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Archiv für den Monat Juni 2017

Sommerfest – Für Heimatfans und Jugendlieben

Sommerfest

Kinostart: 29. Juni 2017

Von Iris Janke

Komödie // „Sommerfest“ ist eine Hommage an das Ruhrgebiet. Sönke Wortmanns („Kleine Haie“, „Frau Müller muss weg“) Film nach dem Roman von Frank Goosen („Radio Heimat – Damals war auch scheiße!“) ist aber auch eine Geschichte für alle Rückkehrer in die alte Heimat, für alle, die sich gern daran erinnern, wie das damals eigentlich war und was aus der Jugendliebe von einst geworden ist.

Zwei, die sich schon ewig kennen: Stefan und Charlie

Es geht um Stefan (Lucas Gregorowicz), ein inzwischen erwachsener Ruhrgebietsjunge, der sein Glück in München als Schauspieler gesucht und gefunden hat und wieder zu verlieren droht, weil sein Vertrag am Theater nicht verlängert wird. Als sein Vater stirbt, muss er in seine alte Heimat Bochum zurückkehren – schnell, noch im Theaterkostüm. Er steht vor der schweren Aufgabe, innerhalb von vier Tagen seinen Vater zu beerdigen und das elterliche Haus zu verkaufen. Denn schon am Montag soll der Schauspieler zurück in München sein – so will es seine Agentin, denn dort findet ein Casting für eine TV-Soap statt.

Wie in alten Zeiten: Toto (l.) Stefan auf der B 1 – oder A 40

Wieder in Bochum stellt Stefan fest, dass sich in den zehn Jahren seiner Abwesenheit nichts verändert hat. Sein Freund Toto (Nicholas Bodeux) bittet ihn, am Samstagmorgen einen Schrank aus einer heruntergekommenen Industriebrache abzuholen, irgendwo in der Pampa des Ruhrgebiets. Frank (Peter Jordan), ebenfalls seit einer gefühlten Ewigkeit Stefans Freund, ist noch immer – mehr oder weniger glücklich – mit Karin (Sandra Borgmann) verheiratet und kann sich noch immer nicht aus der vertrauten Bergarbeiterumgebung lösen. Klar, dass das Thema Fußball nicht zu kurz kommt, die Schrebergartensiedlung, die Currywurstbude, Industrieruinen, wie auch in den Himmel staksende, längst erloschene Schornsteine und die Autobahn A 40, ehemals B 1, nicht fehlen. Seine Jugendliebe Charlie (Anna Bederke), nach der jeder Stefan fragt: „Hast du Charlie schon gesehen“, lange bevor sie überhaupt auf der Leinwand erscheint, zieht sich als roter Faden durch den gesamten Film.

Ein Paar seit Jugendzeiten: Frank und Karin

„Sommerfest“ ist eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet, sowohl von Autor Frank Goosen als auch von Regisseur Sönke Wortmann, der mit Goosens Roman als Basis das Drehbuch schrieb. Beide sind echte Ruhrgebietskinder. Wortmann ist in Marl aufgewachsen, am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, Richtung Münsterland. Für das Schauspielstudium ging er nach München – wie Stefan, die Hauptfigur des Films. Autor Goosen selbst stammt aus Bochum, wie sein Romanheld Stefan. Und auch Hauptdarsteller Lucas Gregorowicz wuchs in der Ruhrgebietsstadt Bochum auf. Überaus gelungen ist zudem die Besetzung der Nebenrollen mit Anna Bederke, Peter Jordan, Sandra Borgmann und Nicholas Bodeux als alte Freunde. Newcomerin Jasna Fritzi Bauer („Axolotl Overkill“) sorgt als junge Sängerin Mandy mit rauchiger Stimme für einen starken Bezug zur Gegenwart.

