RSS

Die irre Heldentour des Billy Lynn – Ang Lees kritischer Blick auf US-Kriegseinsätze

05 Jun

Billy Lynn’s Long Halftime Walk

Von Simon Kyprianou

Kriegsdrama // Ang Lee ist einer der wenigen amerikanischen Autoren-Filmemacher, die mehr oder weniger mühelos im Mainstreamkino bestehen können. Das Meisterwerk „Brokeback Mountain“ ist längst zum modernen Klassiker avanciert, Lees vorletzter Film „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ war ein großer finanzieller Erfolg, seine Comicverfilmung „Hulk“ ist ein großartiger, unterschätzter Film. Seine jüngste Regiearbeit „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ allerdings war – trotz Starbesetzung mit Vin Diesel und Kristen Stewart und guten Kritiken – ein finanzieller Misserfolg. Das Thema scheint völlig am öffentlichen Interesse vorbeigegangen zu sein, was sehr bedauerlich ist, denn „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ist ein hervorragender und ein dringend notwendiger Film.

Im Irak gerät Billy in ein Feuergefecht

Billy Lynn (Joe Alwyn) und seine Kameraden vom Bravo Squad kehren aus dem Irak als Kriegshelden in die USA zurück. Lynn hat sich in einem Feuergefecht den Weg zu seinem verwundeten Vorgesetzten „Shroom“ (Vin Diesel) freigeschossen und dabei einen feindlichen Soldaten getötet. Daheim werden die GIs auf eine Siegestour durchs ganze Land geschickt. Ein Höhepunkt dieser Heldentour ist ihr Auftritt im Rahmen einer Halbzeitshow bei einem Football-Spiel. Direkt nach dem Spiel müssen sie wieder zurück in den Irak.

Er versucht seinen Vorgesetzten Shroom zu retten

Billys linkspolitisch engagierte Schwester Kathryn (Kristen Stewart) beäugt den Irak-Krieg kritisch. Sie versucht Billy davon zu überzeugen, den Dienst wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung zu quittieren und nach dem Spiel nicht mit seinen Kameraden zurück in den Irak zu gehen. Billys Eltern wollen von Kathryns kritischen Meinungen nichts hören, genauso wenig wollen sie aber von Billy über den Krieg hören, sie machen es sich bequem in blindem Stolz.

Der Mensch Billy ist nur noch Kriegsheld

Zwischen diesen beiden ideologischen Polen siedelt Ang Lee seinen Protagonisten an. Billy hat seine ganz persönlichen Gründe zum Militär gegangen zu sein und seine persönlichen Gründe, mit dem Vorschlag seiner Schwester zu hadern, den Dienst zu quittieren. Lee zeichnet weniger das Bild eines Soldaten als das eines Menschen, dessen Tragödie darin besteht, dass ihn alle nur noch als Kriegshelden, als Soldaten sehen können. Billy und seine Erlebnisse gehören – wie er selbst an einer Stelle sagt – längst nicht mehr ihm, sie sind public domain geworden.

In den USA wird die Truppe gefeiert

Der Football-Manager Oglesby (Steve Martin) zeigt sich zwar daran interessiert, einen Film über die Rettungsaktion zu finanzieren, feilscht aber um den Betrag, den er den Soldaten für ihre Story zahlen will. Die Presse stellt hohle Fragen, auf die dann auch nur leere Worthülsen als Antwort folgen sollen, der Stolz ist – wie der Stolz der Eltern – oberflächlich. Wirkliches Interesse für den Schmerz der Soldaten hat niemand, denn das müsste eine profunde und damit unangenehme Auseinandersetzung mit dem Krieg nach sich ziehen. Und genau das ist Ang Lees Film: eine unbequeme Auseinandersetzung, die als quälende Frage formuliert ist.

Die Show läuft

Die Einzigen, die Billy aufrichtig zu lieben scheinen, sind seine Kameraden – für die ist er aber auch der Soldat Billy Lynn, und daran sind Bedingungen geknüpft. Die einzige Person der „Außenwelt“, die in Billy noch einen Menschen erkennt, die ihn bedingungslos zu lieben scheint, ist seine Schwester, aber auch sie scheint seine inneren Konflikte nicht nachvollziehen zu können.

Keine 120 Frames in Deutschland

Diese inneren Spannungsfelder verdichtet Lee in seinem Film, der größtenteils im Stadion spielt, einer Druckkammer, innerhalb deren Chaos der innerlich zerrissene Billy über seine Zukunft entscheiden muss. Wie schon mit der wunderbar genutzen 3D-Technik in „Life of Pi“ wollte der Regisseur auch diesmal formales, sinnliches Neuland betreten und hat den Film in 3D und mit 120 Einzelbildern pro Sekunde gedreht. Leider werden die meisten deutschen Filmkritiker – mich eingeschlossen – nicht in der Lage sein, den Film dieser formalen Ambition gerecht zu bewerten, es war hierzulande nämlich – skandalöserweise, sollte man sagen – kaum möglich ihn in dieser Form zu sehen.

Aber auch in 2D mit normaler Framerate im Kino oder zu Hause auf DVD bzw. Blu-ray funktionieren Lees einnehmende, zärtliche Bilder einwandfrei. Schauspieler wie Steve Martin und Chris Tucker hat man lange nicht mehr so großartig gesehen, Kristen Stewart hat die „Twilight“-Saga längst hinter sich gelassen und spielt wie immer hervorragend – mir fällt zurzeit keine spannendere Schauspielerin ihrer Generation ein. Und Newcomer Joe Alwyn in der Titelrolle ist eine Sensation. Neben dem pathetischen Getöse eines Films wie „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ – der viel erfolgreicher war als Ang Lees Beitrag – ist es einfach wichtig, dass daneben ein Film wie „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ existiert. Er müsste von wesentlich mehr Menschen gesehen werden.

Der Kriegsheld Billy Lynn …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kristen Stewart sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Vin Diesel in der Rubrik Schauspieler.

… weiß nicht, was er tun soll

Veröffentlichung: 8. Juni 2016 als Blu-ray 3D (inkl. 2D-Version), 4K-Ultra-HD-Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 109 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Türkisch
Originaltitel: Billy Lynn’s Long Halftime Walk
GB/CHN/USA 2016
Regie: Ang Lee
Drehbuch: Jean-Christophe Castelli, nach dem Roman von Ben Fountain
Besetzung: Joe Alwyn, Kristen Stewart, Vin Diesel, Steve Martin, Chris Tucker, Ben Platt, Garrett Hedlund, Arturo Castro, Mason Lee, Astro, Beau Knapp, Ismael Cruz Cordova, Barney Harris
Zusatzmaterial: Featurettes „Hinter den Kulissen“, „Die perfekte Besetzung“, „Die Nachbildung der Halbzeitshow“, „Bruderschaft in Kriegszeiten“, gelöschte Szenen
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Die irre Heldentour des Billy Lynn – Ang Lees kritischer Blick auf US-Kriegseinsätze

  1. Stepnwolf

    2017/06/10 at 09:26

    Immer wieder schön zu lesen, das es noch andere gibt, die Kristen Stewart als das sehen, was sie ist: eine verdammt gute Schauspielerin.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: