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Death Walks on High Heels – Eine Verbeugung vor dem Giallo

02 Apr

La morte cammina con i tacchi alti

Von Ansgar Skulme

Thriller // In einem Nachtzug auf dem Weg in Richtung Schweiz wird ein polizeilich bekannter Juwelendieb von einem maskierten Killer ermordet. Wie es der Zufall will, wurde Paris gerade erst von einem Diamantenraub heimgesucht, doch das Diebesgut ist verschwunden und auch beim Opfer nicht aufzufinden. Der Mord war also vergebens. Die französische Polizei verhört Nicole Rochard (Susan Scott) – die Tochter des Ermordeten – und ihren Liebhaber Michel Aumont (Simón Andreu), doch diese wissen nichts vom Verbleib der millionenschweren Beute. Bald jedoch wird Nicole mit Anrufen tyrannisiert. Anfangs findet sie die verzerrte Stimme am anderen Ende der Leitung noch lustig, doch wenig später wachsen Angst und ein starkes Misstrauen gegenüber Michel in ihr. Sie flüchtet sich in die Arme des Arztes Dr. Robert Matthews (Frank Wolff), der ihre Strip-Show in einem Pariser Nachtclub bewundert und ihr Avancen macht. Mit ihm könnte sie nach England ziehen und ihrem Alltag entfliehen, doch indessen plant der Killer bereits seinen ersten persönlichen Besuch bei Nicole.

Luciano Ercoli führte bei nur acht Filmen Regie. Diese kamen im Zeitraum von 1970 bis 1977 erstmalig in die Kinos. Die ersten drei seiner Arbeiten sind allesamt dem Giallo zuzurechnen. Hierbei handelt es sich um ein Subgenre des Thrillers, das im italienischen Kino der 60er-Jahre aufgekommen war, Motive von Filmen wie etwa der deutschen Edgar-Wallace-Reihe aufgriff und den Grundton deutlich verschärfte. Der Giallo zeichnet sich durch seine Freizügigkeit ebenso wie durch seine brutalen, oft schockierend realistischen, aber auch gern mal ausgenommen übertriebenen Gewaltdarstellungen sowie kunstvolle Inszenierungen und sehr moderne, fesselnde, teils experimentelle Filmmusikkompositionen aus. „Death Walks on High Heels“ war Ercolis zweiter Film und eignet sich hervorragend als exemplarisches Beispiel für die Funktionsweisen des Giallo. Der Film bündelt diverse Elemente, die den Giallo als Genre ausmachen, in sehr ansehnlicher Art und Weise: sexy, blutig, mit überraschenden Wendungen, vielen schrägen Charakteren, je nach Szene mal mit ausgesprochen betörender, mal frivoler und mal sehr forscher, pulsierender Musik versehen. Themen und Bilder, die man fünf bis zehn Jahre früher im Kino noch nicht zeigen konnte, geben sich im Giallo die Klinke in die Hand.

Spannungsfeld: Erotisierendes Andeuten und schockierendes Zeigen

Vergleicht man diesen Film mit Ercolis einzigem Beitrag zum Poliziottesco, „Killer Cop“ (1975), wird deutlich, dass die stilistischen Parallelen überschaubar sind. Generell hatte Ercoli eine Vorliebe dafür, Bildinhalte durch Verwendung von Spiegeln zu verschachteln, ansonsten jedoch verfolgt „Death Walks on High Heels“ eine sehr eindrückliche, auf den Giallo zugeschnittene Bildsprache, wodurch der Film weitestgehend den Charakter erhält, eine tiefe Verbeugung Ercolis vor dem Genre zu sein. Ercoli, sein spanischer Kameramann Fernando Arribas und sein Cutter Angelo Curi zelebrieren verspielte Langsamkeit und Körperlichkeit sowohl in erotischen als auch brutalen Szenen. Frauen nackt zu zeigen – wenn ihnen nicht gar vom Killer vor dem Mord noch schnell buchstäblich die Kleider vom Leib gerissen wurden – war im Giallo ohnehin üblich. „Death Walks on High Heels“ allerdings kostet auch die Momente des Vorspiels in äußerst erotisierender, fast schon lasziver Art und Weise aus, ohne die Figuren auch nur einmal beim Sex zu zeigen. Die Figur des Robert Matthews wird in die Handlung eingeführt, indem man ihn zeigt, wie er Nicole Rochard bei ihrer Strip-Show beobachtet und filmt, danach tastet sich ihr Liebhaber Michel im Backstage-Bereich im wahrsten Sinne des Wortes an sie heran; später im Film findet sich eine ausgezeichnet konzipierte Szene, in der sich Nicole und Robert beim Essen gegenüber sitzen, während durch Blicke und Bewegungen ihrer Hände oder auch ihres und seines Mundes im Grunde bereits der nachfolgende Sex in allen Details vorweggenommen und symbolisch gezeigt wird. Die Szene endet vor dem Sex, aber man hat das Gefühl, praktisch schon alles gesehen zu haben.