Verzaubert noch immer alle: Charlie

Beste Voraussetzungen also für eine echte Liebeserklärung an das Ruhrgebiet. Kritiker mögen nun sagen: Vielleicht sind alle drei – Regisseur, Autor und Hauptdarsteller – einfach zu nah dran am Puls des Geschehens. Und klar, “Sommerfest“ ist voller Klischees. Aber vielleicht sind es gerade diese Klischees und der immer wiederkehrende trockene Humor, die dem Film das echte Ruhrgebietsflair verleihen – etwa die Sprüche alter Bekannter Stefans: „Ach, du bist Schauspieler? Muss man dich kennen?“

Zwei, die einander verstehen: Sängerin Mandy und Stefan

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Sommerfest
D 2017
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Sönke Wortmann, nach dem Roman von Frank Goosen
Besetzung: Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Nicolas Bodeux, Peter Jordan, Sandra Borgmann, Markus John, André Rohde, Jasna Fritzi Bauer, Thomas Loibl, Tom Trambow
Verleih: X Verleih AG

Copyright 2017 by Iris Janke

Filmplakat & Trailer: © 2017 X Verleih AG, Fotos: © 2016 X Verleih AG / Tom Trambow

 

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Split – Zurück zu alter Form

Split

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Nach zahlreichen teuren Kassenflops betätigte der einst so hoch gepriesene Filmemacher M. Night Shyamalan 2015 frustriert die Reset-Taste. Ohne Stars und mit einem bescheidenen Budget inszenierte der „The Sixth Sense“-Regisseur mit der Horrorkomödie „The Visit“ ein Werk, bei dem leichte Hoffnung aufkeimte, dass der Spannungsmeister doch noch einmal die Kurve kriegen könnte. Tatsächlich gelang es ihm mit seinem nächsten Film „Split“, die gesteigerten Erwartungen sogar zu übertreffen. Die Kritiker zeigten sich größtenteils begeistert und an den Kinokassen spielte der raffinierte Horrorthriller weltweit mehr als 275 Millionen US-Dollar ein. 1,2 Millionen Zuschauer strömten in die deutschen Kinos.

Kevin leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung

Nachdem die Teenager Casey (Anya Taylor-Joy), Claire (Haley Lu Richardson) und Marcia (Jessica Sula) von einem fremden Mann überfallen und narkotisiert wurden, erwachen sie in einem teilweise frisch renovierten Keller. Zwei Betten stehen in dem kargen Raum, ein kleines Badezimmer ist vorhanden. Ihr Entführer (James McAvoy) stellt sich ihnen zunächst als Dennis vor. Als der Kidnapper später in Frauenkleidung zu seinen Geiseln zurückkehrt und sich kurz darauf wie ein kleiner Junge benimmt, bemerken die jungen Frauen, dass sie es offenbar mit einem schwer gestörten Mann zu tun haben. Nur die Therapeutin Dr. Karen Fletcher (Betty Buckley) weiß über den Zustand ihres Patienten Kevin Bescheid. Er leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Dennis, die Frau Patricia und der neunjährige Junge Hedwig sind nur drei von insgesamt 23 Individuen, die in ihm beherbergt sind und abwechselnd seinen Geist und Körper kontrollieren.

Twists in kleinen Dosen

Nach langer Durststrecke stellt „Split“ für M. Night Shyamalan endlich eine Rückkehr zur alten Form dar. Seine berühmten Twists serviert er diesmal bewusst in kleinen Dosen, nicht wie üblich am Ende mit einem Paukenschlag. Sein Handwerk hatte der Filmemacher ja nie verlernt. Auch seine schwächeren Filme lebten immer von einer spannenden Atmosphäre. Nur seine Geschichten waren zumeist einfach zu unausgegoren oder zu abstrus – man denke nur an „The Happening“ (2008). In „Split“ stimmt beides. Mit Ausnahme des Beginns und einigen Sitzungen in Dr. Fletchers Zuhause, spielt sich ein Großteil der Handlung in den Räumen des Kellergeschosses ab. In diesem Mikrokosmos lebt Kevin mit seiner „Horde“, wie er zusammenfassend seine verschiedenen Persönlichkeiten nennt, und wo er seine drei Geiseln gefangen hält.

Die jungen Frauen ergeben sich keineswegs untätig ihrem Schicksal. Sie setzen sich durchaus zur Wehr und versuchen, einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden. Dabei kommt Casey – dargestellt von der wieder einmal großartigen Newcomerin Anya Taylor-Joy („The Witch“) – eine besondere Rolle zu: In Rückblenden erfahren wir nach und nach mehr aus ihrer schwierigen Kindheit und warum sie es so gut versteht, den richtigen Moment zur Gegenwehr abzuwarten oder auch auf Kevin als neunjähriger Hedwig beeinflussend einzureden.

