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Archiv für den Monat August 2017

A Cure for Wellness – Von wegen gute Besserung

A Cure for Wellness

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Mit den ersten drei „Pirates of the Caribbean“-Teilen belebte Gore Verbinski das Genre des klassischen Piraten-Abenteuers neu und knackte zahlreiche Kassenrekorde. Für den wunderbaren Animationsfilm „Rango“ gewann er den Oscar. Nach dem Boxoffice-Flop von „Lone Ranger“ verabschiedete sich der Regisseur vorerst vom Blockbuster-Kino und backt nun wieder kleinere Brötchen. Für den Horrorthriller „A Cure for Wellness“ tat er sich erneut mit „Lone Ranger“-Autor Justin Haythe zusammen. Unterstützung erhielt Verbinski dabei von der deutschen Filmförderung, die knapp neun Millionen Euro zu der 40-Millionen-Dollar-Produktion beisteuerte. Vielleicht hatten einige inhaltliche Parallelen zu Thomas Manns Literaturklassiker „Der Zauberberg“ die Investoren dazu bewogen.

Wasser ist Leben

Lockhart (Dane DeHaan) erhält einen ungewöhnlichen Auftrag: Der aufstrebende Manager eines großen US-Finanz-Unternehmens soll in die Schweiz reisen, um dort das Vorstandsmitglied Pembroke (Harry Groener) aus einem exklusiven Wellness- und Spa-Resort zu holen, wo sich dieser erholt. Schon bei seiner Ankunft in dem abgelegenen Alpen-Sanatorium wird Lockhart bei seinem Versuch, mit Pembroke zu sprechen, vom Personal freundlich, aber bestimmt abgewiesen. Entnervt verlässt er die Klinik und gerät auf der Rückfahrt in einen Autounfall.

Nach einer langen Reise erreicht Lockhart das abgelegene Wellness-Resort …

Drei Tage später erwacht Lockhart mit einem Gipsbein in einem Krankenbett des Sanatoriums. Auf seinen Streifzügen durch die endlos wirkenden Gänge der Anlage begegnet er der jungen Hannah (Mia Goth), welche seit ihrer Kindheit in dem Resort lebt, und vielen merkwürdigen Patienten, die sich der speziellen Wassertherapie von Klinikleiter Dr. Volmer (Jason Isaacs) unterziehen. Tatsächlich trifft er auch auf Pembroke, der allerdings kurze Zeit später spurlos verschwunden ist. Während sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, versucht Lockhart das Geheimnis der Klinik zu ergründen.

Aus Deutschland wird die Schweiz

Zwar spielt „A Cure for Wellness“ in der Schweiz, doch auch aufgrund der Finanzierung fanden die Dreharbeiten in Deutschland statt. Neben den opulenten Sets, die im Studio Babelsberg errichtet wurden, drehte Verbinski unter anderem in Sachsen-Anhalt, Berlin, Hamburg und Baden-Württemberg. Für die Innen- und Außenaufnahmen des Sanatoriums dienten die Burg Hohenzollern in Hechingen, die Beelitz-Heilstätten in Brandenburg und die Schwimmhalle des Johannisbades in Zwickau als beeindruckende Kulissen. Auch die hervorragende Ausstattung mit den großen Wassertanks und metallenen Schwitzkästen, in denen die Patienten therapiert werden, trägt maßgeblich dazu bei, dass „A Cure for Wellness“ klassisch zeitlos wirkt und einfach großartig anzusehen ist.

… in den Schweizer Alpen

Durch das Setting schickt Verbinski seinen Hauptdarsteller Dane DeHaan zunächst auf einen ähnlichen Psychotrip, wie ihn auch Leonardo DiCaprio in „Shutter Island“ (2010) durchleiden musste. Dabei macht DeHaan als unsympathischer, zunehmend die Kontrolle verlierender Workaholic einen wesentlich besseren Eindruck als zuletzt in „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“, wo er als strahlender Comicheld etwas fehlbesetzt wirkte. Das Mystery-Puzzle entfaltet sich mit subtiler Spannung, der Regisseur spielt geschickt mit menschlichen Urängsten, und wenn Newcomerin Mia Goth als Hannah in einem vermeintlichen Traum in einer Wanne voll mit Aalen badet, ruft dies die visuell aufregenden Schreckensvisionen aus Verbinskis Horrorhit „The Ring“ (2002) in beste Erinnerung.

