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Don Siegel (VII) / Clint Eastwood (XVIII): Betrogen – Greift auch zum Original!

01 Jul

The Beguiled

Von Simon Kyprianou

Kriegsdrama // Während des Amerikanischen Bürgerkriegs rettet die kleine Amelia (Pamelyn Ferdin) den schwer verwundeten Nordstaaten-Soldat John McBurney (Clint Eastwood) vor dem Feind. Die beiden kauern im Unterholz, als ein Südstaaten-Trupp durch den Wald streift. Er fragt sie nach ihrem Alter, sie erwidert, sie sei zwölf Jahre alt. „Old enough for a kiss“ meint McBurney und küsst sie. So führt Don Siegel seinen Protagonisten ein, wobei Protagonist vielleicht das falsche Wort ist. „Betrogen“ ist ein Ensemblefilm und keineswegs streng fokussiert auf Eastwoods Figur oder aus seiner Perspektive heraus erzählt.

Erotische Eifersucht in Zeiten des Krieges

Amelia bringt den verletzten McBurney zu einer abgelegenen Mädchenschule, geleitet von Martha Farnsworth (Geraldine Page). Zuerst will man ihn dort nur notdürftig verarzten und dann den Truppen übergeben. Dann aber beschließen die Frauen, ihn doch länger zu beherbergen. Was Siegel in der Folge inszeniert, ist sozusagen die Weiterführung des Krieges auf engstem Raum, losgelöst vom ideologischen Konflikt des Bürgerkriegs, fußend auf erotischer Eifersucht und Misstrauen. Dabei gibt es eigentlich keine wirklich positiv besetzte Figur – die Frauen verfallen McBurney, McBurney verfällt den Frauen.

Schamlosigkeit allerorten

Seiner Lust kann in „Betrogen“ niemand standhalten: Schamlos belügt McBurney die Schulleiterin über seine Vergangenheit und – schlimmer noch – auch die Lehrerin Edwina (Elizabeth Hartman), die ihn ihn verliebt ist. Aber die Lehrerinnen und Schülerinnen betrügen sich auch untereinander, zergehen sich in gegenseitiger Eifersucht, weigern sich, auf dem Feld zu arbeiten – das sei „Nigger Work“ –, und verschleiern ihre Sünden aus der Vergangenheit. Es scheint, als wolle Siegel erzählen, dass der Bürgerkrieg überallhin durchdringt, dass sich niemand dem Konflikt entziehen kann, nicht einmal in einem scheinbar völlig von der Welt abgeschirmten Ort wie der Mädchenschule. Die verschiedenen Seiten des Sezessionskriegs spielen ohnehin keine Rolle, die Bewohnerinnen der Schule haben vor den eigenen Südstaaten-Soldaten ebenso Angst wie vor den feindlichen Nordstaatlern.

Musik von Lalo Schifrin

Erzählt der Regisseur seine Filme gewöhnlich kompakt und ökonomisch, lässt sich Siegel bei „Betrogen“ lange treiben, in der schwülen Hitze und den unter der Oberfläche schwelenden Konflikten innerhalb des Internats. Er verwendet Lalo Schifrins teilweise düster verträumte Musik subtil, die größten Schocks des Films vollziehen sich in kompletter Stille. „Betrogen“ ist sicher einer von Siegels elegantesten und bestinszenierten Filmen.

Sofia Coppolas Remake „Die Verführten“ mit Colin Farrell und Nicole Kidman sollte Anlass genug sein, auch das Original zu sichten. Greift dafür aber besser zur Blu-ray – die Bildqualität der DVD ist grauenvoll.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood und/oder Don Siegel sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden – auch Eastwoods Schauspielarbeiten.

Veröffentlichung: 21. Mai 2015 als Blu-ray, 18. Oktober 2007 als DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Beguiled
USA 1971
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Albert Maltz, Irene Kamp, nach dem Roman „The Painted Devil“ von Thomas P. Cullinan
Besetzung: Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartman, Jo Ann Harris, Darleen Carr, Mae Mercer
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

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