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Archiv für den Monat Juni 2017

John Wick – Kapitel 2: Leichen pflastern seinen Weg

John Wick – Chapter 2

Von Andreas Eckenfels

Actionthriller // „Hast du ,John Wick‘ gesehen?” So schallte es Anfang 2015 aus allen Ecken. Selbst dem Genre ansonsten eher weniger zugeneigte Filmfreunde zeigten sich von dem brutalen, aber auch coolen Rachethriller begeistert. Ein Garant für den Erfolg war Keanu Reeves, der mit der ikonischen Titelrolle ein lang herbeigesehntes Comeback feiern konnte. Nachdem „John Wick“ quasi über Nacht zum Kultfilm avancierte, war schnell klar, dass die Geschichte des stoischen und stets adrett gekleideten Auftragkillers noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Neuer Hund, neues Haus, alte Probleme

Die Fortsetzung setzt kurz nach dem Ende des ersten Teils ein: John Wick holt sich seinen heiß geliebten Ford Mustang zurück, dessen Diebstahl die vorigen Ereignisse erst in Gang setzte. Das Gefährt ist noch im Besitz von Abram (Peter Stormare), dem Bruder von Viggo Tarasov, der der Oberbösewicht im Vorgänger war und von dem leider gerade überraschend verstorbenen Michael Nyqvist dargestellt wurde. Abram weiß, dass es kein gutes Ende nehmen wird, wenn man sich Wick zum Feind gemacht hat. Mit seinen Worten trägt er selbst zur Legendenbildung des Killers bei und sorgt bei seinen Untergebenen für schlotternde Knie. Er soll recht behalten. 15 Filmminuten und etliche Leichen später hat Wick seinen Ford Mustang wieder. Da er den Wagen ebenfalls als Waffe einsetzen musste, ist dieser zwar fast schrottreif. Doch Aurelio (John Leguizamo), einer seiner wenigen Freunde, wird ihn in seiner Werkstatt schon wieder flottkriegen.

John Wick ist wieder auf den Hund gekommen

Zeit für eine Atempause bleibt dem Killer allerdings nicht. Der erhoffte Ruhestand mit seinem neuen Hund im frisch erworbenen neuen Eigenheim währt nicht lange. Denn Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio) steht plötzlich an seiner Türschwelle und erinnert Wick an einen alten Blutschwur, den er noch nicht abgegolten hat. Der Gangsterboss will seine Schwester Gianna (Claudia Gerini) umbringen lassen, damit er selbst an die Spitze eines international agierenden Verbrechersyndikats gelangt. Der Kodex der geheimen Killervereinigung macht es Wick unmöglich, den Auftrag abzulehnen. Also reist er nach Rom, um seinen vermeintlich letzten Mord zu begehen …

Regeln und Rituale

Auch wenn die 119 Leichen aus dem Erstling nicht ganz erreicht werden, liegt der Body Count im zweiten Kapitel mit 116 Opfern nur unwesentlich darunter. Es bleibt aber nicht der einzige Punkt, bei dem die Fortsetzung dem Vorgänger stets ein klein wenig unterlegen ist. Nicht nur aufgrund der beinharten Feuergefechte zog „John Wick“ in seinen Bann. Vielmehr waren es die frischen Ideen rund um die Regeln und Rituale, die innerhalb der Killervereinigung gelten. Das Hotel „The Continental“, in welchem sich die Profimörder einquartieren können; Golddukaten, die als Zahlungsmittel fungieren – solche Einfälle faszinierten. Zwar erfahren wir in der Fortsetzung etwas mehr von dieser geheimen Parallelwelt, in der die Worte Blut und Ehre eine enorme Bedeutung besitzen, dennoch geht der Überraschungseffekt etwas verloren. Nach dem oben beschriebenen fulminanten Auftakt von „John Wick – Kapitel 2“ muss man sich erstmal auf etwas Leerlauf einstellen.

Der Killer tut bald wieder das, was er am besten kann

Doch keine Sorge, sie ist nicht von langer Dauer. Nachdem unser neuer Lieblingskiller sein Zielobjekt in Rom ausgeschaltet hat, ist es mit der Ruhe vorbei. Da Wick seine Schwester getötet hat, setzt ausgerechnet D’Antonio ein Kopfgeld von sieben Millionen Dollar auf ihn aus. Bei solch einer Summe sagt keiner seiner professionell ausgebildeten Kollegen „Nein“. Wick ist nirgends mehr sicher, jede Sekunde muss er mit dem nächsten Angriff rechnen. In Zwischenschnitten und Parallelmontagen stellen sich Wick pausenlos Gegner in den Weg. Von den kompromisslosen Schusswechseln, die aus kürzester Distanz mit voller Härte geführt werden und die mit perfekt choreografierten „Gun Fu“-Kampfszenen gewürzt sind, bis hin zum finalen Endkampf in einem Museum mit Spiegelkabinett werden die Erwartungen an ein stylisches Actionfest erfüllt.

Stahelski vereint die „Matrix“-Stars

Allerdings: Obwohl all diese Szenen auf einem hohen Niveau liegen und in schnellem Tempo vorgetragen werden, fehlt es ein wenig an Abwechslung. Selten legt Wick mal seine Waffe beiseite und nutzt beispielsweise einen Bleistift als Tötungsinstrument. Ein wenig mehr Auto-Action wie im ersten Teil hätte ich mir ebenfalls gewünscht. Auch interessante Figuren wie die stumme Killerin Ares (Ruby Rose) kommen angesichts der Fülle an gesichtslosen Gegnern leider viel zu kurz. Von den zahlreichen Fights bleibt nur der lange Zweikampf mit seinem hartnäckigsten Widersacher Cassian (Common) im Gedächtnis, der zunächst in Rom, später in den Straßen von New York ausgetragen wird und im Waggon einer U-Bahn stichhaltig endet.

Kollege Cassian erweist sich als Wicks härtester Gegner

Immerhin ließ es sich Chad Stahelski nicht nehmen und organisierte eine kleine „Matrix“-Reunion. Der Regisseur selbst fungierte in der bahnbrechenden Science-Fiction-Trilogie als Stunt-Double von Keanu „Neo“ Reeves. Im zweiten „John Wick“ ist nun auch Lawrence „Morpheus“ Fishburne in der Rolle von Bowery King mit von der Partie, der dem verfolgten Auftragskiller aus der Patsche hilft.

Bowery King unterhält ein Netzwerk aus Brieftauben und Bettlern in New York

Vielleicht liegt es daran, dass es sich bei „John Wick – Kapitel 2“ um einen Mittelteil handelt, dass es an den ganz großen Höhepunkten mangelt, weil sich die Macher diese für den bereits bestätigen dritten und vermutlich finalen Teil aufheben wollen. Nach der Filmtrilogie könnte die „John Wick“-Welt noch weiterleben: Derzeit wird über eine TV-Serie nachgedacht, in der die Ereignisse rund um die weltweite „The Continental“-Hotelkette als Dreh- und Angelpunkt dienen.

Wird D’Antonio die Rache von John Wick zu spüren bekommen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Laurence Fishburne, Franco Nero und Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Juni 2017 als 4k-UHD, Blu-ray, Blu-ray im limitierten Steelbook und DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: John Wick – Chapter 2
USA/HK/IT/KAN 2017
Regie: Chad Stahelski
Drehbuch: Derek Kolstad
Besetzung: Keanu Reeves, Riccardo Scamarcio, Ian McShane, Ruby Rose, Common, Lance Reddick, Laurence Fishburne, Claudia Gerini, John Leguizamo, Peter Stormare, Franco Nero
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Keanu Reeves und Chad Stahelski, entfallene Szenen, RetroWick: Der unerwartete Erfolg von John Wick, John Wick im Training, Wick-vizzed, Die Verbrecherwelt des John Wick, Freunde und Vertraute: Kenaus und Chads Zusammenarbeit, Car Fu zum Mitfahren, Kameratest: Entwicklung einer Kampfszene, Wicks „Werkzeugkiste“, Mitgezählt, Wicks Hund, deutsche Kinotrailer, Original Kinotrailer
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshots: © 2017 Concorde Home Entertainment

 

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Affäre in Berlin – Der Agent und das Mädchen

