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The Eyes of My Mother – Porträt eines einsamen Mädchens

07 Sep

The Eyes of My Mother

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Irgendwo im amerikanischen Nirgendwo lebt die kleine Francesca (Olivia Bond) mit ihrer Mutter (Diana Agostini) und ihrem Vater (Paul Nazak) auf einer Farm. Die Mutter stammt aus Portugal und war dort als Augenchirurgin tätig. Wie sie Francesca erklärt, übte sie während ihrer Ausbildung die Arbeit mit dem Skalpell nicht an menschlichen Leichen, sondern an toten Kühen. In der Küche demonstriert sie dem Mädchen ihre Fähigkeiten sogleich an einem abgetrennten Kuhschädel. Ihre Tochter schaut neugierig dabei zu und darf die herausgeschnittene Augenlinse der Kuh sogar in die Hand nehmen.

Lehrstunde am Kuhkopf

Die Unterrichtsstunde wird durch einen Fremden unterbrochen. Er bittet darum, die Toilette aufsuchen zu dürfen. Doch der Mann verfolgt andere Absichten. Er bringt die Mutter in der Badewanne um. Der Vater kehrt gerade noch rechtzeitig nach Hause zurück, bevor auch Francesca etwas zustoßen kann. Er überwältigt den Fremden und sperrt ihn in der Scheune an. Da ihr Vater über die folgenden Jahre hinweg an der Trauer über den Verlust seiner Frau zunehmend zugrunde geht, kümmert sich Francesca (jetzt: Kika Magalhães) aufopferungsvoll um ihn. Gleichzeitig hält sie den angeketteten Fremden in der Scheune am Leben und übt an ihm, was ihre Mutter sie einst mit dem Skalpell gelehrt hat.

Nächtliche Beerdigung im Wald

Schon zu Beginn seines Langfilmdebüts spricht der junge US-Regisseur Nicolas Pesce ein zentrales Thema seines Films an, welchen er in drei Kapitel eingeteilt hat. „Einsamkeit kann seltsame Dinge mit dem Verstand anstellen“, sagt Francescas Mutter dem Mädchen und erzählt ihrer Tochter von Franz von Assisi, der lange allein lebte, bis ihm angeblich ein Engel erschien. Die Namensähnlichkeit zwischen dem Heiligen und der Tochter ist sicher kein Zufall. Doch anders als Franziskus ist die Einsamkeit von Francesca nicht freiwillig gewählt. Warum die kleine Familie in der Isolation lebt, erklärt Pesce nicht. Er zeigt aber, welche Auswirkungen ein solches Leben haben kann.

Von ihrem Vater erhält Francesca keine Wärme mehr

„Warum sollte ich dich umbringen? Du bist mein einziger Freund! Ich werde mich um dich kümmern“, sagt Francesca einmal zu dem Mann, der angekettet in der Scheune jämmerlich vor sich hinsiecht. Weil ihr Vater nur noch lethargisch vor sich hinstarrt und immer mehr abmagert, wird der Fremde die einzige Bezugsperson für Francesca – der Mörder ihrer Mutter. Es ist abzusehen, dass diese Beziehung nicht gerade eine Zukunft hat und später auch weitere Kontaktversuche zu anderen Personen zum Scheitern verurteilt sind. Die Taten, die die junge Frau begeht, sind grausam. Gewalt ist für sie allerdings nichts Besonderes, seit ihrer Kindheit war Francesca damit vertraut. Sie empfindet keine Abscheu davor. Diese ist vielmehr ihr Mittel der Kommunikation und der Ausdruck ihrer emotionalen Verwahrlosung nach dem traumatischen Ereignis.

Mitleid mit einer Mörderin

Regisseur Pesce ist es hoch anzurechnen, dass er die Gewaltausbrüche nicht explizit zeigt. Er deutet nur an, was passiert. Das reicht völlig aus. Viel gesprochen wird nicht. Einige Dialoge sind auf Portugiesisch mit Untertiteln gehalten. Hauptdarstellerin Kika Magalhães, die Pesce wärend eines Drehs zu einem Musikvideo kennenlernte, arbeitet hauptsächlich mit ihrer Mimik und Gestik. Dazu versprüht „The Eyes of My Mother“, der unter anderem auch auf dem Fantasy Filmfest 2016 gezeigt wurde, durch seine streng durchkomponierten Schwarz-Weiß-Bilder eine morbide Schönheit. So wirkt das verstörende Porträt des einsamen Mädchens, welches sich im Grunde nur nach Geborgenheit und einer Familie sehnt, umso eindringlicher. Pesce gelingt das Kunststück, dass man Mitleid mit einer Mörderin empfindet.

Blutige Spuren werden beseitigt

Veröffentlichung: 1. September 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 76 Min. (Blu-ray), 73 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Eyes of My Mother
USA 2016
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce
Besetzung: Kika Magalhães, Will Brill, Olivia Bond, Diana Agostini, Joey Curtis-Green, Flora Diaz, Paul Nazak, Clara Wong
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Nicolas Pesce, Interview mit Nicolas Pesce, Behind-the-Scenes-Galerie, Musikvideo Ives: „Out of Touch“, Trailer, Booklet mit Text von Thorsten Hanisch
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos: © 2016 Eyes of Mother, LLC. Filmplakat & Packshot: © 2017 Bildstörung

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