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Der Mann von Interpol – Ständig bezahlter Urlaub

09 Jul

Man from Interpol

Von Ansgar Skulme

Krimiserie // Anthony Burns (Richard Wyler) ist einer von Tausenden Agenten aus 63 Nationen, die verstreut über den gesamten Globus für Interpol arbeiten. Im Dienste der Gerechtigkeit verschlägt es ihn in aller Herren Länder: auf die Bahamas, Tahiti, nach Ungarn oder Ägypten, nach Rom, nach Amsterdam, nach Paris oder nach Sydney. Seine Abenteuer treiben ihn manchmal nur binnen Stunden von einem Land in das nächste. Burns löst sämtliche Angelegenheiten, in die Personen aus verschiedenen Ländern hineingezogen oder durch die verschiedene Länder benachteiligt werden: ob Raub, Mord, Entführung oder Schmuggel.

Vor Anthony Burns gibt es weltweit kein Entkommen

Dieser von den Danziger-Brüdern produzierten Serie eilt der Ruf voraus, unter allen in der damaligen Epoche in Europa produzierten Serien bei ihrer Ausstrahlung in den USA zu den erfolgreichsten gehört zu haben. Da es für Serien seinerzeit recht ungewöhnlich war, dass es die Protagonisten ständig in andere Länder und auf unterschiedliche Kontinente verschlug, mag man das durchaus für plausibel halten. Selbst das häufige Nachstellen von Schauplätzen, die auf anderen Kontinenten spielen, für Studio-Aufnahmen oder das Heraussuchen geeigneter Archiv- und Dokumentaraufnahmen aus den entsprechenden Ländern und Kulturkreisen, als Füllmaterial zur Steigerung der Authentizität, waren verhältnismäßig aufwendig für so ein Format. Zudem wartet „Der Mann von Interpol“ sogar mit einigen eigens an verschiedenen internationalen Handlungsorten gedrehten Außenaufnahmen auf, in denen teils auch der Hauptdarsteller Richard Wyler und nicht etwa nur ein Double zu sehen ist, obwohl es sich primär um Schnittbilder handelt, die von einer zur nächsten Szene überleiten. Für damalige Verhältnisse eine hinsichtlich des Produktionsaufwands ambitionierte Serie, auch wenn es bereits zuvor Versuche gegeben hatte, Protagonisten im TV rund um die Welt reisen zu lassen, wie etwa in der US-Abenteuerserie „Soldiers of Fortune“ (1955–1957) mit John Russell.

Ich allein bin das Gesetz!

Nichtsdestotrotz krankt die Serie an der Problematik, dass die große Interpol am Ende des Tages immer wieder nur von Burns und seinem Chef Mercer (John Longden) als Aushängeschildern repräsentiert wird und es ansonsten nur ein paar in vereinzelten Episoden wiederkehrende Figuren gibt. Über weite Strecken scheint es gar so, dass die beiden Männer in Großbritannien kaum weitere Mitarbeiter haben, außer ein paar wenige, völlig beliebig auftauchende Ermittler, wie man sie in jedem x-beliebigen Scotlard-Yard-Film sieht. Bei seinen Reisen in andere Länder trifft Burns dann schemenhaft immer wieder auf dort zuständige Interpol-Mitarbeiter, aber das Feld bleibt überschaubar und sie ähneln sich in ihrer Art der Zusammenarbeit mit Burns zudem auf ärgerlich verwechselbare Art und Weise. Die deutlichsten Unterscheidungsmerkmale sind letztlich die Länder-Klischees, die diese Männer bedienen (und ihre Hautfarben) – vor allem die massiven Ostblock-Klischees bei dem ungarischen Kommissar in der Episode „20 Stangen Dynamit“ sind wirklich peinlich und werden nur von dem sympathischen Schauspieler Alexis Chesnakov einigermaßen aufgefangen, der rettet, was nur mit Charisma zu retten ist. Man meint zuweilen, anhand der oberflächlichen Figurenzeichnungen die Grenzen einer Serienproduktion zu merken, über die auch die internationalen Schauplätze nicht hinwegtäuschen können, wobei ich die sehr mäßige Qualität der Drehbücher – vor allem was die Entwicklung von Figuren anbelangt – nicht allein der Tatsache in die Schuhe schieben möchte, dass es sich um eine Serie mit lediglich rund 25-minütigen Episoden handelt. Das wäre dann doch eine zu einfache Ausrede.

Der Agent geht jeder Spur unermüdlich nach

Im Vorspann werden die Größe von Interpol und die Vielzahl der Mitarbeiter beschrien, aber die Serie hält dieses Versprechen nicht. In den Episoden, die nur in Großbritannien spielen, ist das Vorgehen der Interpol praktisch nicht mehr von der Lokalpolizei einer britischen Kleinstadt zu unterscheiden. In den meisten US-amerikanischen Polizeiserien der 50er-Jahre wirken die Polizeireviere weitaus mächtiger ausgerüstet als das Interpol-Hauptquartier, in dem Burns hier ein und ausgeht, welches im Wesentlichen nur aus Mercers Büro zu bestehen scheint. Man vermisst große Räume mit emsigen Mitarbeitern, Verstrickungen von Agenten und unübersichtliche Strukturen – alles sehr schematisch und einfallslos, stattdessen farblose und vorhersehbare Charaktere bis zum Abwinken, die mit der Qualität der schauspielerischen Darbietungen stehen und fallen.

Warum so zaghaft?

Wer sich hartgesottene Noir-Kost erhofft ist absolut an der falschen Adresse, wer allerdings gern kriminalistische Rätsel der alten Schule löst und sich auch an putzigen Ratespielen Marke Miss Marple erfreuen kann, der wird hier sicher auf seine Kosten kommen. Die meisten Fälle sind recht betulich geschrieben und je nach Regie daher auch nur mäßig spannend. Mit Ausnahme der internationalen Handlungsorte besitzt diese Serie leider wirklich nichts, was sie über den Durchschnitt heben würde. Auch der Hauptdarsteller Richard Wyler ist kein Erfolgsgarant. Zwar verstand es Wyler einigermaßen gut, sich kernig zu geben und wusste, wie man sich auch in einfachen Schnittbildern annehmbar cool von rechts nach links durchs Bild bewegt, wann man sich im richtigen Moment die Zigarettenkippe aus dem Mund nimmt, wieder hineinsteckt und in welche Richtung man vorher, währenddessen und danach schaut, um besonders taff zu wirken – ein großer Schauspieler ist an ihm aber sicher nicht verloren gegangen. Vor allem fehlt ihm das Mitreißende, das ein Hauptdarsteller braucht, damit er einen Film oder eine Serie tragen kann. Nach „Der Mann von Interpol“ versuchte Wyler ab Mitte der 60er-Jahre noch einen Abstecher in den Italowestern und war einer der vielen Darsteller, die sich als Gesicht des Agenten Francis Coplan probieren durften, er konnte jedoch nie wieder an den Erfolg seiner Interpol-Serie anschließen. Die wichtigsten Hinterlassenschaften, die seinen Namen tragen – zunächst Richard Stapley, ehe für „Der Mann von Interpol“ Richard Wyler daraus wurde – sind letztlich diverse Filme, in denen er ab Ende der 40er-Jahre als Nebendarsteller zu sehen war, noch bevor „Der Mann von Interpol“ gedreht wurde. Die Serie machte aus einem Nebendarsteller in durchaus relevanten Hollywood-Filmen wie „Die drei Musketiere“ (1948) , „Kleine tapfere Jo“ (1949) , „Hinter den Mauern des Grauens“ (1951), „Der Hauptmann von Peshawar“ (1953) und „Die eiserne Faust“ (1954) einen recht erfolglosen Hauptdarsteller. Wahrscheinlich wäre er besser beraten gewesen, sich nach seiner Zeit als Interpol-Agent wieder auf etwas kleinere Rollen in guten Filmen zurückzuziehen, statt der Versuchung zu erliegen, sich als Hauptdarsteller einen Namen machen zu wollen. Rückblickend wirkt er aufgrund gewisser Ähnlichkeiten, gerade des Gesichts, ein wenig wie eine 50er-Jahre-Version von Daniel Craig, nur dass Craig in seiner coolen Darstellung des James Bond dann doch weitaus konsequenter zu Werke geht. Wyler hätte vermutlich aber ebenfalls eine bessere Figur gemacht, hätte er nicht des Öfteren Fälle lösen müssen, die von Brieftauben, vermissten Kindern und dergleichen handeln, in denen er mit seiner auf eisern gebürsteten Miene doch reichlich deplatziert daherkommt.

Unverständliche Rätselhaftigkeiten

Dass die Serie bei der Ausstrahlung in Deutschland im Abspann nur, unschön abgehackt klingend, als „Mann von Interpol“ – ohne den Artikel „Der“ vorab – bezeichnet wurde, gehört noch zu den eher harmlosen Ungereimtheiten. Nur weil sie im Original „Man from Interpol“ hieß, klingt das Weglassen des Artikels für das deutsche Ohr nicht gleichermaßen gut. Positiv und umsichtig, dass Pidax diesen kleinen Fauxpas für die DVD-Veröffentlichung behoben hat. Dass man seitens des ZDF für die deutsche Synchronfassung den Protagonisten umbenennen ließ, weil Smith recht beliebig klang, ist hingegen nachvollziehbar – dass man dann allerdings Burns als Alternative wählte, mutet einigermaßen haarsträubend an. Wenn Müller zu beliebig ist, musst du eben Schröder heißen! Noch absurder wird es, als Burns in einer Episode als Tarnnamen tatsächlich Smith wählt, was herzlich wenig Sinn ergibt, wenn die Begründung für die Umbenennung war, dass der Name zu beliebig wirkt. Welcher Agent benutzt bitte einen auffällig beliebigen Tarnnamen, wenn er verdeckt ermittelt?

Steckt in dem Bild ein Farbcode?

Dass die zuständigen Redakteure beim ZDF etwas überfordert waren, zeigt nicht zuletzt vor allen Dingen der Umstand, für welche 13 der im Original insgesamt 39 Episoden man sich entschied und, mehr noch, in welcher Reihenfolge man sie 1966 erstmals sendete. Zumindest drei oder vier der gewählten Episoden gehören sicherlich bei Weitem nicht zu den besten und wenn schon nur 13 Episoden, hätte es gut und gern noch bunter international werden dürfen. Ausgerechnet für den Auftakt dann allerdings auch noch die Episode „Die Safeknacker“ zu wählen, ist in mindestens doppelter Hinsicht abstrus. Die Serie punktet vor allem mit den vielen Reisen des Agenten und den internationalen Schauplätzen, doch „Die Safeknacker“ spielt fast komplett in einer einzelnen Wohnung und gibt Anthony Burns zudem auffällig wenig Raum – man wartet sogar recht lange darauf, dass er überhaupt einmal auftaucht. Die Episode ist weder dazu geeignet, den Charakter der Serie vorzustellen, noch die Hauptfigur zu präsentieren, diente dem ZDF aber als großer Auftakt. Leider nicht das einzige Beispiel für eine in Deutschland damals in geänderter Reihenfolge gesendete Serie, wo man sich fragt, wer zum Teufel auf die Idee gekommen ist, gerade diese Episode als einführenden Appetitmacher zu wählen. Wer damals eingeschaltet hat, musste sich zumindest noch eine weitere Woche gedulden, um wirklich zu verstehen, was eigentlich des Pudels Kern bei dieser Serie ist. Vorausgesetzt, man hatte überhaupt noch Lust, nachdem man die wahrscheinlich beliebigste aller 13 Episoden gleich zu Anfang vorgesetzt bekommen hatte. International ist an dieser Folge nur, dass eine der Nebenfiguren unter Drogeneinfluss plötzlich anfängt in Trance in ihrer Muttersprache zu reden. Man hätte das Drehbuch 1:1 mit jedem anderen Ermittler der TV-Geschichte verfilmen können – Interpol brauchte es hier nicht. Immerhin sind die nach Dialogbüchern sowie unter der Regie von Kurt E. Ludwig – besser bekannt als Stimme von Scotty in der alten „Raumschiff Enterprise“-Serie – in München entstandenen deutschen Fassungen gut besetzt, überzeugend synchronisiert und punkten mit der Nennung einiger Sprecher im Abspann. Selbst für langjährig am Synchron interessierte Zeitgenossen tauchen hier noch ein paar wirklich ziemlich unbekannte Sprechernamen auf. Erik Schumann als Stimme von Richard Wyler gibt dem Protagonisten zudem viel Eloquenz und Walter Clemens als Stimme von John Longden vermittelt Superintendent Mercer eine angenehme Bodenständigkeit für einen Interpol-Chef.

Gut für einen nostalgischen Abend

Allerdings muss man der Serie attestieren, dass sie durch ihre abwechslungsreichen Handlungsorte und die einigermaßen abwechslungsreichen Geschichten sowie einige unfreiwillig komische Sprüche – wie etwa Burns‘ Philosophieren darüber, dass er ein Mann für die harten Nüsse ist – und diverse sympathische Nebendarsteller dann doch ganz gut für einen nostalgischen, gut fünfstündigen Marathon-DVD-Abend taugt. Sie guckt sich „recht gut weg“, wie es manch Film- oder Serienfreund gern mal salopp sagt. Den Spannungsgehalt oder die Schauspielerpräsenzen, dass man dafür jede Woche wieder für knapp 25 Minuten einschalten würde, besitzt sie aus heutiger Sicht aber bei Weitem nicht mehr. Lediglich die redundant wiederholten Musik-Themen fallen beim Sichten der Episoden am Stück negativ auf, wobei vor allem ein deutlich an Maurice Ravels „Boléro“ erinnerndes Thema („Bolero Reverie“) etwas zu banal abgekupfert wirkt. Für sich genommen lässt sich der von Tony Crombie mit seinem Orchester aufgenommene Soundtrack aber gut anhören und wurde mittlerweile bereits mehrfach auf CD ausgekoppelt – eine Adelung und für die Musik zu Serien der 50er keineswegs der Regelfall.

Ein gewohnt bewaffneter Anblick für den Mann von Interpol

Pidax präsentiert die 13 Episoden der deutschen Ausstrahlung in der Reihenfolge, wie sie vom ZDF gezeigt worden sind. Dazu gibt es einen Episodenguide, der Aufschluss darüber gibt, an welcher Stelle die jeweilige Folge innerhalb der Erstausstrahlung im Original lief. Hierzu ist allerdings zu sagen, dass die Episodenreihenfolge bereits 1960 für die US-Ausstrahlung im englischen Originalton auf NBC modifiziert und zudem einige Titel geändert wurden. Etwas schade ist, dass man die Originalfassung nicht wenigstens mit auf die DVDs gepackt hat. Zwar gilt dies für die meisten der von Pidax veröffentlichten 50er- und 60er-Krimi- und Westernserien, welche nur die in Deutschland ausgestrahlten Episoden umfassen (während sonstige Labels meist nur Serien veröffentlichen, von denen es wenigstens fast alle oder gar sämtliche Episoden auch deutsch synchronisiert gibt) – da derzeit allerdings auch „Dezernat M“ von Pidax mit beiden Tonspuren veröffentlicht wird, obwohl auch in diesen Veröffentlichungen nur die Episoden enthalten sind, zu denen es eine deutsche Synchronfassung gibt, hätte man auf mehr hoffen können.

Veröffentlichung: 30. Juni 2017 als Doppel-DVD

Länge (je Episode): 24 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Man from Interpol
GB 1958–1959
Regie: Godfrey Grayson, Montgomery Tully, Robert Lynn, Max Varnel und andere
Drehbuch: Brian Clemens, Eldon Howard, Mark Grantham, Stanley Miller und andere
Besetzung: Richard Wyler, John Longden, Walter Gotell, Robert Rietty, Bandana Das Gupta, James Hayter, Robert Arden, Peggy Ann Clifford, John Serret, Peter Allenby
Zusatzmaterial: Episodenguide
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

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