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Affäre in Berlin – Der Agent und das Mädchen

28 Jun

Berlin Affair

Von Ansgar Skulme

Agententhriller // Der Agent Peter Killian (Darren McGavin) wird nach Berlin geschickt, um den abtrünnigen Paul Strand (Brian Kelly) aufzuspüren und ihm das Handwerk zu legen. Strand und Killian waren früher einmal gute Freunde, doch Killians Offenheit gegenüber dem einstigen Vertrauten rächt sich schnell. Nun auch persönlich an einer Abrechnung interessiert, schmeißt sich Killian an Strands Freundin Wendi (Pascale Petit) heran. Die junge Frau auszunutzen, fällt ihm jedoch nicht so leicht wie gedacht, und der Fall wird durch immer mehr private Verstrickungen zunehmend komplizierter. Und nicht nur Strand, sondern auch die Gestalten, mit denen er Geschäfte macht, haben es auf Killian abgesehen. Mit dem Rücken zur Wand versucht er sich zu behaupten und mehr als nur seine eigene Haut heil aus der Mission herauszumanövrieren. Wenn nicht er, wer dann? Sein Chef (Fritz Weaver) hält ihn für ein Raubtier, das Spaß an seinem dreckigen Job hat, doch harte Schale und coole Fassade sind nicht alles.

„Affäre in Berlin“ ist eine von Universal Television mit kleinem Darstellerensemble, dafür aber direkt vor Ort in Berlin realisierte Fernsehproduktion. Ausländische Fernsehfilme, die schon über 40 Jahre auf dem Buckel haben, werden bei uns leider grundsätzlich nur recht selten noch in irgendeiner Weise präsentiert – sei es nun als TV-Ausstrahlung oder Veröffentlichung als DVD oder Blu-ray. Der vorliegende Film hatte das Glück, dass er gemeinsam mit einigen anderen TV-Filmen – wie beispielsweise „Der Flug des Schreckens“ (1966), „Im letzten Moment“ (1973) und „Andersons Rache“ (1974) – vor ungefähr zehn Jahren von dem mittlerweile wieder eingestellten TV-Sender Das Vierte ausgegraben wurde, der von September 2005 bis Juli 2008 von NBC Universal betrieben wurde und daher Zugriff auf den entsprechenden Rechtestock und die zugehörigen Filme hatte. Das Vierte strahlte „Affäre in Berlin“ sogar zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr aus.

Was für ein Hauptdarsteller!

Mit Darren McGavin weist der Film einen der damals erfahrensten TV-Serienstars vor, die Hollywood zu bieten hatte. McGavin hatte bis dato bereits die Hauptrollen in „Mike Hammer“ (1958/59), „Riverboat“ (1959–1961) und „Der Einzelgänger“ (1967–1969) gespielt sowie etliche Gastrollen in anderen Serien. Im Kino war er nach diversen prägnanten Nebenrollen und einer Hauptrolle in dem Film noir „Asphaltgeier“ (1958) ab den 60ern nur noch recht selten zu sehen. Ab 1970 tauchte McGavin vermehrt in für das Fernsehen produzierten eigenständigen Filmen auf; „Affäre in Berlin“ war einer der ersten davon. Auch den Serien blieb er aber weiter zugetan: Aus „The Night Stalker“ (1972) wurde wenig später die kurzlebige Mystery-Kultserie „Der Nachtjäger“ (1974–1975). Darren McGavin verstand sich seit jeher bestens auf die Rollen von abgebrühten Kerlen und harten Hunden. Sei es nun als Frank Sinatras Dealer in Otto Premingers „Der Mann mit dem goldenen Arm“ (1955), der genau wusste wie er den Abhängigen immer wieder schwach werden lassen konnte und dies gnadenlos ausnutzte, oder eben als Mike Hammer, den er bewusst als indirekte Parodie anderer Privatdetektive und Polizisten anlegte, die damals das TV unsicher machten. Parodie allerdings nicht im Sinne, dass er die eigene Figur der Lächerlichkeit preisgegeben hätte. Zwar war die Serie ursprünglich gar nicht so gedacht, sondern durchaus ernst gemeint, McGavin jedoch hielt das Konzept und wohl auch ganz allgemein derartige hartgesotten tuende Privatdetektiv-Figuren schlichtweg für nicht ernst zu nehmen. Daher machte er aus der Rolle ein Kabinettstückchen und trieb die coolen Posen und den flapsigen Umgang des Mike Hammer mit Gangstern wie auch Frauen radikal auf die Spitze. Hierbei wusste er seine Stimme stets ebenso intensiv akzentuiert einzusetzen wie seine Körpersprache. Immer wieder schlug seine Performance ins Extrovertierte aus und spielte alle Umstehenden an die Wand. Manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Wie etwa in einer Szene, als Mike Hammer einem Gangster, der aus einem Raum flüchten will, zuvorkommt, indem er mit voller Wucht, die Beine voraus, gegen die Tür springt, sie dem Gesetzlosen damit gewissermaßen mit Vollgas vor der Nase zuschlägt und jenem somit nur noch die Wand, aber kein Ausweg mehr bleibt.

