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Die Mumie – Wenn sich Boris Karloff da mal nicht im Sarkophag umdreht

08 Jun

The Mummy

Kinostart: 8. Juni 2017

Von Volker Schönenberger

Horror-Abenteuer // Am Erfolg der Neuverfilmung hängt für Universal Pictures durchaus einiges: „Die Mumie“ bildet den Auftakt für das „Dark Universe“, ein neues Franchise, mit dem das Studio die berühmten Universal-Monster nach einer gehörigen Frischzellenkur neu auf die Kinogänger loslassen will. Da verwundert es nicht, dass Journalisten einmal mehr ein Embargo auferlegt worden ist, das diesmal denkbar knapp ausfällt: Die bundesweit sechs Pressevorführungen waren allesamt auf den Tag vor dem Kinostart terminiert worden – mit der Auflage für alle Besucher, Rezensionen nicht vor dem 8. Juni um 0.01 Uhr zu veröffentlichen. Man ist also nervös im Hause Universal.

Windige Gestalten: Nick (l.) und Chris suchen alte Schätze

Die Absichtsbekundungen sind eindeutig: We take enormous pride in the creativity and passion that has inspired the reimagining of Universal’s iconic monsters and promise audiences we will expand this series strategically, so Universal-Boss Donna Langley. Universals ikonenhafte Monster sind also mit Kreativität und Leidenschaft einer Neuinterpretation unterzogen worden, und das Studio will die neue Serie strategisch ausbauen.

Universals Dark Universe

Aber wer wird das Dark Universe bevölkern? Änderungen sind vorbehalten, für Februar 2019 ist jedoch bereits „Frankensteins Braut“ angekündigt – mit keinem Geringeren als Javier Bardem in der Rolle des Monsters. Wer seine weibliche Partnerin wird, ist offen. Im selben Jahr soll „Der Schrecken vom Amazonas“ folgen, über den allerdings noch wenig bekannt ist. Als „Der Unsichtbare“ ist für 2020 immerhin schon Johnny Depp im Gespräch. Im Lauf der Jahre werden sich dem Vernehmen nach unter anderen ein Wolfsmensch, das Phantom der Oper, der Glöckner von Notre-Dame und natürlich Graf Dracula persönlich hinzugesellen. Das wirft die Frage auf, ob und wie „Dracula Untold“ (2014) mit Luke Evans in der Titelrolle an das neue Franchise andockt, wird doch „Die Mumie“ als Start der neuen Reihe proklamiert.

Mit Archäologin Jenny betreten sie eine uralte Grabkammer

Wir werden sehen. Einstweilen muss sich Tom Cruise in „Die Mumie“ in der Rolle des Abenteurers Nick Morton mit der Titelfigur herumplagen. Auch der Film gibt natürlich Hinweise auf weitere Teile. So finden sich in einem Raum einer streng geheimen Behörde unter dem Natural History Museum in London einige fremdartige Artefakte und Körperteile, so etwa ein schuppenbewehrter Arm mit Kiemenhand sowie ein menschlicher Totenschädel mit auffällig großen und spitzen Eckzähnen. Leiter der Behörde ist ein gewisser Dr. Henry Jekyll (Russell Crowe). Wer vermutet, dass der Name kein Zufall ist, liegt richtig.

Noch ahnt die Altertumsforscherin nicht, was sie erwartet

Aber zurück zu dem von Tom Cruise verkörperten Nick Morton: An sich ist er mit seinem Buddy Chris Vail (Jake Johnson) als Soldat im heutigen Irak stationiert. Die beiden nutzen aber die Gelegenheit, vor Ort nach antiken Schätzen zu suchen – immerhin befinden sie sich dort, wo einst das Zweistromland Mesopotamien lag. Nach einem bleihaltigen Zwischenfall mit ein paar Aufständischen legt der in höchster Not herbeigerufene Luftschlag aber ein altägyptisches Grab frei, und das weit von Ägypten entfernt. Eine Sensation! Bald jedoch müssen sich Morton und Vail mit einer auferstandenen Prinzessin herumärgern: der abgrundtief bösen Ahmanet (Sofia Boutella).

Mal wieder vom Saulus zum Paulus

Ich gestehe: Wenn er denn eine interessante Figur verkörpert, ignoriere ich Tom Cruises Zugehörigkeit zu Scientology gern mal. Leider entpuppt sich Nick Morton als großes Ärgernis: Unbenommen, dass ein Abenteurer und Schatzjäger als Windhund und Tunichtgut charakterisiert wird, aber dieser hier ist einfach nur ein Unsympath, der seinem Kumpel mitten in der Wüste den Wasserbeutel zersticht, um ihn zum Begleiten in das von schießwütigen Aufständischen besetzte Dorf zu nötigen; ein Unsympath, der mit der Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) ins Bett gegangen ist, um ihr ein Schriftstück zu stibitzen. Die arme Schauspielerin Annabelle Wallis („King Arthur – Legend of the Sword“) kann einem leidtun: Sie muss es glaubhaft rüberbringen, dass ihre Figur Nick Morton nach dem One-Night-Stand völlig zu Recht für eine erbärmliche Wurst hält, sich dann aber im weiteren Verlauf doch in ihn verliebt – denn natürlich wird der Bursche geläutert. Da kann man als Schauspielerin nur scheitern, zumal Jenny lange Zeit lediglich als archäologische Stichwortgeberin fungiert.