Berlin Affair

Von Ansgar Skulme

Agententhriller // Der Agent Peter Killian (Darren McGavin) wird nach Berlin geschickt, um den abtrünnigen Paul Strand (Brian Kelly) aufzuspüren und ihm das Handwerk zu legen. Strand und Killian waren früher einmal gute Freunde, doch Killians Offenheit gegenüber dem einstigen Vertrauten rächt sich schnell. Nun auch persönlich an einer Abrechnung interessiert, schmeißt sich Killian an Strands Freundin Wendi (Pascale Petit) heran. Die junge Frau auszunutzen, fällt ihm jedoch nicht so leicht wie gedacht, und der Fall wird durch immer mehr private Verstrickungen zunehmend komplizierter. Und nicht nur Strand, sondern auch die Gestalten, mit denen er Geschäfte macht, haben es auf Killian abgesehen. Mit dem Rücken zur Wand versucht er sich zu behaupten und mehr als nur seine eigene Haut heil aus der Mission herauszumanövrieren. Wenn nicht er, wer dann? Sein Chef (Fritz Weaver) hält ihn für ein Raubtier, das Spaß an seinem dreckigen Job hat, doch harte Schale und coole Fassade sind nicht alles.

„Affäre in Berlin“ ist eine von Universal Television mit kleinem Darstellerensemble, dafür aber direkt vor Ort in Berlin realisierte Fernsehproduktion. Ausländische Fernsehfilme, die schon über 40 Jahre auf dem Buckel haben, werden bei uns leider grundsätzlich nur recht selten noch in irgendeiner Weise präsentiert – sei es nun als TV-Ausstrahlung oder Veröffentlichung als DVD oder Blu-ray. Der vorliegende Film hatte das Glück, dass er gemeinsam mit einigen anderen TV-Filmen – wie beispielsweise „Der Flug des Schreckens“ (1966), „Im letzten Moment“ (1973) und „Andersons Rache“ (1974) – vor ungefähr zehn Jahren von dem mittlerweile wieder eingestellten TV-Sender Das Vierte ausgegraben wurde, der von September 2005 bis Juli 2008 von NBC Universal betrieben wurde und daher Zugriff auf den entsprechenden Rechtestock und die zugehörigen Filme hatte. Das Vierte strahlte „Affäre in Berlin“ sogar zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr aus.

Was für ein Hauptdarsteller!

Mit Darren McGavin weist der Film einen der damals erfahrensten TV-Serienstars vor, die Hollywood zu bieten hatte. McGavin hatte bis dato bereits die Hauptrollen in „Mike Hammer“ (1958/59), „Riverboat“ (1959–1961) und „Der Einzelgänger“ (1967–1969) gespielt sowie etliche Gastrollen in anderen Serien. Im Kino war er nach diversen prägnanten Nebenrollen und einer Hauptrolle in dem Film noir „Asphaltgeier“ (1958) ab den 60ern nur noch recht selten zu sehen. Ab 1970 tauchte McGavin vermehrt in für das Fernsehen produzierten eigenständigen Filmen auf; „Affäre in Berlin“ war einer der ersten davon. Auch den Serien blieb er aber weiter zugetan: Aus „The Night Stalker“ (1972) wurde wenig später die kurzlebige Mystery-Kultserie „Der Nachtjäger“ (1974–1975). Darren McGavin verstand sich seit jeher bestens auf die Rollen von abgebrühten Kerlen und harten Hunden. Sei es nun als Frank Sinatras Dealer in Otto Premingers „Der Mann mit dem goldenen Arm“ (1955), der genau wusste wie er den Abhängigen immer wieder schwach werden lassen konnte und dies gnadenlos ausnutzte, oder eben als Mike Hammer, den er bewusst als indirekte Parodie anderer Privatdetektive und Polizisten anlegte, die damals das TV unsicher machten. Parodie allerdings nicht im Sinne, dass er die eigene Figur der Lächerlichkeit preisgegeben hätte. Zwar war die Serie ursprünglich gar nicht so gedacht, sondern durchaus ernst gemeint, McGavin jedoch hielt das Konzept und wohl auch ganz allgemein derartige hartgesotten tuende Privatdetektiv-Figuren schlichtweg für nicht ernst zu nehmen. Daher machte er aus der Rolle ein Kabinettstückchen und trieb die coolen Posen und den flapsigen Umgang des Mike Hammer mit Gangstern wie auch Frauen radikal auf die Spitze. Hierbei wusste er seine Stimme stets ebenso intensiv akzentuiert einzusetzen wie seine Körpersprache. Immer wieder schlug seine Performance ins Extrovertierte aus und spielte alle Umstehenden an die Wand. Manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Wie etwa in einer Szene der Episode „My Fair Deadly“, als Mike Hammer einem Mann, der aus einem Raum flüchten will, zuvorkommt, indem er mit einem Bein voraus gegen die Tür springt, sie dem Flüchtigen so gewissermaßen mit Vollgas vor der Nase zuschlägt und jenem somit nur noch eine Wand, aber kein Ausweg mehr bleibt.

