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Archiv für den Monat August 2017

The Promise – Die Erinnerung bleibt: Wider das Vergessen

The Promise

Kinostart: 17. August 2017

Von Andreas Eckenfels

Historiendrama // Der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/1916 gilt unter Historikern als erste systematische ethnische Säuberung des 20. Jahrhunderts. Der vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ und Innenminister Talât Pascha initiierte Genozid begann am 24. April 1915 in Konstantinopel mit der Deportierung armenischer Intellektueller. Die anschließenden Massaker an der armenischen Zivilbevölkerung forderten rund 1,5 Millionen Opfer. Die türkische Regierung leugnet die Handlungen bis heute als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahme“. Die Armenier nennen den Völkermord schlicht „Aghet“ – „Katastrophe“.

Michael kommt nach Konstantinopel, um Medizin zu studieren

Im Gegensatz zum Holocaust haben sich noch nicht viele Filmemacher an die Aufarbeitung der Vorfälle während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich herangewagt. Neben Atom Egoyans „Ararat“ (2002) widmete sich zuletzt auch Fatih Akin mit „The Cut“ (2014) dem wenig beachteten Thema. Die deutsche Doku „Aghet – Ein Völkermord“ erhielt 2011 immerhin den Grimme-Preis. Nun versucht der britische Regisseur Terry George („Im Namen des Vaters“, 1993) mit einem Staraufgebot dieses dunkle Stück Zeitgeschichte einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Liebe in Zeiten des Krieges

1914: Dank der großen Mitgift, die seine Braut Maral (Angela Sarafyan) in die Ehe einbringt, kann der Apotheker Michael (Oscar Isaac) endlich sein kleines Heimatdorf Siroun im Süden der Türkei verlassen und in Konstantinopel Medizin studieren. Der wissbegierige Armenier bekommt zunächst nur am Rande mit, welches Chaos in der multikulturellen Metropole herrscht. Durch einen Freund lernt Michael die armenische Künstlerin Ana (Charlotte Le Bon) kennen und knüpft mit ihr romantische Bande. Viel Zeit für die Liebe bleibt nicht. Die in Paris aufgewachsene Frau ist bereits mit dem amerikanischen Fotojournalisten Chris (Christian Bale) liiert, der dem Rivalen gegenüber verständlicherweise nicht gerade wohlgesonnen ist. Doch bald werden die drei von der harten Realität des eskalierenden Krieges eingeholt. Die Türken haben sich mit den Deutschen verbündet und beginnen mit der brutalen Verfolgung der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich. Michael gerät in Gefangenschaft. Im Arbeitslager hält ihn nur sein Glaube an ein Wiedersehen mit Ana am Leben.

Prominente Unterstützung

Der legendäre Multimillionär und ehemalige Besitzer der Metro-Goldwyn-Mayer-Filmstudios Kirk Kerkorian finanzierte die 90-Millionen-Dollar-Produktion aus eigener Tasche. Der Sohn armenischer Immigranten wollte mit diesem Herzensprojekt nicht etwa seinen Reichtum maximieren, sondern an die grausamen Verbrechen erinnern, die seinen Vorfahren wiederfuhren. Jahrzehntelang wollte er die Geschichte verfilmen. Doch um internationalen Ärger zu vermeiden, traute sich niemand in Hollywood an den Stoff. Also zahlte Kerkorian schließlich alles selbst. Schon im Vorfeld wurde bekannt, dass die gesamten Einnahmen von „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ verschiedenen Non-Profit-, humanitären und Menschenrechtsorganisationen zugutekommen würden. Zu den Begünstigten zählte auch Elton Johns AIDS-Stiftung EJAF – der Sänger führte den Film während seiner Academy Awards Viewing Party zahlreichen geladenen Gästen vor. Er betonte: „Niemand darf vergessen werden, aber genau das ist während des Genozids an den Armeniern geschehen.“ Auch Leonardo DiCaprio rührte ordentlich die Werbetrommel: „Ich gratuliere dem ganzen Team (…) dessen Talent, Ausdauer, Hingabe und Engagement dieses wichtige Projekt realisiert haben“, schrieb er auf Facebook. Die Premiere in London besuchte auch George Clooney mit seiner Frau Amal, beide äußerten sich wie viele weitere Stars positiv über den Film.

Dort lernt er die armenische Künstlerin Ana und den amerikanischen Fotojournalistin Chris kennen

Der gute Wille ist „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ zwar anzumerken, doch der Film wird dem wichtigen und komplexen Thema kaum gerecht. Regisseur Terry George inszeniert die Geschichte wie ein klassisches Epos mit prachtvoller Ausstattung und beeindruckenden Naturaufnahmen. Dass er als Aufhänger ein Liebesdreieck nutzt, ist legitim, doch ist dies ist auch ein großer Schwachpunkt der Erzählung. Der Romanze zwischen Michael und Ana fehlt es an Emotionalität, sie wirkt wenig überzeugend. Auch die Rivalität zwischen Michael und Chris birgt kaum Spannung. Beide pflegen bald ein respektvolles Verhältnis. Die Männer akzeptieren, dass sie die gleiche Frau lieben. Schließlich liegt es auch an Ana selbst, für wen sie sich am Ende entscheiden mag. Mit dieser Fokussierung wird der aufklärerische Aspekt während der gesamten Laufzeit zu sehr in den Hintergrund gerückt, um wirklich aufzurütteln. Nur selten gibt es erschütternde Szenen zu sehen, die wirklich berühren.

