertainment

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