Dr. Volmer setzt auf eine spezielle Wassertherapie

Trotz der schwelgerischen Bilder stellt Verbinskis Schauermär allerdings die Geduld seiner Zuschauer auf eine überaus harte Probe. Die Geschichte über das rätselhafte Sanatorium, die einer Gothic-Horror-Novelle entsprungen sein könnte, hätte man effizienter, in wesentlich weniger als 140 Minuten erzählen können. Ein paar Nebenstränge, wie etwa der Selbstmord von Lockharts Vater, an dem er seit seiner Kindheit zu knabbern hat, hätten besser gestrichen werden sollen. Mit dem Problem der Überlänge hatte Verbinski bereits in Teil zwei und drei von „Pirates of the Caribbean“ zu kämpfen, die einfach kein Ende nehmen wollten.

Lockhart geht dem Geheimnis des Sanatoriums auf den Grund

So bleibt „A Cure for Wellness“ ein im wahrsten Sinne des Wortes sehenswerter Genre-Beitrag mit erzählerischen Schwächen, dem allerdings kein großer Erfolg an den Kinokassen beschieden war. Weltweit spielte der Horrorthriller gerade mal 26 Millionen US-Dollar ein. Ein Ergebnis, welches weder Verbinski noch den deutschen Investoren gefallen haben dürfte, aber nichts über die Qualität des Films aussagt.

Ein Traum? Hannah aalt sich in der Badewanne

Veröffentlichung: 10. August 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 146 Min. (Blu-ray), 141 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: A Cure for Wellness
USA/D 2016
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Justin Haythe, Gore Verbinski
Besetzung: Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Ivo Nandi, Celia Imrie, Harry Groener, Adrian Schiller, Carl Lumbly
Zusatzmaterial: entfallene Szene, Meditationen, Die Filmmusik, Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Pulverfass und Diamanten – Entzückend, Baby!

Le gentleman de Cocody

Von Ansgar Skulme

Abenteuerkomödie // Ein Mordfall an der Elfenbeinküste gibt der Polizei Rätsel auf. Ein scheinbar harmloser älterer Herr, der offenbar nur nach seltenen Schmetterlingen suchte, wird tot am Strand angespült. Die Spur führt ins edle Cocody – bekannt als Wohnort der Schönen und Reichen. Dort lebt auch der französische Botschafter und Gentleman Jean-Luc Hervé de la Tommeraye (Jean Marais), dessen Familie bereits seit Generationen alle Ehren auskostet, die den gehobenen französischen Staatsdienern zuteilwerden. Tommeraye ist Fachmann für Diplomatie, schnelle Autos, Cocktails und schöne Frauen – ein Botschafter, der ein Leben wie ein Geheimagent führt und auch vor reichlich Action keine Furcht hat. Er heftet sich an die Fersen einer anderen Schmetterlingsjägerin mit dem schicken Rufnamen Baby (Liselotte Pulver), um der Wahrheit näher zu kommen. Schon bald jedoch zeigt sich, dass nicht jeder im Spiel der ist, der er vorgibt zu sein, und dass es um weitaus mehr als nur Schmetterlinge geht.

Tommeraye macht immer weiter – auch wenn er lange nichts versteht

Der Film legt ein ansehnliches Tempo an den Tag, ist ebenso rasant wie frivol und aufgedreht. Man unternimmt in diesen 81 Minuten nicht nur einen Trip an die malerische Elfenbeinküste, sondern fühlt sich auch ein wenig, als sei man auf einem bewusstseinserweiternden Trip. Was stellenweise so wirkt als seien die Darsteller, der Cutter oder der Regisseur ab und an auf dem einen oder anderen Kraut unterwegs gewesen, ist handwerklich aber ein durchaus visionäres Stück Kino. Christian-Jaque lässt dem Zuschauer nicht nur durch beschleunigt abgespielte Sequenzen, sondern auch eine hohe Schnittfrequenz und reichlich Bewegung im Bild sowie der Kamera so gut wie keine Atempausen.