Zwei Schwergewichte

Überhaupt merkt man der Produktion an, dass die Filmemacher ein möglichst breites und internationales Publikum ansprechen wollten, um ihre Botschaft zu verbreiten. Auf die Zurschaustellung brutalster Kriegsgräuel verzichtet George größtenteils. Man will ja die Zuschauer nicht mit blutigen Details verschrecken. Mit Oscar Isaac wählte man einen derzeit angesagten Star, der zwischen Blockbuster („Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“) und Indie-Film („Ex Machina“) fest verankert ist und den Helden glaubhaft verkörpern kann. Oscar-Preisträger Christian Bale hatte bereits 2011 mit seinem Mitwirken in „Flowers of War“ ein ähnliches, hochbudgierten Projekt über das Massaker von Nanking unterstützt, welches ebenfalls versuchte, ein vergessenes Geschichtskapitel in Erinnerung zu rufen. Zwischen den schauspielernden Schwergewichten kann die Kanadierin Charlotte Le Bon („Bastille Day“) kaum etwas zeigen, auch weil ihre Rolle nicht viel mehr hergibt, als die hübsche Frau, die zwischen zwei Männern steht.

Michael und Ana kommen einander näher

Immerhin gelingt es George, in sein altmodisch inszeniertes Historiendrama ein paar aktuelle Bezüge einzubauen. So erinnert die anfangs erwähnte Deportierung der armenischen Intellektuellen natürlich an Erdogans Verhaftungswelle gegen kritisch berichtende Journalisten. Dazu betonte der Regisseur, dass er die Figur von Christian Bale in die Geschichte eingebaut habe, um die Bedeutung unabhängiger Berichterstattung während Kriegszeiten hervorzuheben.

Während der Unruhen gerät Michael in Gefangenschaft

Der grausame Genozid an den Armeniern hätte eine intensivere Aufarbeitung verdient gehabt. Dennoch ist „The Promise – Die Erinnerung bleibt“ ein wichtiger Beitrag wider das Vergessen. Leider konnte Kirk Kerkorian den finalen Film nicht mehr sehen. Er starb noch vor Drehstart, am 15. Juni 2015, im Alter von 98 Jahren.

Ob er seine Ana jemals wiedersehen wird?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christian Bale und/oder Oscar Isaac sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 133 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Promise
SP/USA 2016
Regie: Terry George
Drehbuch: Terry George, Robin Swicord
Besetzung: Oscar Isaac, Charlotte Le Bon, Christian Bale, Daniel Giménez Cacho, Angela Sarafyan, Jean Reno, Tom Hollander, James Cromwell, Shohreh Aghdashloo
Verleih: capelight pictures

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 capelight pictures

 

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Soy Nero – Green Card gegen Kriegseinsatz? Von wegen (Filmrezension)

Hallo, liebe Leserinnen und Leser von „Die Nacht der lebenden Texte“! Ab und zu lasse ich meinem Mitteilungsdrang auch anderswo Raum zur Entfaltung, so an diesem Wochenende bei unserem Partner-Blog vnicornis.

Kein Mensch ist illegal! Man kann es nur zynisch nennen, dass mexikanische Immigranten in den USA auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung hoffen können, wenn sie sich zum Militärdienst inklusive gegebenenfalls Kriegseinsatz verpflichten. Das bedrückende Drama SOY NERO hat diesen hierzulande gar nicht so bekannten Aspekt weltweiter Migrationsströme 2016 aufgegriffen. Hier stelle ich es vor:

vnicornis

Soy Nero

Von Volker Schönenberger

Kein Mensch ist illegal.

Drama // Der sogenannte DREAM Act ermöglicht es als illegale Einwanderer geltenden US-Immigranten, unter bestimmten Voraussetzungen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die später sogar in eine US-Staatsbürgerschaft übergehen kann. Das Akronym „DREAM“ steht dabei für „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Seit 2001 gab es verschiedene Versuche, das Gesetz durch den Kongress und den Senat zu bringen, stets begleitet von teils heftig geführten Debatten.

Nero (l.) schlägt sich per Anhalter …

Eine der Voraussetzungen für die begehrte Green Card: Militärdienst – inklusive Auslandseinsatz, der bekanntermaßen durchaus mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Möglichkeit offeriert die US-Army anscheinend bereits seit dem Vietnamkrieg. „Soy Nero“ basiert lose auf den Erlebnissen des Mexikaners Daniel Torres, der bei den Dreharbeiten als technischer Berater fungierte und bei der Weltpremiere des Films auf der Berlinale im Februar 2016 anwesend war.