Demgegenüber stehen die Morde, während denen der Killer es geradezu auszukosten scheint, mit seinem Messer auf den Opfern entlang zu fahren und mit ihrer Angst zu spielen. In einer Szene scheint er auf einem der Opfer mit seinem Messer sogar regelrecht ein Muster zu malen und in der Situation zu schwelgen. Der Tod wird hier auf eine bizarre, brutale, den Todeskampf in aller Gänze zeigenden und auskostenden, allerdings künstlerisch auch sehr sensibel konstruierten Art und Weise ästhetisiert – und dies ist eines der zentralsten Merkmale eines gelungenen Giallos. Wichtig zudem: Weder die erotischen noch die blutigen Momente des Films könnten ihre Wirkung so punktgenau, verspielt, melancholisch, aber auch düster und verstörend entfalten, gäbe es dazu nicht die Musik von Stelvio Cipriani, die erotisierend und manchmal voller beschwingter Leichtigkeit, aber auch bedrohlich und voranpreschend stets genau den richtigen Ton trifft. Die Musik ist der Anker des Films. Eine betont sexy eingebundene, Laute hauchende und Melodien ohne Text singende Frauenstimme lädt einerseits die erotische Grundstimmung vieler Szenen auf, wirkt manchmal aber auch so, als stehe der Engel des Todes am Mikrofon, der schon vom nahenden Morden weiß, aber trotzdem ganz wertfrei die Attraktivität und Schönheit des Geschehens melodisch kommentiert, obwohl das Sterben alles andere als schön werden wird. Passend dazu sind einige Szenen, wie etwa das oben beschriebene gemeinsame Essen, in tief rotes, warmes Licht getaucht – Rot, die Farbe der Liebe und des blutigen Todes. Die Pärchen wärmen sich aneinander und der Killer fördert das warme Blut seiner Opfer zutage.

Trash darf sein und muss es manchmal auch

Dazu, dass dieser Film stilistisch etwas sehr Sympathisches hat, gehört aber auch der Faktor, dass sich die Macher nicht zu wichtig nahmen. „Death Walks on High Heels“ ist ausgesprochen kunstvoll und versiert inszeniert, allerdings alles andere als verkünstelt. Immer wieder lockern kuriose Details das Geschehen auf und verweisen darauf, dass die Storys solcher Filme an sich Groschenheft-Charakter haben und es dem Giallo als Filmgenre lediglich eigen ist, gewissermaßen Trivialliteratur der Bahnhofskiosk-Sorte mit Bildern und Klängen aufzuladen, die den Film als Kunst kenntlich machen. Genau dieses Gegensatzpaar von Banalität als Basis und großer Kunstfertigkeit in der Umsetzung macht den Giallo so interessant. Ob es nun die abgehackt-roboterhaft verzerrte Stimme des Killers ist oder die Tatsache, dass man von einer der Figuren – dem von Luciano Rossi gespielten Hallory – als Erstes einen schwarzen Handschuh sieht, der eine Katze festhält, die mit der anderen Hand gestreichelt wird, als sei er eine Mischung aus den James-Bond-Gegenspielern Dr. No und Ernst Stavro Blofeld: Der Film ist gewissermaßen ein offenes Bekenntnis zum Trash-Kino und der gleichzeitige Beweis, dass dieses als Teil der Filmgeschichte ernst genommen werden muss, durchaus sehr kunstvoll aussehen kann und ferner der Beweis, dass solche Versatzstücke, die man auch als Referenzen verstehen kann, nicht automatisch die Überzeugungskraft des Films schmälern, sondern ihn vielmehr sogar noch vielschichtiger machen. Die Tatsache beispielsweise, dass man im Verlauf der Handlung letztlich auf mehrere Spanner trifft und das heimliche, oft lüsterne Beobachten für mehrere Figuren im Film schier geradezu an der Tagesordnung zu sein scheint, zieht sich beinahe wie ein roter Faden durchs Geschehen, der rückblickend zwar recht komisch wirkt, im Film selbst aber oftmals einen eher bedrohlichen Charakter hat.