Dr. Jekyll (r.) klärt Nick auf

Aber okay, durchdachte Charakterzeichnung hat in diesen Filmen nicht unbedingt Priorität. Solange Story und Action hinhauen, kann man darüber hinwegsehen. Die Story hat dank des mythologischen Stoffs dann auch einiges Potenzial: Eine Mumie kehrt nach Tausenden von Jahren im Sarkophag ins Leben zurück, um Unheil über die Menschheit zu bringen – da geht was! Man darf nur nicht den Fehler begehen, die Handlung unter einer dicken Schicht Action zu begraben. Ihr ahnt bereits: Dieser Fehler wurde begangen. Man könnte vermuten, dass sich unter den Produzenten ein gewisser Jerry Bruckheimer befindet, aber dem ist nicht so. Es sitzt auch nicht Michael Bay auf dem Regiestuhl, sondern Alex Kurtzman, der bislang eher als Drehbuchautor und Produzent in Erscheinung getreten ist. Kurtzman schrieb an den Drehbüchern der beiden ersten, von Bay inszenierten „Transformers“-Filme mit, daher rührt womöglich der Einfluss.

Ein Kuss macht aus Polizisten Zombies

Wir bekommen es mit einer Reihe bombastischer Szenarien zu tun, die aber in erster Linie Gimmicks sind – mit reichlich Computerunterstützung entstanden, versteht sich. Da sich die Helden zu Beginn in der Wüste befinden, darf ein Sandsturm nicht fehlen. Puh, das Flugzeug hat so gerade eben den Start geschafft. Kurz darauf folgt dann aber doch ein kerniger Flugzeugabsturz über England. Dann haben wir eine wilde Jagd im Lieferwagen durch den Wald, und Ahmanet beschwört weitere Kräfte des Bösen herauf. Ihre verfallene Gestalt gewinnt nach und nach an Schönheit zurück, indem die Gute – Verzeihung: Böse – unschuldigen englischen Polizisten mit einem kräftigen Knutscher die Lebenskraft aussaugt. Die Bedauernswerten müssen ihr fortan als Zombie-Sklaven dienen, erweisen sich zum Glück für Nick Morton aber als recht bröckelig. Das ist anständig gelöst, auch den Einbau von Kreuzrittern in die Handlung können wir durchgehen lassen.

Ahmanet ist gefangen

Die Länge von 110 Minuten ist erfreulich, bei derartigen Produktionen wird ja heutzutage gern mal die Zweieinhalbstundenmarke überschritten. Übrigens braucht niemand den Abspann bis zum Ende abzuwarten, das habe ich in der Pressevorführung für euch erledigt: Es kommt keine Teaserszene, die Hinweise auf den nächsten Teil liefert. Prima! Der Soundtrack ist allgegenwärtig, kaum verstummt mal die Musik. Die dritte Dimension ist bei einigen visuellen Effekten zu bemerken, aber ich werde kein Freund mehr von 3D-Filmen.

Immerhin: Die Mumie überzeugt

Mensch, da wollte ich schon zum Ende kommen und hätte fast vergessen, etwas über die Titelfigur zu schreiben. Nun aber: Sofia Boutella („Star Trek – Beyond“, „Kingsman – The Secret Service“) verkörpert eine starke Figur, ist eindeutig ein Pluspunkt des Films. Ihr böses Tun in ferner Vergangenheit, das zu ihrer Verdammnis führte, wird anfangs gezeigt – in einer der wenigen Sequenzen, in denen mal eine Geschichte erzählt wird. Ihre mit CGI-Hilfe entstandene Maske samt doppelter Iris und Pupille gefällt.

Doch die altägyptische Prinzessin befreit sich …

„Die Mumie“ ist das seelenlose Spektakel, das wir erwarten durften und befürchten mussten. Angesichts der Massen an Menschen, die zu dieser Art Filmen in die Kinosäle strömen, ist es verständlich, dass die Studios solche Franchises erschaffen, die bisweilen den Eindruck von Gelddruckmaschinen machen. Gebt dem Publikum, was das Publikum will! Oder haben sich die Produktionsfirmen ihre Fans herangezüchtet? War Stephen Sommers‘ „Die Mumie“ 1999 mit Arnold Vosloo in der Titelrolle im Vergleich zu Karl Freunds Original von 1932 schon ein Popcorn-Inferno sondergleichen, so toppt die 2017er-Version das noch. Wer das mag, möge das Ticket lösen und sich für die kommenden Jahre auf den Ausbau der Sage um die neuen Universal-Monster freuen. Alle anderen erfreuen sich weiterhin an den klassischen Schauergestalten der 1920er- bis 1950er-Jahre – die sind unverwüstlich, ihnen können kein Remake und kein Reboot etwas anhaben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Cruise sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… und entfacht das Chaos

Länge: 110 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Mummy
USA 2017
Regie: Alex Kurtzman
Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman
Besetzung: Tom Cruise, Russell Crowe, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Jake Johnson, Courtney B. Vance, Marwan Kenzari, Stephen Thompson, Matthew Wilkas, Sohm Kapila, Sean Cameron Michael, Rez Kempton, Selva Rasalingham, Javier Botet
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

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