Wenig Handlung, viel Verwirrung, kurze Laufzeit, großer Spaß

Obwohl die Handlung des Films sicher mehr Potenzial für szenische Einfälle gehabt hätte, läuft man aufgrund der unüberschaubaren Konstellation mit etlichen unter falschen Vorzeichen agierenden Figuren und der gleichzeitig fast schon chaotischen Erzählweise mehrfach Gefahr, den Faden zu verlieren. Trotz allem ist das Werk aber auch dann noch unterhaltsam, wenn man sich einfach nur von der Bilderflut berieseln lässt. Schon recht früh zeigt Christian-Jaque, worauf er hinauswill: in der Szene, als die Polizei zum Fundort der Leiche fährt. Eine Vielzahl an Schnitten begleitet die bloße Anfahrt der Ermittler – es passiert überhaupt nichts, außer dass die Fahrzeuge sich von A nach B bewegen, aber dies wird ausführlich und aus diversen, teils recht experimentellen Blickwinkeln gezeigt. Diese Szene, wie sie gelöst ist, charakterisiert den Film als gesamten recht gut. Es geht weitaus mehr um die Attraktion, den jeweiligen Moment, um Schauwerte und visuelle Sinnesreize als um die Gesamtheit der Geschichte. Hektische Schauplatzwechsel, manchmal sogar ein wiederholtes Hin und Her binnen Sekunden, erfordern immer wieder eine gewisse Aufmerksamkeit und Konzentration, um nicht den Überblick zu verlieren oder einem Schwindelanfall zu unterliegen. Das ist meist durchaus cool und modern, wirkt manchmal aber auch etwas hibbelig. Speziell das beschleunigte Abspielen von Filmmaterial wirkt aus heutiger Sicht veraltet und handwerklich unschön – insbesondere wenn Menschen in Bewegung mit übersteuerter Geschwindigkeit zu sehen sind. Der Film ist dahingehend phasenweise anstrengender als so mancher Slapstick-Streifen aus der Frühphase des Stummfilms.

Nein! Doch! Oh!

Dank des hervorragend aufgelegten Darsteller-Ensembles, dem man den Spaß bei der Sache durchweg anmerkt, bleibt aber unter dem Strich der Eindruck eines unterhaltsamen Kino-Erlebnisses mit der richtigen Laufzeit von nur 81 Minuten. Es gibt nur wenige Längen und Hänger, manchmal hätte es etwas einfallsreicher sein dürfen als beispielsweise die beiden Stars eine halbe Ewigkeit an einem Seil hängend durch die Gegend zu fliegen – wenngleich es wiederum sehr lustig ist, als die von ihrem Liebhaber geschasste italienische Furie dann urplötzlich in voller Fahrt mit dem Auto unter den beiden auftaucht und sie verfolgt. Das Zusammenspiel von Liselotte Pulver und Jean Marais ist von Anfang an klasse und wirkt, als hätten die beiden vorher schon ein Dutzend Filme gemeinsam gedreht. Maria Grazia Buccella ist in ihrer selbstironischen Rolle als eifersüchtige, rassige Italienerin ebenso amüsant wie ein echter Hingucker und Philippe Clay mit seinem kernigen Gesicht die perfekte Gangsterkarikatur. Auch Jacques Morel und Robert Dalban möchte man als Charakterköpfe nicht missen – als Akteure mit prägnanten Gesichtern und auch hinsichtlich ihrer Schauspielstile ganz unterschiedlichen Ansatzes scheinen beide auf ihre Weise geradezu urtypisch für das damalige französische Kino zu stehen. Generell wird in „Pulverfass und Diamanten“ reichlich grimassiert und betont überzeichnet gespielt. Da bekommt das Wort „Gesichtsfasching“ eine ganz neue Dimension und man merkt schnell, dass dies damals eine allgemeine Tendenz der französischen Komödie war und nicht nur ein Stilmittel von Louis de Funès gewesen ist; absurd auf die Spitze getrieben in einer Szene, als sich die im Auto fahrende Baby und der auf einem Boot stehende Tommeraye mittels wilder Gesten und Grimassen über eine weite Distanz Zeichen geben.

