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Die Weibchen – Der Kannibalenfilm mit Uschi Glas

03 Jun

Die Weibchen

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Mit der „Drop Out“-Reihe würdigt das feine Kölner Label Bildstörung regelmäßig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Filmperlen. Nummer 28 der Reihe kommt dabei mit einer äußerst kuriosen Werbebotschaft daher: „Die Weibchen“ des tschechischen Regisseurs Zbyněk Brynych aus dem Jahr 1970 sei „der Kannibalenfilm mit Uschi Glas“. Wer kann da schon widerstehen?

Eve will sich im Kurort Bad Marein erholen

„Es sind die Nerven“, so meint es wenigstens die Ärztin der überarbeiteten Chefsekretärin Eve (Uschi Glas) und überweist sie in das exklusive Sanatorium in Bad Marein. Dort soll sich Eve sechs Wochen lang unter der Obhut von Dr. Barbara (Gisela Fischer) erholen. Die allesamt weiblichen Patientinnen der Klinik heißen die junge Frau zwar herzlich willkommen, dennoch kommt ihr hier schnell einiges merkwürdig vor. Die Frauen legen seltsame Verhaltensweisen an den Tag und es scheint so, als ob der bärige Gärtner Adam (Fred Coplan) und der dem Alkohol nicht abgeneigte Kommissar (Hans Korte) die einzigen Männer sind, die in dem Kurort leben. Als drei Freunde mit einer Autopanne in Bad Marein stranden und einer von ihnen plötzlich verschwindet, kommt Eve ein grausamer Verdacht. Nur der hübsche Johnny (Alain Noury) hilft ihr dabei, dem Geheimnis des Sanatoriums auf die Spur zu kommen.

Wie ein Schmetterling

Handelt es sich bei dem Stück Fleisch, welches den Patientinnen serviert wird, wirklich um die Überreste des Vermissten, der am Abend zuvor wie seine Freunde mit den freizügigen Damen gefeiert hat? Oder spielt sich alles nur im Kopf der verstörten Eve ab? Diese Frage kann auch am Ende des Films nicht final beantwortet werden, obwohl in der einzigen blutigen Szene eine Kreissäge eine wichtige Rolle spielt. Einige kannibalische Tendenzen hat „Die Weibchen“ also durchaus zu bieten.

Dr. Barbara hat ihre eigenen Behandlungsmethoden

Doch viel mehr geht es Brynych darum, den Zuschauer den Wahnsinn spüren zu lassen, in den Eve an diesem mysteriösen Kurort nach und nach getrieben wird. Und das gelingt ihm großartig mithilfe seines hervorragenden Kameramanns Charly Steinberger, der immer wieder ungewöhnliche Perspektiven findet. Schon zu Beginn setzt Steinberger ein Fischaugenobjektiv ein, um das Geschehen zu verfremden. Ein paar Einstellungen sind aus der Egoperspektive gefilmt, die subjektive Kamera kreist „wie ein Schmetterling“, der von Gesicht zu Gesicht durch die Szenerie taumelt – wie es laut einem der Texte des beiliegenden Booklets ein zeitgenössischer Kritiker beschrieb.

Eve verfällt langsam dem Wahnsinn

Brynych, von dessen Arbeiten Filmemacher Dominik Graf ein großer Fan ist, lässt manche Dialoge flüstern und die Schauspieler direkt in die Kamera blicken. In einer Szene, die in einer Buchhandlung spielt, unterhält sich Uschi Glas mit einer Verkäuferin durch die Bücherregale. Die Bücher links und rechts schmälern das 1.33:1-Bildformat noch weiter ein; wodurch eine äußerst klaustrophobische Wirkung erzielt wird. Dazu läuft der schräge Song „Das Lied der Säge“ von Komponist Peter Thomas („Raumpatrouille Orion“) in Dauerschleife – mal mit süßlichem Frauengesang, mal instrumental – und brennt sich unweigerlich in den Gehörgang ein. Uschi Glas, die kurz zuvor mit „Zur Sache Schätzchen“ (1968) zum großen deutschen Filmstar aufgestiegen war, spielt ihre Eve mit einer schüchternen Verletzlichkeit, die sich den Regeln dieses seltsamen Ortes nicht fügen will.

Die Vernichtung der Männer

Neben inszenatorischen Parallelen zu den Roman Polanski-Klassikern „Rosemarys Baby“ (1968) und „Ekel“ (1965), ist „Die Weibchen“ aber auch ein Produkt seiner Zeit und kann als ironischer Blick auf die 1968 aufkommende Frauenbewegung verstanden werden. Ganz offen wird immer wieder das SCUM-Manifest von Valerie Solanas zitiert, welches hierzulande unter dem Titel „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ erschien. In einer enthemmten Szene verbrennt eine Gruppe von Frauen ihre BHs und Solanas Parolen werden bejubelt. Zusammen mit der fliegenden Kamera ruft Brynych so eine durchaus bedrohliche Stimmung hervor. Inhaltlich fängt er dies mithilfe des häufig genutzten Motivs der Gottesanbeterin ein, die bekanntermaßen ihren männlichen Partner während des Geschlechtsakts oder danach verspeist.

Auch der Kommissar will ihr keinen Glauben schenken

Trotz der zeitgenössisch aktuellen Thematik lockte die deutsch-französisch-italienische Produktion kaum jemanden in die deutschen Kinosäle. Stattdessen ließ Ernst Hofbauers „Schulmädchen-Report – Was Eltern nicht für möglich halten“ 1970 die Kassen klingeln, der wohl das komplette Gegenstück zu „Die Weibchen“ darstellt. Dank der aufwendigen Restaurierungsarbeiten von Bildstörung lohnt es sich nun, den „Kannibalenfilm mit Uschi Glas“ zu entdecken. Als Bonus, aber leider nur in DVD-Qualität, ist unter anderem auch die etwa 15 Minuten längere Urfassung zu finden, die einige erweiterte Einstellungen zu bieten hat, aber auch über reduzierte Musikpassagen verfügt.

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Die Kreissäge ist bald auf Betriebstemperatur

Veröffentlichung: 26. Mai 2017 als Blu-ray, DVD und Blu-ray-Sonderedition inkl. Soundtrack auf CD (limitiert auf 500 Stück)

Länge: 78 Min. (Blu-ray), 75 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Die Weibchen
BRD/F/IT 1970
Regie: Zbyněk Brynych
Drehbuch: Manfred Purzer, nach einer Idee von Igor Sentjurc
Besetzung: Uschi Glas, Irina Demick, Françoise Fabian, Fred Coplan, George Ardisson, Judy Winter, Klaus Dahlen, Alain Noury, Hans Korte, Anne-Marie Kuster, Gisela Fischer
Zusatzmaterial: Alternative, um 15 Minuten längere Urfassung, Audiokommentar mit Gerd Naumann, Bodo Traber, Christopher Klaese und Matthias Künnecke, Interview mit Uschi Glas, Interview mit Kameramann Charly Steinberger, Interview mit Dominik Graf, Olaf Möller und Rainer Knepperges, Booklet
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Bildstörung

 

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