Kleine Details, wie etwa der völlig aus dem Rahmen fallende, an Dudelsack-Melodien erinnernde Musikeinsatz, als George Rigaud in der Rolle des Captain Lenny das erste Mal auftaucht, und die Tatsache, wie die Musik schon nach Sekunden rabiat wieder endet – ebenso plötzlich und unerwartet, ohne jede Überblendung, wie die Musik zuvor einsetzte –, verraten zudem viel darüber, was für einen Spaß die Macher an dem Projekt gehabt haben dürften. Was für ein Bruch, solch ein abgehacktes, grobschlächtiges Motiv inmitten all der beschriebenen musikalischen Erotisierung der Beziehungen der Charaktere und Ästhetisierung von Gewalt und Tod, die maßgeblich von der Musik gerahmt werden, einzubinden! Immer wieder finden sich kleine Hinweise dieser Art, dass das Geschehen zwar stilistisch oft sehr gehoben aussehen und die Handlung phasenweise sehr beängstigend sein mag, es letztlich aber eben doch nur ein Film ist, der vor allem unterhaltend und nicht bierernst sein soll – und zudem auch nicht in erster Linie der künstlerischen Selbstbeweihräucherung des Regisseurs dient.

Ein starkes Ensemble

Dazu passt auch die Inszenierung der beiden Ermittler, die die zweite Hälfte des Films dominieren. Nicht nur ist an Carlo Gentili als Inspektor Baxter ein echter Kommissar Maigret verlorengegangen, auch die Dialoge dieses britischen Ermittler-Duos und die Art, wie sie gemeinsam auftreten, erhöhen Klischees gewissermaßen zum Ikonischen. Spätestens als Baxter in der englischen Synchronfassung in einer Szene zu seinem Assistenten (Fabrizio Moresco) dann noch „Elementary!“, wie einst Sherlock Holmes zu Dr. Watson, sagt, ist auch hier völlig klar, dass der Film eine Verbeugung vor so manchen Vorbildern ist und nicht nur vor dem Giallo. Dies zeigt sich auch im Schlussbild, wenn einer der beiden Bullen, die den Fall schließlich gelöst haben, dem anderen erst einmal Feuer für seine Zigarette gibt – und das Bild in dieser prototypisch inszenierten Situation einfach angehalten wird, damit der Abspann beginnen kann.

Ercolis Ensemble zeigt sich durchweg von seiner besten Seite: Luciano Rossi, der im italienischen Genrekino häufig Rollen spielte, die in Deutschland Klaus Kinski gespielt hätte, ist hier ganz in seinem Element, Manuel Muñiz als kauziger Fischhändler, mit wichtiger Bedeutung für die Handlung, als Charakterdarsteller gleichsam ein Gewinn und die großen Augen der Rachela Pamenti werden so manchem in der Nacht die Träume verdunkeln. Die Ähnlichkeit der beiden Frauen in Matthews‘ Leben ist zudem bemerkenswert und der besagte George Rigaud sowie José Manuel Martín als Blinder gestalteten ihre Rollen mit der notwendigen Undurchschaubarkeit. Bis zum Schluss wahrt sich der Film das Credo: Jeder, wirklich jeder, könnte immer noch (glaubwürdig) der Mörder sein!

Susan Scott und Simón Andreu waren bereits in Luciano Ercolis Regiedebüt „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ (1970) zu sehen und harmonierten so gut, dass Ercoli sie auch in seinem dritten Film „Death Walks at Midnight“ (1972) als Hauptdarsteller einsetzte – wobei sie auch hier erneut auf Carlo Gentili als Inspektor trafen. 1973 spielte Gentili in „Haie kennen kein Erbarmen“ ein weiteres Mal für Ercoli den Inspektor. Lediglich Frank Wolff fehlte unter den Hauptdarstellern aus „Death Walks on High Heels“ in „Death Walks at Midnight“. Er beging Ende 1971 unter ausgesprochen tragischen Umständen Selbstmord. Das italienische Genrekino verlor mit dem US-Amerikaner einen unter Kollegen sehr geschätzten Schauspieler, der auch in „Death Walks on High Heels“ seine Vielseitigkeit bewies. Die Blicke, mit denen er Nicole Rochard mustert, sagen oft mehr als tausend Worte und nie ist man sich so recht im Klaren, welche Absichten dieser Robert Matthews eigentlich hegt. Ob nun von seiner Nicole vor Erregung im Nachtclub und am Kaminfeuer unter Strom gesetzt oder taff im Trenchcoat auftretend, als sei er der Ermittler: Frank Wolff – der unter anderem der Gegenspieler von Bud Spencer und Terence Hill in dem sehr guten, düsteren Italowestern „Gott vergibt – Django nie!“ (1967) war, in dem das Duo Spencer/Hill erstmals gemeinsam als Hauptdarsteller auftrat – spielte in „Death Walks on High Heels“ eine seiner besten und leider zu wenigen Hauptrollen.

