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Archiv für den Monat August 2017

The Limehouse Golem – Das Monster von London: Am Nasenring durch Englands Hauptstadt

The Limehouse Golem

Kinostart: 31. August 2017

Von Matthias Holm

Thriller // Leere Gassen, bedrohlicher Nebel, man hört nur vereinzelt Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. „The Limehouse Golem“ entführt seine Zuschauer ins viktorianische London und möchte dabei alle Zuschauer abholen, die sich von dem ewig ähnlichen Jump-Scare-Horror gelangweilt fühlen und sich gediegene Unterhaltung à la „Die Mumie” mit Boris Karloff zurück wünschen.

Kildare muss eine harte Nuss knacken und hofft …

Der Inspektor John Kildare (Bill Nighy) wird mit der undankbaren Aufgabe betreut, die bizarren Morde eines Serientäters aufzuklären. Im Londoner Bezirk Limehouse sind 1880 mehrere Menschen auf brutalste Art und Weise getötet worden. Die Bewohner sind ob dieser Taten in solche Ehrfurcht geraten, dass sie sie einem mystischen Wesen zuschreiben – dem Golem. Die Ermittlungen führen Kildare schnell zu vier Verdächtigen. Einer davon ist der Journalist und Autor John Cree (Sam Reid), der jedoch erst kürzlich vergiftet aufgefunden wurde. Unter Verdacht steht seine Frau Lizzie (Olivia Cooke), die früher mit einem weiteren Verdächtigen zusammen gearbeitet hat – dem Kabarettisten Dan Leno (Douglas Booth).

… auf die Unterstützung von Lizzie

Regisseur Juan Carlos Medina versteht es gut, seinem Publikum wenig Ruhe zum Nachdenken zu geben. Findige Zuschauer können die Auflösung bereits früh erahnen, alle anderen sind wahrscheinlich zu sehr damit beschäftigt, dem eigentlichen Treiben zu folgen. Drei Handlungsstränge – der Mordfall, die Gerichtsverhandlung um den Giftmord und die Eskapaden im Theater – werden gekonnt ineinander verwoben, sodass nur selten Langeweile aufkommt. Der Film hat ein hohes Erzähltempo, manchmal fühlt es sich an, als werde man an einem Nasenring durch die düsteren Gassen Londons gezogen.

Bill Nighy als Ermittler

Dass einem das nicht zu viel wird liegt, am superben Cast. Bill Nighy erdet als Kildare das Geschehen, sein Ermittler lässt nie die Möglichkeit zu, die Morde mit einem übernatürlichen Wesen zu erklären. Douglas Booth darf als überkandidelter Dan Leno dem Affen ordentlich Zucker geben und Olivia Cooke verleiht ihrer Lizzie trotz der tragischen Vergangenheit eine gewisse Zärtlichkeit. Leider bleibt aber bei dem vielen Hin und Her der Geschichte nur wenig Zeit für wirklich nuancierte Darstellungen.

Dan Leno führt Lizzie in die Welt des Theaters ein

Der Film steht und fällt damit, wie weit man sich auf das Gezeigte einlassen kann. Viktorianisches London, Varieté-Theater, Gerichtsverhandlungen – das kann sehr viel auf einmal sein. Wer damit nichts anfangen kann, wird an dem Film trotz diverser Qualitäten keinen Spaß haben. Wer sich allerdings mal wieder gediegen gruseln und einen Ausstattungsthriller im Stil von „From Hell“ sehen will, der macht mit dem Lösen des Kinotickets wenig falsch.

