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Robert Mitchum (I): Die Nacht des Jägers – Der Prediger und die Kinder

06 Aug

The Night of the Hunter

Heute wäre Robert Mitchum 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, diesem virilen Charakterdarsteller eine kleine Werkschau zu widmen, beginnend mit einer seiner größten Rollen. Der Mann aus Connecticut gehörte zu den ersten großen Hollywood-Stars seiner Zeit, die derlei Schurken verkörperten.

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Charles Laughtons erste und einzige Regiearbeit spielt sich vor dem Hintergrund der Großen Depresseion Anfang der 1930er-Jahre ab: Ein aus Verzweiflung verübter Bankraub mit Mord, mit dem Ben Harper (Peter Graves) seine Familie absichern wollte, bringt ihm die Todesstrafe ein. Für kurze Zeit teilt er die Zelle mit Harry Powell (Robert Mitchum). Der erfährt von Harpers 10.000-Dollar-Beute und davon, dass nur Harpers Kinder John (Billy Chapin) und Pearl (Sally Jane Bruce) wissen, wo das Geld versteckt liegt. Nach Harpers Hinrichtung und seiner eigenen Entlassung gibt sich Powell als Gefängnispriester aus – so verführt er Bens Witwe Willa (Shelley Winters), lässt sie emotional von ihm abhängig werden, um an das Geld heranzukommen. Willa und die Dorfbewohner kann er täuschen, die Kinder aber spüren, dass von ihm etwas Bösartiges und Falsches ausgeht.

Powell schmeichelt sich bei der Witwe seines Zellengenossen ein

Die Kinder sind Powell ausgeliefert, ihre Mutter kann ihnen kein Schutz geben. Wo in einem gewöhnlichen Genrefilm die Familie angesichts der Bedrohung vielleicht eher erstarken oder sich neu zusammenfinden würde, lässt Laughton die Familie mit der Ermordung der Mutter schon zu Anfang des Films völlig zerbrechen. Die Kinder fliehen mit der Beute vor Powell, zuerst in einem Boot über einen Fluss, anschließend treffen sie auf die alte Rachel Cooper (Lillian Gish), die eine Art Kinderheim unterhält und die Kinder gegen Powell schützt.

Das Böse ist menschlich

Powell repräsentiert etwas animalisch Bösartiges, auf den ersten Blick zwar entmenschlicht, aber eigentlich doch sehr menschlich. Laughton scheint ihn als Repräsentation für das von Natur aus bösartige Wesen des Menschen zu begreifen. Indem er eine solche Figur als Priester auftreten lässt, als Demagogen, der die Menschen mit seinem Charisma mit Leichtigkeit verführen kann, impliziert Laughton damit natürlich auch eine allgemeine Anfälligkeit der Menschen für das Böse.
Die Kinder John und Pearl stehen im Mittelpunkt des Films, es ist eine Art „Anti-E.T.“. Wo in Spielbergs „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) das Alien in friedlicher Absicht auf die Erde kommt, den Kindern durch die ungewöhnliche Freundschaft Kraft verleiht und am Ende die Einheit der Familie festigt, ist Powell ein Fremdkörper, der in die Familie eindringt und sie zerstört.

Laughton inszeniert den Film noir teilweise sehr expressionistisch. Insbesondere die Bootsfahrt, unmittelbar nachdem John und Pearl Powell entkommen sind, ist wie eine Art Musical-Sequenz inmitten albtraumhaft-ausdrucksvoller Kulissen. Der expressionistische Stil der deutschen Stummfilme wird gebrochen durch den Gesang der Kinder. Das wirkt ein wenig, als würden die Kinder mit ihrem Gesang, mit dem Mittel des Tons einen Ausweg aus einer Welt suchen, die für sie zum Albtraum geworden ist. Die Bootsfahrt der Kinder durch das Schauerreich der nächtlichen Natur ist großartig: Die Bilder erzählen von Angst und Tod, während die Musik von besseren, schöneren Zeiten träumt.

Die alte Rachel riecht die üble Gesinnung des Predigers gegen den Wind …

„Die Nacht des Jägers“ wurde bei seiner Veröffentlichung eher negativ aufgenommen, seine Bedeutung und sein Ruf als Meisterwerk kristallisierten sich erst über die Jahrzehnte heraus. Wie oft bei derartigen Entwicklungen neigt man dazu zu sagen, Laughtons Film sei seiner Zeit voraus gewesen, aber selbst zehn bis zwölf Jahre später, als die Ära des New Hollywoods beginnt, wäre er wohl kein Erfolg geworden, in den 80ern, 90ern, 2000ern oder heute vermutlich erst recht nicht. „Die Nacht des Jägers“ entzieht sich jeder Kategorisierung und erzählt unter anderem vom Schlechten, vom Schwachen, vom Verführbaren im Menschen, was ihn zu einem unangenehmen Film macht.