Actionreich ist das Botschafter-Leben

Ganz beiläufig bietet sich zudem ein für das damalige europäische wie aber auch amerikanische Kino recht ungewöhnliches, jedoch sehr sympathisches Bild: Es werden tatsächlich sämtliche Polizisten des Films, passend zum Handlungsort, von dunkelhäutigen Schauspielern verkörpert – ohne dass ihnen ein europäischer oder Hollywood-Star vor die Nase gesetzt worden wäre, der sie „zufällig“ bei ihren Ermittlungen unterstützt bzw. anleitet. Zwar haben sie nicht viele Szenen, sie ermitteln aber nicht gemeinsam mit Jean Marais, sondern eigenständig. Aus heutiger Sicht mag das banal klingen, aber ich erinnere mich an kaum einen europäischen oder amerikanischen Film aus dieser Zeit, der in Afrika spielt und dies in vergleichbarer Weise so selbstverständlich zeigt. Besonders die Szene unmittelbar vor dem ersten Auftritt von Jean Marais ist auf ihre Art sehr stylisch: Ein Polizeirevier, auf dem nur afrikanische Menschen zu sehen sind, die sich beraten, diskutieren, eine Landkarte begutachten, das obligatorische Wasser aus dem Wasserspender ziehen – cool, souverän und als völlige Normalität gespielt, alles wie in populären Cop-Filmen aus Hollywood, mit nur eben jenem kleinen aber feinen Unterschied. Zu Zeiten als die Diskussion um die Ungleichbehandlung der Ethnien speziell in den USA gerade ihrem Höhepunkt entgegenrauschte, ist es den Drehbuchautoren und dem Regisseur hoch anzurechnen, dass man in dieser Hinsicht keine unnötigen Abstriche machte.

Weshalb erst ab 16 freigegeben?

Beginnend beim Vorspann mit vielen Farben, peppiger Musik und rhythmisch wechselnden visuellen Eindrücken prescht dieser Film schnurstracks mit diversen inhaltlichen wie auch stilistischen Kniffen und Wendungen dem Ziel entgegen. Erwähnt werden muss auch der hörenswerte, von Nancy Holloway in einer Szene in einer Bar vorgetragene Song über den bereits im Originaltitel angepriesenen Gentleman aus Cocody, als dessen Pendant im Film sich schließlich Jean Marais herausstellt. Aber auch schon allein der Elfenbeinküste als damals eher selten genutztem Schauplatz und Drehort wegen, die erst wenige Jahre zuvor ihre Unabhängigkeit von Frankreich erlangt hatte, ist „Pulverfass und Diamanten“ absolut sehenswert.

Baby führt etwas im Schilde

Fragwürdig ist, wie es dieses spaßige, abgedrehte Spektakel – das selbst bei einer Autoexplosion alle Opfer von Kopf bis Fuß mit Ruß und Dreck beschmiert überleben lässt – geschafft hat, eine Freigabe ab 16 Jahren zu erhalten. Bei heutiger Prüfung sollte der Film vom Regelfall ausgehend eigentlich sogar ab 6 Jahren durchgehen, jedoch normalerweise – vielleicht einiger Ballerszenen wegen – ja wohl bitte maximal ab 12. Die DVD von Pidax wartet, wie üblich, mit einem Nachdruck des Programmhefts „Illustrierte Film-Bühne“ auf. Es enthält außer einer ausführlichen, nett und beschwingt geschriebenen Inhaltsangabe auch einen zeitgenössischen Artikel über Jean Marais.

