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Killer Cop – Wenn die Polizei an Grenzen stößt

09 Apr

La polizia ha le mani legate

Von Ansgar Skulme

Thriller // Der Mailänder Drogenfahnder Matteo Rolandi (Claudio Cassinelli) ermittelt gerade heimlich in einem Hotel, als dort ein Bombenanschlag verübt wird. Rolandi bleibt zwar unverletzt, wird jedoch bald persönlich in die Vorgänge hineingezogen. Fortan recherchiert er auf eigene Faust, obwohl derlei Anschläge nicht in seinen Zuständigkeitsbereich gehören. Die Sachlage ist brisant, da die Todesopfer aus aller Herren Länder stammen. Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) übernimmt die Kontrolle über den Fall, sieht sich allerdings mit diversen Widerständen konfrontiert, die auch aus den vermeintlich eigenen Reihen – Politik und Geheimdienst – kommen; selbst der Loyalität anderer Kollegen aus dem Justizapparat kann er sich nicht sicher sein. Die Ermittler sind einem jungen Mann auf den Fersen, der im letzten Moment in das Hotel stürmte, um die Opfer vor dem Anschlag zu warnen. Doch wer sind die wirklichen Drahtzieher im Hintergrund und was sind die Motive?

Der internationale Titel „Killer Cop“ lässt dieses Werk im Vorfeld wie einen billigen Actionfilm aus den 80er- oder 90er-Jahren erscheinen, tatsächlich allerdings handelt es sich um einen nicht nur politisch ambitionierten Film, der das damalige Zeitgeschehen in Italien gut widerspiegelt und auf einige tatsächliche Bombenanschläge aus der jüngeren Vergangenheit anspielt, zudem um einen spannenden Polizeithriller mit Unterhaltungswert und sich in glaubwürdigem Rahmen bewegender Action. Eine hervorragende Synthese aus Unterhaltungskino und Anspruch! Das Ergebnis ist einer der besten Poliziotteschi, ein Vorzeigefilm dieses Subgenres des Thrillers, das in den 70er-Jahren zu den dominanten Strömungen im italienischen Genrekino zählte. Angemerkt werden muss zum Titel „Killer Cop“ ferner auch, dass dieser nur marginal zum Inhalt passt, da er letztlich nur auf einen Randaspekt der Handlung anspielt, ansonsten aber keinen Bezug zu ihr hat. Perfekt wird die Verwirrung durch den deutschen Untertitel der Videoveröffentlichung, „Ein Bulle muss sterben“, der zu allem Überfluss genau das Gegenteil des Haupttitels „Killer Cop“ aussagt – und auf einen anderen Randaspekt anspielt.

Die ihren Meister finden …

Der Originaltitel „La polizia ha le mani legate“ – wie für italienische Filmtitel damals üblich gleich ein ganzer Satz – gibt die Gesamtstimmung des Films, mit dem Verweis darauf, dass der Polizei die Hände gebunden sind, hingegen schlüssig wieder. Rolandi stellt sich schnell als eine Art Einzelkämpfer heraus, aber er ist kein Dirty Harry, sondern ein sehr gebildeter Polizist, ein bürgerlicher Intellektueller, der aus dem Leben gegriffen scheint. „Killer Cop“ erzählt von Zeiten großer Paranoia – die Linken und die Faschisten schimpfen in der Öffentlichkeit gegenseitig aufeinander. Natürlich muss es die jeweilige Gegenseite gewesen sein, die für den Anschlag verantwortlich ist. Welches Spiel die Mächtigen im Hintergrund treiben, bleibt dem Fußvolk verborgen. Worum es eigentlich geht, ist für den Normalbürger buchstäblich zu hoch – und es ist auch gar nicht der Anspruch des Films, so zu tun, als könne man Machtkämpfe und Korruptionsstrukturen, über Instanzen wie die Polizei, die Justiz, die Wirtschaft, die Politik oder den Geheimdienst hinweg, völlig durchschaubar machen. Wie schon bei dem eng mit dem Giallo verwandten Polizeifilm „Der Tod trägt schwarzes Leder“, wird Claudio Cassinelli auch hier wieder von der Musik Stelvio Ciprianis, der sowohl treibenden, hartkantigen Melodien als auch butterweichen, gefühlvollen Klängen stets eine unverwechselbare Handschrift gab, durch die Stadt begleitet und gehetzt. Doch bis hin zu diesem Hauptdarsteller stoßen alle aufrechten Figuren – und nicht nur die – in „Killer Cop“ früher oder später an Grenzen. Vom als Feigling verschrienen Polizisten Balsamo (Franco Fabrizi) bis zum Generalstaatsanwalt. Selbst der Mittäter Ludovisi ist eine tragische Figur. Von Drogensucht zerfressen und ohne seine Brille beinahe blind, erweckt er vor allen Dingen Mitleid – noch erahnt man die gute Seele, die eigentlich in ihm steckt.

Giallo & Poliziottesco: Die Grundströmungen des 70er-Italothrillers

Poliziotteschi erzählen typischerweise vom alltäglichen Kampf aufrechter Polizeibeamter mit allen Widrigkeiten. Hierbei wird die Action mal mehr, mal weniger in den Vordergrund gespielt; teils sind es eher Polizei-Actionthriller, teils durchaus Politthriller. Im Giallo klären zwar auch oftmals Polizisten die Vorgänge auf – dabei geht es jedoch weniger um Politik und gesellschaftliche Machtstrukturen als um das Aufzeigen von Abgründen, einzelnen Tätern, kranken Seelen und dunklen Trieben. Es geht um Morde, Triebtaten und andere bestialische Ausuferungen, die in aller Grausamkeit gezeigt werden; dabei findet eine Art düsterer Ästhetisierung des Todes statt. Der Giallo ist ein Kino der Reize – schockierend und kunstvoll inszeniert, in mehrerlei Hinsicht körperlich, grausam, aber auch sexy und mit Bildern sowie Musik versehen, die unter die Haut gehen. Der Giallo war mehr oder minder die italienische Antwort auf die deutsche Edgar-Wallace-Reihe (1959–1972). Nicht umsonst sind die letzten Wallace-Filme, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ (1972) und „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ (1972) deutsch-italienische Ko-Produktionen und gleichzeitig Wallace-Film wie auch Giallo.

