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Die gnadenlose Hand des Gesetzes – Auge um Auge, Zahn um Zahn

07 Aug

La mano spietata della legge

Von Ansgar Skulme

Thriller // Der Mafioso Frank Esposito wird in einem Krankenhaus erschossen. Der Auftrag für seinen Tod kommt aus den eigenen Reihen. Eigens für diesen hinterhältigen Mord hat die Verbrecherorganisation den Killer Joe Gambino (Lincoln Tate) aus New York einfliegen lassen. Damit auch ja niemand redet, beweist Gambino zudem seine Fairness, indem er der Krankenschwester an Espositos Bett eine Kugel in den Rücken jagt. Das mag zwar ruchlos sein, aber sicher ist sicher. Dummerweise gibt es eine weitere Zeugin, die den Auftragsmörder bei seiner Anreise gesehen hat und sich an ihn erinnert. Die Polizei um den hartgesottenen Kommissar Gianni De Carmine (Philippe Leroy) versucht zu verhindern, dass das Morden weitergeht, doch im Auftrag von Nicolò Patrovita (Fausto Tozzi) räumt Vito Quattroni (Klaus Kinski) hinter Gambino auf brutalste Weise mit allen Verfänglichkeiten auf. Es wird in alle Richtungen getötet: Nicht nur Zeugen und Gesetzeshütern, sondern auch weiteren Mafiosi, die Gefahr laufen, zu viel zu reden, droht ein zeitnahes Ableben – bis zum letzten Mann und bis alle Spuren verwischt sind. Die Polizei hält mit harter, gnadenloser Hand dagegen, aber nicht nur bei der Mafia fürchtet man schwarze Schafe in den eigenen Reihen.

Angetrieben von der beatbetonten, unkonventionellen Musik aus der Feder von Stelvio Cipriani entwickelt sich „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ über die volle Distanz zu einem Werk ganz in der Tradition der Film noirs aus dem US-Kino der 40er und 50er, die mit einem Hardboiled Detective als Helden aufwarten und auf entsprechenden literarischen Vorlagen mit Helden wie dem Privatdetektiv Philip Marlowe oder ähnlich robust arbeitenden Polizisten basieren. Gewalt, Verrat, Entführung, Tod, ohne Halt vor Frauen – das volle Programm bis hin zum bösen Ende und alles noch viel übler und dezidierter gezeigt als damals in Hollywood. Die italienischen Polizeifilme der 70er zeichnen sich zwar des Öfteren durch kräftig Schläge verteilende Ermittler aus, „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ jedoch ist zweifelsohne eines der konsequentesten Exemplare. Wenn man Philippe Leroy in der Hauptrolle zusieht und sich den Film als 20 Jahre ältere Hollywood-Variante vorstellt, muss man unweigerlich an Sterling Hayden denken.

Der Film ist weit vom fast schon philosophischen Tiefgang des deutschen Alternativtitels „Kategorischer Imperativ gegen ein Verbrechen im Zorn“ entfernt, der offenbar dem ursprünglich geplanten Originaltitel entspricht. Stattdessen gibt es das, was das italienische Spannungskino der damaligen Zeit generell immer wieder auszeichnet und im Falle des Polizeifilms den klassischen Hardboiled-Noir aus Hollywood um einige Komponenten erweitert: Mord, Totschlag, Folter, Schlägereien, Vergewaltigung, Blut und nackte Haut, Vorspiele und Sex, aufrecht und buchstäblich kämpfende Polizisten sowie Gangster der allerskrupellosesten Sorte. In keiner anderen Epoche des Kinos wurde dem Motto „Sex & Crime“ mehr Ehre gemacht als damals im italienischen Genrekino. Nicht nur, aber auch im Polizeifilm; genauso im Italowestern oder im Giallo. An vollständig nackten Körpern und dezidiert ins Bild gerückten weiblichen Brüsten führt meist kein Weg vorbei – egal ob sie noch lebendig oder von Blut durchtränkt sind. Was den Teil der nackten Haut anbetrifft, gehört „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ sicherlich trotz allem noch zu den eher harmlosen Vertretern – auch wenn dies für Zuschauer in Unkenntnis anderer Genrebeiträge sicher schwer zu glauben ist –, aber hinsichtlich der Brutalität gehört das Werk durchaus zur deftigeren Sorte.