Was hat John Cree mit dem Golem zu tun?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bill Nighy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Limehouse Golem
GB 2016
Regie: Juan Carlos Medina
Drehbuch: Jane Goldman, nach dem Roman von Peter Ackroyd
Besetzung: Bill Nighy, Olivia Cooke, Douglas Booth, Sam Reid, Eddie Marsan, Maria Valverde, Daniel Mays, Adam Brown
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

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Korruption im Justizpalast – Theater als Film in bester Form

Corruzione al palazzo di giustizia

Von Ansgar Skulme

Politthriller // Der zuständige Minister hat genug von Korruption und Käuflichkeit in der italienischen Politik und Justiz gesehen. Es gilt, frischen Wind in sein von seinen Vorgängern viel zu duldsam geführtes Amt zu bringen. Um dem Staat wieder Glaubwürdigkeit zu verschaffen, will er dem Ingenieur Carlo Goja (Martin Balsam) an den Kragen, der mit Hilfe der Mafia und mittels Bestechung zu einem einflussreichen Politiker zu werden versucht. Goja jedoch wird vor einer geplanten Razzia gewarnt, bei der Richter Dani (Franco Nero) umfangreiches Beweismaterial gegen ihn beschlagnahmen soll. Es beginnt die Jagd auf die undichte Stelle im Justizpalast und auf eine veruntreute Akte, die Goja schwer belasten würde. Der Minister schickt den Untersuchungsrichter Erzi (Umberto Orsini), um die Vorgänge zu untersuchen, der im Angesicht der von Korruption unterwanderten höchsten Instanz der italienischen Judikative alle Freiheiten zum Zwecke der Wahrheitsfindung erhält. Indessen übt der machtgierige Goja Druck auf den Präsidenten des Justizpalastes (Fernando Rey) aus. Bis hin zu Erpressung und gewaltsamer Einschüchterung sind alle Mittel recht. Der mysteriöse Richter Prandó (Gabriele Ferzetti) scheint ein doppeltes Spiel zu treiben. Doch ist er damit der einzige – und was sind seine Absichten?

Während der Sichtung von „Korruption im Justizpalast“ war mir nicht mehr präsent, dass es sich um die Verfilmung eines Theaterstücks von Ugo Betti handelt. Im deutschen Abspann wird die Vorlage als „Buch“ bezeichnet – genau genommen ist es ein Drama in Prosa-Form und gilt als Bettis bekannteste Arbeit. Geschrieben 1944, noch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs, wurde der Stoff erst 1949 erstmals als Theaterstück aufgeführt und wenig später als gedruckte Edition veröffentlicht, 1950 folgte in Tübingen die erste deutsche Inszenierung. Der vorliegende Film überträgt die Geschehnisse in die 70er-Jahre. Die theaterhafte Dramaturgie sowie die dialoglastige Aufmachung und die konturenreichen Charaktere fallen im Film deutlich genug auf, dass ich ohnehin darauf verweisen wollte, wie dicht sich der Politthriller am Rande des Theaters bewegt – auch ohne das Bewusstsein, dass er tatsächlich auf einem Theaterstück basiert.

Theater-Gourmets und Cineasten vereinigt euch!

Ich leite daraus ab, dass es diesem Film ausgesprochen gut gelingt, ein als Vorlage dienendes Theaterstück in eine filmische Sprache umzusetzen. Wohlgemerkt ohne die geringsten Anleihen an ein Fernsehspiel oder live aufgezeichnetes Theaterstück zu nehmen, sondern durch und durch in einer für Kinofilme typischen Bildsprache und mit dementsprechender Dialogführung erzählt. Während italienische Thriller der 70er, die sich mit der Justiz, Politik oder auch Polizei des Landes befassen, gemeinhin oft recht gewalttätig und actiongeladen sind, nichtsdestotrotz aber häufig interessante Fragen aufwerfen, mutig komplizierte wie auch heikle Themen abhandeln und diese Diskurse phasenweise sogar fast schon philosophisch – bemerkenswert im Kontext actionreicher Handlungen – führen, fällt „Korruption im Justizpalast“ mit seiner auf die Figuren fokussierten Erzählweise und der beinahe gänzlichen Abkehr von Gewaltdarstellungen interessant aus dem Rahmen. Diese filmische Erzählweise aber ist hinsichtlich der Kameraeinstellungen, der Art wie die Szenen geschnitten und miteinander verbunden sind, aber auch hinsichtlich der Besetzung eben doch eng mit anderen Genrebeiträgen verwandt. Dies ist insbesondere deswegen besonders hoch zu bewerten, da es erst der zweite Spielfilm von Regisseur Marcello Aliprandi war. Eindeutig ein Fachmann, der sich nicht nur mit dem Theater, sondern auch dem damaligen italienischen Kino bestens auskannte, obwohl er selbst bis dato kaum die Chance bekommen hatte, sich zu beweisen.

