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Moonlight – Oscar-gekröntes Außenseiter-Porträt

20 Sep

Moonlight

Von Andreas Eckenfels

Drama // Die 89. Verleihung der Academy Awards wird zweifellos unvergessen bleiben. Nicht, weil es eine außergewöhnlich spektakuläre Show mit Talkmaster Jimmy Kimmel als Moderator gewesen ist. Vielmehr sorgte das Finale für große Verwirrung: Bei der Verleihung des Oscars für den besten Film wurde den Laudatoren Warren Beatty und Faye Dunaway der falsche Umschlag in die Hand gedrückt. So verkündete das „Bonnie und Clyde“-Duo irrtümlich „La La Land“ als den Gewinner des Abends. Erst als Regisseur Damien Chazelle mit seinen Stars Emma Stone und Ryan Gosling sowie den Produzenten des Musicals die Bühne bereits feiernd betreten hatten, wurde der Fehler aufgedeckt. Nach den Oscars für den besten Nebendarsteller Mahershala Ali und für das beste adaptierte Drehbuch nahm die Filmcrew von „Moonlight“ auch die Auszeichnung für den besten Film des Jahres mit nach Hause. Mit Produktionskosten von gerade mal 1,5 Millionen US-Dollar ist das Drama damit der günstigste „Bester Film“-Oscar-Gewinner seit „Rocky“ (1976), der ein Budget von 1,1 Millionen US-Dollar hatte.

Chiron wächst in ärmlichen Verhältnissen in Miami auf

Der zweite Spielfilm von Regisseur Barry Jenkins basiert auf dem nie aufgeführten Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ von Tarell Alvin McCraney. Sowohl Jenkins als auch McCraney wuchsen in kaputten Familienverhältnissen nicht weit voneinander entfernt in einem Armenviertel Miamis auf. So ist es nicht verwunderlich, dass das Drehbuch zu „Moonlight“ stark autobiografische Züge in sich trägt. Dies macht die Geschichte um den heranwachsenden Chiron umso authentischer.

Ein Leben in drei Akten

Aufgrund der Drei-Akt-Struktur von „Moonlight“, in der wir Chirons Lebensweg als Kind, als Teenager und als Erwachsenen begleiten, entschied sich Jenkins dafür, sowohl die Hauptrolle als auch die Figur seines Freundes Kevin mit je drei verschiedenen Schauspielern passenden Alters zu besetzen. Naomie Harris („James Bond 007 – Spectre“) ist die einzige Darstellerin, die in allen drei Abschnitten zu sehen ist. Für ihre Leistung als Chirons alleinerziehender Mutter Paula erhielt sie eine Oscar-Nominierung.

Seine Mutter Paula kann die Finger nicht von den Drogen lassen

Paulas Drogensucht ist der Hauptgrund dafür, dass sie sich nicht um ihren Sohn Chiron (Alex R. Hibbert) kümmern kann. Der Junge, der von allen nur Little genannt wird, ist komplett auf sich allein gestellt. Als er wieder einmal vor den Schulhofschlägern flüchtet, findet ihn der gutmütige Drogendealer Juan (Mahershala Ali), der für den wortkargen Little eine Art Ersatzvater wird. Er und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe) geben ihm jederzeit eine Mahlzeit und ein Bett, falls Little nicht nach Hause gehen will oder darf. Juan bringt dem Jungen nicht nur das Schwimmen bei, sondern gibt ihm auch einige Lebensweisheiten mit auf dem Weg.

Drogendealer Juan bringt Chiron das Schwimmen bei

Einige Jahre später ist Chiron (Ashton Sanders) noch immer der Prügelknabe der Schule. Sein einziger Freund Kevin (Jharrel Jerome) ist es, der Chirons noch unterdrückte sexuelle Orientierung erkennt und mit ihm erste Intimitäten austauscht. Doch ihr gemeinsamer Weg ist nur von kurzer Dauer. Erst als Erwachsene werden Chiron (Trevante Rhodes) und Kevin (André Holland) einander wieder begegnen.