Casey (l.) versucht ihren Entführer mit Worten zu beeinflussen

Doch ohne die überragende Leistung von James McAvoy („X-Men – Apocalypse“) würde „Split“ kaum so gut funktionieren. Er pendelt nur minimal zwischen den verschiedenen Figuren, die er verkörpert. Neben anderer Kleidung oder anderem Gang sind es diese kleinen Nuancen, mit denen es ihm gelingt, dass jeder einzelne Charakter zu einer echten Persönlichkeit mit Hintergrundgeschichte wird. Gleichzeitig entwickelt sich sein Kevin durch die Persönlichkeitsstörung zu einem äußerst gefährlichen, weil unberechenbaren Bösewicht.

Der Fall des Billy Milligan

Wer solch eine extreme Störung ins Reich der Fiktion verbannt, sollte sich mit dem Fall von Billy Milligan vertraut machen, der für Shyamalans Drehbuch als Inspiration diente. Der US-Amerikaner beging in den 1970er-Jahren bewaffnete Raubüberfälle, wurde wegen dreier Vergewaltigungen festgenommen und in Ohio vor Gericht gestellt. Die von der Verteidigung eingesetzten Psychologen konnten nachweisen, dass bei Milligan eine Geisteskrankheit vorlag: 24 verschiedene Persönlichkeiten lebten ihrer Ansicht nach in seinem Gehirn. Mindestens eine davon sei für die Verbrechen verantwortlich gewesen. Milligan habe nicht gewusst, was er tat und könne auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Statt ins Gefängnis wurde er in eine Psychiatrie eingewiesen. Seine Geschichte schildert Daniel Keyes in der Biographie „Das Leben des Billy Milligan“.

Nur Dr. Fletcher weiß über Kevins Zustand Bescheid

Neben seinem obligatorischen Cameo-Auftritt kann Shyamalan den Twist am Filmende dann auch diesmal nicht komplett aussparen. Aber dieser stellt nicht wie üblich die gesamte Handlung auf den Kopf, sondern lässt das übergeordnete Geschehen nur in einem etwas anderen Licht erstrahlen. Auf die bereits bestätigte Fortsetzung darf man gespannt sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von M. Night Shyamalan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit James McAvoy in der Rubrik Schauspieler.

Casey auf der Flucht

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als 4k-UHD, Blu-ray und DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Split
USA/JAP 2016
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Besetzung: James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Kim Director, Haley Lu Richardson, Betty Buckley, Jessica Sula, Izzie Coffey, Brad William Henke, Sebastian Arcelus
Zusatzmaterial: alternatives Ende, unveröffentlichte Szenen, Making-of, Die vielen Gesichter des James McAvoy, Aus der Sicht des Filmemachers: M. Night Shyamalan
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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The Editor – Der erste Giallo aus Kanada

The Editor

Von Andreas Eckenfels

Horrorkomödie // Bereits mit ihrem ersten Langfilm sorgte die kanadische Produktionsfirma Astron-6 für Furore: Ähnlich wie Jason Eisener mit „Hobo with a Shotgun“ (2011) erregten die Filmemacher Matthew Kennedy, Conor Sweeney, Adam Brooks, Jeremy Gillespie und Steven Kostanski („The Void“) mit einem Fake-Grindhouse-Trailer das Interesse eines Filmproduzenten. Es handelte sich um keinen Geringeren als Lloyd Kaufmann, seines Zeichens Gründer der legendären Billigfilm-Kultschmiede Troma Entertainment. Für 10.000 US-Dollar durften sie „Father’s Day“ (2011) drehen, der unter Genrefans gefeiert und beim Toronto After Dark Film Festival 2011 mit fünf Preisen bedacht wurde. Kurze Zeit später ereilte den Film allerdings das gleiche Schicksal wie „Hobo with a Shotgun“: Aufgrund der gezeigten Gewaltausbrüche wurde „Father’s Day“ in Deutschland kurz nach der Heimkino-Veröffentlichung auf den Index gesetzt.

