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We Are the Flesh – Sexualisierter Endzeit-Fiebertraum

28 Apr

Tenemos la carne

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Als Herkunftsland von Horrorfilmen steht Mexiko nicht gerade im Fokus. „Wir sind was wir sind“ (2010) kommt in den Sinn, auch „Come Out and Play – Kinder des Todes“ (2012), Remake eines spanischen 70er-Jahre-Klassikers, und „Here Comes the Devil“ (2012), aber das war es dann auch schon fast. Guillermo del Toro ist Mexikaner, seine mexikanischen Horrorfilme „Cronos“ (1993) und „Das Rückgrat des Teufels“ (2001) liegen aber schon eine Weile zurück. Wer weitere empfehlen kann – für Tipps per Kommentar bin ich dankbar. Anders als in manch anderem Produktionsland zeichnen sich die mexikanischen Genrefilme durch eine weitgehend von Hollywood-Horror-Konventionen unbeeinflusste Bildsprache und Narration aus, das macht sie zu verstörenden filmischen Erfahrungen.

Der Einsiedler verlangt …

Das gilt auch und ganz besonders für „We Are the Flesh“ von Emiliano Rocha Minter, der damit sein Langfilmdebüt vorlegt – seine beiden Kurzfilme „Dentro“ und „Videohome“ sind im Bonusmaterial der Mediabook-Veröffentlichung zu finden. Zu Beginn sehen wir den vereinsamten Mariano (Noé Hernández), der einsam in einem verfallenden Gebäude sein Dasein fristet, undefinierbare Dinge zubereitet und sich kauzig gebärdet. Bald gesellen sich Fauna (María Evoli) und ihr Bruder Lucian (Diego Gamaliel) dazu, denen Mariano Unterschlupf gewährt. Eine nicht näher erläuterte Katastrophe hat den Ort – oder die Welt? – heimgesucht. Obwohl Mariano ganz offensichtlich ein sonderbarer Zeitgenosse ist, entscheiden sich die Geschwister, bei ihm zu bleiben. Die ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft wird seelisch und körperlich bald an die Grenzen ihrer Existenz und des Wahnsinns geführt.

… den Geschwistern einiges ab

„Ihr solltet ficken wie die wilden Tiere, anstatt nur blöde herumzualbern.“ Mit diesen Worten gibt Mariano den Geschwistern bald die Richtung vor. In der Folge kommt es zu einem explizit gezeigten Blowjob, Inzest, Masturbation inklusive Ejakulation und anderen sehr körperlichen Ergüssen, die bisweilen die Ekelgrenze überschreiten. Genitalien in Nahaufnahme. Auch vor Nekrophilie macht der Film nicht Halt. „Wie ein pornografischer Fiebertraum David Cronenbergs“, schrieb Spiegel Online anlässlich der Deutschlandpremiere von „We Are the Flesh“ beim Fantasy Filmfest 2016 – das ist nicht übertrieben, die Analogie trifft es gut. Auch Gaspar Noé („Irreversibel“, „Enter the Void“, „Love“) sei als Referenzname herangezogen. Minter gibt selbst offen zu, von dem experimentellen argentinischen Filmemacher beeinflusst zu sein.

Nahrungsbeschaffung

Mit herkömmlichen Erzählstrukturen hat das nichts gemein, mehr mit einem sexualisierten Fiebertraum, was die durchdachte Farbgebung unterstreicht. Viele Sequenzen sind in tristen Gelb- bis Beigetönen gehalten, ab und zu durchbricht Rot das Szenario. Auch Wärmebilder gibt es zu sehen. All das dürfte einen nicht geringen Teil des hartgesottenen Fantasy-Filmfest-Publikums zweifellos sehr irritiert haben.

Master of Ceremonies: Mariano

Wie ist das zu deuten? Schwierig, sehr schwierig. Obwohl sowohl das „Ave Maria“ als auch die mexikanische Nationalhymne dargeboten werden, vermochte ich weder einen politischen noch einen religiösen Kommentar zu erkennen. „We Are the Flesh“ konzentriert sich ganz auf die Körperlichkeit. Vielleicht kommt es tatsächlich nur darauf an: Wir sind das Fleisch. In all dem Unrat, der uns umgibt, bleiben wir doch immer Fleisch. Klägliche Versuche einer Interpretation. „We Are the Flesh“ entzieht sich jeder Schublade, das von mir vergebene Genre Horrordrama ist ein unbeholfener Versuch einer Einordnung. Dass die letzte Einstellung dann auch noch alles auf den Kopf stellt: geschenkt. Ein außergewöhnlicher, zu jedem Zeitpunkt verwirrender Endzeit-Trip für Freunde filmischen Neulands – weder kann ich davon abraten, noch ihn euch ans Herz legen. Es hilft nichts: Ihr müsst da schon selbst durch. Mehr Aufschluss bringt der Booklettext des makellosen Mediabooks von Wicked-Vision Media. Den solltet Ihr aber erst nach vollendeter Sichtung des Films lesen.

Halluzinierende Masturbation

Veröffentlichung: 25. November 2016 als limitiertes 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, Cover A: 444 Exemplare, Cover B: 333 Exemplare), 12. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Tenemos la carne
MEX/F 2016
Regie: Emiliano Rocha Minter
Drehbuch: Emiliano Rocha Minter
Besetzung: Noé Hernández, María Evoli, Diego Gamaliel, Gabino Rodríguez, María Cid
Zusatzmaterial Mediabook: Kurzfilm „Dentro“, Kurzfilm „Videohome“, Interviews mit Cast & Crew, Originaltrailer, deutscher Trailer, Bildergalerie, Trailershow
Zusatzmaterial Softcase-Editionen: Making-of
Vertrieb: Wicked-Vision Media / donau film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media / donau film

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