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Unternehmen Feuergürtel – Viel heiße Luft im Studio

12 Jul

Voyage to the Bottom of the Sea

Von Ansgar Skulme

Science-Fiction // Admiral Harriman Nelson (Walter Pidgeon) hat seinen ganzen Entwicklerdrang und Forschergeist in ein modernes Hightech-U-Boot namens „Seaview“ gesteckt, das weltweit seinesgleichen sucht. An Geld und Mitstreitern mangelt es ihm nicht, jedoch zieht er den Zorn des einen oder anderen Neiders und Kritikers auf sich. Als sich in Folge eines Meteoroidenschauers ein Feuergürtel um die Erdkugel bildet, der zu einer raschen globalen Erwärmung führt, erweist sich Nelsons U-Boot als wie geschaffen für die schwierigen Gegenmaßnahmen. Unter Wasser vor der Hitze geschützt mag es möglich sein, an die notwendige Stelle vorzudringen, von der aus man mit einer gezielten Aktion womöglich den Feuergürtel zerstören kann. Nur wenige Wochen verbleiben, bis die Erde samt ihrer Bewohner von der Hitze zerfressen worden sein wird. Doch die von Nelson mit seinem Kompagnon Emery (Peter Lorre) erarbeitete Theorie, wie die Katastrophe abzuwenden sei, kollidiert mit den Gedankenspielen des Wissenschaftlers Zucco (Henry Daniell), dessen Lösungsansatz für das Problem nicht mit Nelsons Zeitplan kompatibel ist. Da für die Entscheidung von Gremien keine Zeit bleibt, sticht die Crew der „Seaview“ auf eigene Faust in See, mit dem Ziel den Wettlauf gegen die Zeit zur Rettung der Welt zu gewinnen.

Jagd auf Roter Oktober?

„Unternehmen Feuergürtel“ ist ein richtungsweisender Klassiker des Katastrophenfilms, auch wenn er gemeinhin eher als Science-Fiction- und Abenteuerfilm verbucht wird. Der Film setzte Maßstäbe dahingehend, wie sich das Katastrophen-Genre fortan immer wieder an Superlativen und gigantischen Naturkatastrophen versuchte. Eine solch massive Bedrohung für die Erde, die aber nicht etwa von Außerirdischen verursacht wird, hatte man auf der Leinwand in der Form noch nicht gesehen. Schon gar nicht als Breitbild-Blockbuster im 2,35:1-Format und in Farbe. Filme wie „Erdbeben“ (1974), „Deep Impact“ (1998), „The Day After Tomorrow“ (2004), „2012 – Das Ende der Welt“ (2009) oder „San Andreas“ (2015) sind, wenn man so will, Folgeerscheinungen von „Unternehmen Feuergürtel“, den ich als ersten seiner Art bezeichnen würde, so lange mir niemand ein ebenfalls als Breitwand-Spektakel in Farbe inszeniertes älteres Exemplar zeigt, das schon zuvor eine gigantische Naturkatastrophe, die den Fortbestand der Erde bedroht, und die von den Menschen zur Rettung ergriffenen Gegenmaßnahmen behandelte.

Lucius Emery studiert die bissigen Meeresbewohner

Der Umstand, dass der Originaltitel allerdings die Reise zum Grund des Meeres in den Mittelpunkt stellt, während der deutsche Titel die Katastrophe beschreit, zeigt jedoch auch, dass die Katastrophe nicht unbedingt das Kerninteresse der Macher war. Vielmehr ist es ein Film, der sich zunächst einmal im geistigen Kielwasser von Jules Verne bewegt. Nicht umsonst ist der Titel „Voyage to the Bottom of the Sea“ eng an „Journey to the Center of the Earth“ angelegt: „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1959), wie er in Deutschland genannt wurde, war der letzte vor dem Drehstart von „Unternehmen Feuergürtel“ ins Kino gekommene Jules-Verne-Film und lieferte Irwin Allens Reise zum Grund des Meeres den unmittelbaren Anknüpfungspunkt. Für Irwin Allen, der ursprünglich vom Dokumentarfilm kam, war es erst die dritte Regiearbeit bei einem Spielfilm, nach dem stargepickten „The Story of Mankind“ (1957) und dem in die Urzeit entführenden Abenteuer „Versunkene Welt“ (1960). Wie schon bei den beiden vorherigen Filmen schrieb Allen erneut auch selbst das Drehbuch – wie gewohnt in Zusammenarbeit mit Charles Bennett.

Unterhaltsam, ansehnlich, aber angestaubt

Als großer Freund von Filmen, die häufig sogar noch älter als der vorliegende sind, verwende ich den oft bemühten Begriff „angestaubt“ für alte Kinoperlen im Allgemeinen nur äußerst ungern. „Unternehmen Feuergürtel“ jedoch nötigt mir die Verwendung dieses Wortes leider ab. Der große Verdienst des Films ist, dass er Maßstäbe setzte und sogar hinsichtlich des Erfolgs beim Publikum zeichnete er das heute typische Schicksal von reißerischen Blockbustern vor: bei der Kritik gemischt aufgenommen, war er im Kino kommerziell trotzdem enorm erfolgreich. Die Bedrohung jedoch bleibt sehr abstrakt und das Werk lebt stark davon, dass sein Publikum einen solchen Super-Gau bis dato noch nicht auf der Leinwand in so großen und farbgewaltigen Bildern hatte bestaunen können. Auf diese Weise übersieht man schnell einmal, dass der Film sehr viel um den buchstäblich heißen Brei kreiselt und damit bemerkenswerte 100 Minuten totschlägt. Besonders schade ist, dass sich das Werk zu keinem Zeitpunkt von der Wirkung befreien kann, komplett im Studio entstanden zu sein. Selbst die scheinbar im Freien spielenden Aufnahmen wirken über die Maßen steril. Die in starkes Rot getauchten über dem Meer angesiedelten Szenen und das tiefe Blau bis hin zum Grunde des Meeres entfalten zwar Bildgewalt, doch die Tatsache, dass der Film vor allem für ein Werk aus den 60er-Jahren auffällig deutlich nach Studio „riecht“, schadet der Illusion, dass die Welt tatsächlich bedroht ist. Bedroht ist hier gewissermaßen eben nur das Studio-Terrain von 20th Century Fox und genau an diesem Punkt verschenkt der Film enorm viel Potenzial, das ihn weitaus spektakulärer hätte machen können. Statt sich auch ein wenig auf das Geschehen an der Oberfläche zu konzentrieren, richtet die Geschichte übermäßig viel Augenmerk auf das U-Boot und vergisst beinahe alles außer Admiral Nelson und seine Crew.

Über dem Wasser ist die Hölle los

Auch das Finale ist nicht so spektakulär, wie es der Vorlauf verdient gehabt hätte – am Ende geht alles dann doch etwas zu einfach. Entschädigt wird man aber wiederum durch das futuristisch erdachte und umgesetzte U-Boot. Dass ein Unterseeboot dieser Größe dem Wasserdruck im Mariannengraben standhalten könnte, ist auch heute noch ebenso illusorisch wie die schicken gläsernen Elemente an der Vorderfront des riesigen Gefährts. Und mit Schauspielern wie dem motiviert vorangehenden Walter Pidgeon, der immer sehenswerten Joan Fontaine und dem selbst gelangweilt noch sympathischen Peter Lorre trägt das Werk trotz allem gut über die Zeit. Lediglich der nur mäßig talentierte Robert Sterling in der Rolle des unter Nelson dienenden U-Boot-Kapitäns Crane stört das Gefüge – und die uninspirierte Synchronisation durch Rainer Brandt lässt die Figur vollends zur belanglosen Karikatur verkommen. Auch dass Brandt fast 20 Jahre jünger als Sterling war, ist hier sicherlich Teil des Problems, wenngleich es auch Beispiele in der Geschichte der Synchronisation gibt, die zeigen, dass solche Altersunterschiede funktionieren können – z. B. Thomas Fritsch als Stimme des 20 Jahre jüngeren Russell Crowe in „Gladiator“ (2000).

Auch in Serie ein Erfolg

Als der Film 1964 in eine Serie umgearbeitet wurde, übernahm David Hedison – seines Zeichens Protagonist in der klassischen Version von „Die Fliege“ (1958) – die Rolle des U-Boot-Kapitäns Crane und Richard Basehart ersetzte Walter Pidgeon als Admiral Nelson. Die Serie lief vier Jahre und 110 Episoden lang, womit sie dem Erfolg des Films eindrucksvoll nacheiferte. Für Irwin Allen, der in Hollywood nicht nur als Drehbuchautor und Regisseur, sondern vor allem als Produzent zu einem Namen gelangte, wurde es letztlich sein langlebigstes Projekt. In Deutschland wurde diese Serie unter dem Titel „Die Seaview – In geheimer Mission“ ausgestrahlt, hatte allerdings erst in den 90er-Jahren ihre TV-Premiere.

Auch unter Wasser tobt der Kampf ums Überleben

Der Film indes erfreut sich einer angenehmen klassischen Synchronisation, die mit Alfred Balthoff als Stimme von Peter Lorre punktet, der in den 50er-Jahren zu dessen Stammsprecher avanciert war. Walther Suessenguth als Stimme von Admiral Nelson ist für Walter Pidgeon eine recht gewöhnungsbedürftige Besetzung – wenngleich es nicht sein erster Einsatz für ihn war –, befreit Pidgeon allerdings von dem Problem, zu hochnäsig zu wirken, das er mit seinem häufigsten Sprecher Siegfried Schürenberg öfters hatte. Die Besetzung von Walther Suessenguth macht die Rolle des wissenshungrigen, umtriebigen Admirals recht greifbar, glaubwürdig und zu einem Mann des Volkes. Siegfried Schürenberg spricht in „Unternehmen Feuergürtel“ kurioserweise Nelsons ärgsten Widersacher Dr. Zucco – eine Figur, die offenkundig nach George Zucco benannt wurde, der in den 30er- und 40er-Jahren zu einem wichtigen Horrorfilm-Darsteller in Hollywood avanciert war. Henry Daniell, der in „Unternehmen Feuergürtel“ den Dr. Zucco verkörpert, spielte ebenso wie George Zucco in der von 20th Century Fox und anschließend Universal in die Kinos gebrachten Sherlock-Holmes-Reihe mit Basil Rathbone (1939–1946) dessen Erzfeind Professor Moriarty. Möglich, dass die Rolle in „Unternehmen Feuergürtel“ erst aufgrund dessen Zucco genannt wurde.

Starkes Heimkino-Update

Bereits im Jahr 2005 wurde der Film hierzulande erstmals auf DVD veröffentlicht, allerdings nur in der umstrittenen „Große Filmklassiker“-Edition von Fox, die negativ dadurch auffiel, dass bei einigen der Filme die klassischen Tonspuren mittels digitalen Rauschfilters arg ungekonnt in Mitleidenschaft gezogen wurden. Zwar rauschte der Ton dann nicht mehr, aber dafür klangen die Stimmen der Schauspieler bzw. Synchronsprecher in den betreffenden Filmen auch plötzlich anders als normal. Es birgt eine gewisse Ironie in sich, dass ausgerechnet Koch Films nun zur erneuten Veröffentlichung von „Unternehmen Feuergürtel“ schreitet. Genau das Label, welches in Deutschland neben Fox lange Zeit mit Abstand die größten ähnlich gearteten Probleme beim Einsatz digitaler Rauschfilter in Filmklassikern offenbarte. Koch jedoch hat diesen Tiefpunkt mittlerweile lange überwunden, indem man sich der Kritik stellte und fortan sorgsamer mit klassischen Tonspuren umging. Im vorliegenden Fall bekommt der Käufer sogar den Luxus geboten, sich zwischen dem ganz klassisch gehaltenen deutschen Mono-Ton und Stereo entscheiden zu können. Und nur, dass mich hier niemand falsch versteht: Mit Rauschfiltern kann man sowohl Mono- als auch Stereo-Ton ruinieren. Oder man lässt es eben bleiben – so wie hier. Koch wirbt zudem damit, dass der Film erstmals mit der vollständigen deutschen Synchronfassung auf DVD und Blu-ray erscheint. Dazu gesellt sich eine ganze Reihe an Bonus-Features: Nachdem „Unternehmen Feuergürtel“ mittlerweile auch in den USA auf Blu-ray ausgekoppelt wurde, hat sich im Bereich Extras seit der ersten deutschen DVD-Veröffentlichung 2005 doch einiges getan. Mit einem Audiokommentar und einem Doku-Feature, das den Science-Fiction-Film zwischen Fantasy und Realität einordnet, wird man reichhaltig informiert und obendrauf gibt es noch ein Booklet sowie ein paar weitere nette Extras, unter denen vor allem die Filmmusik-Tonspur hervorgehoben werden muss.

Willkommen auf dem Meeresgrund

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joan Fontaine sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 13. Juli 2017 als Blu-ray und DVD, 5. September 2005 als DVD

Länge: 105 Min (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch (Mono & Stereo), Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Voyage to the Bottom of the Sea
USA 1961
Regie: Irwin Allen
Drehbuch: Irwin Allen, Charles Bennett
Besetzung: Walter Pidgeon, Joan Fontaine, Barbara Eden, Peter Lorre, Robert Sterling, Michael Ansara, Frankie Avalon, Regis Toomey, John Litel, Henry Daniell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Tim Colliver, Filmmusik-Tonspur, Super-8-Fassung, Featurette „Science Fiction: Fantasy to Reality“, Interview mit Barbara Eden, Deutscher Kinotrailer, US-Kinotrailer, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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