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Wonder Woman – Amazone, Prinzessin, Role Model

15 Jun

Wonder Woman

Kinostart: 15. Juni 2017

Von Kay Sokolowsky

Fantasy-Abenteuer // Unter den Superhelden im DC-Comic-Kosmos gibt Diana Prince aka Wonder Woman sicherlich die märchenhafteste Gestalt ab, besser: die sagenhafteste. Sie ist die Tochter der mythischen Amazonenkönigin Hyppolita und des Göttervaters Zeus – aus Lehm geformt und wundersam belebt, Botschafterin des Friedens in der fremden Welt der Männer und zugleich die größte Kriegerin, die jemals gelebt hat. Dass sie übermenschlich schön ist, versteht sich von selbst.

Die Herrscherin von Themiscyra macht sich Sorgen um Dianas Schulnoten

Zusammen mit Superman und Batman stellt Wonder Woman so etwas wie die Heilige Dreifaltigkeit des DC-Universums dar. Deshalb war es höchste Zeit, dass die tapfere Unsterbliche ihren Solo-Einstand in den DC-Adaptionen von Warner Bros. feiert. Für den eiligen Leser vorab: Er ist weitgehend gelungen und streckenweise sogar witzig. An die trashige „Wonder Woman“-Fernsehserie aus den 1970ern – mit Lynda Carter als Heldin – erinnert hier erfreulicherweise nichts.

Jetzt nur nicht luftkrank werden: Spion Steve Trevor flieht vor den Schergen des Kaisers

Dabei lagen die Erwartungen zunächst nicht besonders hoch. Regisseurin Patty Jenkins stand erst ein Mal, bei „Monster“ (2003), hinter der Kinokamera, und in ihrem Rücken lauerte als Produzent und Ko-Autor Zack Snyder, der Mann der 1000 Ambitionen und bestenfalls zehn Inspirationen. Er hat sich, auch dies vorab, nur selten in Jenkins‘ Arbeit eingemischt, und nur einmal zum Schaden des Films.

Es war einmal in der Ägäis

Seit Jahrtausenden leben auf Themiscyra, der Paradiesinsel, die Amazonen, durch Zauberei verborgen vor der Bosheit und Grausamkeit der Männer. Herrscherin Hippolyta (Connie Nielsen) erfreut sich ihrer kleinen Tochter Diana (Lilly Aspell), muss aber, je älter das Kind wird, immer öfter schelten. Denn statt für die schönen begeistert sich das Mädchen für die Künste des Kampfes. Ihre Tante Antiope (Robin Wright) jedoch, der Amazonen wackerste Kriegerin, nimmt sich heimlich der eifrigen Prinzessin an und bildet sie – schließlich mit Billigung Ihrer Majestät – zur unbezwingbaren Superheldin aus.

Antiope demonstriert den Krauts die berühmte Gastfreundschaft der Amazonen

Dieses Eröffnungskapitel ist das Idyllischste und Traumartigste, was im „DC Extended Universe“ bisher zu sehen war, zumal in den Panoramaeinstellungen der Paradiesinsel (Kamera: Matthew Jensen) und einer großartig gestalteten Rückblende aus lauter „lebenden“ Gemälden. In der Pressevorführung wurde die 2D-Fassung gezeigt. Ich bin jedoch sicher, dass diese famose Trickfilmeinlage in Stereoskopie noch magischer wirkt: eine in jeder Beziehung fantastische Sequenz!

Versehen mit zwei unzerstörbaren Armreifen, einem Schwert namens „Gottestöter“, einem goldenen Zauberlasso sowie einem Oberteil und Minirock, die sich erfreulich nah ans Comic-Vorbild halten, wächst Diana zu einer Frau heran, die aussieht wie Gal Gadot und auch gar nicht anders aussehen dürfte. Dies ist ein Fall von perfektem Casting, denn Gadot schenkt der Halbgöttin echte menschliche Wärme. Sie spielt den Comic-Charakter mit so viel Überzeugung, dass allein ihre Performance eine Begutachtung des Films wert ist. Und damit habe ich von der atemberaubenden Erscheinung der Hauptdarstellerin noch gar nicht geredet.

Prinzessin Diana und Steve Trevor lernen einander unter denkbar ungünstigen Umständen kennen

Gal Gadots Star-Qualität kommt nicht überraschend: Das einstige Supermodel war bereits ein Lichtblick – der einzige – in Snyders „Batman v Superman – Dawn of Justice“ (2016). Trotzdem war Gadot nicht unbedingt zuzutrauen, einen fast zweieinhalb Stunden langen Film tragen zu können; sie tritt in mindestens der Hälfte aller Szenen auf. Doch bis zum Schluss verliert sie nicht an Kraft und Charisma. Hier hat jemand sichtlich Spaß am Job und nimmt den Superheldenunfug genauso ernst, wie der Nerd es erwartet, genauso ironisch, wie es sich unter Erwachsenen gehört. Sie merken: Ich bin ein bisschen verknallt.