Schau mir in die Augen, Kleines!

Wer Darren McGavins detailreiches, sehr gekonnt dick aufgetragenes Spiel schon in „Mike Hammer“ mochte, kommt mit „Affäre in Berlin“ voll auf seine Kosten. Er spielt die Rolle als perfekt zum Leben erweckten Groschenheft-Agenten. Oberflächlichkeiten werden zu Stilmitteln und Manierismen zu charismatischen Eigenschaften. Großartig beispielsweise eine Szene, als Wendi eines späten Abends zurück zu ihrer Wohnung kommt und den von McGavin gespielten Peter Killian auf der Eingangstreppe des Hauses sitzend vorfindet. Ihre Blicke treffen sich genau in dem Moment, als sich Killian gerade in der coolsten nur möglichen Pose eine Zigarette mit dem Feuerzeug anstecken will und dann über den Glimmstängel hinweg in einer Nahaufnahme die junge Frau fokussiert. Wie er unmittelbar und wortlos das Feuerzeug zuschnappen lässt, dann aufsteht und die Zigarette wie aus dem Lehrbuch im großen Bogen wegschnipst, ohne dabei auch nur einen Funken seine taffe Miene zu verziehen, während sie weiter auf ihn zuläuft, da die Frau, auf die er womöglich schon seit Stunden auf dieser Treppe gewartet hat, endlich gekommen ist, bringen die raue Oberfläche und den sanften, aufrichtigen Kern der Figur sehr stark zu Geltung. Es ist ein Moment wie zwischen Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, von wirklich großer Intensität. Als sie sich dann an ihn schmiegt, sind alle vorherigen Meinungsverschiedenheiten aus der Welt und es bedeutet ihm eine ganze Menge, auch wenn er es die Frau kaum merken lässt. Dazu das unter die Haut gehende musikalische Thema von Francis Lai, das erst nach über 35 Minuten Film eingeführt wird, als Killian und Wendi sich das erste Mal treffen und genial genau in dem Moment einsetzt als Killian in Wendis Rücken seine Wohnungstür öffnet, sie das erste Mal anspricht und damit buchstäblich in ihr Leben tritt. Lai, der etwa zur selben Zeit auch die Musik für „Love Story“ (1970) komponierte und dafür 1971 einen Oscar gewann, variiert dieses musikalische Thema fortan versiert und gibt der Liebesgeschichte damit etwas Berührendes, ans Herz Gehendes.

Basierend auf Klischees wird durch die Darstellungen von Darren McGavin und Pascale Petit sowie Francis Lais Musik und die inszenatorischen Einfälle von David Lowell Rich einfühlsam eine intensive und dramatische, emotional nachfühlbare Figurenkonstellation entwickelt, die den Film bis zum Schluss spannend hält und in einem starken Finale gipfelt, das beide Seiten des Peter Killian noch einmal zu voller Geltung bringt: Da ist der Mann, der aufrichtig zu seinen Gefühlen steht und der Frau seines Lebens ins Gesicht gesagt hat, dass es schön ist, in sie verliebt zu sein, obwohl er sie belügen musste und versucht hat, sie auszunutzen; und da ist der taffe, vor Entschlossenheit strotzende Agent, an den man nicht geraten möchte, wenn der Moment gekommen ist, wo ihm alles egal wird. Der Film ist für diesen Killian wie eine Läuterung, die sein Leben auf den Kopf und sein bisheriges Denken, seine Wertvorstellungen in Frage stellt. Er ist doch nicht so unantastbar wie er dachte, nimmt sich dies allerdings zunehmend an. Ihm gefällt es, den Menschen hinter der harten Schale zu entdecken und zuzulassen. An diesem Punkt bewegt sich der Film dann durchaus in recht ungewöhnlichen Fahrwassern für einen Agentenstreifen und erweist sich als, gerade für dieses oft in starken Übertreibungen gipfelnde Genre, hinsichtlich einiger Aspekte durchaus realitätsnah. Dazu immer wieder peppige, moderne Schnittvarianten beim Übergang von Szenen, Verschachtelungen des Endes der vorausgehenden und des Anfangs der folgenden Szene, die ihrer Zeit voraus waren und besondere Aufmerksamkeit einfordern.

