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Delusion – Der Schmerz des Verlustes

04 Aug

Delusion

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Vor einiger Zeit kontaktierte mich über die Facebook-Seite von „Die Nacht der lebenden Texte“ unverhofft der US-Filmemacher Christopher Di Nunzio und fragte mich, ob ich Lust habe, seinen neuen Film „Delusion“ zu rezensieren. Lust hatte ich auf jeden Fall, leider konnte Christopher mir keinen Release-Termin für Deutschland nennen, daher schob ich die Sichtung erst einmal vor mir her. Aber weil es eine gute Sache ist, ein kleines Independent-Filmprojekt zu unterstützen, habe ich mir das Horrordrama nun doch vorgenommen. Außerdem gibt es mittlerweile tatsächlich die Möglichkeit einer Sichtung hierzulande – siehe unten.

Frank glaubte, seine Trauer überwunden zu haben

„Delusion“ bedeutet Sinnestäuschung, Wahnvorstellung. Einer solchen glaubt offenbar Frank Parillo (David Graziano) zu unterliegen, als er drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Isabella (Carlyne Fournier) einen Brief von ihr erhält, in dem sie ihm Mut macht und wissen lässt, dass sie für ihn da ist. Hat sie das Schreiben kurz vor ihrem Tod jemandem mit der Weisung gegeben, es Frank drei Jahre später zu schicken? Man weiß es nicht.

Begegnung mit einer Unbekannten

Zwar ist ihm sein Neffe Tommy (Justin Thibault) eine Stütze, dennoch fällt Frank in überwunden geglaubte Trauermechanismen zurück. Als er einer mysteriösen Frau (Jami Tennille, „Manchester by the Sea“) begegnet, gerät sein Leben auf halluzinierende Weise aus den Fugen.

Tommy (l.) ist dem Witwer eine Stütze

Weiterzuleben, wenn einem der liebste Mensch entrissen wurde – keine leichte Sache. Diese Erfahrung macht auch Frank, und dessen Empfinden vermittelt David Graziano auf überzeugende Weise. Auch wenn die anderen Figuren keineswegs unbedeutend sind, trägt der Protagonist den Film doch über weite Strecken allein auf den Schultern. Und das gelingt, wenn man von einem kleinen Qualitätsknick absieht, als Frank die Asche seiner Frau in ein Gewässer kippt und dort etwas zu sehr monologisiert. Aber das ist ein kurzer Moment, der schnell vorbei ist. Später wird auch Mary – so der Name der anderen Frau – wichtiger, die Annäherung zwischen ihr und Frank bekommt Bedeutung und kulminiert in einem ungemein spannenden und beklemmenden Finale.

Erinnerung: Isabella hat unschöne Neuigkeiten

Landschaft, Straßen und Gebäude sind nur Kulissen für das Handeln der Figuren, dennoch entsteht der Eindruck durchdachter, wenn auch unspektakulärer Bildkompositionen. Und wenn die Kamera dicht auf die Gesichter hält, kommt es zu einigen intensiven Momenten. Das wird besonders in ein paar Rückblenden mit Frank und Isabella deutlich, bei denen jede Facette der beiden zum Vorschein kommt. Ein paar Abstriche in puncto Dialogregie und Schauspielkunst sind hinzunehmen.

Eine schöne Unbekannte taucht auf

Die Dialoglastigkeit zu Beginn legt sich im Verlauf, dann kommt es in aller Ruhe zu Szeneriewechseln und der Einführung weiterer Figuren, etwa des Mediums Lavinia (Irina Peligrad), das Frank die Karten legt. Sein bedächtiges Erzähltempo behält „Delusion“ bei, das ist wohltuend, aber angetan, manch einen schnelle Schnitte und Action gewohnten Filmgucker unruhig auf dem Sitz hin und her rutschen zu lassen. Gemach, gemach, es geht ja bald weiter! Der zurückhaltende Einsatz des Scores fügt sich harmonisch ein.

Drama, Horror, Thriller – gar nicht so einfach

Während der Sichtung habe ich mehrfach darüber nachgedacht, in welche Genre-Schublade ich „Delusion“ packen soll. Über weite Strecken verströmt der Film keine Horror-Atmosphäre. Phasenweise schien mir Mystery-Drama passend, dann Psychothriller oder auch einfach nur Drama. Aufgrund des Finals habe ich mich dann doch wieder für Horrordrama entschieden, auch wenn der Ausklang abgehärteten Konsumenten womöglich nur ein müdes Lächeln entlocken mag. Aber wenn man sich erst einmal auf die Figuren eingelassen hat, verfehlt das Finale seine Wirkung nicht. Die allerletzte Szene verstört dann vollends und wird auch nicht bis ins Letzte aufgelöst – auch das wird nicht jedem gefallen, mir schon.

Lavinia legt Frank die Karten

„Delusion“ ist ein kleiner, feiner Independent-Film, dem ein paar Mal die Spannungskurve etwas absackt, der seine Zuschauer aber mit Interesse und Empathie für die Figuren bei der Stange hält. Hier war eine Filmcrew am Werk, die ein geringes Budget als Chance begriffen hat, ihre Geschichte ganz nah an den Menschen zu erzählen, besonders an Frank. 2016 gab’s dafür beim Shawna Shea Film Festival vier Auszeichnungen, darunter den Publikumspreis. „Delusion“ hat Aufmerksamkeit und weitere Vertriebskanäle verdient – auch eine Vermarktung auf Blu-ray und DVD. Mit solchen Filmen darf sich gern jeder aufstrebende Regisseur bei mir melden.

Welche Absichten verfolgt Mary?

Veröffentlichung: Video on Demand Kauf und Verleih bei Amazon, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezension für Prime-Kunden gratis, auch in KAN, UK und USA

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Delusion
USA 2016
Regie: Christopher Di Nunzio
Drehbuch: Christopher Di Nunzio
Besetzung: David Graziano, Jami Tennille, Irina Peligrad, Kris Salvi, Justin Thibault, Carlyne Fournier, Renee Lawrie
Produktionsfirma: Creepy Kid Productions

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Creepy Kid Productions

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Eine Antwort zu “Delusion – Der Schmerz des Verlustes

  1. massi

    2017/08/06 at 20:40

    Wow, sehr schöne Sache, wird definitiv geschaut.
    Endlich ist der prime Kram Mal zu was nütze.
    Danke, dafür.

     

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