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Das Versteck – Mord im Mädcheninternat

09 Aug

La residencia

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // In dem Mädcheninternat im Südfrankreich des 19. Jahrhunderts führt Madame Fourneau (Lilli Palmer) ein strenges Regiment. Isolationsstrafen und Peitschen drohen aufsässigen Schülerinnen wie Catalina (Pauline Challoner). Die der Schulleiterin an Kaltherzigkeit in nichts nachstehende Irene (Mary Maude) dient ihr als willige Handlangerin und Zuträgerin.

Madame Fourneau unterdrückt ihre Schülerinnen

Die vaterlos aufgewachsene junge Teresa (Cristina Galbó) trifft im Internat ein. Als Neuling bemerkt sie trotz herzlicher Begrüßung durch die anderen Mädchen schnell die angespannte Atmosphäre. Die Schülerinnen scheinen permanent unter Beobachtung zu stehen – ob von Mitschülerinnen oder wem auch immer. Teresa freundet sich heimlich mit Luis (John Moulder-Brown) an, dem Sohn von Madame Fourneau. Die Schulleiterin hat ihren Zöglingen allerdings jeden Kontakt zu ihrem Sohn strikt untersagt …

In der Isolationskammer

Die Handlung setzt anfangs als Schuldrama mit strenger Leitung und gepeinigten Schülerinnen ein, doch die düstere Atmosphäre lässt von Beginn an schaudern. Dass sich in diesem Internat finstere Dinge ereignen, wird schnell deutlich.

Zur Züchtigung ist die Peitsche das Mittel der Wahl

Formal ist „Das Versteck“ überaus interessant inszeniert. Besonders eine Szene prägt sich nachdrücklich ein, in der eine Schülerin sich mit einem Kerl im Heu vergnügt, ihr Luststöhnen aber lediglich über Bilder der Klasse in der Nähstunde gelegt werden. Ist es wirklich nur Stöhnen aus Lust? Eine Nähnadel sticht in einen Finger, etwas Blut fließt – eine reizvolle Metapher. Zuvor gab es bereits einen kunstvoll in Zeitlupe und Nahaufnahme visualisierten Mord zu sehen, blutig mit Dolch, wie in einem Giallo. Später kommt es zwischen Teresa und Irene zu einer bedrückenden Konfrontation, untermalt von flirrendem Score – über weite Strecken funktioniert „Das Versteck“ allerdings ohne musikalische Untermalung. Ein weiterer Mord ist dann ebenso kunstvoll arrangiert, jedoch auf völlig andere Weise und überaus schockierend – so schockierend wie die finale Auflösung. Dazu könnte ich eine Referenz nennen, die aber gewiefte Rezensioninterpretierer womöglich als Spoiler auffassen würden, also lasst euch überraschen! Es lohnt sich.

Die Mädchen sind neugierig auf Neuzugang Teresa

Regisseur Narciso Ibáñez Serrador hat als Autor und Regisseur in erster Linie fürs spanische Fernsehen gearbeitet, weshalb er in Deutschland nicht allzu bekannt ist. „Das Versteck“ markierte 1970 seinen ersten Kinofilm, dem lediglich ein weiterer folgte, der es aber ebenfalls in sich hatte: „Ein Kind zu töten …“ („¿Quién puede matar a un niño?“, 1976) ist ein beklemmender Sommerurlaubs-Albtraum, der seinerzeit fürs deutsche Kino mit dem albernen Titel „Tödliche Befehle aus dem All“ und einer synchron dazu passenden Auflösung verhunzt wurde.

Bald bekommt es die neue Schülerin auch mit Irene zu tun

Lilli Palmer („Mädchen in Uniform“) konnte zum Zeitpunkt der Entstehung von „Das Versteck“ bereits auf eine erfolgreiche Karriere mit Engagements in Hollywood, am Broadway und in diversen europäischen Ländern zurückblicken. Die eiskalte Internatsleiterin spielt sie mit Bravour, auch die jungen Schauspielerinnen verkörpern ihre Parts glaubwürdig – mal albern, aufrüherisch, verängstigt oder gemein.

Die Internatsleiterin schirmt ihren Sohn Luis von den Mädchen ab

Das kleine Label Colosseo Film gibt sich mit seinen Veröffentlichungen sichtlich Mühe. Die Blu-ray kommt mit schön gestaltetem Wendecover und im ansprechenden Schuber daher. Die beiden reizvollen Motive unterscheiden sich in der Stimmung, wobei das Motiv des Frontcovers dem Film etwas gerechter wird als das auf dem Schuber, das einen Exploitation-Film andeutet, der „Das Versteck“ keineswegs ist. Wir haben es hier mit Hochspannungskino zu tun.

Doch Teresa dringt zu ihm vor

Die Tonspur ist klar und dynamisch, das Bild wirkt gekonnt für HD abgetatstet, ohne es an Körnigkeit vermissen zu lassen. Das farbige Booklet bietet auf acht Seiten einen kenntnisreichen und sauber geschriebenen Essay von Thomas Hübner über den Film – zu lesen vorzugsweise nach der Sichtung. Angesichts solcher Perlen wie „Das Versteck“ ist zu wünschen, dass Colosseo Film in puncto Öffentlichkeitsarbeit das zurückhaltende Agieren aufgibt, damit Blu-rays und DVDs wie diese unter Filmguckern die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen.

Angst breitet sich aus

Veröffentlichung: 30. Juni 2017 als Blu-ray und DVD, 13. November 2015 als DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: La residencia
Internationaler Titel: The House that Screamed
Alternativtitel: The Boarding School
SP 1970
Regie: Narciso Ibáñez Serrador
Drehbuch: Narciso Ibáñez Serrador
Besetzung: Lilli Palmer, Cristina Galbó, John Moulder-Brown, Mary Maude, Maribel Martín, Tomás Blanco, Cándida Losada, Pauline Challoner, Víctor Israel, Teresa Hurtado
Zusatzmaterial: Vorspann-Varianten, Interviews mit John Moulder-Brown und Mary Maude, Kinotrailer, Galerie seltener Artworks, Booklet, Schuber, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Colosseo Film

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