Im Mittelteil des Films gibt es eine etwas sonderbare Sequenz, in der sich ein Affe mehrmals im Bild nach vorn und wieder zurück bewegt, indem das Bild erst vorwärts und dann kurz wieder rückwärts usw. läuft, ehe der Schimpanse schließlich dann doch noch den Bildrand erreicht. Dies wirkt wie ein Bildhänger und oberflächlich ein Problem der DVD, könnte aber auch der handwerklich schlecht gelöste Versuch sein, humoristisch zu verbildlichen, dass der Affe vorher mehrere Schnäpse ausprobiert hat. Farblich ist das Ausgangsmaterial in einem sehr guten Zustand und der Ton gut erhalten – löblich auch, dass man alternativ die Originalfassung anwählen kann. Untertitel wären ein netter Luxus gewesen, da des Französischen sicher doch weniger Zuschauer mächtig sind als des Englischen – dass man hierfür kein Geld ausgeben konnte, ist allerdings verständlich.

Hochzeit auf Afrikanisch mit spontanem Ehrengast

Veröffentlichung: 25. August 2017 als DVD

Länge: 81 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Le gentleman de Cocody
F/IT 1965
Regie: Christian-Jaque
Drehbuch: Claude Rank, Jean Ferry, Jacques Emmanuel & Christian-Jaque
Besetzung: Jean Marais, Liselotte Pulver, Philippe Clay, Nancy Holloway, Maria Grazia Buccella, Jacques Morel, Robert Dalban, Joseph Diomandé, Ibrahim Kouyaté, Georges Sellers
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. S 7175
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme

Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

 

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Auf verlorenem Posten – Unbestechlich, unbeugsam, unbequem

La polizia è al servizio del cittadino?

Von Ansgar Skulme

Thriller // Im Hafen von Genua treibt eine Verbrecherbande ihr Unwesen, die den einfachen Händlern nicht nur ihre gesalzenen Preise aufzwingt, zu denen diese die Waren beziehen müssen, sondern auch kontrolliert, zu welchen Preisen die Waren dann weiterverkauft werden. Widerstand ist zwar möglich, aber dafür muss man in Kauf nehmen, ermordet zu werden. Als die Bande ein besonders grausames und aufsehenerregendes Exempel an einem Querdenker statuiert, der für alle anderen Zweifler sichtbar hoch oben an einem Kran aufgehangen wird, verschärft Kommissar Nicola Sironi (Enrico Maria Salerno) seine Bestrebungen, den Profithaien das Handwerk zu legen. Unterstützt von seinem jungen Kollegen Marino (Giuseppe Pambieri) widersetzt er sich Vorschriften und dem üblichen Papierkram nach bestem Wissen und Gewissen, um wirklich etwas zu bewirken und zu verändern. Bei seinen Vorgesetzten stößt Sironis Einzelkämpfer-Gangart auf wenig Gegenliebe, doch als gestandener und ausgenommen gut gebildeter Polizist hält er sich allen Widerständen zum Trotz im Sattel. Er hat die Nase endgültig voll, will die Hintermänner entlarven und offenlegen, welche Kreise für Korruption, Einschüchterung, Erpressung und Mord im Hafenviertel sowie darüber hinaus verantwortlich sind und damit ganz Genua in der Hand haben. Die Verantwortlichen sollen endlich allesamt aus dem Verkehr gezogen werden. Nicht labern – machen!

