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Archiv für den Monat April 2017

Shin Godzilla – Der König ist zurück

Shin Gojira

Kinostart: 3. Mai 2017

Von Matthias Holm

Fantasy-Action // 2004 wollten die Japaner ihre Riesenechse mit „Godzilla – Final Wars“ eigentlich abhaken. Bereits seit 1954 trieb Godzilla sein Unwesen in den Kinos, hatte Städte niedergetrampelt und ebenbürtige Gegner bezwungen. Doch anscheinend schaut man im Land der aufgehenden Sonne auch auf den Weltmarkt – Gareth Edwards‘ mit kräftiger Unterstützung der japanischen Produktionsfirma Tōhō entstandenes 2014er-Reboot „Godzilla“ belegte, dass es nicht nur in Japan nach wie vor enormes Interesse an der überdimensionalen Kreatur gibt.

Rando muss sich behaupten

Das dachte sich wohl auch Hideaki Anno, seines Zeichens Schöpfer der „Evangelion“-Saga. Also setzte sich Anno hin, schrieb ein Drehbuch für einen Neustart des japanischen Ursprungsfilms und führte auch direkt Regie. Und die Zeichen wurden richtig gedeutet: „Shin Godzilla“ war im Jahr 2016 der erfolgreichste Realfilm in den japanischen Kinos. Nun hat splendid dem Film einen eingeschränkten Kinostart in Form von Special Screenings spendiert. Und als Fan der alten Godzilla-Streifen sollte man das auf keinen Fall verpassen.

Kein Unterwasser-Vulkan, ein Unterwasser-Monster

Merkwürdige Eruptionen erschüttern Tokio. Was anfangs wie ein Vulkanausbruch unter Wasser wirkt, stellt sich schnell als lebendiger Organismus heraus, der bald das Festland heimsucht. Der Katastrophenstab ist redlich bemüht, das Monster aufzuhalten, allerdings entwickelt sich Godzilla, wie das Biest getauft wird, rasend schnell weiter. Doch eine kleine Gruppe von Spezialisten rund um Rando Yaguchi (Hiroki Hasegawa) hat einen Plan, wie man das Ungetüm stoppt.

Die Stimmung im Krisenstab ist angespannt

Hideaki Anno besinnt sich mit seinem Drehbuch auf Godzillas Ursprünge. Hier gibt es keinen großen Kampf mit anderen Monstern oder gar einen Baby-Godzilla. Die Echse verkörpert die Antwort auf den Schaden, den die Menschheit sich selbst und der Natur zugefügt hat – das gnadenlose Zurückschlagen eben dieser Natur. War der Ursprungsfilm ein Kommentar auf die Atombomben-Abwürfe über Hiroshima und Nagasaki, ist „Shin Godzilla“ eine Verkörperung des Tōhuku-Erdbebens von 2011. Sobald das Monster auftritt, bringt es mit Flutwellen und Strahlung Tod und Verderben, wie die Tsunamis und die Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Immer mehr Menschen fliehen vor …

Interessant dabei ist, dass es Anno in seinem Film eher auf die Politiker abgesehen hat: Ein Großteil des Films spielt sich in Konferenzsälen ab. Dort wird darüber debattiert, wie man gegen das Monster vorgeht, wo evakuiert wird, all das, was bei einer Naturkatastophe passiert. Ein Großteil des Beraterstabes des Premierministers besteht allerdings aus alteingesessenen Veteranen, die sich strikt ans Protokoll halten – und damit die Lage meist eher verschlimmern. Querdenker wie der Protagonist Rando Yaguchi sollen nur still dabei sein und nicken. Sobald er einen Vorschlag äußert, wird dieser kategorisch abgelehnt – er sitzt eh nur dabei, da seine Verwandten gute Beziehungen haben. Anno prangert die Politiker und ihre Sturheit an, der nächsten Generation keine Beachtung zu schenken.

… Godzilla!

