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Flucht vor dem Tode – Budd Boettichers erster Western

07 Mai

The Cimarron Kid

Von Ansgar Skulme

Western // Kaum ist Bill Doolin (Audie Murphy) mit besten Vorsätzen aus dem Gefängnis entlassen worden, gerät er zufällig in einen Überfall seiner ehemaligen Bande. Als er daraufhin prompt von dem bösartigen Eisenbahn-Mitarbeiter Swanson (David Wolfe), der Doolin am liebsten hängen sehen will, beschuldigt wird, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein, ist es aus und vorbei mit dem neuen Leben. Doolin muss fliehen und schließt sich, da er sonst nirgendwo hin kann, wieder der Bande an, die ihm das alles eingebrockt hat. Fortan hört er, so wie früher, auf den Namen „Cimarron Kid“. Durch seine Liebste (Beverly Tyler) und deren verständnisvollen Vater (Roy Roberts) jedoch, ist er stetig hin und her gerissen, es vielleicht noch einmal mit der Rechtschaffenheit zu probieren oder doch als ewiger Bandit in die Geschichte einzugehen.

Noch hat Doolin (l.) gute Vorsätze

Der Film, den Budd Boetticher aus dieser Handlung machte, ist nicht zuletzt der Bilder von Kameramann Charles P. Boyle wegen durchaus angenehm anzuschauen und vor allem für Technicolor-Liebhaber so oder so definitiv zu empfehlen. Die Geschichte weiß allerdings nur mäßig zu überzeugen, so wie es meist bei Filmen der Fall ist, die ihre Story ausgehend von unglücklichen Zufällen entwickeln und allzu überdeutlich Motive wie das der Läuterung zum Zentrum des Interesses erheben. Wer jegliche kleine Spoiler umgehen will, wechsle jetzt bitte zum Absatz „Alles auf eine Karte“. Vorab muss allen anderen etwas zu einigen Details des Plots gesagt werden, denn dieser ist einfach zu plakativ gestrickt und nur so lassen sich die Probleme, die der Film aufweist, einigermaßen transparent machen.

Wo fangen wir an?

Doolin ist reumütig, hat aber kaum das Gefängnis verlassen, als ihn sofort das Pech heimsucht, in den Überfall zu geraten. Gleich in unmittelbarer Folge ist er dann obendrein der uferlosen Böswilligkeit eines Widersachers ausgesetzt, der sich Doolins Pech zunutze machen will. Dass ihm das wiederum als Grund genügt, schon nach wenigen Tagen, gefühlt nur ein paar Stunden, fast wieder genau da weiterzumachen, wo er vor seiner Haftstrafe aufgehört hat, macht das Ganze allerdings auch nicht plausibler, sondern eher noch abstruser. Dann ist da aber diese eine Frau, für die er sich eigentlich ändern will, es dann aber doch immer wieder nicht tut. Das alles klingt genauso konstruiert, wenig überzeugend, klischeebehaftet und nach einem holzhammerartig vorgetragenen Moralstück, wie es sich auch im Film gestaltet. Es wird jedoch noch vom Finale getoppt, wenn Doolin kurz vor Ende urplötzlich einen erneuten Sinneswandel hinlegt, der den Betrachter mit dem Beigeschmack zurücklässt, dass man sich die gesamte Erzählung eigentlich auch hätte sparen können, wenn die – sowieso von vornherein absehbare – Läuterung am Ende dann doch so dermaßen einfach und ohne jeglichen neuen Anlass funktioniert.

Manche Dinge verlernt man nie

Ursprünglich sollte der Film tragisch enden, doch das Studio entschied sich für die Variante, dass Doolin auf alles gute Zureden am Ende plötzlich einfach doch positiv reagiert und sich dem Pfad der Tugend auf eine Weise öffnet, für die er vorher schon 80 Minuten lang jederzeit die Möglichkeit gehabt hätte. Man hätte dem Autor – zumindest an dieser Stelle – besser nicht ins Handwerk gefuscht. Murphys damals gerade merklich wachsender Popularität als Filmstar damit Rechnung tragen zu wollen, dass man den Film in den Schlussminuten mit zusätzlicher Inkonsequenz strafte – binnen weniger Momente überlegt er sich gewissermaßen beim Laufen von A nach B plötzlich doch noch einmal alles anders –, war eine reichlich absurde und widersprüchliche Idee. Ein episches Ende mit angemessener Tragik hätte ihm sicher mehr positive Mundpropaganda verschafft als ein banales ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Als ob ein Film nur dann ein positives Fazit hinterlassen kann, wenn der Held am Ende überlebt – leider alles sehr kurzsichtig geplant.

