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Get Out – Rassismus als Horrorthema in verstörendem Genremix

08 Mai

Get Out

Kinostart: 4. Mai 2017

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Ein Schwarzer geht spätabends durch ein Vorortviertel. Neben ihm hält ein weißer Sportwagen. Der Mann dreht um, aber zu spät: Der Fahrer überwältigt und entführt ihn.

Rose stellt Chris …

Nach diesem beunruhigenden Prolog setzen Vorspann und Haupthandlung ein: Der junge New Yorker Fotograf Chris Washington (Daniel Kaluuya) fährt mit seiner Freundin Rose Armitage (Allison Williams) zu ihren Eltern. Der Afroamerikaner Chris ist besorgt, weil Rose auf seine Frage anführt, ihrer wohlhabenden weißen Familie nicht berichtet zu haben, dass er schwarz ist. Sein Kumpel Rod (LilRel Howery) warnt ihn sogar vor dem Trip. Rose beruhigt Chris, und bei der Ankunft scheinen sich seine Sorgen in Luft aufzulösen. Missy und Dean Armitage (Catherine Keener, Bradley Whitford) begrüßen den jungen Mann freundlich, und es scheint, als spiele die unterschiedliche Hautfarbe keinerlei Rolle. Tatsächlich spielt sie es unterschwellig von Anfang an, und sei es, dass Dean Chris gegenüber angesichts der Hausangestellten Georgina (Betty Gabriel) erwähnt, wie klischeehaft das doch sei: eine weiße Familie mit schwarzen Bediensteten – auch Gärtner Walter (Marcus Henderson) erweist sich als Afroamerikaner. Und natürlich bleibt nicht unerwähnt, dass die Armitages Obama gewählt haben.

… ihren Eltern vor

Jordan Peele ist bislang lediglich als Schauspieler und Drehbuchautor in Erscheinung getreten, und das in erster Linie fürs US-Fernsehen – für die von ihm auch mitproduzierte Comedy-Serie „Key and Peele“ gab’s 2016 einen Emmy. Sein Regiedebüt „Get Out“ hat es nach der Premiere beim Sundance Film Festival Anfang des Jahres gleich ins Kino geschafft. Es gelingt Peele von Beginn an, die vermeintlich freundliche Atmosphäre, in der sich Chris bewegt, mit minimal neben der Spur liegenden, verunsichernden Elementen anzureichern – zum Beispiel dem nach einem Wildunfall herbeigerufenen Polizeibeamten, der auch Chris‘ Ausweis verlangt, obwohl Rose gefahren ist. Beim abendlichen Dinner im Kreis der Familie bewundert Roses angetrunkener Bruder Jeremy (Caleb Landry Jones) Chris‘ „natürliche Athletik“, mit der er sich gut zum Ultimate Fighter eigne. Weitere Begegenheiten steigern die verstörende Atmosphäre ins Unangenehme. Da sind wir als Zuschauer dann auch schon mal peinlich berührt, was dazu beitragen mag, dass „Get Out“ trotz seiner unbestreitbaren Qualität bei einer nennenswerten Zahl von Kinogängern nicht gut ankommt.

Die Eheleute Armitage geben sich betont liberal

Hinzu kommt, dass wir es mit einem Hybrid zu tun haben: Wer ein Rassismusdrama erwartet, wird „Get Out“ womöglich angesichts der sich im Verlauf mehrenden Horrorelemente ablehnen. Wer auf einen Horrorschocker hofft, wird das Drama vielleicht als zu harmlos ablehnen. Die Gewaltausbrüche gegen Ende sind vergleichsweise harmlos inszeniert – da bleibt recht viel außerhalb des Bildrandes. Es ist auch keineswegs erforderlich, alles zu zeigen, aber für viele Horrorfreunde gehört das ja zum guten Ton. An sich ist sogar ein weiteres Genre zu nennen, aber das würde an dieser Stelle zu viel verraten, aber gleichzeitig verwirren, also lasse ich es.

Auf einer Gartenparty …

Wer sich ernsthaft auf „Get Out“ einlässt, wird nicht umhin kommen, dessen Qualitäten anzuerkennen – eben die eines intelligenten Hybrids, der zum einen mit satirischem Unterton unbequeme Fragen zum alltäglichen Rassismus aufwirft; zum anderen dreht das Drama mit cleveren Wendungen auf kluge Weise an der Spannungsschraube. Die Auflösung mag konstruiert sein, das ändert aber nichts am Realitätsbezug der Story. Der wird sehr gelungen transportiert, sodass die überzogene Auflösung nicht weiter stört. Das ist schon alles rund. Über weite Strecken erleben die Zuschauer aus der Perspektive des Protagonisten Chris, wie es wohl ist, als junger Schwarzer einem alltäglichen Rassismus ausgesetzt zu sein, der sich zu allem Überfluss auch noch daraus speist, dass die Eheleute Armitage ihre liberale und betont antirassistische Haltung zur Schau stellen.