All denjenigen die bei Theateradaptionen zunächst einmal einen Schreck bekommen, bühnenhafte Settings, theatralisch vorgetragene Dialoge und langweilige Kameraarbeit befürchten, brauchen sich in diesem Fall also nicht vor einem artifiziell abgehobenen „Kunstfilm“ zu fürchten, sondern bewegen sich in vertrauten Fahrwassern. Theater im Film oder, besser gesagt, Theater als Film kann ganz unterschiedliche Gesichter haben. Wer es klassischer und theaterhaft mag, sollte daher stattdessen auf die unter der Regie von Ottavio Spadaro im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt RAI entstandene Adaption von 1966 zurückgreifen – mit Musik von keinem geringeren als Bruno Nicolai. Warum diese zwar nicht in der Internet Movie Database verzeichnet ist, dafür aber via Wikipedia sogar bebildert nachgeschlagen werden kann, weiß eventuell der Himmel.

Wem bin ich etwas schuldig, außer mir?

Inhaltlich punktet die 1974er-Verfilmung von „Korruption im Justizpalast“ bis zum Finale mit diversen doppelten Böden und entlarvt die Protagonisten zunehmend als Gefangene von Systemen, die Druck auf sie ausüben und sich damit verselbstständigt haben – weil die Korrupten ihren Geldgebern hörig sind, aber teils auch dem Minister und der Justiz hörig sein und sich verantworten müssen. Gegenseitig machen sich die Bestechenden, die Bestochenen und diejenigen, die Licht ins Dunkel bringen wollen, das Leben schwer, keiner kann dem anderen trauen, immer wieder blitzen selbst bei manch Korruptem Moral und Verantwortungsbewusstsein auf, aber nur um dann doch wieder zu verblassen. Es geht um schnelles Geld und um Karrieren – und darum, das Ganze möglichst gut nach außen und gegenüber den eigenen Freunden und Familien zu verkaufen. Auch für den Zuschauer bleibt undurchschaubar, zu wem man halten soll. Wenn man sich als Richter einmal mit dem Teufel eingelassen hat, gibt es kein Entkommen mehr. Immer wieder neue Vertuschungen, aber auch immer wieder neue amtliche Aufgaben, denen man gerne aus dem Wege gegangen wäre, die man jedoch annehmen muss, um sich nicht zu verraten. Man ermittelt gewissermaßen gegen sich selbst, nur um nicht sofort aufzufliegen. Offiziell ein Hüter des Gesetzes, aber eigentlich das genaue Gegenteil, gilt es den Schein zu wahren und ein konsistentes Sein zu konstruieren.

Dass es am Ende eine einzelne Akte ist, die letztlich über Gedeih und Verderb im Irrgarten des Archivs im Justizpalast entscheidet, entlarvt die korrupten Figuren dieses Films als Marionetten, die kaum noch selbstbestimmter sind als eine Katze, die einem Wollknäuel hinterherjagt. Während sie versuchen, die eigene Haut zu retten, lassen sich die gebildeten Männer gehen und verhalten sich wie aufgescheuchte Hühner. Spät mag die Einsicht kommen, dass man sich auf den falschen Weg eingelassen hat, aber da es keinen Weg mehr zurück gibt, ist der einzige Weg die Flucht nach vorn und das Verstricken in noch mehr Widersprüche – bis diese irgendwann jemand bemerkt. Ein Weg mag das sein, ein Ausweg allerdings nicht. Die Einsicht, dass selbst Reue und Akzeptanz des eigenen Fehlverhaltens keine Rettung mehr bieten, es sei denn man nähme die komplette öffentliche Demontage in Kauf, ist ernüchternd, jedoch gerecht. So wird Feigheit vor Konsequenzen schließlich zu einem entscheidenden Faktor in einem sich immer weiter nach oben schaukelnden Spiel um Macht. Selbst wenn alle Gekauften eigentlich keine Lust mehr auf all das hätten, würden sie aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung und finanziellem Ruin sowie Gefängnis trotzdem weitermachen.