Im Film kulminiert das in einem Angriff Godzillas, der enorm viele Opfer fordert – darunter auch hochrangige Stabschefs. Sie haben sich ihr Grab selbst geschaufelt und ihre Nachfolger müssen die Suppe auslöffeln. So offensichtlich diese Botschaft inszeniert ist – wer sich nicht für das Land Japan und dessen Politik interessiert, der wird dem Leinwandgeschehen nur mit einem Fragezeichen im Gesicht folgen können. Denn obwohl man aus der Grundaussage etwas Universelles hätte machen können, fokussiert sich Anno komplett auf Japan, mit allen Gepflogenheiten, Sitten und Bräuchen. Wer sich „Shin Godzilla“ also nur für die Monster-Action anschaut, wird über die Hälfte der Zeit keinen wirklichen Spaß daran haben.

Endlich wieder handgemachte Figuren

Wenn es dann aber mal zu einer Attacke kommt, ist das Katastrophen-Kino auf ganz hohem Niveau. Inszenatorisch kann das mit Hollywood-Pendants wie „Deepwater Horizon“ natürlich nicht mithalten, dafür versprüht der Film aber eine Menge Charme. Denn das Monster ist diesmal eine Puppe, die über eine Fernbedienung bewegt wird. Das sieht in vielen Fällen vollkommen absurd aus, ist aber eine wundervolle Hommage an die alten Zeiten, in denen Schauspieler in Gummianzügen Miniaturstädte kaputtgemacht haben. Und auch hier geht einiges zu Bruch. Je weiter sich Godzilla entwickelt und je mehr er in die Innenstadt Tokios eindringt, desto mehr Kollateralschäden entstehen. Wenn dann auch noch bestimmte Wiedererkennungsmerkmale Einzug in den Film halten, geht jedem Kaijū-Fan das Herz auf.

Auch schweres Gerät hilft nicht gegen …

Für eine abschließende Empfehlung ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, worauf man sich einlässt. Für eine Monster-Party bietet der Film eben zu wenig Monster – zwar deutlich mehr als der Gareth-Edwards-Film von 2014, aber eben nicht durchgängig. Der Politik- und Forschungs-Anteil nimmt viel Zeit in Anspruch und sollte man das langweilig finden, wird einem „Shin Godzilla“ auch eher wenig gefallen. Trotzdem ist es ein äußerst gelungenes Reboot geworden, von dem wir gern mehr sehen würden.

… das riesige Monster

Länge: 118 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Shin Gojira
JAP 2016
Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Besetzung: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara, Ren Ôsugi, Akira Emoto, Kengo Kôra
Verleih: splendid film

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 splendid film

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3 Kommentare

Verfasst von - 2017/04/29 in Film, Kino, Rezensionen

 

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We Are the Flesh – Sexualisierter Endzeit-Fiebertraum

Tenemos la carne

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Als Herkunftsland von Horrorfilmen steht Mexiko nicht gerade im Fokus. „Wir sind was wir sind“ (2010) kommt in den Sinn, auch „Come Out and Play – Kinder des Todes“ (2012), Remake eines spanischen 70er-Jahre-Klassikers, und „Here Comes the Devil“ (2012), aber das war es dann auch schon fast. Guillermo del Toro ist Mexikaner, seine mexikanischen Horrorfilme „Cronos“ (1993) und „Das Rückgrat des Teufels“ (2001) liegen aber schon eine Weile zurück. Wer weitere empfehlen kann – für Tipps per Kommentar bin ich dankbar. Anders als in manch anderem Produktionsland zeichnen sich die mexikanischen Genrefilme durch eine weitgehend von Hollywood-Horror-Konventionen unbeeinflusste Bildsprache und Narration aus, das macht sie zu verstörenden filmischen Erfahrungen.

Der Einsiedler verlangt …

Das gilt auch und ganz besonders für „We Are the Flesh“ von Emiliano Rocha Minter, der damit sein Langfilmdebüt vorlegt – seine beiden Kurzfilme „Dentro“ und „Videohome“ sind im Bonusmaterial der Mediabook-Veröffentlichung zu finden. Zu Beginn sehen wir den vereinsamten Mariano (Noé Hernández), der einsam in einem verfallenden Gebäude sein Dasein fristet, undefinierbare Dinge zubereitet und sich kauzig gebärdet. Bald gesellen sich Fauna (María Evoli) und ihr Bruder Lucian (Diego Gamaliel) dazu, denen Mariano Unterschlupf gewährt. Eine nicht näher erläuterte Katastrophe hat den Ort – oder die Welt? – heimgesucht. Obwohl Mariano ganz offensichtlich ein sonderbarer Zeitgenosse ist, entscheiden sich die Geschwister, bei ihm zu bleiben. Die ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft wird seelisch und körperlich bald an die Grenzen ihrer Existenz und des Wahnsinns geführt.