Schau mir in die Augen, Kleines!

Wer Darren McGavins detailreiches, sehr gekonnt dick aufgetragenes Spiel schon in „Mike Hammer“ mochte, kommt mit „Affäre in Berlin“ voll auf seine Kosten. Er spielt die Rolle als perfekt zum Leben erweckten Groschenheft-Agenten. Oberflächlichkeiten werden zu Stilmitteln und Manierismen zu charismatischen Eigenschaften. Großartig beispielsweise eine Szene, als Wendi eines späten Abends zurück zu ihrer Wohnung kommt und den von McGavin gespielten Peter Killian auf der Eingangstreppe des Hauses sitzend vorfindet. Ihre Blicke treffen sich genau in dem Moment, als sich Killian gerade in der coolsten nur möglichen Pose eine Zigarette mit dem Feuerzeug anstecken will und dann über den Glimmstängel hinweg in einer Nahaufnahme die junge Frau fokussiert. Wie er unmittelbar und wortlos das Feuerzeug zuschnappen lässt, dann aufsteht und die Zigarette wie aus dem Lehrbuch im großen Bogen wegschnipst, ohne dabei auch nur einen Funken seine taffe Miene zu verziehen, während sie weiter auf ihn zuläuft, da die Frau, auf die er womöglich schon seit Stunden auf dieser Treppe gewartet hat, endlich gekommen ist – all das bringt die raue Oberfläche und den sanften, aufrichtigen Kern der Figur stark zur Geltung. Es ist ein Moment wie zwischen Humphrey Bogart und Ingrid Bergman, von wirklich großer Intensität. Als sie sich dann an ihn schmiegt, sind alle vorherigen Meinungsverschiedenheiten aus der Welt und es bedeutet ihm eine ganze Menge, auch wenn er es die Frau kaum merken lässt. Dazu das unter die Haut gehende musikalische Thema von Francis Lai, das erst nach über 35 Minuten Film eingeführt wird, als Killian und Wendi sich das erste Mal treffen und genial genau in dem Moment einsetzt als Killian in Wendis Rücken seine Wohnungstür öffnet, sie das erste Mal anspricht und damit buchstäblich in ihr Leben tritt. Lai, der etwa zur selben Zeit auch die Musik für „Love Story“ (1970) komponierte und dafür 1971 einen Oscar gewann, variiert dieses musikalische Thema fortan versiert und gibt der Liebesgeschichte damit etwas Berührendes, ans Herz Gehendes.

Basierend auf Klischees wird durch die Darstellungen von Darren McGavin und Pascale Petit sowie Francis Lais Musik und die inszenatorischen Einfälle von David Lowell Rich einfühlsam eine intensive und dramatische, emotional nachfühlbare Figurenkonstellation entwickelt, die den Film bis zum Schluss spannend hält und in einem starken Finale gipfelt, das beide Seiten des Peter Killian noch einmal zu voller Geltung bringt: Da ist der Mann, der aufrichtig zu seinen Gefühlen steht und der Frau seines Lebens ins Gesicht gesagt hat, dass es schön ist, in sie verliebt zu sein, obwohl er sie belügen musste und versucht hat, sie auszunutzen; und da ist der taffe, vor Entschlossenheit strotzende Agent, an den man nicht geraten möchte, wenn der Moment gekommen ist, wo ihm alles egal wird. Der Film ist für diesen Killian wie eine Läuterung, die sein Leben auf den Kopf und sein bisheriges Denken, seine Wertvorstellungen in Frage stellt. Er ist doch nicht so unantastbar wie er dachte, nimmt sich dies allerdings zunehmend an. Ihm gefällt es, den Menschen hinter der harten Schale zu entdecken und zuzulassen. An diesem Punkt bewegt sich der Film dann durchaus in recht ungewöhnlichen Fahrwassern für einen Agentenstreifen und erweist sich als, gerade für dieses oft in starken Übertreibungen gipfelnde Genre, hinsichtlich einiger Aspekte durchaus realitätsnah. Dazu immer wieder peppige, moderne Schnittvarianten beim Übergang von Szenen, Verschachtelungen des Endes der vorausgehenden und des Anfangs der folgenden Szene, die ihrer Zeit voraus waren und besondere Aufmerksamkeit einfordern.