Gipfeltreffen großer Schauspieler

Dass „Korruption im Justizpalast“ am Ende zu einem vollauf überzeugenden großen Ganzen wird, ist neben der sorgfältig durchdachten Theaterdramaturgie und der überaus gelungenen filmischen Umsetzung durch Regisseur Aliprandi sowie dem großartigen Finale vor allem der guten internationalen Darsteller-Auswahl zu danken. Franco Nero überzeugt in einer ungewöhnlich spießigen Rolle, ein Richter der sich selbst letztlich sein ärgster Gegner ist. Gabriele Ferzetti spielt den alkoholkranken Prandó in sympathischer Weise extrovertiert, ein wenig dick aufgetragen, aber noch in einem Rahmen, dass man es als angemessene Hommage an die Theatervorlage verstehen kann. Der Spanier Fernando Rey zeigt den Präsident des Justizpalastes als gebrochenen Mann in einem nicht mehr zu heilenden Zwiespalt aus Überzeugungen und Fehlern, der schließlich kniend und gesenkten Hauptes in seinem Garten sein Karriereende hinnehmen muss. Und der US-Amerikaner Martin Balsam – damals ebenso wie Rey ein gern gesehener Gast im italienischen Genrekino – zeigt sich als Personifikation des Korrupten von seiner unliebsamsten Seite. Er gibt das perfekte Bild eines selbstverliebten, immer gute Miene zum bösen Spiel machenden Bonzen ab, der für einen gut sitzenden Anzug und den nächsten Friseurbesuch über Leichen gehen würde, aber in jede Kamera grinst, als würde er alle Schwiegermütter um den Verstand bringen wollen. Kurzum: Das Establishment von seiner widerlichsten Seite!

Neben diesen vier wirklich namhaften und wichtigen Größen des italienischen Kinos der damaligen Zeit sollte aber auch Mara Danaud in der Rolle der Flavia gesonderte Erwähnung finden, die zwischen zwei korrupten und doch so verschiedenen Typen ihre Frau steht. Flavia, die von Goja aus dem Dreck geholt wurde, deswegen aber auch gezwungen scheint, sein perfides Spiel mitzuspielen, gibt ein interessantes Pendant zu den Interessenskonflikten im korrupten Justizapparat dieses Films ab. Auch sie ist eine Gefangene eines Systems, das sich verselbstständigt hat – Goja nutzt sie aus, da er weiß, wie er sie erpressen kann und da sie weiß, dass der Weg in die Öffentlichkeit mit der Bloßstellung Gojas auch für sie der schmerzhafteste wäre, ganz ähnlich wie auch ein korrupter Richter die Wahrheit an der Öffentlichkeit am meisten fürchtet, mag er noch so reumütig sein. Nicht zuletzt macht Umberto Orsini als recht cool daherkommender Untersuchungsrichter Erzi mit Sonnenbrille und stylischem, modern geschnittenem Kinnbart eine gute Figur. Er taucht da auf, wo es wehtut und provoziert da, wo es wirkt. Und wenn man ihn an der Nase herumführen will, lächelt er süffisant und hakt weiter nach. Er ist der richtige, um sich mit diesem tief im Dreck versumpften Establishment anzulegen – sein Motto, wenn er auf die Richter zugeht, scheint in etwa: „Ihr mögt zwar 30 Jahre im Amt sein, aber mir könnt ihr hier mal gar nix!“ zu sein. Sympathisch unbequem.