Kugeln kann Wonder Woman abwehren – aber auch den Londoner Smog?

Jedenfalls hätte ich nichts dagegen, wenn sie nachts mit mir in der S-Bahn sitzen würde – die Bitch hat echt krasse Moves drauf! Die Infights, die Wonder Woman zahlreich bestreitet, sind zum Glück nicht allzu oft mit der Bullet Time aufgedonnert, sondern auf gute alte Weise dynamisch. Die Stunt-Choreographen haben ihre Sache mit gleichviel Vergnügen wie Einfallsreichtum erledigt, und Patty Jenkins war klug genug, die Second Unit einfach machen zu lassen.

Im Westen was Neues

Die heiteren Zeiten auf Themiscyra finden ein jähes Ende, als durch den Tarnschild der Insel erst ein Kampfflieger, dann ein Kriegsschiff bricht. Wie ihnen das gelingt, bleibt ein Geheimnis von Drehbuchautor Allan Heinberg, der sonst zum Glück keine großen Böcke gebaut, sondern ziemlich flotte Dialoge geschrieben hat. Im Flugzeug sitzt der britische Spion Steve Trevor (Chris Pine), ihm auf den Fersen ist die Kaiserliche Reichsmarine. Diana rettet den Agenten vorm Ertrinken, anschließend kommt es zu einem wüsten Gemetzel am Strand der Paradiesinsel. Der Erste Weltkrieg hat die Welt der Sagen erreicht. Was man vielleicht auch als ein Symbol deuten kann dafür, wie weit der Große Krieg mittlerweile ins Reich der Mythen eingegangen ist, heute, da niemand mehr lebt, der in ihm litt. Jedenfalls stimmt an dem Weltkrieg, den „Wonder Woman“ vorführt, nur wenig mit der historischen Realität überein, fast so wenig, wie Homers „Ilias“ mit dem authentischen Untergang Trojas zu tun hat.

Geheimnisdienstchef Sir Patrick hat was zu verbergen

Trevor wird gejagt, weil er ein finsteres Geheimnis des teutonischen Generals Ludendorff (Danny Huston) kennt. Der hat nämlich mit seiner entstellten Gehilfin Dr. Maru (Elena Anaya) ein Nervengift entwickelt, gegen das Gasmasken nichts nützen. Obwohl die Führung in Berlin bereits Verhandlungen zum Waffenstillstand einleitet, hofft Ludendorff – dem eine Art Supercrack übermenschliche Kräfte verleiht –, mithilfe der Massenvernichtungswaffe das Kriegsglück zu wenden. An all dem ist nur so viel korrekt: Ludendorff war ein Menschenschlächter, und an der Front wurde Gas eingesetzt; der Rest spielt in einem politisch inkorrekten, im Superheldengenre freilich ganz normalen Paralleluniversum.

Unterm Bann des goldenen Lassos, das jeden Gefesselten zur Wahrheit zwingt, berichtet Agent Trevor von seiner Entdeckung und fleht die Amazonen an, ihm dabei zu helfen, den General aufzuhalten. Hippolyta möchte den Mann zwar am liebsten nach alter Sitte den Göttern opfern, doch ihre Tochter – die den Burschen ziemlich lecker findet – tritt für ihn ein. Sie hat auch ein starkes Argument zu bieten: Hinter Ludendorffs grausamem Plan steckt offenbar der Kriegsgott Ares, Erzfeind der Amazonen und aller Menschen, und nur mit dem „Gottestöter“ lässt er sich besiegen. Die Mythifizierung des Ersten Weltkriegs ist damit übrigens längst nicht vorbei, aber ich möchte nicht zu viel spoilern.