Berliner Zeitdokument

Schon allein um der klassischen Farbaufnahmen aus Berlin willen lohnt sich diese Produktion für Nostalgiker und Berlin-Freunde absolut. Auch einige deutsche Schauspieler, wie etwa der durchaus namhafte Reinhard Kolldehoff, sind in kleinen Rollen zu sehen, auch wenn die Story sehr stark um die ersten sieben in den Credits erwähnten Darsteller kreist und alle anderen letztlich nur recht kurz auftreten. Passend dazu wurde auch die im Auftrag der ARD entstandene Synchronfassung unverkennbar in Berlin erstellt – mit vielen bekannten Stimmen und dem aufgrund der Vielzahl seiner Rollen aller Größenordnungen oft als „König der Synchronisation“ bezeichneten Arnold Marquis in der Hauptrolle. Auch wenn man Marquis vor allem in Filmen der 50er bis 70er gewissermaßen ständig hört und es manchmal schade ist, dass man originellere Besetzungen aus früheren Rollen durch den Vielsprecher Marquis ersetzte, gibt es durchaus einige Schauspieler, für die Arnold Marquis mit seinem Schauspielverständnis als Stimme absolut großartig passte. Darren McGavin ist hierfür ein Paradebeispiel, da er seine Rollen ebenso extrovertiert spielte wie Marquis eine Neigung zu sehr nuanciertem Betonen, aber auch dick aufgetragenen Tonfällen hatte. Im Englischen würde man davon besprechen, dass beide häufig bewusst „over the top“ spielten, mit starken Akzentuierungen arbeiteten – mimisch, gestisch und eben auch stimmlich. Mit „zu viel des Guten“ ist diese Herangehensweise an die Rollen allerdings nicht adäquat übersetzt. McGavin – und dann noch mit der Stimme von Marquis – stiehlt einfach jede Szene, in der er auftaucht. Interessant ist die Synchronfassung aber auch deswegen, weil Joachim Kerzel als Stimme von Derren Nesbitt hier eine seiner frühesten Synchronrollen hatte; 1971 beginnt seine Synchronfilmografie. Kerzel ist heute immer noch aktiv und beispielsweise die reguläre Stimme von Jean Reno, Anthony Hopkins, Harvey Keitel und Dustin Hoffman, früher auch von Jack Nicholson und Dennis Hopper.

Fast alle Spuren verloren

Der Film ist nicht nur weltweit noch nirgends offiziell auf DVD veröffentlicht worden, sondern wahrscheinlich auch nicht auf VHS. Während der eingangs dieses Textes bereits erwähnte Fernsehfilm „Andersons Rache“ neben der TV-Auswertung beispielsweise auch einen Kinostart in Großbritannien bekam, erreichte „Affäre in Berlin“ nie diesen Verbreitungsgrad und selbst die Originalfassung ist bis heute relativ schwierig aufzutreiben. Eine DVD-Veröffentlichung würde sich daher wie ein Sechser im Lotto anfühlen und wäre selbst allein mit der deutschen Tonspur schon ein Erfolg. Ganz generell wäre es durchaus erfreulich, die beträchtliche Zahl an US-TV-Filmen der 60er- und 70er-Jahre langsam aber sicher einmal zu erschließen. Ohne sie werden uns viele große Leistungen von Ausnahmeschauspielern, die ihr festes Zuhause in TV-Produktionen hatten – wie Darren McGavin oder auch David Janssen – auf ewig weitestgehend verborgen bleiben.

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: Berlin Affair
USA 1970
Regie: David Lowell Rich
Drehbuch: E. Jack Neuman, Peter Penduik, Elliot West
Besetzung: Darren McGavin, Pascale Petit, Fritz Weaver, Brian Kelly, Claude Dauphin, Christian Roberts, Derren Nesbitt, Kathie Browne, Marian Collier, Reinhard Kolldehoff
Verleih: Universal Television

Copyright 2017 by Ansgar Skulme

 

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Sommerfest – Für Heimatfans und Jugendlieben

Sommerfest

Kinostart: 29. Juni 2017

Von Iris Janke

Komödie // „Sommerfest“ ist eine Hommage an das Ruhrgebiet. Sönke Wortmanns („Kleine Haie“, „Frau Müller muss weg“) Film nach dem Roman von Frank Goosen („Radio Heimat – Damals war auch scheiße!“) ist aber auch eine Geschichte für alle Rückkehrer in die alte Heimat, für alle, die sich gern daran erinnern, wie das damals eigentlich war und was aus der Jugendliebe von einst geworden ist.

