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Black Book – Verrat und Widerstand in Zeiten des Krieges

14 Jun

Zwartboek

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Bedauerlich, dass Paul Verhoevens beeindruckende 2006er-Regiearbeit hierzulande so wenig Geltung hat – so hat es zumindest den Anschein. Die 2007 erschienene DVD ist lange out of print und wird zu Sammlerpreisen gehandelt, auch im Fernsehen wird „Das schwarze Buch“ selten gezeigt. Höchste Zeit für eine deutsche Blu-ray, gibt es doch vielen Ländern schon eine. In der niederländischen Heimat des Regisseurs ein Kassenhit und zur Entstehungszeit der teuerste Film des Landes überhaupt, nimmt „Zwartboek“ nach einer Abstimmung 2008 den Rang des besten niederländischen Films aller Zeiten ein.

Rachel alias Ellis will überleben …

Seine Premiere feierte das Kriegsdrama im September 2006 bei den Filmfestspielen von Venedig. Es war Verhoevens erste Arbeit in seiner Heimat, seit er die Niederlande 1983 nach der Fertigstellung von „Der vierte Mann“ verlassen hatte, um in den USA zu arbeiten. Im Interview mit IndieWire berichtete der Regisseur, die Hauptfigur basiere auf der niederländischen Widerständlerin Esmée van Eeghen, deren Biografie er mit zwei anderen Personen vermengt habe. Mit „Black Book“ schlägt Verhoeven einen Bogen zu seinem 1977 entstandenen Kriegsdrama „Der Soldat von Oranien“.

Aus der Jüdin Rachel wird die Widerständlerin Ellis

Hauptfigur ist die niederländische Sängerin Rachel Stein (Carice van Houten), eine Jüdin, die sich 1944 vor der Besatzungsmacht der Nazis auf einem Bauernhof versteckt. Nach dessen Bombardierung versucht sie, mit anderen auf einem Boot über das Hollands Diep zu fliehen, doch der Trip entpuppt sich als Todesfalle: Ein Patrouillenboot der Besatzer taucht auf, nahezu alle Flüchtlinge werden erschossen, darunter Rachels Eltern und ihr Bruder. Sie rettet sich knapp mit einem Sprung ins Wasser und gelangt nach Den Haag, wo sie sich unter dem Namen Ellis De Vries dem Widerstand anschließt. Ihr Auftrag: mit SS-Hauptsturmführer Ludwig Müntze (Sebastian Koch) anzubändeln, dem Chef des Sicherheitsdienstes. Bald kommen ihr Gefühle in die Quere, die allerdings nichts an ihrem Einsatz ändern.

… und lässt sich für den Widerstand mit SS-Mann Müntze ein

Der Erfolg des Films in den Niederlanden ist umso bemerkenswerter, als sich „Zwartboek“ im letzten Drittel des Films durchaus kritisch mit der Behandlung von Landsleuten auseinandersetzt, die der Kollaboration beschuldigt wurden. Diese Sequenzen gehören sogar zu den eindringlichsten des Films. „Moffengriet“ wurden einheimische Frauen abfällig genannt, die sich mit Soldaten der Wehrmacht oder SS-Angehörigen eingelassen hatten – ein deutsches TV-Drama von 1989 mit dem Titel „Moffengriet – Liebe tut, was sie will“ beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema.

Mit vollem Körpereinsatz

„Black Book“ hat das Niveau großen Kinos im besten Sinne. Verhoeven treibt die Handlung narrativ ohne Schlenker voran, auch wenn er ein paar Zufälle zu Hilfe nimmt. Rachels Schicksal ist dabei stets im Fokus. Die Spannung ist nicht zuletzt auch dank eines über weite Strecken im Raum stehenden Verrats enorm, auch weil Rachel mit Misstrauen auf beiden Seiten zu kämpfen hat. Etwas überraschend vielleicht kommt der Verzicht auf Zynismus daher, trotz einiger drastischer Gewaltszenen und zur Schau gestellter Nacktheit überwiegt Warmherzigkeit – natürlich nicht bei den eindeutig identifizierbaren Schurken auf deutscher Seite. Der Regisseur kann sich da ganz auf seine aparte Hauptdarstellerin verlassen – selbige Carice van Houten setzt als Hexe Melisandre auch in „Game of Thrones“ ihre Schönheit und sexuelle Anziehungskraft ein, um zu überleben, allerdings auf ungleich perfidere Weise. Während der Dreharbeiten kamen die Niederländerin und ihr deutscher Ko-Star Sebastian Koch einander näher – die beiden waren anschließend eine Weile ein Paar.

Ist sie ein Wehrmachts- und SS-Liebchen?

Es gibt eindeutig als böse identifizierbare Schurken, etwa in Gestalt des SS-Obergruppenführers Käutner (Christian Berkel) und des so gnadenlosen wie lüsternen SS-Obersturmführers Franken (Waldemar Kobus). Bei den Guten ist das nicht ganz so einfach. Ein paar Mal lässt Verhoeven auch bei den Widerständlern Antisemitismus zum Vorschein kommen. Man lässt schon lieber jüdische Niederländer in die Klinge laufen als nichtjüdische, es wird gar zwischen Juden und Niederländern unterschieden. Und was einige Protagonisten für den Kampf gegen die verhassten Deutschen zu tun bereit sind, gerät bisweilen auch in moralische Schieflage. Verhoeven enthält sich da einer Wertung, jedenfalls hält er nichts von der Behandlung der sogenannten „Moffengriets“ nach Kriegsende, das machen diese Szenen deutlich.

Wo bleibt die Blu-ray?

Das Budget ermöglichte eine üppige Ausstattung, Set-Design und Kostüme wirken authentisch. Bei der niederländischen und internationalen Kritik kam „Black Book“ zu Recht sehr gut weg. Nun wird es Zeit, dass das Kriegsdrama auch bei uns den Rang einnimmt, der ihm gebührt – der eines meisterhaften, großen Schicksals-Epos. Also her mit einer deutschen Blu-ray!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Verhoeven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. November 2007 als DVD

Länge: 148 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Niederländisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Zwartboek
NL/D/GB/BEL 2006
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Gerard Soeteman, Paul Verhoeven
Besetzung: Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Reijn, Waldemar Kobus, Derek de Lint, Christian Berkel, Peter Blok, Michiel Huisman, Matthias Schoenaerts, Johnny De Mol
Zusatzmaterial: Interview mit Paul Verhoeven, Sebastian Koch, Carice van Houten, Christian Berkel und Waldemar Kobus, Kinotrailer
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2007 Warner Home Video

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Eine Antwort zu “Black Book – Verrat und Widerstand in Zeiten des Krieges

  1. Fatherleft

    2017/06/14 at 10:44

    Stimmt. Verhoeven hat hier mal wieder gezeigt, dass er kein Hollywood braucht um großartige Filme zu drehen.

     

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