Fast hätte er es geschafft

„Death Walks on High Heels“ ist bis heute nie deutsch synchronisiert worden, geriert jedoch nichtsdestotrotz auf die Agenda des Labels filmArt, das sich in der Vergangenheit bereits ausgiebig um das italienische Genrekino der 70er-Jahre, speziell Polizeifilme und Gialli, verdient gemacht hat. Geplant war eine DVD-Veröffentlichung im Original mit Untertiteln unter dem deutschen Titel „Der Tod küsst dich um Mitternacht“ als Teil 8 der „filmArt Giallo Collection“. Als Teil 9 sollte „Death Walks at Midnight“, unter dem Titel „Die eiserne Hand des Todes“, folgen. Beide Filme sollten in Kombination mit einer CD vom Soundtrack erscheinen und es gab auch bereits ein Cover für beide Veröffentlichungen, im Layout der „Giallo Collection“. Kurzfristig jedoch wurde das Vorhaben auf Eis gelegt und stattdessen eine Veröffentlichung in Kombination mit einer Blu-ray in Aussicht gestellt. In den USA gibt es mittlerweile sogar zwei Blu-ray-Editionen, die seit April 2016 erschienen sind. Auch die erste US-Veröffentlichung von 2006, das „Luciano Ercoli Death Box Set“, war jedoch bereits hervorragend ausgestattet und heiß begehrt, bot beide Filme auf DVD sowie eine CD mit verschiedenen Filmkompositionen von Stelvio Cipriani. Auch damals war auf der DVD neben der italienischen „Originalfassung“, die allerdings – wie für das Italo-Genrekino damals üblich – eine Synchronfassung ist, bereits die englische Synchronfassung zu finden, die insofern durchaus lohnend ist, weil die in Großbritannien spielende Hälfte des Films mit dem entsprechenden britischen Englisch schlichtweg an Authentizität gewinnt, zumal es sich um eine italienisch-spanische Produktion handelt, in der bis auf Frank Wolff niemand mitspielte, dessen Muttersprache Englisch war. Man darf sich jetzt schon darauf freuen, wenn der Film es endlich wirklich in einer deutschen Fassung – und sei sie nur untertitelt – auf DVD schafft. Auch eine Synchronfassung wäre, sofern finanzierbar, aber zweifelsohne angemessen. Der Film hätte es verdient, da er sicherlich mindestens zu den 25 besten Vertretern des Giallo-Kinos zählt. Es wäre nicht der erste Giallo aus den 70ern, der für seine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erstmals synchronisiert werden würde – und die Qualität dieser Synchronfassungen ist zum Teil durchaus gelungen, auch wenn sie nicht zeitgenössisch in den 70ern entstanden sind und zudem bei kleinen Studios in Auftrag gegeben wurden.

Übrigens: Die Hauptdarstellerin und gebürtige Spanierin Susan Scott, die eigentlich Nieves Navarro heißt, und Luciano Ercoli heirateten 1972, im Zuge ihrer gemeinsamen Filme, in denen Ercoli sie in vielen erotischen Situationen mit anderen Männern in Szene gesetzt hatte. Die Ehe hielt bis zu Ercolis Tod im Jahr 2015. So romantisch geht es im Giallo eher selten zu. Manche Dinge gibt es bekanntlich nur im Film und manche Geschichten schreibt das Leben.

Veröffentlichung (GB): 20. März 2017 als Blu-ray und DVD
Veröffentlichung (USA): 7. März 2017 als Blu-ray und DVD, 5. April 2016 als Blu-ray und DVD, 28. Februar 2006 als DVD

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Originaltitel: La morte cammina con i tacchi alti
IT/SP 1971
Regie: Luciano Ercoli
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco, Dino Verde
Besetzung: Frank Wolff, Susan Scott, Simón Andreu, Carlo Gentili, George Rigaud, José Manuel Martín, Fabrizio Moresco, Luciano Rossi, Claudie Lange, Rachela Pamenti
Verleih: Atlántida Films, Cinecompany
Vertrieb (GB & USA): Arrow Video

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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