Robert Mitchum

Von seinen Anfängen im Jahr 1943 war Robert Mitchum mehr als 50 Jahre als Schauspieler tätig – zu Beginn noch in kleinen Nebenrollen, zum Teil ohne Nennung in den Credits. Im Lauf seiner Karriere arbeitete er unter anderem mit Regisseuren wie Jacques Tourneur, Don Siegel, Otto Preminger, Robert Aldrich, Vincente Minnelli, Tay Garnett, Fred Zinnenmann, John Houston, Howard Hawks, Sydney Pollack, Elia Kazan und Jim Jarmusch zusammen. Im Gegensatz zu vielen anderen Stars seiner Generation, Gary Cooper, Cary Grant, James Stewart und John Wayne seien beispielhaft genannt, sind viele von Mitchums Rollen ambivalent, darunter gerade seine bemerkenswertesten Rollen: der Privatdetektiv in „Goldenes Gift“ (1947), der an sich selbst und an seiner Vergangenheit scheitert, der Sheriff in „El Dorado“ (1967), den Mitchum wesentlich kantiger spielt als Dean Martin in „Rio Bravo“ (1959), Max Cady als Verbrecher in „Ein Köder für die Bestie“ (1962) und natürlich auch die Rolle als teuflischer Prediger in „Die Nacht des Jägers“. Es entsteht der Eindruck, als wolle Mitchum mit seinen Rollen immer wieder daran erinnern, dass das menschliche Wesen eine zutiefst fehlerbehaftete Beschaffenheit hat. Sein oft als „minimalistisch“ bezeichnetes Spiel wirkt wie eine Kapitulation vor dem Wesen seiner jeweiligen Figur, ein Abfinden mit dem ihr eigenen Dasein, auch wenn das zuweilen bitter ist. Für einen Oscar hat es nie gereicht, Mitchums einzige Nominierung stammt aus der Frühphase seiner Laufbahn: für seine Nebenrolle in William A. Wellmans Kriegsdrama „Schlachtgewitter am Monte Cassino“ („Story of G.I. Joe“, 1945). Robert Mitchum starb am 1. Juli 1997 im Alter von 79 Jahren.

In Deutschland gibt es „Die Nacht des Jägers“ mittlerweile auch auf Blu-ray – Koch Films hat damit 2013 die mittlerweile anscheinend eingestellte Reihe „Masterpieces of Cinema“ gestartet. Im englischsprachigen Ausland existieren ebenfalls vorbildliche Veröffentlichungen, unter anderen eine des englischen Labels Arrow Video und eine der Criterion Collection in den USA.

… und passt auf ihre Schützlinge auf

Die Filme der Reihe „Masterpieces of Cinema“:

01. Die Nacht des Jägers (The Night of the Hunter, 1955)
02. Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, 1962)
03. Der große Treck (The Big Trail, 1930)
04. Das grüne Zimmer (La chambre verte, 1978)
05. Leben und Sterben des Colonel Blimp (The Life and Death of Colonel Blimp, 1943)
06. Rumble Fish (Rumble Fish, 1983)
07. Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, 1966)
08. Ostia (Ostia, 1970)
09. Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires, 1968)
10. Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil, 1958)
11. Duell in den Wolken (The Tarnished Angels, 1957)
12. Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990)
13. Die Glenn Miller Story (The Glenn Miller Story, 1954)
14. Wenn die Ketten brechen (Captaion Lightfoot, 1955)
15. Wie herrlich eine Frau zu sein (La fortuna di essere donna, 1956)
16. Blackout – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980)
17. Stromboli (Stromboli, terra di Dio, 1950)
18. Der Trost von Fremden (The Comfort of Strangers, 1990)
19. Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls, 1943)
20. Der Meister und Margarita (Il maestro e Margherita, 1972)
21. Die Stimme des Mondes (La voce della luna, 1990)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Robert Mitchum sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. März 2013 als Blu-ray, 24. Juni 2006 als DVD in der „SZ Cinemathek“, 17. Mai 2001 als DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Night of the Hunter
USA 1955
Regie: Charles Laughton
Drehbuch: James Agee, nach einem Roman von Davis Grubb
Besetzung: Robert Mitchum, Shelley Winters, Billy Chapin, Sally Jane Bruce, Lillian Gish, James Gleason, Evelyn Varden, Peter Graves, Don Beddoe, Gloria Castillo
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2013 Koch Films

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