Zwei, die sich schon ewig kennen: Stefan und Charlie

Es geht um Stefan (Lucas Gregorowicz), ein inzwischen erwachsener Ruhrgebietsjunge, der sein Glück in München als Schauspieler gesucht und gefunden hat und wieder zu verlieren droht, weil sein Vertrag am Theater nicht verlängert wird. Als sein Vater stirbt, muss er in seine alte Heimat Bochum zurückkehren – schnell, noch im Theaterkostüm. Er steht vor der schweren Aufgabe, innerhalb von vier Tagen seinen Vater zu beerdigen und das elterliche Haus zu verkaufen. Denn schon am Montag soll der Schauspieler zurück in München sein – so will es seine Agentin, denn dort findet ein Casting für eine TV-Soap statt.

Wie in alten Zeiten: Toto (l.) Stefan auf der B 1 – oder A 40

Wieder in Bochum stellt Stefan fest, dass sich in den zehn Jahren seiner Abwesenheit nichts verändert hat. Sein Freund Toto (Nicholas Bodeux) bittet ihn, am Samstagmorgen einen Schrank aus einer heruntergekommenen Industriebrache abzuholen, irgendwo in der Pampa des Ruhrgebiets. Frank (Peter Jordan), ebenfalls seit einer gefühlten Ewigkeit Stefans Freund, ist noch immer – mehr oder weniger glücklich – mit Karin (Sandra Borgmann) verheiratet und kann sich noch immer nicht aus der vertrauten Bergarbeiterumgebung lösen. Klar, dass das Thema Fußball nicht zu kurz kommt, die Schrebergartensiedlung, die Currywurstbude, Industrieruinen, wie auch in den Himmel staksende, längst erloschene Schornsteine und die Autobahn A 40, ehemals B 1, nicht fehlen. Seine Jugendliebe Charlie (Anna Bederke), nach der jeder Stefan fragt: „Hast du Charlie schon gesehen“, lange bevor sie überhaupt auf der Leinwand erscheint, zieht sich als roter Faden durch den gesamten Film.

Ein Paar seit Jugendzeiten: Frank und Karin

„Sommerfest“ ist eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet, sowohl von Autor Frank Goosen als auch von Regisseur Sönke Wortmann, der mit Goosens Roman als Basis das Drehbuch schrieb. Beide sind echte Ruhrgebietskinder. Wortmann ist in Marl aufgewachsen, am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, Richtung Münsterland. Für das Schauspielstudium ging er nach München – wie Stefan, die Hauptfigur des Films. Autor Goosen selbst stammt aus Bochum, wie sein Romanheld Stefan. Und auch Hauptdarsteller Lucas Gregorowicz wuchs in der Ruhrgebietsstadt Bochum auf. Überaus gelungen ist zudem die Besetzung der Nebenrollen mit Anna Bederke, Peter Jordan, Sandra Borgmann und Nicholas Bodeux als alte Freunde. Newcomerin Jasna Fritzi Bauer („Axolotl Overkill“) sorgt als junge Sängerin Mandy mit rauchiger Stimme für einen starken Bezug zur Gegenwart.

Verzaubert noch immer alle: Charlie

Beste Voraussetzungen also für eine echte Liebeserklärung an das Ruhrgebiet. Kritiker mögen nun sagen: Vielleicht sind alle drei – Regisseur, Autor und Hauptdarsteller – einfach zu nah dran am Puls des Geschehens. Und klar, “Sommerfest“ ist voller Klischees. Aber vielleicht sind es gerade diese Klischees und der immer wiederkehrende trockene Humor, die dem Film das echte Ruhrgebietsflair verleihen – etwa die Sprüche alter Bekannter Stefans: „Ach, du bist Schauspieler? Muss man dich kennen?“

Zwei, die einander verstehen: Sängerin Mandy und Stefan

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Sommerfest
D 2017
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Sönke Wortmann, nach dem Roman von Frank Goosen
Besetzung: Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Nicolas Bodeux, Peter Jordan, Sandra Borgmann, Markus John, André Rohde, Jasna Fritzi Bauer, Thomas Loibl, Tom Trambow
Verleih: X Verleih AG

Copyright 2017 by Iris Janke

Filmplakat & Trailer: © 2017 X Verleih AG, Fotos: © 2016 X Verleih AG / Tom Trambow

 

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