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Split – Zurück zu alter Form

26 Jun

Split

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Nach zahlreichen teuren Kassenflops betätigte der einst so hoch gepriesene Filmemacher M. Night Shyamalan 2015 frustriert die Reset-Taste. Ohne Stars und mit einem bescheidenen Budget inszenierte der „The Sixth Sense“-Regisseur mit der Horrorkomödie „The Visit“ ein Werk, bei dem leichte Hoffnung aufkeimte, dass der Spannungsmeister doch noch einmal die Kurve kriegen könnte. Tatsächlich gelang es ihm mit seinem nächsten Film „Split“, die gesteigerten Erwartungen sogar zu übertreffen. Die Kritiker zeigten sich größtenteils begeistert und an den Kinokassen spielte der raffinierte Horrorthriller weltweit mehr als 275 Millionen US-Dollar ein. 1,2 Millionen Zuschauer strömten in die deutschen Kinos.

Kevin leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung

Nachdem die Teenager Casey (Anya Taylor-Joy), Claire (Haley Lu Richardson) und Marcia (Jessica Sula) von einem fremden Mann überfallen und narkotisiert wurden, erwachen sie in einem teilweise frisch renovierten Keller. Zwei Betten stehen in dem kargen Raum, ein kleines Badezimmer ist vorhanden. Ihr Entführer (James McAvoy) stellt sich ihnen zunächst als Dennis vor. Als der Kidnapper später in Frauenkleidung zu seinen Geiseln zurückkehrt und sich kurz darauf wie ein kleiner Junge benimmt, bemerken die jungen Frauen, dass sie es offenbar mit einem schwer gestörten Mann zu tun haben. Nur die Therapeutin Dr. Karen Fletcher (Betty Buckley) weiß über den Zustand ihres Patienten Kevin Bescheid. Er leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Dennis, die Frau Patricia und der neunjährige Junge Hedwig sind nur drei von insgesamt 23 Individuen, die in ihm beherbergt sind und abwechselnd seinen Geist und Körper kontrollieren.

Twists in kleinen Dosen

Nach langer Durststrecke stellt „Split“ für M. Night Shyamalan endlich eine Rückkehr zur alten Form dar. Seine berühmten Twists serviert er diesmal bewusst in kleinen Dosen, nicht wie üblich am Ende mit einem Paukenschlag. Sein Handwerk hatte der Filmemacher ja nie verlernt. Auch seine schwächeren Filme lebten immer von einer spannenden Atmosphäre. Nur seine Geschichten waren zumeist einfach zu unausgegoren oder zu abstrus – man denke nur an „The Happening“ (2008). In „Split“ stimmt beides. Mit Ausnahme des Beginns und einigen Sitzungen in Dr. Fletchers Zuhause, spielt sich ein Großteil der Handlung in den Räumen des Kellergeschosses ab. In diesem Mikrokosmos lebt Kevin mit seiner „Horde“, wie er zusammenfassend seine verschiedenen Persönlichkeiten nennt, und wo er seine drei Geiseln gefangen hält.

Die jungen Frauen ergeben sich keineswegs untätig ihrem Schicksal. Sie setzen sich durchaus zur Wehr und versuchen, einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden. Dabei kommt Casey – dargestellt von der wieder einmal großartigen Newcomerin Anya Taylor-Joy („The Witch“) – eine besondere Rolle zu: In Rückblenden erfahren wir nach und nach mehr aus ihrer schwierigen Kindheit und warum sie es so gut versteht, den richtigen Moment zur Gegenwehr abzuwarten oder auch auf Kevin als neunjähriger Hedwig beeinflussend einzureden.

Casey (l.) versucht ihren Entführer mit Worten zu beeinflussen

Doch ohne die überragende Leistung von James McAvoy („X-Men – Apocalypse“) würde „Split“ kaum so gut funktionieren. Er pendelt nur minimal zwischen den verschiedenen Figuren, die er verkörpert. Neben anderer Kleidung oder anderem Gang sind es diese kleinen Nuancen, mit denen es ihm gelingt, dass jeder einzelne Charakter zu einer echten Persönlichkeit mit Hintergrundgeschichte wird. Gleichzeitig entwickelt sich sein Kevin durch die Persönlichkeitsstörung zu einem äußerst gefährlichen, weil unberechenbaren Bösewicht.

Der Fall des Billy Milligan

Wer solch eine extreme Störung ins Reich der Fiktion verbannt, sollte sich mit dem Fall von Billy Milligan vertraut machen, der für Shyamalans Drehbuch als Inspiration diente. Der US-Amerikaner beging in den 1970er-Jahren bewaffnete Raubüberfälle, wurde wegen dreier Vergewaltigungen festgenommen und in Ohio vor Gericht gestellt. Die von der Verteidigung eingesetzten Psychologen konnten nachweisen, dass bei Milligan eine Geisteskrankheit vorlag: 24 verschiedene Persönlichkeiten lebten ihrer Ansicht nach in seinem Gehirn. Mindestens eine davon sei für die Verbrechen verantwortlich gewesen. Milligan habe nicht gewusst, was er tat und könne auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Statt ins Gefängnis wurde er in eine Psychiatrie eingewiesen. Seine Geschichte schildert Daniel Keyes in der Biographie „Das Leben des Billy Milligan“.

Nur Dr. Fletcher weiß über Kevins Zustand Bescheid

Neben seinem obligatorischen Cameo-Auftritt kann Shyamalan den Twist am Filmende dann auch diesmal nicht komplett aussparen. Aber dieser stellt nicht wie üblich die gesamte Handlung auf den Kopf, sondern lässt das übergeordnete Geschehen nur in einem etwas anderen Licht erstrahlen. Auf die bereits bestätigte Fortsetzung darf man gespannt sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von M. Night Shyamalan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit James McAvoy in der Rubrik Schauspieler.

Casey auf der Flucht

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als 4k-UHD, Blu-ray und DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Split
USA/JAP 2016
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Besetzung: James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Kim Director, Haley Lu Richardson, Betty Buckley, Jessica Sula, Izzie Coffey, Brad William Henke, Sebastian Arcelus
Zusatzmaterial: alternatives Ende, unveröffentlichte Szenen, Making-of, Die vielen Gesichter des James McAvoy, Aus der Sicht des Filmemachers: M. Night Shyamalan
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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Eine Antwort zu “Split – Zurück zu alter Form

  1. christianneffe

    2017/06/26 at 17:19

    Mein großes Problem mit dem Film ist noch immer, dass es nur ein Drittel aller Persönlichkeiten zu sehen gibt… das macht wirklich nur Sinn, wenn der Rest in der Fortsetzung auftauchen wird.

     

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