Berliner Zeitdokument

Schon allein um der klassischen Farbaufnahmen aus Berlin willen lohnt sich diese Produktion für Nostalgiker und Berlin-Freunde absolut. Auch einige deutsche Schauspieler, wie etwa der durchaus namhafte Reinhard Kolldehoff, sind in kleinen Rollen zu sehen, auch wenn die Story sehr stark um die ersten sieben in den Credits erwähnten Darsteller kreist und alle anderen letztlich nur recht kurz auftreten. Passend dazu wurde auch die im Auftrag der ARD entstandene Synchronfassung unverkennbar in Berlin erstellt – mit vielen bekannten Stimmen und dem aufgrund der Vielzahl seiner Rollen aller Größenordnungen oft als „König der Synchronisation“ bezeichneten Arnold Marquis in der Hauptrolle. Auch wenn man Marquis vor allem in Filmen der 50er bis 70er gewissermaßen ständig hört und es manchmal schade ist, dass man originellere Besetzungen aus früheren Rollen durch den Vielsprecher Marquis ersetzte, gibt es durchaus einige Schauspieler, für die Arnold Marquis mit seinem Schauspielverständnis als Stimme absolut großartig passte. Darren McGavin ist hierfür ein Paradebeispiel, da er seine Rollen ebenso extrovertiert spielte wie Marquis eine Neigung zu sehr nuanciertem Betonen, aber auch dick aufgetragenen Tonfällen hatte. Im Englischen würde man davon besprechen, dass beide häufig bewusst „over the top“ spielten, mit starken Akzentuierungen arbeiteten – mimisch, gestisch und eben auch stimmlich. Mit „zu viel des Guten“ ist diese Herangehensweise an die Rollen allerdings nicht adäquat übersetzt. McGavin – und dann noch mit der Stimme von Marquis – stiehlt einfach jede Szene, in der er auftaucht. Interessant ist die Synchronfassung aber auch deswegen, weil Joachim Kerzel als Stimme von Derren Nesbitt hier eine seiner frühesten Synchronrollen hatte; 1971 beginnt seine Synchronfilmografie. Kerzel ist heute immer noch aktiv und beispielsweise die reguläre Stimme von Jean Reno, Anthony Hopkins, Harvey Keitel und Dustin Hoffman, früher auch von Jack Nicholson und Dennis Hopper.

Fast alle Spuren verloren

Der Film ist nicht nur weltweit noch nirgends offiziell auf DVD veröffentlicht worden, sondern wahrscheinlich auch nicht auf VHS. Während der eingangs dieses Textes bereits erwähnte Fernsehfilm „Andersons Rache“ neben der TV-Auswertung beispielsweise auch einen Kinostart in Großbritannien bekam, erreichte „Affäre in Berlin“ nie diesen Verbreitungsgrad und selbst die Originalfassung ist bis heute relativ schwierig aufzutreiben. Eine DVD-Veröffentlichung würde sich daher wie ein Sechser im Lotto anfühlen und wäre selbst allein mit der deutschen Tonspur schon ein Erfolg. Ganz generell wäre es durchaus erfreulich, die beträchtliche Zahl an US-TV-Filmen der 60er- und 70er-Jahre langsam aber sicher einmal zu erschließen. Ohne sie werden uns viele große Leistungen von Ausnahmeschauspielern, die ihr festes Zuhause in TV-Produktionen hatten – wie Darren McGavin oder auch David Janssen – auf ewig weitestgehend verborgen bleiben.

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: Berlin Affair
USA 1970
Regie: David Lowell Rich
Drehbuch: E. Jack Neuman, Peter Penduik, Elliot West
Besetzung: Darren McGavin, Pascale Petit, Fritz Weaver, Brian Kelly, Claude Dauphin, Christian Roberts, Derren Nesbitt, Kathie Browne, Marian Collier, Reinhard Kolldehoff
Verleih: Universal Television

Copyright 2017 by Ansgar Skulme

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