Der einst gefeierte Filmeditor Rey Ciso verlor auf tragische Weise vier Finger

In „The Editor“ geht es nicht ganz so deftig und geschmacklos zur Sache. Dennoch ist es überraschend – und sehr erfreulich –, dass die Hommage an das Giallo-Genre mit ihren grotesken Mordszenen hierzulande ungeschnitten ab 16 Jahren freigegeben wurde. Ein Großteil der Filmemacher des Astron-6-Teams ist erneut in Mehrfachfunktion als Regisseur, Darsteller oder Drehbuchautor im Einsatz gewesen. Diesmal hatte das Team stolze 100.000 Dollar als Budget zur Verfügung.

Filmeditor unter Mordverdacht

Einst galt Filmeditor Rey Ciso (Adam Brooks) als einer der größten Meister seines Faches. Doch seit einem folgenschweren Unfall, bei dem er vier Finger verlor, muss er sich nun mit dem Schnitt von Schundfilmen über Wasser halten. Als ein Serienkiller die Darsteller des Machwerks, an dem er gerade arbeitet, nach und nach abmurkst, gilt Rey für Kommissar Porfiry (Matthew Kennedy) bald als Hauptverdächtiger. Um seine Unschuld zu beweisen, muss Rey den wahren Täter auf eigene Faust überführen.

Dr. Casini kümmert sich um Rey

Dass die Jungs von Astron-6 leidenschaftliche Filmfans sind, merkt man „The Editor“ jede Sekunde an. Die derzeit vorherrschende Retro-Welle nutzen sie dazu, dem Giallo ihre Ehre zu erweisen. Das Team versteht sein Handwerk und weiß auch das bescheidene Budget bestmöglich einzusetzen. Von der Bildsprache über die Musik bis hin zum Legen falscher Fährten und den brutalen Morden aus der Egoperspektive des Killers findet man die formalen Merkmale des Genres perfekt wieder.

Absichtlich unfreiwillig komisch

Doch Vorsicht sei geboten: Wer einen ernstzunehmenden Thriller erwartet, sollte Abstand halten. Die Macher sind nicht groß an Spannungsaufbau interessiert, vielmehr spielen sie genüsslich mit den Elementen, die für heutige Verhältnisse in den italienischen Thrillern- und Horrorfilmen der 60er- und 70er-Jahre häufig unfreiwillig komisch wirken. Das Spiel der Darsteller ist mit voller Absicht extra hölzern geraten, die eingestreuten Sexszenen wirken etwas deplatziert und zumindest in der von mir gesichteten englischen Originalfassung wurden auch die meisten Dialoge ebenso mies nachsynchronisiert, wie es auch damals üblich war.

Die Mordserie am Filmset reißt nicht ab

Besonders Giallo-Fans werden ihren Spaß an dieser Persiflage haben und auch die zahlreichen Anspielungen auf die Klassiker von Dario Argento, Lucio Fulci oder Paolo Cavara mit Vergnügen zur Kenntnis nehmen. Dazu konnten für den laut den Machern „ersten Giallo aus Kanada“ auch Udo Kier und Laurence R. Harvey („The Human Centipede II (Full Sequence)“) für Gastauftritte gewonnen werden.

Zitate wie aus Fulcis „Über dem Jenseits“ sind in „The Editor“ allgegenwärtig

Veröffentlichung: 23. Juni 2017 als Blu-ray, DVD und Limited Mediabook Edition (Blu-ray und DVD, limitiert auf 3.500 Stück)

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Editor
KAN 2014
Regie: Adam Brooks, Matthew Kennedy
Drehbuch: Adam Brooks, Matthew Kennedy, Conor Sweeney
Besetzung: Adam Brooks, Matthew Kennedy, Conor Sweeney, Paz de la Huerta, Samantha Hill, Brett Donahue, Udo Kier, Laurence R. Harvey, Jerry Wasserman
Zusatzmaterial: Trailer, Making-of, Featurettes
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshots: © 2017 Al!ve AG / Pierrot Le Fou

 

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