Mit dem Ausweis des Bruders in die…

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James Stewart (I): Rancho River – Ein englischer Stier in Texas

The Rare Breed

Drei Western-Veröffentlichungen am Stück geben uns Gelegenheit, eine kleine James-Stewart-Retrospektive zu starten.

Von Volker Schönenberger

Western // Mit Filmen wie „Die Wildgänse kommen“ („The Wild Geese“, 1978) und „Die Seewölfe kommen“ („The Sea Wolves“, 1980) verlegte sich Regisseur Andrew V. McLaglen ab Ende der 1970er-Jahre zusehends auf Action in einem Kriegs-Umfeld. Mitte der 60er war er noch fest im Western verwurzelt, hatte 1965 mit „Der Mann vom großen Fluss“ („Shenandoah“) mit James Stewart einen großartigen Genrebeitrag abgeliefert, der aber immerhin auch schon den Krieg zum Thema hatte. Ein Jahr später drehte er „The Rare Breed“, so der Originaltitel von „Rancho River“, erneut mit James Stewart in der Hauptrolle.

Eine Zugfahrt, die ist lustig

Der Westernstar spielt Sam Burnett, der im Jahr 1884 einen teuren englischen Stier zu dessen neuen Eigentümer Alexander Bowen (Brian Keith) nach Texas bringen soll. Die englische Witwe Martha Price (Maureen O’Hara) und ihre Tochter Hilary (Juliet Mills) hatten das Tier in die USA gebracht und versteigert, lassen es sich aber nicht nehmen, Burnett zu begleiten, um sicherzustellen, dass ihr kostbarer, aber störrischer Stier gut untergebracht wird. Der erste Abschnitt der Reise verläuft per Bahn noch recht geruhsam. Burnett hat allerdings einen Deal mit dem konkurrierenden Rancher Taylor (Alan Caillou) gemacht, diesem den Stier zu übergeben. Um das sicherzustellen, verfolgt Taylors Handlanger Deke Simons (Jack Elam) den kleinen Trupp. Mit ihm hat sich Burnett bereits mehrfach angelegt.

James Stewart und Maureen O’Hara

„Legendäre Westernkomödie“ steht in der Pressemitteilung zur Neuveröffentlichung von „Rancho River“, aber so richtig erschließt sich mir weder das „legendär“ noch die Klassifizierung als Komödie. Ein großes Epos will der Film nicht sein, sondern nur leichtfüßige Unterhaltung abliefern, was auch gelingt. Wenn man Saloonschlägereien lustig findet, kann man natürlich ein paar humorige Aspekte finden, aber insgesamt ist „Rancho River“ doch zu wenig komödiantisch angelegt. Und legendär? Na ja. Sicher nicht James Stewarts legendärste Rolle. Er und Maureen O’Hara („Das Wunder von Manhattan“) liefern sich ein paar Wortgefechte, die aber nie Screwball-Level erreichen.

Die Witwe und ihr Scout sind nicht immer einer Meinung

Der Technicolor-Western bietet aber immerhin schöne Bilder, obgleich sich darunter ein paar Aufnahmen in Rückprojektion finden, und einen frühen Soundtrack von John Williams, dem später x-fach Oscar-nominierten und fünfmal -prämierten Komponisten solch großer Scores wie die für „Der weiße Hai“, „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ und „Schindlers Liste“.

Erstmals auf Blu-ray

Das kleine Label explosive media veröffentlicht „Rancho River“ am gleichen Tag wie zwei andere James-Stewart-Western – ungleich bessere. „The Rare Breed“ lässt sich gut anschauen, hat aber keine bleibende Bedeutung. Stewart-Komplettisten dürfen frohlocken, dass der Film endlich auf Blu-ray lieferbar ist – und das in anständiger Qualität –, in jede Westernsammlung muss er nicht aufgenommen werden.

Die Filme der „James Stewart Western Collection“ von explosive media:

01. Die Uhr ist abgelaufen (Night Passage, USA 1957)
02. Meuterei am Schlangenfluss (Bend of the River, USA 1952)
03. Rancho River (The Rare Breed, USA 1966)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit James Stewart sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Burnett nimmt einiges auf sich

Veröffentlichung: 10. August 2017 als Blu-ray und DVD, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD (Universal)

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Rare Breed
USA 1966
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: Ric Hardman
Besetzung: James Stewart, Maureen O’Hara, Brian Keith, Juliet Mills, Don Galloway, Jack Elam, David Brian, Ben Johnson, Harry Carey Jr., Alan Caillou, Perry Lopez, Gregg Palmer
Zusatzmaterial: Trailer, Artworks, Fotos, Wendecover
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 explosive media / Koch Films

 

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