… hat der junge Fotograf eine sonderbare Begegnung

Ein Hinweis am Ende: Lest nicht zu viel über „Get Out“, bevor Ihr ihn gesehen habt – aber im Anschluss umso mehr, beginnend gern beim deutschen Wikipedia und dessen englischem Pendant. Aber wirklich erst nach Sichtung des Films! Im Netz finden sich viele aufschlussreiche Informationen, darunter zu einem alternativen Ende. So oder so: „Get Out“ kann durchaus als Kommentar zu rassistischen Vorfällen der jüngsten Vergangenheit in den USA verstanden werden. Ein Horrordrama thematisiert gesellschaftliche Missstände – das ist nicht ungewöhnlich. Dass es Rassismus ist, ist schon seltener. Umso besser!

Was geht in der Hausdienerin Georgina vor?

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Get Out
USA 2017
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Besetzung: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford, Catherine Keener, Caleb Landry Jones, LilRel Howery, Marcus Henderson, Betty Gabriel, Lakeith Stanfield, Stephen Root
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

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5 Kommentare

Verfasst von - 2017/05/08 in Film, Kino, Rezensionen

 

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5 Antworten zu “Get Out – Rassismus als Horrorthema in verstörendem Genremix

  1. massi

    2017/05/08 at 22:27

    Danke für die Rezension, und den Tipp mit der Wikiseite. Diese lag seit Tagen schon bereit zum Lesen auf meinem Desktop, jetzt geb ich mir die aber erst nach Sichtung des Filmes.

     
    • V. Beautifulmountain

      2017/05/09 at 07:22

      Gern. Als Filmrezensent weiß ich schon lange, dass es sich bei Wiki eingebürgert hat, Filminhalte vollständig zu erzählen, weil ich im Netz recherchiere und Wiki oft mein zweiter Anlaufpunkt nach der IMDb ist. Aber wer vor Sichtung des Films den Wiki-Text liest, bringt sich oft um einiges. Ich habe das in diesem Fall auch erst im Anschluss gemacht und auch vorher nicht nachgelesen, wie denn das alternative Ende aussieht, was sich im Netz recht einfach finden lässt.

       
      • massi

        2017/05/09 at 20:56

        Dito, Wiki ist bei vielen Filmen oft Anlaufstelle No. 2, 3. Für gewöhnlich lass ich die Inhaltsangabe dann einfach außen vor, um unnötige Spoiler zu vermeiden. In diesem Fall war der Artikel aber allgemein so umfangreich und interessant, dass ich fast schwach geworden wäre.

         
  2. V. Beautifulmountain

    2017/05/08 at 15:40

    Hallo Wulf,

    es ist bei Genre-Mixen oft schwierig, sich auf eines festzulegen. Mein Autor Andreas, der GET OUT auch schon gesehen und meine Rezension Korrektur gelesen hat, plädiert aufgrund der satirischen Elemente auf Horrorkomödie. Dafür war es mir aber nicht komödiantisch genug. Drama passt natürlich, Science-Fiction ebenfalls, das Wort habe ich in der Rezension aber bewusst vermieden. Psychothriller ist auch dabei. Letztlich habe ich Horrordrama gewählt, weil der von vielen mit dem Stempel Horror versehen wird – und weil mir das die Möglichkeit gibt, meinen Text in der Horrorgemeinde zu promoten. 😉

     
  3. Wulf Brandt

    2017/05/08 at 06:56

    Hi Volker, ich habe den Film bereits vor einigen Wochen in England gesehen und stimme ziemlich mit deiner Rezi überein. In das Horrorgenre hätte ich den Film jedoch zu keiner Zeit eingeordnet (auch wenn das offiziell mit angegeben sein mag). Drama, Psycho, ne Prise mediziner Science Fiction, Thriller (im weitesten Sinne)… auf jeden Fall sehr verstörend. Die Kritik, die du ansprichst, ist selbstverständlich klar erkennbar. Auf jeden Fall fühlte ich mich gut unterhalten und war am Ende doch immer noch gechockt ob des wirklichen Hintergrundes der Story (obwohl es im Nachhinein betrachtet) genügend HInweise gegeben hätte.

     

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