Wenig Geld, doch top besetzt

Dass „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ mit einem sehr niedrigen Budget auskommen musste, merkt man der hervorragenden Besetzung der Haupt- und Nebenrollen keineswegs an. Überliefert ist allerdings, dass der Regisseur Mario Gariazzo kurz vor Ende der Dreharbeiten und angesichts des bereits erschöpften Budgets spontan den Besitzer eines Waffenladens für die Rolle eines Attentäters engagierte und diese Szene in der gebotenen Eile sogar selbst filmte. Mit Sergio Fantoni in der Rolle des Chefs von Kommissar De Carmine sowie Fausto Tozzi als Mafia-Schwergewicht bietet der Film nichtsdestotrotz sogar zwei sehr prägnante italienische Schauspieler auf, die beide schon seit den 50er-Jahren zu Größen geworden, im italienischen Genrekino der 70er aber relativ selten zu sehen waren. Cyril Cusack macht eine gute Figur als stets besonnener Mafiajäger, der die Judikative im Kampf gegen das Verbrechen an der Seite der Polizei repräsentiert, und Guido Alberti als Professor Palmieri ist ein gutes Beispiel für die zahllosen Charakterdarsteller, deren Gesichter man in sehr vielen italienischen Filmen dieses Zeitfensters sehen kann und wiedererkennt, meist aber ohne ihre Namen zu wissen. Bei der bildschönen Silvia Monti wird gern einmal der Fehler gemacht, ihre Präsenz auf Äußerlichkeiten zu reduzieren, jedoch spielt sie als Ehefrau des Bullen, der sich den Kampf gegen die Mafia zur rabiaten Lebensaufgabe gemacht hat, eine für den Film und seine Hauptfigur psychologisch enorm wichtige Rolle. Sie ist der beruhigende Anker im Leben eines Cops, der aus allen, die nicht wollen, die Wahrheit nicht nur notfalls, sondern sofort heraus prügelt. Es ist beinahe die typische „Guter Cop, böser Cop“-Nummer – nur dass es hier keine Guten gibt, aber mit De Carmine immerhin einen aufrichtigen bösen Cop, mit einer starken Frau an seiner Seite.

Der deutsche und der italienische Kinski

Apropos böse: Zu den sicherlich interessantesten Schachzügen dieses Films zählt die Tatsache, Klaus Kinski als gnadenlosen Vollstrecker zu inszenieren, ohne dass dieser im Bild auch nur ein einziges Wort spricht. Die Stimme der Figur ist zwar am anderen Ende einer Telefonleitung zu hören, ansonsten allerdings bleibt Kinski komplett stumm und mordet einfallsreich. Der Film ikonisiert damit in gewisser Weise Kinskis schon mindestens seit Beginn der 60er-Jahre im deutschen Krimi-Kino gewachsenes Image, meist die fieseste unter allen Drecksäuen zu verkörpern. Der von Kinski auf der Leinwand ausgelebte Wahnsinn war im deutschen Kino in der Form damals gewissermaßen Neuland und wurde in Kinskis italienischen Filmen ab Mitte der 60er weiter auf die Spitze getrieben. Regelmäßige Konkurrenz aus dem eigenen Land bekam er mit derartig bösartigen, irrsinnigen, eiskalten und abgebrühten Rollen seinerzeit allenfalls von Horst Frank. In Italien allerdings kristallisierte sich mit Luciano Rossi schon bald ein auf ähnlich durchgedrehte Rollen spezialisierter Schauspieler heraus. Rossi durfte zwar weitaus öfter als Kinski auch relativ normale Typen verkörpern, beherrschte den Kinskischen Wahnwitz aber ziemlich gut und schlüpfte öfter einmal in Rollen, in denen man sich auch Kinski gut hätte vorstellen können. Dass Kinski und Rossi im selben Film zu sehen waren, kam leider nur recht selten vor, „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ immerhin ist einer dieser Filme; dass ihr Zusammentreffen dann auch den brutalsten Moment des Films darstellt, birgt eine gewisse Logik in sich. Achtung, Spoiler: Der Film ist ohnehin recht brutal, mit einem der aggressivsten „Helden“, die der Poliziottesco hervorgebracht hat, der Moment allerdings als Kinski mit dem Schweißbrenner auf Rossi losgeht, wirkt selbst im Kontext dieses Films überraschend krass. Genau so sieht es in aller Konsequenz dann eben aus, wenn der deutsche Kinski seinem italienischen Pendant eine Lektion erteilt, dass man Geiseln nicht vergewaltigen soll – ohne dass er es sich aber würde nehmen lassen, die Geisel kurz zuvor erst noch selbst zu richten, ehe er auch den Vergewaltiger richtet. Und wenn Klaus Kinski jemandem die Vergewaltigungen austreiben will, braucht man auch nicht lange zu raten, auf welche Stelle er mit dem Schweißbrenner zielt.