Alles auf eine Karte

Nein, es stimmt nicht, sondern ist ein Gerücht, dass klassische Filme oder Western häufig so simpel gestrickt sind. Dieser Film ist schlicht und ergreifend, zumindest von der Glaubwürdigkeit der Handlung her, einer der eher schwachen Vertreter, die das Genre in den 50ern hervorgebracht hat. Zumindest unter den auf den ersten Blick eigentlich nach mehr aussehenden Technicolor-Farbfilmen handelt es sich bei „Flucht vor dem Tode“ um eine Produktion, die qualitativ tendenziell ins untere Mittelfeld gehört, auch wenn es zweifelsohne trotzdem eine Reihe weitaus mehr enttäuschender, wesentlich billiger produzierter Western aus der damaligen Zeit gibt, welche, im Gegensatz zu diesem Film, zudem auch visuell nicht überzeugen. Nichtsdestotrotz sind es Filme wie „Flucht vor dem Tode“, die dem klassischen Kino unverdient den Ruf einbringen, dass es seine Geschichten zu oft zu naiv erzählt hat.

Kann seine Liebste ihn zur Vernunft bringen?

Von manchen Filmen erwartet man vielleicht auch einfach nicht mehr und muss auch nicht mehr erwarten – billig abgespulte Streifen gab es damals wie heute in rauen Mengen –, aber von einer Regiearbeit von Budd Boetticher für Universal, mit einem bekannten Westernstar und in Technicolor kann man mehr erwarten. Gerade Murphy hat durchaus beträchtlichen Anteil am Scheitern des Films, da er weder als Bandit in Aktion noch als läuterungswilliger Bandit überzeugt – abgesehen von der ersten Szene vielleicht, in den wenigen Minuten bevor die Figur anfängt sich in einer Reihe von Widersprüchlichkeiten und einer Kette von Zufällen und Fehlentscheidungen zu verstricken. Der Film ist so massiv auf die Hauptfigur zugeschnitten, dass er selbst abgesehen von den Oberflächlichkeiten, die sich im Drehbuch tummeln, ohne überzeugenden Hauptdarsteller, dem man den geschilderten Leidensweg abkauft, hoffnungslos verloren ist. Rory Calhoun oder Dale Robertson wäre die Rolle zuzutrauen gewesen, Murphy jedoch gelingt es nicht, ein Interesse am Schicksal der Figur zu wecken – und das wäre selbst im Falle einer ansonsten überzeugend erzählten Geschichte noch problematisch. Wer mehr zu Audie Murphy als Person und Schauspieler wissen möchte, dem sei an dieser Stelle Dirk Ottelübberts Text zu „Sieben Wege ins Verderben“ (1960) ans Herz gelegt.

Versteckspiel mit den Daltons

Wenn die Chemie mit dem Hauptdarsteller nicht passt, orientiert man sich als Zuschauer naturgemäß an anderen Figuren. Der Film hat davon einige zu bieten, geht aber leider wenig in die Tiefe. Eine positive Ausnahme bildet der vom afro-amerikanischen Schauspieler Frank Silvera verkörperte Stacey Marshall – eine Figur, die sich bemerkenswert weit abseits aller Klischees für Rollen im klassischen US-Kino bewegt, die sonst häufig von Afro-Amerikanern erfüllt wurden. Was die Hauptfigur an bodenständigen Idealen und vor allem Konsequenz vermissen lässt, bietet immerhin dieser Stacey Marshall in den wenigen Szenen, die ihm zur Verfügung standen. Sehenswert ist auch Yvette Duguay in der Rolle der Cimarron Rose, die für die tragischen Entwicklungen im Film das meiste Mitgefühl weckt. Sonstige Nebenrollen sind zwar mit diversen wirklich verdienstvollen bekannten Namen wie Noah Beery Jr., Leif Erickson, Roy Roberts, Frank Ferguson, James Best, Hugh O’Brian und John Bromfield gespickt, die ihre Rollen nach Kräften spielen, aber denen das Drehbuch kaum Spielräume für Tiefgründigkeit oder wenigstens Kabinettstückchen jedweder Art an die Hand gab.