… den Geschwistern einiges ab

„Ihr solltet ficken wie die wilden Tiere, anstatt nur blöde herumzualbern.“ Mit diesen Worten gibt Mariano den Geschwistern bald die Richtung vor. In der Folge kommt es zu einem explizit gezeigten Blowjob, Inzest, Masturbation inklusive Ejakulation und anderen sehr körperlichen Ergüssen, die bisweilen die Ekelgrenze überschreiten. Genitalien in Nahaufnahme. Auch vor Nekrophilie macht der Film nicht Halt. „Wie ein pornografischer Fiebertraum David Cronenbergs“, schrieb Spiegel Online anlässlich der Deutschlandpremiere von „We Are the Flesh“ beim Fantasy Filmfest 2016 – das ist nicht übertrieben, die Analogie trifft es gut. Auch Gaspar Noé („Irreversibel“, „Enter the Void“, „Love“) sei als Referenzname herangezogen. Minter gibt selbst offen zu, von dem experimentellen argentinischen Filmemacher beeinflusst zu sein.

Nahrungsbeschaffung

Mit herkömmlichen Erzählstrukturen hat das nichts gemein, mehr mit einem sexualisierten Fiebertraum, was die durchdachte Farbgebung unterstreicht. Viele Sequenzen sind in tristen Gelb- bis Beigetönen gehalten, ab und zu durchbricht Rot das Szenario. Auch Wärmebilder gibt es zu sehen. All das dürfte einen nicht geringen Teil des hartgesottenen Fantasy-Filmfest-Publikums zweifellos sehr irritiert haben.

Master of Ceremonies: Mariano

Wie ist das zu deuten? Schwierig, sehr schwierig. Obwohl sowohl das „Ave Maria“ als auch die mexikanische Nationalhymne dargeboten werden, vermochte ich weder einen politischen noch einen religiösen Kommentar zu erkennen. „We Are the Flesh“ konzentriert sich ganz auf die Körperlichkeit. Vielleicht kommt es tatsächlich nur darauf an: Wir sind das Fleisch. In all dem Unrat, der uns umgibt, bleiben wir doch immer Fleisch. Klägliche Versuche einer Interpretation. „We Are the Flesh“ entzieht sich jeder Schublade, das von mir vergebene Genre Horrordrama ist ein unbeholfener Versuch einer Einordnung. Dass die letzte Einstellung dann auch noch alles auf den Kopf stellt: geschenkt. Ein außergewöhnlicher, zu jedem Zeitpunkt verwirrender Endzeit-Trip für Freunde filmischen Neulands – weder kann ich davon abraten, noch ihn euch ans Herz legen. Es hilft nichts: Ihr müsst da schon selbst durch. Mehr Aufschluss bringt der Booklettext des makellosen Mediabooks von Wicked-Vision Media. Den solltet Ihr aber erst nach vollendeter Sichtung des Films lesen.

Halluzinierende Masturbation

Veröffentlichung: 25. November 2016 als limitiertes 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, Cover A: 444 Exemplare, Cover B: 333 Exemplare), 12. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Tenemos la carne
MEX/F 2016
Regie: Emiliano Rocha Minter
Drehbuch: Emiliano Rocha Minter
Besetzung: Noé Hernández, María Evoli, Diego Gamaliel, Gabino Rodríguez, María Cid
Zusatzmaterial Mediabook: Kurzfilm „Dentro“, Kurzfilm „Videohome“, Interviews mit Cast & Crew, Originaltrailer, deutscher Trailer, Bildergalerie, Trailershow
Zusatzmaterial Softcase-Editionen: Making-of
Vertrieb: Wicked-Vision Media / donau film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media / donau film

 

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Nocturnal Animals – Kino als Obsession mit dem Vergangenen

Nocturnal Animals

Von Simon Kyprianou

Thrillerdrama // Die Rahmenhandlung von „Nocturnal Animals“ spielt sich in der Welt der Reichen und Schönen ab. Man konnte in der Rezeption des Films viele Stimmen hören und lesen, die ihn als Reflexion über die Oberflächlichkeit und Schrecklichkeit dieser Luxuswelt – eine Welt, die Regisseur Tom Ford sicher nur allzu gut kennt – gedeutet haben, und das trifft sicher auch zu. Allerdings ist das unangenehm distanziert beobachtete Leiden einer schönen Frau in einer schönen Umgebung eigentlich keine sonderlich gelungene Reflexion oder Kritik.