Die Stärke dieses Films speist sich aus drei zentralen Faktoren: Zum einen toppt er hinsichtlich der kompromisslosen Gewaltdarstellungen sogar den kürzlich von mir besprochenen „Die gnadenlose Hand des Gesetzes“ (1973) beträchtlich. Umso schockierender allerdings erscheint dies aufgrund der noch anspruchsvolleren, letztlich auch politisch interessierten Handlung. Es geht nicht einfach nur um Mafia-Morde, in die ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden, sondern um das systematische Ausnutzen arbeitender Bürger durch wohlhabende, jedoch kriminelle Elemente aus der Oberschicht der Gesellschaft – in dem Fall sogar mittels organisierter, krimineller Strukturen, bezahlter Morde und perfide geplanter Erpressungen. Die Reichen schicken die Gewissenlosen, um den Arbeitern des Leben schwer zu machen. Moderne Unterdrückung im fortschrittlichen Europa – in einer ihrer leider geläufigsten Formen. Der Film hat dahingehend kaum an Aktualität eingebüßt, auch wenn er die Geschehnisse natürlich sehr drastisch auf die Spitze treibt. Als Spielfilm darf er das aber auch und verliert deswegen nicht automatisch den Anspruch, inhaltlich ernst genommen zu werden.

Effektives Anecken braucht Vorbilder

Nicht zuletzt ist der dritte und alles verbindende Faktor die Besetzung der Hauptrolle mit Enrico Maria Salerno, der es so gut wie kaum ein anderer in seinen Rollen als Kommissar im italienischen Poliziottesco der 70er beherrschte, nicht nur den konsequenten Einzelkämpfer, sondern gleichzeitig auch den höchst gebildeten, ja geradezu intellektuellen und zudem absolut stilsicheren Bullen auszustrahlen. Kein rabiater Schläger, aber trotzdem entwaffnend stringent und ohne jegliche Berührungsängste. Dies erhöht die Glaubwürdigkeit aller Filme, in denen er den Ermittler spielt. Wenn sogar einem solchen Figurentyp der Kragen platzt, unterstreicht das den Ernst der Lage. Salernos Bullen beherrschen das komplette Portfolio des Polizeiapparats, sind eloquent, aber auch zum knallharten Durchgreifen fähig. Der Schnurrbart mag akkurat und penibel geschnitten sein, aber dennoch scheut er sich keine Sekunde davor, knietief durch den Sumpf der Korruption zu waten, um die niedersten der Korrupten und die skrupellosesten der Käuflichen persönlich am Kragen zu packen.

Moralisch zwar absolut integer, für keinen Preis käuflich und stilvoll im Auftreten, ist Salernos Kommissar Sironi aber dennoch alles andere als der perfekte Vorzeige-Polizist, sondern hat private Probleme und wird nicht einmal von seinem eigenen Sohn akzeptiert, der ihm schwere Vorwürfe macht, ihm unterstellt, als Vater versagt zu haben. Es geht nicht darum, einen Super-Polizisten zu schaffen, der aufgrund seines hohen Bildungsniveaus, gepaart mit beispielloser Konsequenz, am Ende die Arbeit der gesamten Polizei im Alleingang macht und der Angsthasen-Bande in seiner Vorgesetzten-Etage damit ebenso ein Schnippchen schlägt wie den Verbrechern. Vielmehr geht es um einen Polizisten, der seinen Job ganz einfach aus vollstem Herzen auszufüllen versucht, damit er morgens noch in den Spiegel sehen kann. Während sein Chef und dessen Chef nirgends anecken wollen, sieht Sironi die Verpflichtung, die er gegenüber seinem Beruf und den Bürgern hat an erster Stelle, diskutiert gleichzeitig aber auch die Frage, inwieweit die Polizei wirklich im Dienste der Bürger stehen kann, darf, soll oder muss – dies thematisiert zudem auch der Originaltitel des Films. Schließlich bedeutet dieses Dienen der Polizei im Endeffekt auch eine Abhängigkeit, wenn reiche Bürger versuchen, sich die Polizei gefügig zu machen – es bekommt dann einen sehr unterwürfigen Beigeschmack.