Die Bande auf dem Weg zum nächsten Coup

Dass man in der deutschen Fassung zudem die Daltons – eine historisch berüchtigte Banditenfamilie, die später in den Lucky-Luke-Comics ein Denkmal gesetzt bekam – in Kingstons umbenannte, passt bei diesem in einfach zu vielen Belangen oberflächlichen Film ins Gesamtbild. So wurde er hierzulande auch noch des einzigen Faktors beraubt, der ihn auf eine einigermaßen realitätsnahe Ebene zu befördern vermochte. Ansonsten ist die Synchronfassung immerhin sehr gelungen und wertet den Film unter dem Strich eher auf, als dass sie ihm schadet. Bemerkenswert, dass Eckart Dux, der damals als Stammsprecher von Audie Murphy etabliert wurde, heute immer noch aktiv ist und zuletzt die Rolle des Gandalf in der „Hobbit“-Trilogie vom verstorbenen Joachim Höppner übernommen hat. Zuvor war er beispielsweise jahrelang als Stimme von Jerry Stiller in „King of Queens“ zu hören. Dux, der seit 1950 regelmäßig als Synchronsprecher zu erleben ist, steht kurz vor seinem 70-jährigen Dienstjubiläum hinter dem Mikrofon – von sonstigen Tätigkeiten als Schauspieler ganz zu schweigen. Hut ab!

Für eingefleischte Western-Fans empfehlenswert

Wer die Bildsprache klassischer Technicolor-Western liebt oder sich an den vielen guten Charakterdarstellern des Genres nicht sattsehen kann, macht mit dem Film trotz allem nichts verkehrt. Und für filmhistorisch Interessierte ist er als erster Genre-Beitrag und erster Farbfilm von Budd Boetticher sogar ein absolutes Muss – Boetticher erlangte später durch den Ranown-Zyklus den Ruf, einer der wichtigsten Regisseure des B-Westerns im Hollywood der 50er-Jahre gewesen zu sein. Highlight des Bonusmaterials ist bei der „Edition Western Legenden“ von Koch Films wie üblich das Booklet. Etwas schade für Liebhaber des klassischen Filmgenusses ist lediglich, dass das restaurierte Bild zwar vollständig, aber – wie leider bei einigen Restaurationen von US-Filmen der 50er, aber auch anderen Klassikern zu erleben – nur noch zentriert in einem 16:9-Bildkader wiedergegeben wird, obwohl der Film in 1,37:1 gedreht wurde; dem Format also, das im Volksmund besser als „Vollbild“ bekannt ist. Mit anderen Worten: Spielt man die DVD über einen Röhrenfernseher oder sonstigen am 4:3-Format orientierten Bildschirm ab, wird das Bild nicht etwa bildfüllend wiedergegeben, sondern hat stattdessen an allen vier Seiten dicke schwarze Balken, während ein in 16:9 gedrehter Film selbige Balken nur oben und unten hätte. Das Bild ist also praktisch kleiner als es sein müsste. Warum manche Klassiker restauriert nur in dieser Form veröffentlicht werden, während andere bildfüllend im richtigen Format und in restaurierter Qualität auf dem Bildschirm erscheinen, ohne dass man extra den Zoom betätigen muss, erschließt sich mir nicht. Auch in der „Edition Western Legenden“ war es bisher eigentlich üblich, dass restaurierte, in 1,37:1 gedrehte Filme auf DVD nicht in einer für 16:9 optimierten Bildfassung veröffentlicht wurden. Dieses Phänomen ist wohlgemerkt nicht damit zu verwechseln, dass manche in Vollbild gedrehte Klassiker im Fernsehen zuweilen mit fehlenden Bildinhalten am oberen und unteren Rand gezeigt werden, damit sie auf einem 16:9-Fernseher bildfüllend erscheinen. In diesem Fall sind die oberen und unteren Ränder des Bildes abgeschnitten bzw. wird der Film praktisch so weit gezoomt, dass rechts und links die Bildränder des 16:9-Fernsehers erschlossen werden, was allerdings dazu führt, dass oben und unten Bildinhalte verschwinden. Dies ist ein ähnlich geartetes, noch größeres Problem. Das Bild ist beim vorliegenden Film, wie gesagt, immerhin durchaus vollständig enthalten, jedoch gewissermaßen in der Mitte eines 16:9-Bildes zentriert, das rechts und links mit schwarzen Balken vervollständigt wird. Das macht auf einem Breitbild-Fernseher letztlich keinen Unterschied zu jedem anderen Vollbild-Film, da diese dort sowieso immer automatisch so zentriert wiedergegeben werden, sieht auf älteren Geräten oder vollbildnahen Computerbildschirmen aber leider merkwürdig nach Guckkasten-Kino aus, wenn sich an allen vier Seiten des Bildes schwarze Balken befinden. Wohl dem, der eine gute Zoom-Funktion an seinem Gerät zur Verfügung hat, um die Größe seines Bildschirms voll ausnutzen zu können, ohne es qualitativ ausbaden zu müssen. Da diese Filme nicht in 16:9 gedreht wurden, ist es schade, dass sich die Bildausgabe nicht zumindest bei der DVD – wenn schon nicht bei den per se für 16:9-TV optimierten Blu-rays – am Original orientiert. Was bildfüllend gedacht war, sollte wenigstens auf dem passenden Bildschirm auch wirklich bildfüllend aussehen. Wenn es allerdings nicht einmal auf dem passenden Bildschirm so aussieht, ist das bedauerlich.

