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The Wicker Man – Christopher Lee und die Naturgötter

30 Jul

The Wicker Man

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Ihr, die Ihr einen Horrorfilm herkömmlicher Machart erwartet – lasst alle Hoffnung fahren! „The Wicker Man“ war schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung Anfang der 1970er-Jahre kein typischer Gruselfilm und hatte beispielsweise mit den Produktionen des berühmten Studios Hammer Films wenig gemein. Zu sehr konzentriert er sich auf die Ermittlungen der Hauptfigur und die Porträtierung der skurillen Insulaner samt ihrer sonderbaren Sitten. Hinzu kommen ein paar abseitige Gesangseinlagen – Horror, wie wir ihn erwarten, sieht anders aus, zumal „The Wicker Man“ alles andere als blutig ist und kaum Gewalttaten zeigt. Allerdings kann religiöser oder pseudoreligiöser Wahn ja schreckliche Züge annehmen, und dann sind wir doch wieder beim Horror.

Was geht in Willows Kopf vor?

Sergeant Howie (Edward Woodward) von der West Highland Police Schottlands trifft mit dem Wasserflugzeug auf Summerisle ein. Ein anonymer Brief hat ihn auf die Hebriden-Insel geführt. Der Verfasser behauptet, ein zwölfjähriges Mädchen namens Rowan Morrison sei verschwunden. Die Insulaner erweisen sich als seltsames, verschlossenes Völkchen. Niemand will das Kind überhaupt gekannt haben. Selbst die vermeintliche Mutter May Morrison (Irene Sunters) behauptet, das Kind auf dem Foto, das dem Brief beilag, sei ihr unbekannt.

Heidnische Kulte haben ihren Reiz

Abends bemerkt Howie verstörendes Verhalten: Eine Schar von Menschen gibt sich schamlos einer Sexorgie im Freien hin, und er beobachtet vom Fenster seines Herbergszimmer eine Unterhaltung der Wirtstochter Willow (Britt Ekland) mit einem Unbekannten, der von einem Opfer spricht. Der Mann erweist sich am nächsten Tag als Lord Summerisle (Christopher Lee). Er ist der Besitzer der Insel und klärt den Polizisten darüber auf, wie sein Großvater dort einen heidnischen Kult um Naturgötter etablierte – eine schockierende Erkenntnis für den frommen Howie.

Sergeant Howie muss handgreiflich werden

Wenn „The Wicker Man“ auf sein konsequentes Finale zusteuert, nimmt das Geschehen groteske Züge an. Christopher Lee spielt all sein Charisma aus und ist sich nicht zu schade, in einem albernen Kostüm mit langer Perücke und weißer Schminke eine bizarre Prozession anzuführen, wenn es der Sache dient. Dem Vernehmen nach war ihm Lord Summerisle eine seiner liebsten Rollen. Ein Jahr später gab Lee den Schurken in „James Bond 007 – Der Mann mit dem goldenen Colt“. Als Bond-Girl: Britt Ekland.

Es wird bizarr

Für Regisseur Robin Hardy (1929–2016) markierte „The Wicker Man“ das Regiedebüt, dem allerdings lediglich zwei weitere Filme folgten: 13 Jahre später drehte er den kaum bekannten Thriller „The Fantasist“, 2011 dann mit „The Wicker Tree“ eine Fortsetzung seines Erstlings, die aber wenig Beachtung fand. 2006 inszenierte Neil LaBute („Nurse Betty“) ein von Nicolas Cage produziertes Remake mit Cage in der Rolle des Ermittlers. Hardy war von dem fertigen Film allerdings alles andere als angetan und bestand darauf, in den Credits nicht genannt zu werden.

Lord Summerisle hält eine flammende Rede

„Wicker“ bedeutet übrigens Korb oder Korbware. Gedreht wurde das Original in Dumfries and Galloway im Südwesten Schottlands. „The Wicker Man“ hat eine leidvolle Schnittgeschichte hinter sich. Da ich sie doch nur abschreiben könnte, weise ich stattdessen auf den Vergleich zwischen Kinofassung und Director’s Cut sowie den zwischen Kinofassung und Final Cut bei den Kollegen von „Schnittberichte“ hin. Die aktuelle Studiocanal-Veröffentlichung kommt auf DVD nur mit dem Final Cut daher, die Blu-ray-Version hingegen enthält auf zwei Discs alle drei Schnittfassungen. Historisch bedingt schwankt die Bildqualität stark, auch innerhalb der jeweiligen Version. Perfektes HD-Bild sollte speziell beim Director’s Cut niemand erwarten. Da „The Wicker Man“ anscheinend nie synchronisiert worden ist, gibt es keine deutsche Tonspur. Nicht davon abschrecken lassen – wir haben es mit einem Kleinod des englischen Kinos zu tun, das geeignet ist, aufgeschlossenen Zuschauern einen so betörenden wie verstörenden Filmabend zu bescheren. Wie Sergeant Howie in der so unbehaglichen wie undurchsichtigen Atmosphäre auf Summerisle nach und nach das Puzzle zusammensetzt und sich schließlich auf der richtigen Fährte wähnt – das lässt am Ende doch frösteln.

Der „Wicker Man“ soll brennen …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… und tut es auch

Veröffentlichung: 20. Juli 2017 als 2-Disc Final Cut Collector’s Edition Blu-ray und Final Cut Edition DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray, Final Cut), 100 Min. (Blu-ray, Director’s Cut), 88 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Wicker Man
GB 1973
Regie: Robin Hardy
Drehbuch: Anthony Shaffer
Besetzung: Edward Woodward, Christopher Lee, Diane Cilento, Britt Ekland, Ingrid Pitt, Aubrey Morris, Walter Carr, Lindsay Kemp, Russell Waters, Irene Sunters, Ian Campbell
Zusatzmaterial: Der Kult um „The Wicker Man“, Die Musik, Interview mit Robin Hardy, Die Restaurierung, Trailer
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Studiocanal Home Entertainment

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3 Antworten zu “The Wicker Man – Christopher Lee und die Naturgötter

  1. Ralf

    2017/08/01 at 09:07

    Wirklich ein toller Film mit einer unvergeßlichen Mischung aus ungemein atmosphärischer Schauerstimmung und in ihrer völlig ernsthaft vorgetragenen Absurdität sehr witzigen Sequenzen. Eine Schande, daß so ein Klassiker hierzulande mangels Synchronisation fast unbekannt ist …

     
  2. Dirk

    2017/07/30 at 12:14

    Hört sich interessant an. Aber ist der DC auf der Bluray gekürzt? Bei OFDB hat die BD die gleiche Zeitangabe wie die DVD für den Directors Cut.

     
    • V. Beautifulmountain

      2017/07/31 at 19:15

      Bei Schnittberichte wird der DC auf der Blu-ray als ungekürzt geführt, und die Kollegen sind in der Regel zuverlässig. Aus technischen Gründen, die ich nicht erklären kann, kann es im Einzelfall mal sein, dass die Laufzeit auf Blu-ray und DVD identisch ist.

       

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