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Ambulance – Vorsicht vor den Männern in Weiß

18 Sep

The Ambulance

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Diese Geschichte erzählt davon, was einem netten Kerl passieren kann, wenn er wildfremde Frauen auf der Straße anspricht.

1990, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Larry Cohens „Ambulance“, gab es noch keine sozialen Netzwerke, in denen man der Traumfrau von nebenan nachspionieren und sich mit ihren Gewohnheiten und Vorlieben vertraut machen konnte, um mit ihr dann bestens vorbereitet ins Gespräch zu kommen. Man musste stattdessen seinen ganzen Mut zusammennehmen und hoffen, dass man mit dem richtigen Spruch bei der Dame gleich Eindruck schindet. Damals war viel Fingerspitzengefühl gefragt – sonst konnte man sich einiges an Ärger einhandeln, auf welchen das ironische Zitat zu Beginn des Films anspielt.

Objekt von Joshs Begierde: Traumfrau Cheryl

Bei dem netten Kerl handelt es sich um den Comic-Zeichner Josh (Eric Roberts), der in den Straßen von New York bei der wildfremden Cheryl (Janine Turner, „Cliffhanger“) um ein Date bittet. Cheryl zeigt sich nicht abgeneigt, kontert seine Anmache allerdings durchaus schlagfertig – bis ihr plötzlich schwindlig wird und sie auf dem Gehsteig zusammenbricht. Der herbeigerufene Krankenwagen ist blitzschnell vor Ort und nimmt sie mit. In all dem Chaos hatte Josh natürlich vergessen, nach Cheryls Nachnamen zu fragen. Bei der Suche nach seiner Angebeteten hat er kein Glück: Weder in dem Krankenhaus, in welches Cheryl hätte eingeliefert werden sollen, noch in den anderen Kliniken kennt man die Patientin. Da ihm auch die Polizei in Person von Detective Spencer (James Earl Jones) zunächst nicht helfen will, forscht Josh auf eigene Faust nach. Dabei kommt er einer Verschwörung auf die Schliche.

Endlich auf DVD und Blu-ray

Da hat Koch Films eine fast vergessene Thriller-Perle von B-Movie-Veteran Larry Cohen ausgegraben. Zuletzt hatte ich „Ambulance“ zu VHS-Zeiten gesehen; auf DVD ist er weder hierzulande noch in den USA oder Großbritannien jemals offiziell erschienen. Meine Erinnerung wurde bestätigt: Cohens drittletzter Film als Regisseur ist ein spannender und höchst unterhaltsamer Reißer, dem man dank seines augenzwinkernden Humors auch einige Unglaubwürdigkeiten gern verzeiht. Wie wahrscheinlich ist es zum Beispiel, dass Josh in der Metropole New York City mit einer Comic-Zeichnung von Cheryl in der Hand durch die Straßen zieht, und dann zufällig ihre WG-Partnerin vorbeiläuft und das Bild auch noch erkennt?

Cheryl bricht plötzlich zusammen – Joshs umwerfende Anmachsprüche sind dafür nicht verantwortlich

Egal, bei Cohen zählt das schnelle Vorantreiben der Handlung, und dabei hetzt er seinen Hauptdarsteller Eric Roberts gekonnt von einem schweißtreibenden Moment in den nächsten. Spannend und komisch zugleich ist etwa die Szene, in der Josh von einer Straßengang bedroht wird, gleichzeitig aber auch die „bösen“ Insassen des Krankenwagens heranrauschen. Nur aufgrund seiner rhetorischen Überzeugungskraft kann er die Gang davon überzeugen, dass sie auf die vermeintlichen Sanitäter losgehen, statt ihn zu verprügeln.

Unterstützt wird Roberts von einem herrlich griesgrämmigen James Earl Jones, Oscar-Preisträger Red Buttons („Sayonara“, 1957) als Journalist Elias Zacharai und Eric Braeden als abgründigen Bösewicht, der mit sarkastischen Zitaten wie „Verzeihen Sie mir, aber ich spüre so gern menschliche Haut durch Gummihandschuhe“ seine medizinischen Experimente mit seinen wehrlosen Patienten veranstalten darf. Einen aus heutiger Sicht überraschenden Auftritt hat zudem Comic-Legende Stan Lee, der als Joshs Chef in seiner ersten Kino-Gastrolle zu sehen ist.

Das Böse ist unter uns

Cohen mag zwar leider nicht mehr als Regisseur tätig sein, einen ebenso großen Namen hat er sich aber auch als Drehbuchautor gemacht. Viele Ideen und das Tempo aus „Ambulance“ sind auch in den erfolgreichen Thrillern „Nicht auflegen!“ (2002) und „Final Call – Wenn er auflegt, muss sie sterben“ (2004) zu erkennen, für die er die Bücher schrieb. Und wie schon in dem von William Lustig realisierten Skript zu „Maniac Cop“ (1988) dreht Cohen auch in „Ambulance“ die Verhältnisse um: Wie der mörderische Polizist Matt Cordell entpuppen sich auch die Sanitäter und Ärzte nicht als die Helfer, auf die die Bevölkerung in Notsituation blind vertrauen kann. Mit diesem sozialen Kommentar bettet Cohen wieder einmal das Böse geschickt in unsere Realität ein und sorgt so dafür, dass man ein wenig Unbehagen und ein gesundes Maß an Misstrauen und Paranoia nach der Sichtung des Films mitnimmt.

Josh (r.) versucht Detective Spencer zur Mithilfe zu bewegen

Die Veröffentlichung in dem schicken, Koch-typischen kleinen Mediabook-Format mit dem Original-Artwork würdigt dann auch das umfangreiche Schaffen von Larry Cohen. Während sich im lesenswerten Booklet-Text Christoph Huber mit dem legendären Regisseur auseinandersetzt, blickt der Filmemacher in der knapp 70-minütigen Interview-Dokumentation „Cohen on Cohen“ mit vielen Anekdoten selbst auf sein Werk zurück.

Vermeintliche Sanitäter auf der Jagd

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Mediabook (Blu-ray, DVD und Bonus-DVD)

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Ambulance
USA 1990
Regie: Larry Cohen
Drehbuch: Larry Cohen
Besetzung: Eric Roberts, James Earl Jones, Megan Gallagher, Red Buttons, Janine Turner, Eric Braeden, Richard Bright, Stan Lee
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Larry Cohen, Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Interview-Dokumentation „Cohen on Cohen“, Booklet-Text „In Teufels Küche“ von Christoph Huber
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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