Das hat er nicht umsonst getan

Nicht zuletzt muss man ausdrücklich den talentierten Antonio Monselesan hervorheben, der von Haus aus Boxer war und hier als Partner von De Carmine seine größte Filmrolle spielte. Monselesan wirkte ab den späten 60er-Jahren in einer guten Handvoll Filme unter dem Pseudonym Tony Norton mit; Mitte der 70er beendete er dieses Abenteuer, war aber noch bis zu seinem Tod im Jahr 2015 für den Sport aktiv und betätigte sich bis ins hohe Alter unter anderem als Boxtrainer für junge Nachwuchstalente. Seine sicherlich bekannteste Rolle hatte er in dem legendären „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) mit Bud Spencer und Terence Hill; darin lehnte er sich in der Rolle des Wildcat Hendricks mit der Anschuldigung, beim Pokern sei falsch gespielt worden, recht weit aus dem Fenster und wurde von Terence Hill dafür mit diversen Backpfeifen anstelle des erwarteten Revolver-Duells vorgeführt – direkt vor dem Saloon-Tresen, während die Glocken im Hintergrund buchstäblich zwölf Uhr mittags läuten. Diese hervorragend choreografierte Szene, in der Monselesan immer wieder abwechselnd auf Hills Hand am Revolver, in sein Gesicht und in die Runde starrt, während Hill wiederholt nur antäuscht den Colt zu ziehen geschweige denn zu schießen und stattdessen ständig zuschlägt, hat längst Kultstatus erreicht. Schon in diesem Film bewies Monselesan sein umfangreiches, auch komödiantisches Talent, mit seinen entgeisterten Blicken in den Raum und auf die ringsum Sitzenden und Zusehenden, während Hill ihn öffentlich demontiert. Nur selten wurde das Klischee des auf eiskalt machenden Revolverhelden so gut wie in „Vier Fäuste für ein Halleluja“ von Antonio Monselesan persifliert. Unvergesslich der Moment, wie er Hill am Ende der Demontage dann noch einmal ins Gesicht starrt und ihm trotz allem mit „Das hast du nicht umsonst getan!“ ein weiteres Mal droht – und als Antwort „Doch, das kostet dich keinen Cent!“ erhält. Allerdings ist dieser geniale Dialog leider nur durch die weniger bekannte, aber bessere erste deutsche Synchronfassung in die deutschen Kinos transportiert worden.

Ein seltenes Vergnügen

Eine offizielle DVD-Veröffentlichung in guter Qualität gibt es von „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ zwar immerhin aus Italien, allerdings bisher weder aus Deutschland noch aus dem englischsprachigen Raum. Auf Blu-ray ist der Thriller bis heute weltweit noch nicht veröffentlicht worden. Das Label PolyGram hat ihn vor gut 30 Jahren aber zumindest als VHS in die deutschen Sammlerregale und Videotheken gebracht. Diese Kassette ist heute allerdings nur noch schwer zu bekommen. Die darauf enthaltene deutsche Synchronfassung wurde wahrscheinlich extra für diese Veröffentlichung erstellt oder zumindest vorher nicht veröffentlicht. In der BRD wurde der Film offenbar nicht im Kino gezeigt, allerdings besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass eine Synchronfassung aus der BRD und eine weitere aus der DDR existiert, sollte er dort gezeigt worden sein; der Film wäre dahingehend nicht der einzige aus dem italienischen Genrekino der 70er. Zumindest den Fall, dass von einem Film sowohl eine BRD- als auch eine DDR- bzw. DEFA-Synchronfassung existiert – seien diese nun im Kino, im Fernsehen oder, wenn auch ursprünglich manchmal anders geplant, nur auf Video veröffentlicht worden –, gibt es häufiger als man glauben mag; beginnend bereits im Kino der 50er-Jahre. Filme mit Synchronfassungen, die nur auf Video veröffentlicht worden sind, entstammen tendenziell aber eher späteren Jahrzehnten und zuweilen wurden Filme in Deutschland tatsächlich nur auf VHS, weder im Kino noch im Fernsehen, präsentiert. Die Kassetten enthalten in solchen Fällen entweder eine eigens für die Veröffentlichung erstellte Synchronfassung oder zum Teil Fassungen, die früher für eine anderweitig geplante Auswertung erstellt worden waren, zu der es dann aber nicht kam.

Schon allein der hervorragenden Besetzung, der interessanten Musik und einiger denkwürdiger Gewaltszenen wegen, aber auch aufgrund der besonderen Rolle für Klaus Kinski ist eine DVD- und Blu-ray-Auswertung von „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ in Deutschland absolut wünschenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Klaus Kinski sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (IT): 19. Mai 2004 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: La mano spietata della legge
Alternativtitel: Kategorischer Imperativ gegen ein Verbrechen im Zorn
Internationaler Titel: The Bloody Hands of the Law
US-Alternativtitel: Execution Squad
IT 1973
Regie: Mario Gariazzo
Drehbuch: Mario Gariazzo
Besetzung: Philippe Leroy, Antonio Monselesan, Silvia Monti, Klaus Kinski, Sergio Fantoni, Fausto Tozzi, Pia Giancaro, Cyril Cusack, Guido Alberti, Lincoln Tate
Verleih: Difnei Cinematografica

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Packshot: © 2004 Terminal Video Italia SRL

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