Susan ist unglücklich mit ihrem Leben

Aber der Film hat noch eine andere, wesentlich interessantere Ebene: Wenn Susan (Amy Adams) von ihrem früheren Freund Edward (Jake Gyllenhaal) ein bisher unveröffentlichtes Manuskript seines Romans „Nocturnal Animals“ zugeschickt bekommt, lässt Ford die den Rahmen bildende Geschiche über dieses Manuskript in zwei weitere Geschichten abgleiten. Beide verweisen mehr oder weniger unmittelbar in die Vergangenheit von Susan und Edward. Dabei erzählt uns Ford etwas Essenzielles über das Kino: dass das Kino immer die Obsession mit dem Vergangenen ist; die Möglichkeit, einen, wenn auch unweigerlich verzerrten Blick auf das ewig und zugleich flüchtig gewordene Vergangene zu werfen.

Verzahnung zweier Geschichten

Tom Fords Metalepse eröffnet gleich zwei unterschiedlich beschaffene Wege in das Vergangene: einmal als fiktionalisierte, in Genrekonventionen eingearbeitete Rape-and-Revenge-Geschichte in Form des Manuskripts, einmal als kurze, brüchige Erinnerungsfragmente von Susan, aus der Vergangenheit erinnert durch die Lektüre des Manuskripts.

Die Geschichte von Edwards Manuskript berührt sie

Die Entführungs- und Rachegeschichte des Manuskripts dreht sich um Tony Hastings (ebenfalls Jake Gyllenhaal), der mit seiner Familie von Fremden nachts auf dem Highway bedrängt wird, die dann seine Frau (Isla Fisher) und Tochter (Ellie Bamber) entführen, vergewaltigen und umbringen. Ford inszeniert das sehr effektiv, er findet Bilder unmittelbaren Schreckens, die Szenen nächtlicher Autofahrt beispielsweise sind hervorragend beklemmend inszeniert, und die (De-)Konstruktion der männlichen Figur und die Darstellung ihres Leids sind ebenfalls sehr gelungen.
Wieso Fords Perspektive auf Amy Adams’ Figur in der Rahmenhandlung so kalt und distanziert ist, jede Zartheit vermissen lassend, bleibt fraglich. Trotz ihrer Reue und ihres Schmerzes lässt er ihre Figur in den letzten Szenen endgültig in den Abgrund gleiten – ohne die geringste Empathie für Susan, das scheint dann doch einigermaßen befremdlich.

Zweite Regiearbeit nach „A Single Man“

Auch drücken sich die harten Konturen von Fords genau durchdachtem narrativem Konzept bisweilen allzu deutlich sichtbar durch. An einigen Stellen wäre vielleicht Zurückhaltung die bessere Lösung für „Nocturnal Animals“ gewesen, der sicher kein schlechter Film ist, Fords brilliantem Regiedebüt „A Single Man“ allerdings in keinem Moment das Wasser reichen kann.

Darin muss Familienvater Tony den Tod seiner Frau und Tochter erleben

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Amy Adams sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jake Gyllenhaal und/oder Michael Shannon in der Rubrik Schauspieler.

Zusammen mit dem Sheriff will er Rache üben

Veröffentlichung: 27. April 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Türkisch, Hindi, Arabisch, Norwegisch,
Originaltitel: Nocturnal Animals
USA 2016
Regie: Tom Ford
Drehbuch: Tom Ford, nach dem Roman „Tony and Susan“ von Austin Wright
Besetzung: Jake Gyllenhaal, Amy Adams, Michael Shannon, Isla Fisher, Laura Linney, Aaron Taylor-Johnson, Armie Hammer, Michael Sheen, Andrea Riseborough
Zusatzmaterial: Making-of
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

 

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