Der Poliziottesco hingegen ist inhaltlich, wenn auch nicht stilistisch und bildästhetisch, so etwas wie das italienische Nachfolgekonzept zum Film noir. Dieses pessimistische Polizeikino legt den Finger in die Wunde, zeigt auf gesellschaftliche Probleme, auf die mit- und gegeneinander arbeitenden offiziellen und inoffiziellen Strömungen, hat aber naturgemäß keine allwissenden, perfekten Lösungsansätze. Immer wieder werden große, komplizierte Themenkomplexe verhandelt, womit die Poliziotteschi heutigen Politfilmen in nichts nachstehen. Dem korrumpierbaren Staats- und Justizapparat oder einflussreichen Kriminellen stehen im Poliziottesco Individuen gegenüber, die mal aufrecht, mal eher tragisch gegen das System oder mit dem System schwimmen, Teilerfolge feiern, manchmal siegen, manchmal vielleicht aber auch untergehen. Zuweilen, wie auch in „Killer Cop“, sind die Protagonisten im Grunde gänzlich auf sich allein gestellt und suchen trotzdem nach der Wahrheit. Im schlimmsten Fall stellt sich der Staat – in Form einiger korrupter Beamter – gegen den aufrechten Bürger und der Protagonist kämpft wie eine Maus gegen einen Löwen. Immer wieder lehren Poliziotteschi, dass die Protagonisten einen momentan vielleicht recht aussichtslos scheinenden Kampf kämpfen, aber dass die Wahrheit schließlich nie verleugnet oder vergessen werde sollte und im Endeffekt jeder Teilerfolg gegen das Unrecht zählt. Dass Luciano Ercoli ein großer Versteher dieses Genres war, beweist die Tatsache, dass „Killer Cop“ der einzige unter seinen acht Filmen ist, der dem Poliziottesco zuzurechnen ist, und es sich trotzdem um einen Vorzeigefilm handelt, der sehr repräsentativ für Ansinnen und Aussagen der Poliziotteschi erscheint.

Sehr gute Synchronfassung

Alle, die befürchten, dass der Film eine – passend zum internationalen und deutschen Verleihtitel – billige Videosynchronisation erhalten hat, können beruhigt werden. Die Münchner Synchronfassung steht den zahlreichen anderen guten Vertretern des Genres, die in den 70er-Jahren in unsere Kinos kamen, in nichts nach. Fred Maire in der Hauptrolle widerspricht vielmehr sogar allen Klischees und strahlt eine angenehme Entschlossenheit aus, ohne dabei aber jemals den Eindruck zu vermitteln, dass Rolandi letztlich über allem steht. Er mag zwar der Protagonist und ein hervorragender Polizist sein, aber seine Gegner sitzen an noch viel längeren Hebeln. Norbert Gastell passt für Franco Fabrizi so gut, dass man sich kaum eine bessere Besetzung vorstellen kann und macht diese Fabrizi auf den Leib geschneiderte Rolle – halb Lebemann, halb Pechvogel mit menschlichen Ängsten – zu einem echten Kabinettstückchen. Herbert Weicker gibt dem Hollywood-Star Arthur Kennedy – einer von vielen Hollywood-Altstars, die es in den 60ern und 70ern ins italienische Genrekino zog – Größe und Gewicht, die sowohl zu seiner Persönlichkeit als Schauspieler im Kontext dieses Films als auch zur Handlung passen.

Da italienische Genrefilme der 70er-Jahre im deutschen Fernsehen leider traditionell ausgegrenzt werden, man sowohl Poliziotteschi als auch Gialli schon seit Jahren und mittlerweile Jahrzehnten praktisch überhaupt nicht zeigt und zahlreiche dieser Filme sogar niemals im deutschen Fernsehen liefen, muss man vorerst leider mit der bloßen Hoffnung leben, dass die vielen fleißigen Kräfte am DVD-Markt, wie x-rated, filmArt, Camera Obscura, Anolis oder explosive media – die hier nicht genannten mögen mir bitte verzeihen –, diesem Film und noch vielen weiteren Genre-Beiträgen zeitnah eine Veröffentlichung bescheren werden. Schon seit mittlerweile weit über zehn Jahren erscheinen in Deutschland nach und nach hervorragende Gialli und Poliziotteschi in großartigen DVD- und zum Teil auch Blu-ray-Editionen mit viel Bonusmaterial, die ihre Preise wert sind. Auch vor Filmen, die nie synchronisiert wurden, scheuen sich die Labels dabei nicht und präsentieren sie im Original mit Untertiteln. Die Spannung, welche Filme die nächsten sein werden, ist unter den Fans konstant groß. Solange das Warten auf „Killer Cop“ anhält, bleibt der Griff zu DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen aus dem Ausland. Die US-Veröffentlichung enthält auch eine englische Tonspur.

Veröffentlichung (USA): 2. Juni 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: La polizia ha le mani legate
IT 1975
Regie: Luciano Ercoli
Drehbuch: Mario Bregni, Gianfranco Calligarich
Besetzung: Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D’Adda, Paolo Poiret, Valeria D’Obici, Giuliana Rivera, Franco Moraldi
Verleih: Produzioni Atlas Consorziate (P.A.C.)

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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