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Jim Jarmusch (II): Paterson – Die Schönheit des Banalen

08 Jun

Paterson

Von Simon Kyprianou

Beauty seduces us to attention, for the fragility of life, it seduces us to tenderness. (Christoph Hochhäusler in einer Laudatio auf die Regisseurin Claire Denis)

Melodram // Jim Jarmusch ist ein bewundernswert konsequenter Filmemacher: Seit seinem ersten Film „Permanent Vacation“ (1980) hat er seinen postmodernen Stil konsequent beibehalten, weiterentwickelt und in seinem neuesten Film „Paterson“, so scheint es, abermals radikalisiert. Die Postmoderne, deren Theorien – kurz gesagt – von einer Welt aus willkürlichen, nicht zusammenfügbaren, gleichwertigen Fragmenten ausgehen, bildet Jarmusch in „Paterson“ konsequent ab: Wir sehen sieben Tage im Leben des Busfahrers und Poeten Paterson (Adam Driver, „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“), der in Paterson in New Jersey nordwestlich von New York City wohnt. Jeder Tag verläuft mehr oder weniger gleich, jeden Morgen schwebt Jarmuschs Kamera immer gleich über dem Bett von Paterson und seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani). Jeder Tag ist gleich, gleich bedeutend beziehungsweise gleich unbedeutend, jeden Tag trifft Paterson die selben Leute und tut die selben Dinge. Tagsüber fährt er Bus, in seiner Mittagspause schreibt er, abends geht er mit dem Hund seiner Frau spazieren und stattet seiner Lieblingsbar einen Besuch ab, wo er mit Barmann Doc (Barry Shabaka Henley) plaudert.

Paterson steuert seinen Bus durch Paterson …

Jarmusch verzichtet völlig auf den Anspruch eine Geschichte im herkömmlichen Sinne zu erzählen. Kein sinnstiftendes Zeichensystem verweist auf irgendwelche größeren Zusammenhänge, das Geschehen verweist nur auf sich selbst.

Der Dichter und die Schönheit

Patersons Gedichte haben Alltäglichkeiten und Banalitäten zum Inhalt, eines davon handelt beispielsweise von Streichholzschachteln. Durch Patersons genauen Blick aber erheben seine Gedichte jene vermeintlichen Banalitäten, indem sie den Blick auf eine ihnen anhaftende verborgene Schönheit freistellen. So funktioniert dann auch der Film – es ist wirklich ein äußerst schöner Film, womöglich Jarmuschs schönster – der durch den intimen und aufmerksamen Blick auf eine vermeintlich banale Woche, voller vermeintlich banaler Ereignisse, Momente äußerster Zärtlichkeit und Schönheit freilegt. Er schaut die Dinge nicht nur an, es scheint als schauten die Dinge auch zurück, sozusagen. Paterson sucht überall nach Schönheit und findet sie in Streichholzschachteln und Menschen, die zum Rhythmus einer Waschmaschine rappen, und kleinen Mädchen, die Geschichten schreiben. Und so ist sozusagen auch der Film auf der Suche nach der Schönheit.

… lebt mit seiner Frau Laura …

Auch wenn mir nicht alle Regiearbeiten von Jarmusch zusagen, die postmoderne Ironie, die oft nur ins Leere mündet, mich oft langweilt (nicht nur bei Jarmusch, auch bei anderen postmodernen Filmemachern) – die Konsequenz von „Paterson“ hat mir gefallen. Es ist ein bescheidener Film, ein selbstsicherer Film, ein zärtlicher und intimer Film, mit dem Jarmusch spät in seiner Karriere die Höhe seiner Kunst erreicht hat.

… ein geruhsames Leben …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Adam Driver in der Rubrik Schauspieler.

… und führt den Hund Gassi

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Paterson
USA/F/D 2016
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Nellie, Rizwan Manji, Barry Shabaka Henley, Trev Parham, Troy T. Parham, Brian McCarthy, Frank Harts, Method Man,
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Weltkino Filmverleih GmbH Universum Film

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