Kommissar Salerno – Das Gefühl einer Trilogie

Leider gibt es insgesamt nur drei inhaltlich nah beieinander liegende Poliziotteschi mit Enrico Maria Salerno in der Hauptrolle als Kommissar. Diese kleine und nicht offizielle Trilogie wurde 1972 mit „Das Syndikat“ – in dem Jürgen Drews eine durchaus gelungene Nebenrolle spielte und auch Mario Adorf zu sehen ist – eröffnet und endete bereits im Folgejahr mit „Der unerbittliche Vollstrecker“. „Auf verlorenem Posten“ bildet gewissermaßen den Mittelteil der Trilogie. Alle drei Filme sind absolut zu empfehlen und als Einstieg in den Poliziottesco bestens geeignet. Salerno strahlt den Geist dieses Genres mit solch enormer Intensität aus, dass es fast unmöglich ist, davon nicht mitgerissen zu werden. Er war gewissermaßen für den italienischen Polizeifilm das, was Lino Ventura als Ermittler im französischen Polizeifilm darstellte. Poliziotteschi, und exemplarisch die Genrebeiträge mit Enrico Maria Salerno, sind voll von Gesellschaftskritik und einem unermüdlichen Bestreben, den Finger in die Wunden eines angeblich sozialen Staates zu legen, ohne dabei einen belehrenden oder zu stark vereinfachenden Charakter zu bekommen. Allerbestes, zeitloses, komplexes Polizeifilm-Kino – fotografiert in starken Bildern, von denen viele im Gedächtnis bleiben und mit einer Dynamik geschnitten, die auch heute noch funktioniert.

Mehr als nur „Zeuge einer Verschwörung“

Auch wenn im damaligen Italien sehr stark gegenläufige politische Strömungen grassierten und man schnell von Kommunisten auf der einen und Faschisten auf der anderen Seite sprach, wird die politische Stimmung, vor der die italienischen Polizeifilme der 70er mit all ihren Kapitalverbrechen und teils politisch motivierten Verbrechen spielen, in „Auf verlorenem Posten“ wie auch den meisten anderen Vertretern des Genres gekonnt und ohne propagandistische Tendenzen eingeflochten. Vor einem Kino des erhobenen Zeigefingers braucht man keine Angst zu haben. Vielmehr ist im Falle von „Auf verlorenem Posten“ von einem mutigen Kino zu sprechen, welches es gar nicht nötig hat oberflächliche Rechts-Links- oder Kapitalist-Sozialist-Diskussionen zu führen. Es geht vielmehr um das Vertreten der eigenen Überzeugungen und den Mut, sich auch im Angesicht unmenschlicher Verbrechen der eigenen Menschlichkeit bewusst zu bleiben, sich nicht verbiegen, erpressen oder kaufen zu lassen – oder, als Polizist, schlichtweg seinen Job mit voller, gebührender Ernsthaftigkeit auszufüllen. Die Gesellschaft wird folglich auch nicht von strahlenden Helden kritisiert, sondern von Figuren, die selbst genügend Fehler und eigene Probleme haben, geschützt – und manchmal sterben am Ende sogar noch diese aufrechten Beschützer. Ein Staat am Rande der Ohnmacht, dessen Gesicht in manchen der Filme zumindest für den Moment gerettet werden kann. Oft sind die Botschaften der Filme aber auch äußerst pessimistisch, und allumfassende Lösungsansätze werden hier schon gar nicht vorgegaukelt. Es wäre allerdings vermessen, den Poliziottesco gänzlich mit denjenigen US-Filmen der 70er in einen Topf zu werfen, die man in der Filmwissenschaft zuweilen als Paranoia-Kino definiert hat. Der Begriff der Paranoia suggeriert Übertreibungen, in einem die Glaubwürdigkeit der geschilderten Missstände gefährdenden Ausmaß; dass die geschilderten gesellschaftlichen Probleme in Poliziotteschi des Niveaus von „Auf verlorenem Posten“ unglaubwürdig seien, wird man allerdings nur schwerlich glaubhaft machen können. Filme als „übermotiviert“ abzustempeln ist immer einfach und leicht daher gesagt.