Vom ZDF ans Licht befördert

In Deutschland kam der Film nicht regulär ins Kino und wurde erst in den 80er-Jahren zum ersten Mal gezeigt; in einer TV-Synchronisation mit Joachim Kemmer als Stimme von Franco Nero. Während Kemmer nicht unbedingt besonders gut als Nero-Variante funktioniert und eine Lösung wie Klaus Kindler wünschenswert gewesen wäre, ist Holger Hagen als Stimme von Fernando Rey eine durchaus berührende Leistung geglückt. Auch Otto Stern für Martin Balsam und Benno Sterzenbach für Gabriele Ferzetti verleihen ihren Figuren Charisma. Den Untersuchungsrichter mit Horst Sachtleben zu besetzen war keine allzu gute Idee – dieser taffe Typ hätte eindeutig eine kaltschnäuzigere, abgebrühte Stimme gebraucht. Auch wenn mit Sachtleben zumindest das Rühren im Dreck und das permanente Aufreißen von Wunden im Justizpalast etwas genüsslich-gemeines bekommen. Man merkt schnell: Dieser Erzi ist da, um penetrant zu sein und den Richtern auf die Nerven zu gehen bis ihre Fassade zu bröckeln beginnt.

Wann genau der Film erstmals in Deutschland lief, bedürfte einer gesonderten Überprüfung alter Fernsehprogramme oder in den Archiven des ZDF. Es ist eine TV-Ausstrahlung im ZDF für Anfang 1988 überliefert, Benno Sterzenbach ist allerdings bereits im September 1985 gestorben. Die Synchronfassung mit Dialogbuch und Regie von Joachim Brinkmann soll auch erst kurz vor Sterzenbachs Tod entstanden sein. Was dann bis 1988 mit dem Material passierte, ist unklar. Dass der Film trotz vorliegender Synchronfassung längere Zeit nicht ausgestrahlt wurde, bevor es zur deutschen Premiere kam, scheint eigentlich eher unwahrscheinlich, da die Fassung wohlgemerkt direkt vom ZDF in Auftrag gegeben und nicht nur angekauft worden war. In Italien und den USA gibt es „Korruption im Justizpalast“ bereits auf DVD, aus den USA aber leider nur im falschen Bildformat und in sonstig schlechter Qualität. Dadurch erklärt sich auch die Absurdität, dass die italienische DVD dieses italienischen Films erst knapp drei Jahre später veröffentlicht wurde als die US-DVD.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 23. Februar 2010 als DVD

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: Corruzione al palazzo di giustizia
IT 1974
Regie: Marcello Aliprandi
Drehbuch: Marcello Aliprandi, Gianfranco Clerici & Franco Imbert, nach einem Theaterstück von Ugo Betti
Besetzung: Franco Nero, Fernando Rey, Gabriele Ferzetti, Umberto Orsini, Martin Balsam, Mara Danaud, Giovanna Benedetto, Umberto D’Orsi, Renato Montanari, Ugo Maria Morosi
Verleih: Filmes S.p.A.

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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El Bar – Frühstück mit Leiche: Ausnahmezustand in der Kneipe

El Bar

Von Andreas Eckenfels

Thrillerkomödie // Kultregisseur Álex de la Iglesia („Witching and Bitching“) ist für seine höchst energiegeladenen Werke bekannt. Der Irrsinn, den die Filme des Spaniers versprühen, kennt keine Grenzen. Immer wieder kombiniert er gekonnt bitterböse Thriller- und Horror-Elemente mit pechschwarzem Humor. Auch seinen Darstellern verlangt de la Iglesia stets alles ab. Und die gehen den Weg der Extreme gern mit.