Diana hat vom Londoner Smog allmählich die Nase voll

Etwas mulmig wird Diana schon, als sie mit Steve in einem antiken Segelboot gen London aufbricht. Denn Antiope, die beim Kampf gegen die Hunnen fiel, hat der Nichte noch zuraunen können: „Sei vorsichtig in der Welt der Männer. Sie verdienen dich nicht.“ Diana ist entsprechend skeptisch, als sie in der Patriarchenzivilisation ankommt. In diesem Akt des Films wird „Wonder Woman“ geradezu komisch, auch dafür hat Gadot Talent. Bei der Einkleidung in die prüde Mode der Zeit stellt sich der Amazone vor allem die Frage: „Kann man darin kämpfen?“

General Ludendorff hat Mundgeruch, tanzt aber wie der Teufel

Wie Diana, Steve und ihr Stoßtrupp aus Abenteurern das Duell mit Ludendorff aufnehmen, ob die Romanze zwischen dem Spion und der Prinzessin sich weiter entfaltet, warum das Finale ungute Erinnerungen an den Schluss von „Batman v Superman – Dawn of Justice“ weckt, möchte ich nicht im Detail verraten. Dieser Teil der Story ist zu konventionell geraten, um ihm seine paar Pointen zu rauben. Nur so viel sei ausgeplaudert: Es geht eine Menge kaputt, die CGI überzeugt meistens, und Chris Pine spielt, als hätte ihm niemand gesagt, dass dies kein „Star Trek“-Ableger ist. Aber vielleicht kann er bloß den Captain Kirk.

Ein Bild von einer Frau

Wonder Woman wurde 1941 von William Moulton Marston erfunden. Sie war nicht nur die erste echte Comic-Superheldin, sondern avancierte auch zur Ikone der Frauenbewegung. Einer ihrer berühmtesten Fans ist die Feministin Gloria Steinem, und für Millionen amerikanischer Mädchen hat die superstarke Amazone eine ähnliche Bedeutung wie für europäische das stärkste Mädchen der Welt, Pippi Langstrumpf. Diana ist unabhängig, mutig, hilfsbereit, blitzgescheit – sie spricht, zum Beispiel, einige hundert Fremdsprachen –, und sie haut einen um, egal in welchem Fummel.

Die von Patty Jenkins und Gal Gadot runderneuerte Wunderfrau könnte auch für Kinder des 21. Jahrhunderts zum Vorbild werden. Viele Kritiker in den USA bejubeln überschwenglich die Überheroine. Dabei geht schon mal der Pegasus mit ihnen durch. So habe ich irgendwo gelesen, Diana würde mit Steve gegen „Nazis“ kämpfen. Oha. Ludendorff war zwar ein reaktionärer Antisemit, aber nicht mal der Märchenfilm „Wonder Woman“ ist so geschichtsvergessen, die Reichswehr mit der Wehrmacht zu verwechseln. Die Krauts kommen im Film schlecht weg, doch mit dem gemeinen Kanonenfutter hat Diana durchaus Mitleid. Das ist keine üble Moral und eine schöne Note in einem Popcorn-Spektakel.

Dr. Maru kann Fragen nach ihrem Visagisten gar nicht leiden

Um der unschuldigen Jugend nicht zu viel zuzumuten, verzichtet der Spielfilm – wie auch die Comicbooks schon seit langem – auf den reichen Schatz an Sadomaso-Details der Marston-Geschichten. In ihrer Frühzeit nämlich wurden Diana und ihre Gefährten unablässig gefesselt und geknebelt, in düstere Kammern gesperrt und gepeitscht (ein bisschen). Von all dem Bondage lässt der Film nur Wonder Womans magisches Lasso und ein paar harmlose Anspielungen für die Kenner übrig. Denn du darfst in einem Blockbuster ruhig zeigen, wie unzählige Menschen ins Gras beißen, aber Schweinkram ist untersagt.

Weshalb ich meiner zwölfjährigen Nichte ebenso wie Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, den Besuch dieses kurzweiligen Unfugs guten Gewissens empfehlen kann. Den Trump-Hassern unter Ihnen möchte ich jedoch nicht verhehlen, dass einer der Executive Producers von „Wonder Woman“ Steven Mnuchin gewesen ist, der Finanzminister des grotesken Präsidenten. Man merkt‘s dem Film, Zeus sei Dank, in keiner Einstellung an.

Ein stahlharter Engel im Schützengraben

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gal Gadot sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Chris Pine in der Rubrik Schauspieler.

Wonder Woman beim Survival-Training

Länge: 141 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Wonder Woman
USA 2017
Regie: Patty Jenkins
Drehbuch: Allan Heinberg
Besetzung: Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Connie Nielsen, Danny Huston, David Thewlis, Ewen Bremner, Saïd Taghmaoui, Eugene Brave Rock, Lucy Davis, Ann Ogbomo
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac Entertainment, LLC

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2017/06/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Wonder Woman – Amazone, Prinzessin, Role Model

  1. Stepnwolf

    2017/06/22 at 20:43

    Schöne, lockere Rezension. Und dir ist auch aufgefallen, das Chris Pine hier den James T. gibt. Wahrscheinlich ist er aus Versehen ins DC-Universe gebeamt wurden. 😀

     

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