Ein weltweit seltener Thriller

Während „Das Syndikat“ schon vor einigen Jahren seinen Weg als Doppel-DVD auf den deutschen Markt gefunden hat, warten „Auf verlorenem Posten“ und „Der unerbittliche Vollstrecker“ bisher auf eine deutsche Veröffentlichung. „Auf verlorenem Posten“ scheint bisher sogar weltweit noch nicht offiziell auf DVD veröffentlicht worden zu sein; von einer Blu-ray dann selbstverständlich ganz zu schweigen. Für einige Kulturkreise mag der Film bis heute schlichtweg zu brutal sein. Ich habe bisher keinen anderen Film gesehen, in dem das Überfahren eines Menschen mit einem Auto als Hinrichtung so bitter, handwerklich gekonnt und niederschmetternd direkt ins Bild gesetzt wurde wie in „Auf verlorenem Posten“. Und das ist nur eine von etlichen brutalen Szenen, die regelrecht traurig machen. Speziell John Steiner bewegt sich in seiner Rolle als eiskalter Killer versiert auf dem schmalen Grat kurz vor dem Punkt, zu einer künstlich sadistischen Superschurken-Karikatur zu verkommen; er schafft es, die erschütternde Gewissenlosigkeit seiner Figur in einer Art zu vermitteln, dass man ihm selbst die schlimmsten der gezeigten Taten dann doch irgendwie noch real zutraut – mögen sie im ersten Augenblick noch so reißerisch erscheinen. Unter anderem deswegen gelingt es dem Film, von vornherein überzeugend einen extrem düsteren und aufrüttelnd direkten Ton anzuschlagen – und dieses Niveau wahrt er bis zum Ende. Weder visuell noch inhaltlich wird hier irgendein Blatt vor den Mund genommen, und Steiner gibt der käuflichen, gefühlskalten Skrupellosigkeit ein eindrückliches Gesicht. Alles Faktoren, die vielleicht dazu führten, dass man sich in einigen Ländern scheute oder scheut, das Werk gescheit und vor allem nachhaltig auszuwerten, auch wenn dies sicherlich nicht das Kernproblem hinsichtlich einer ausbleibenden Veröffentlichung ist.

In Italien existiert zwar eine DVD-Veröffentlichung eines Labels mit merkwürdigem Namen. Dafür, dass es sich um eine offizielle Auflage handelt, kann ich meine Hand allerdings nicht ins Feuer legen. Man bekommt sie heute nur noch zu horrenden Preisen. In Deutschland dauerte es bis Ende der 80er-Jahre ehe „Auf verlorenem Posten“ mit einer in der DDR entstandenen Synchronfassung zumindest überhaupt einmal gezeigt wurde – allerdings auf Sat.1 im westdeutschen Fernsehen. Ob die Version zuvor auch schon in der DDR gezeigt worden war, ist nicht genau zu klären. Der eloquente Gunter Schoß mit seiner äußerst sonoren und präzise eingesetzten Stimme erweist sich dabei als Idealbesetzung für Enrico Maria Salerno. Die Werte, die der Film vermittelt, werden dadurch umso besser transportiert. Schoß klingt nicht wie ein unerbittlicher Vollstrecker, und Salerno sieht nicht wie einer aus, aber beide können es spielen und die entschlossenen Ansagen, welche der Kommissar den Gangstern wie auch den zögernden Vorgesetzten auf seinem verlorenen Posten macht, geben der Figur enormes Gewicht als Mensch. Dem Vernehmen nach wurde „Auf verlorenem Posten“ in Deutschland auch nur dieses einzige Mal gezeigt und es wäre demnach einem wachen Sammler zu verdanken, der die einmalige Gelegenheit genutzt und den Film seinerzeit im TV aufgezeichnet hat, dass einige Fans des Genres heute noch Zugriff auf die deutsche Fassung haben. Demjenigen kann gar nicht genug Dank gesagt werden.

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: La polizia è al servizio del cittadino?
Alternativtitel: Der letzte Beweis
IT/F 1973
Regie: Romolo Guerrieri
Drehbuch: Massimo De Rita
Besetzung: Enrico Maria Salerno, Giuseppe Pambieri, Daniel Gélin, John Steiner, Venantino Venantini, Claudio Nicastro, Enzo Liberti, Alessandro Momo, Marie-Sophie Persson
Verleih: Capital Film & PECF

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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