Eine Kleinigkeit zu übersehen, kann tödlich enden

Die „Edition Western Legenden“ von Koch Films:

01. Die weiße Feder (White Feather, 1955)
02. Rache für Jesse James (The Return of Frank James, 1940)
03. Der letzte Wagen (The Last Wagon, 1956)
04. Union Pacific (Union Pacific, 1939)
05. Rio Conchos (Rio Conchos, 1964)
06. Schieß zurück Cowboy (From Hell to Texas, 1958)
07. Herrin der toten Stadt (Yellow Sky, 1948)
08. Die schwarze Maske (Black Bart, 1948)
09. Ritt zum Ox-bow (The Ox-Bow Incident, 1943)
10. 100 Gewehre (100 Rifles, 1969)
11. Shoot Out – Abrechnung in Gun Hill (Shoot Out, 1971)
12. Der große Aufstand (The Great Sioux Uprising, 1953)
13. Der Tag der Vergeltung (Untamed Frontier, 1952)
14. Duell mit dem Teufel (The Man from Bitter Ridge, 1955)
15. Grenzpolizei Texas (The Texas Rangers, 1936)
16. El Perdido (The Last Sunset, 1961)
17. Trommeln des Todes (Apache Drums, 1951)
18. Drei Rivalen (The Tall Men, 1955)
19. Quantez, die tote Stadt (Quantez, 1957)
20. Reiter ohne Gnade (Kansas Raiders, 1950)
21. Die Höhle der Gesetzlosen (Cave of Outlaws, 1951)
22. Western Union (Western Union, 1941)
23. Ritt in den Tod (Walk the Proud Land, 1956)
24. Vorposten in Wildwest (Two Flags West, 1950)
25. Santiago der Verdammte (The Naked Dawn, 1955)
26. Verschwörung auf Fort Clark (War Arrow, 1953)
27. Vom Teufel verführt (The Rawhide Years, 1955)
28. Der große Bluff (Destry Rides Again, 1939)
29. Gold aus Nevada (The Yellow Mountain, 1954)
30. Rivalen im Sattel (Bronco Buster, 1952)
31. Feuer am Horizont (Canyon Passage, 1946)
32. Noch heute sollst du hängen (Star in the Dust, 1956)
33. Frisco Express (Wells Fargo, 1937)
34. Schieß oder stirb (Gun for a Coward, 1957)
35. Der große Minnesota Überfall (The Great Northfield, Minnesota Raid, 1972)
36. Mit roher Gewalt (The Spoilers, USA 1955)
37. Die Welt gehört ihm (The Mississippi Gambler, USA 1953)
38. Rebellen der Steppe (Calamity Jane and Sam Bass, USA 1949)
39. Der Vagabund von Texas (Along Came Jones, USA 1945)
40. Auf verlorenem Posten (The Lone Hand, USA 1953)
41. California (California, USA 1947)
42. Der blaue Mustang (Black Horse Canyon, USA 1954)
43. Die Meute lauert überall (Raw Edge, USA 1956)
44. Rächer der Enterbten (The True Story of Jesse James, USA 1957)
45. Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)
46. Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
47. Stunden des Terrors (A Day of Fury, USA 1956)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Audie Murphy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 11. Mai 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: The Cimarron Kid
USA 1952
Regie: Budd Boetticher
Drehbuch: Louis Stevens
Besetzung: Audie Murphy, Beverly Tyler, James Best, Yvette Duguay, John Hudson, Hugh O’Brian, Roy Roberts, David Wolfe, Noah Beery Jr., Leif Erickson
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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