Säufer Israel nervt alle Bargäste mit Bibelzitaten

Dies bestätigte auch Jaime Ordóñez auf der Berlinale-Pressekonferenz, wo „El Bar – Frühstück mit einer Leiche“ 2017 außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde: „Was ich während meiner Arbeit mit Álex gelernt habe ist, dass ich bei ihm immer über mein Limit hinausgehen muss. In seinen Filmen können die unglaublichsten Dinge passieren. Um den Punkt zu erreichen, diese bewältigen zu können, muss man seinen Job wirklich lieben.“

Ein normaler Vormittag in Madrid

Ordóñez weiß auch wovon er spricht: Es ist nicht das erste Mal, dass er für de la Iglesia vor der Kamera stand. Dazu hat er in „El Bar“ die wohl undankbarste Rolle abbekommen: Mit fettigen langen Haaren, Rauschebart und falschen Zähnen ist Ordóñez kaum wiederzuerkennen. Er spielt den versifften Säufer Israel, der seine Mitmenschen ständig mit Bibelzitaten nervt. Gemeinsam mit dem Hipster Nacho (Mario Casas, „Toro – Pfad der Vergeltung“), der hübschen Elena (Blanca Suárez), der frustrierten Spielerin Trini (Carmen Machi) und einigen weiteren Zeitgenossen bevölkert Israel an einem ganz normalen Vormittag eine Bar in Madrid. Zwischen Frühstück und dem ersten Drink werden die Gäste plötzlich aus ihrer morgendlichen Lethargie gerissen.

Elena hofft darauf, bald ihren Traummann kennenzulernen

Einem Mann, der die Bar gerade verlassen hat, wird auf der Straße in den Kopf geschossen. Als ein Gast, der ihm zu Hilfe eilen wollte, draußen ebenfalls getötet wird, ist für die anderen klar, dass sie die Bar auf keinen Fall verlassen dürfen. Vielleicht hat es ja ein Scharfschütze auf einen von ihnen abgesehen? Als sei dies nicht genügend Grund zur Panik, stürzt auch noch ein dicker Mann mit hervorquellenden Augen aus der Toilette und stirbt vor dem Tresen. In seinem Besitz finden die verängstigten Barbesucher ein Handy mit seltsamen Textnachrichten und mehrere mit einem Serum gefüllte Spritzen.

Menschliche Abgründe

Im Mikrokosmos einer Bar lässt de la Iglesia verschiedene Gesellschaftsschichten aufeinanderprallen. Es dauert nicht lange, da verhärten sich die Fronten. Zwei konträre Gruppen bilden sich. Eine Waffe kommt ins Spiel, die im Verlauf des Films immer wieder den Besitzer wechselt, wodurch auch die Machtverhältnisse neu geregelt werden. In dieser Extremsituation fallen bei den Protagonisten die schützenden Masken. Menschliche Abgründe wie Egoismus, Gier und Hass treten offen zutage. So kann man de la Iglesias Werk als Kommentar zur aktuell allgegenwärtigen Terror-Angst in der Welt deuten.

Trini will den Jackpot knacken

Als Gesellschaftssatire taugt der Film hingegen nicht. Es fehlt an der nötigen Schärfe. Auch wenn die namhafte Schauspieler-Riege alles gibt: Die Charaktere verweilen im Klischee und erhalten kaum eine Biografie, durch die man sich mit ihnen verbunden fühlen kann. Dazu gesellen sich zahlreiche hysterische Wendungen, wodurch jeder Anflug von Spannung verloren geht sowie eine enttäuschende Auflösung der mysteriösen Vorkommnisse. Nur selten, wenn sich etwa Israel, Nacho, Elena und Co. mit Olivenöl übergießen, um sich durch ein viel zu enges Bodenloch zu quetschen und daraufhin in der mit Kot und Urin gefüllten Kanalisation von Madrid landen, scheint der kreischende Irrwitz de la Iglesias durch, der seine Filme normalerweise so schön abstoßend, aber eben auch höchst unterhaltsam macht.

Keiner kommt hier lebend raus?

Veröffentlichung: 24. August 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Spanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: El Bar
SP/ARG 2017
Regie: Álex de la Iglesia
Drehbuch: Álex de la Iglesia, Jorge Guerricaechevarría
Besetzung: Blanca Suárez, Mario Casas, Carmen Machi, Secun de la Rosa, Jaime Ordóñez, Terele Pávez, Joaquín Climent
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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