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Sexual-Terror der entfesselten Vampire – Poetische Schreckensbilder eines fast vergessenen Meisters

04 Apr

Les frisson des vampires

Von Andreas Eckenfels

Horror // „Sexual-Terror der was?“ mag man sich aufgrund des obskuren deutschen Titels verwundert fragen. Doch voreilig abwenden sollte man sich deswegen nicht von dem ersten Film, der in der „Jean Rollin Collection“ von Wicked-Vision Media erschienen ist. Nur der Zuschauer, der wirklich knallharten Sex, Gewalt und Horror erwartet, sollte besser die Finger von dem im Original weitaus zahmer betitelten „Les frisson des vampires“ lassen – oder die bislang als verschollen geglaubte deutsche Kinofassung ansehen, die im Bonusmaterial der Blu-ray enthalten ist. Doch dazu später mehr.

Isa und Antoine sind frisch verheiratet

Die frisch vermählten Isa (Sandra Julien) und Antoine (Jean-Marie Durand) wollen während ihrer Flitterwochen Isas Cousins (Michel Delahaye und Jacques Robiolles) besuchen, die in einem altehrwürdigen Schloss auf dem französischen Land leben. Doch bevor sie dort ankommen, erfahren sie von den Dorfbewohnern, die Cousins seien am Vortag verstorben. Isa und Antoine wollen dennoch eine Nacht in dem Gemäuer verbringen, wo sie von den Dienerinnen (Marie-Pierre Castel und Kuelan Huerca) und der trauernden Isabelle (Nicole Nancel) empfangen werden. Schon bald bemerkt das Paar, dass in dem Schloss etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Während Antoine Nachforschungen anstellt, wird Isa in der Nacht von der Vampirin Isolde (Dominique) in ihren Bann gezogen.

Surrealistisches Erlebnis

Für mich ist es die erste Begegnung mit einem Werk des französischen Kultregisseurs Jean Rollin (1938–2010), dessen „Die Vergewaltigung des Vampirs“ von 1968 als der erste französische Vampirfilm gilt. Ich war sofort fasziniert von diesem wunderschönen Reigen aus schaurigen Tönen, prachtvoller Ausstattung und poetischen Schreckensbildern. Wer eine geradlinige narrative Handlung oder Logik bei „Sexual-Terror der entfesselten Vampire“ erwartet, wird enttäuscht sein und sich schnell langweilen. Denn der eng mit dem Surrealismus verbundene Rollin ist daran wenig interessiert. Vielmehr geht es ihm darum, Atmosphäre zu erzeugen und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen: Das Geschehen gleicht einem Traum; in den langen Einstellungen kann alles mögliche Unerwartete passieren. Dabei geht es aber nicht nur düster zu, die Stimmung schlägt auch häufig heitere Töne an.

Die zwei Dienerinnen sind stets zu Diensten

Besonders bizarr wird es immer dann, wenn Obervampirin Isolde erscheint. Eine Standuhr dient ihr als eine Art Portal, aus dessen Tür sie sich regelrecht herausquetscht. Ein anderes Mal kommt die Blutsaugerin sogar aus dem Kamin. Eine Tötung begeht Isolde mit ihren mit Stacheln gespickten Brüsten (siehe viertes Szenenfoto). Eine wunderbare Szene! Rollins ausgeprägte Vorliebe für nackte Frauen und meist lesbisch orientierte Vampire brachten ihn schnell in Verruf. Allerdings wirken zumindest in der Originalfassung die Nacktszenen im Zusammenspiel mit der Bildkomposition immer sinnlich-erotisch und nie verrucht.

Mehr Sex für die deutschen Bahnhofskinos

Ganz anders sieht es da mit der deutschen Kinofassung aus, die 1972 unter dem Titel „Sexual-Terror der entfesselten Vampire“ vermarktet wurde. Diese Fassung galt als verschollen und hat nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Film zu tun. Zu jener Zeit war es gängige Praxis, ausländische Filme in Deutschland zu kürzen und mit Alternativszenen aufzufüllen. Rollins Werk wurde unter der Leitung von Günter Hendel auf 81 Minuten zusammengestutzt; dabei wurden Sequenzen von knapp zehn Minuten eingefügt – zumeist völlig willkürlich eingestreute, platte Sexszenen, um dem Publikum in den Bahnhofskinos das zu geben, was der reißerische deutsche Titel zu sein vorgab.

Wer quetscht sich da aus der Standuhr?

Mit der liebevollen und aufwendigen Restaurierung von „Sexual-Terror der entfesselten Vampire“ sowie den hörenswerten Audiokommentaren ist Wicked-Vision Media wieder einmal ein Glanzstück gelungen. Die zwei limitierten Mediabook-Varianten beinhalten eine informative, von Pelle Felsch verfasste Rollin-Biografie, die in den weiteren Teilen der Reihe fortgesetzt wird. Mit der „Jean Rollin Collection“ würdigt das Independent-Label einen Filmemacher, der zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten ist. Eine Edition für Fans des Kultregisseurs und solche, die es werden wollen.

Es ist Obervampirin Isolde

Die Filme der Wicked-Vision-Media-Reihe „Jean Rollin Collection“:

01. Sexual-Terror der entfesselten Vampire (Les frisson des vampires, 1971)
02. Die nackten Vampire (La vampire nue, 1970)
03. Dienerinnen des Satans (Les démoniaques, 1973)
04. ???

Isa verfällt dem Bann der Blutsaugerin

Veröffentlichung: 29. August 2016 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray und DVD) im Mediabook (Auflagen: Cover A 1.000 Exemplare, Cover B 500 Exemplare)

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Les frisson des vampires
F 1971
Regie: Jean Rollin
Drehbuch: Jean Rollin, Monique Natan
Besetzung: Sandra Julien, Michel Delahaye, Marie-Pierre Castel, Jaques Robiolles, Jean-Marie Durand, Kuelan Huerca, Nicole Nancel, Dominique
Zusatzmaterial: Einleitung durch Jean Rollin, Audiokommentar von Jean Rollin, Audiokommentar von Christian Keßler und Pelle Felsch, Kurzfilm von Jean-Noel Delamarre: „Liberta“, Featurette: „Rouge Vif – Nervenkitzel der Vampire“, Trailer, Bildergalerie, Geschnittene Szenen, Rekonstruierte deutsche Kinofassung (81 Min.), Deutscher Trailer, Audiokommentar zur deutschen Kinofassung von Pelle Felsch, Daniel Perée und Ludger Holmenkann, 24-seitiges Booklet von Pelle Felsch
Vertrieb: NSM Records

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media / donau film

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