Kevin (l.) ist Chirons einziger Freund

„Moonlight“ erzählt die extrem emotionale und persönliche Geschichte mit kraftvollen Bildern voller poetischer Kraft. Dennoch steht das Leben des afroamerikanischen Chiron exemplarisch für das Schicksal unzähliger Jugendlicher, die in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen – egal, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie haben. Das macht Jenkins’ Meisterwerk universell verständlich. Dabei verkommt „Moonlight“ trotz des Themas nie zum heuchlerischen Sozialdrama, sondern wird auch aufgrund der künstlerischen Intention des Regisseurs zu einem schmerzhaft-schönen Außenseiter-Porträt.

Chiron passt sich auch äußerlich seinem Milieu an

Die Kamera von James Laxton kreist häufig um die Figuren, fängt die Umgebung ein und bleibt dann wieder auf ihren Gesichtern hängen. Bei diesen traumhaften Bildern fühlt man sich ein wenig an Terrence Malicks „The Tree of Life“ (2011) erinnert. Gleichzeitig baut Jenkins so eine Intimität auf, wodurch die Gestik und Mimik seiner hervorragenden Darsteller-Riege besonders zur Geltung kommt. Überhaupt werden Dialoge recht sparsam eingesetzt. Besonders Chiron bleibt meist in sich gekehrt, doch wenn er mal spricht, treffen seine Worte mitten ins Mark. Besonders im starken letzten Akt, wenn Chiron seine Opferrolle abgelegt hat und als muskulöser Drogendealer mit goldenen Grills im Mund auftritt, wird klar, dass er die Typänderung nur durchgeführt hat, um zu überleben. Im Inneren bleibt er der kleine, traurige Junge, der verzweifelt nach einer eigenen Identität sucht, die nicht durch sein Lebensumfeld geprägt ist.

Wird Hollywood endlich liberaler?

Es ist schade, dass „Moonlight“ aufgrund des Irrtums in der Oscar-Nacht nicht so gebührend gefeiert wurde, wie das Drama es verdient gehabt hätte. Denn die Entscheidung der Academy, Jenkins’ Film zum besten des Jahres zu küren, ist durchaus beachtlich und zeigt, dass offenbar endlich ein Umdenken im sonst so konservativen Hollywood stattgefunden hat. Denn „Moonlight“ ist nicht nur der erste Film mit einem rein schwarzen Darsteller-Ensemble, sondern auch der erste Film mit einer queeren Thematik, der den wichtigsten Preis der Branche gewonnen hat – und das völlig verdient. Welche Filme des Queer Cinema jenseits von „Brokeback Mountain“ könnt Ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Mahershala Ali sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 25. August 2017 als Blu-ray und DVD sowie 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & DVD, exklusiv bei einem großen Onlinehändler)

Länge: 111 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Französisch, Italienisch
Originaltitel: Moonlight
USA 2016
Regie: Barry Jenkins
Drehbuch: Barry Jenkins, nach der fürs Theater geschriebenen Vorlage „In Moonlight Black Boys Look Blue“ von Tarell Alvin McCraney
Besetzung: Ashton Sanders, Alex R. Hibbert, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Janelle Monáe, Mahershala Ali, Shariff Earp, Duan Sanderson, Jharrel Jerome, André Holland
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Barry Jenkins, Making-of, Deutschland-Premiere in Berlin, Trailershow, O-Card, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit exklusiven Texten und Fotos
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 A24 / DCM

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21 Antworten zu “Moonlight – Oscar-gekröntes Außenseiter-Porträt

  1. Sascha Nolte

    2017/10/08 at 09:39

    Taxi zum Klo wäre ein wichtiger deutscher Klassiker. Des weiteren natürlich die Filme Derek Jarmans, das Meiste aus dem Schaffen John Waters und als sehenswerte Doku sollte noch The Celluloid Closet erwähnt werden. Ich würde die Blu-ray bevorzugen.

     
  2. Ralf H.

    2017/10/02 at 22:16

    Aus meiner Sicht ist “I killed my Mother“ einer meiner Favoriten!

    Würde mich eher für die DVD interessieren.

     
  3. Ralf

    2017/10/02 at 11:24

    Um einen Film zu nennen, der noch nicht erwähnt wurde: Gregg Arakis „Mysterious Skin“ mit Joseph Gordon-Levitt und Brady Corbet hat mich sehr beeindruckt.

     
  4. Christoph Streuli

    2017/10/01 at 10:38

    The Kiss of the Spider Woman (Hector Babenco, BRA, 1985)
    Präferiere die DVD

     
  5. Lilly

    2017/09/30 at 18:18

    Alles über meine Mutter ist sehr zu empfehlen, überhaupt Filme von Pedro Almodovar.
    Lieber DVD..

     
  6. Moritz K.

    2017/09/29 at 22:11

    Laurence Anyways!

     
  7. Nathalie W.

    2017/09/29 at 21:48

    Hmm leider fällt mir spontan kein Film an.
    Ich besitze leider keinen Blu-Ray-Player.

     
  8. Luisa Neudert

    2017/09/29 at 21:25

    Closet Monster
    Akron
    Departure
    Die Mitte der Welt
    Freier Fall
    Handsome Devil
    Einfach das Ende der Welt

    Da gibt’s so viele wunderbare Filme ♡

     
  9. Tomasz Kordula

    2017/09/29 at 19:12

    Zeit, sich mit dem Thema zu befassen.
    Blu-Ray wäre nett ^^

     
  10. Michael Behr

    2017/09/29 at 18:08

    Auf mich hat „Below Her Mouth“ einen sehr guten Eindruck gemacht :).

     
  11. Nico

    2017/09/29 at 15:48

    North Sea Texas, Laurence anyways, I killed my mother, Milk, Raus aus Amal, Beautiful Thing, Before Night Falls, Romeos, Maurice…und viele mehr 🙂 Ich finde es gibt in diesem Bereich schon einige sehr gute Filme!

     
  12. Sven

    2017/09/29 at 15:35

    Mir gefällt da Lost and Delirious immer noch super

     
  13. TomHorn

    2017/09/29 at 15:19

    Rocky Horror Picture Show ist ein Dauerbrenner. Ich mag auch Chasing Amy von Kevin Smith sehr gerne, und Cronenbergs Naked Lunch nach Willam Burroughs nicht zu vergessen.

     
  14. Wulf Brandt

    2017/09/29 at 12:24

    American Beauty ist da im weitesten Sinne (und auf ganz vielen Ebenen) ganz weit vorne

     
  15. Darth Oedel

    2017/09/29 at 11:32

    Da fällt mir sofort „My Private Idaho“ ein.

     
  16. Filmschrott

    2017/09/29 at 09:40

    Kein Film, aber die wohl beste homosexuelle Beziehung überhaupt gibt es in der Serie „Shameless“ zwischen Ian Gallagher und Mickey Milkovich. Ohne Stereotype und Reißbrettzeichnung. Hervorragend. Wie die ganze Serie.

     
  17. Ingo Maaßen

    2017/09/29 at 08:54

    Ich fand „Siebzehn“ von André Téchiné sehenswert…

     
  18. Dirk Busch

    2017/09/29 at 07:58

    Auf Anhieb fällt mir da Pieles aus Spanien ein.In dem düster-komischen Drama versuchen entstellte Menschen einen Weg für sich zu finden & mit der Ausgrenzung klarzukommen.

     
  19. ingavk

    2017/09/29 at 07:47

    High Art ist noch immer einer meiner Favoriten, bestimmt schon 15 Jahre alt, aber fantastisch erzählt, gespielt und in Szene gesetzt. Leider wie so oft mit tragischem Ende. Und natürlich Priscilla, Queen of the Desert, mit eins der besten Roadmovies aller Zeiten!

     
  20. Jens Langer

    2017/09/29 at 07:36

    Blau ist eine warme Farbe kann ich noch empfehlen.

     
  21. Jens Englmaier

    2017/09/29 at 07:16

    The Danish Girl fand ich sehr gut.
    Top gespielt von Redmayne und Vikander. Die Story baut sich zudem sehr behutsam auf und endet dann im persönlichen disaster. Weltklasseleistung in meinen Augen.
    Blu-Ray Player vorhanden

     

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