RSS

James Stewart (III): Meuterei am Schlangenfluss – Ein Geläuterter und ein Gieriger auf gefährlicher Reise

27 Sep

Bend of the River

Von Dirk Ottelübbert

Western // Planwagen rollen nach Norden. Die Siedlergemeinschaft um den alten Jeremy Baile (Jay C. Flippen) und seine Töchter Laura (Julie Adams) und Marjie (Lori Nelson) hofft auf eine neue Heimat in den Bergen Oregons. Kundiger Treckführer ist der Trapper Glyn McLyntock (James Stewart).

Ganoven oder Ex-Ganoven?

Auf einem Erkundungsritt bewahrt er einen Mann vor einem Lynchmob, der den angeblichen Pferdedieb hängen will. Der Gerettete (Arthur Kennedy) bedankt sich. Als McLyntock sich vorstellt, merkt der Fremde auf: „Glyn McLyntock … aus Missouri?“ – „Ja, genau.“ Später nennt der Fremde seinen Namen, er heißt Emerson Cole. „Aus der Gegend von Kansas?“, fragt McLyntock mit taxierendem Blick. Die Männer haben voneinander gehört, teilen ganz offenkundig eine unrühmliche Vergangenheit als Banditen.

Der Neuankömmling erweist sich als tapfer: Nachts kreist ein Trupp Indianer das Lager ein, Laura wird von einem Pfeil verletzt. Glyn und Cole wehren die Angreifer ab, wobei Cole seinem Mitstreiter das Leben rettet – zum ersten, aber nicht zum letzten Mal.

Glyn McLyntock führt den Siedlertreck

Entgegen seinem Plan, nach Kalifornien zu gehen, reitet Cole erst einmal mit dem Treck und sucht dabei Glyns Nähe. Ob er denn tatsächlich Farmer werden wolle, fragt Cole, um ihn aus der Reserve zu locken. Und: „Vor wem laufen Sie eigentlich weg?“ – „Vor einem Mann namens Glyn McLyntock.“ – „Na, und was passiert, wenn er Sie erwischt?“ – „Ich glaube nicht, dass er mich jemals erwischen wird. Ich habe ihn an der Grenze von Missouri beerdigt.“

Auftritt Rock Hudson

Nächste Reisestation auf dem Weg ist die Flussstadt Portland. Baile kauft beim Geschäftsmann Hendricks (Howard Petrie) lebensnotwendige Vorräte für den Winter – Lebensmittel, Kleidung, Saatgut, Vieh. Während die Siedler das Getümmel des aufblühenden Ortes genießen, scharwenzelt der junge Spieler Trey Wilson (Rock Hudson) um Marjie herum. Coles und McLyntocks Wege trennen sich hier vorerst: Erstgenannter bleibt in Portland und bei der in ihn verliebten, noch erholungsbedürftigen Laura, Glyn schifft sich mit Siedlern und Planwagen auf der „River Queen“ ein. Der Dampfer des alten Captain Mello (Chubby Johnson) bringt sie zum Oberlauf des Columbia-Flusses, bis in die Nähe des Siedlungsgebiets am Mount Hood. Die Vorräte sollen mit dem nächsten Schiff nachkommen.

Der Treck bewältigt den mühseligen Weg durch Wälder und Ebenen, über Steigungen und Geröll, kommt schließlich dort an, wo einmal das neue Dorf entstehen soll. Unerklärlicherweise bleibt die Lieferung der Vorräte aus. Die Zeit drängt, der Winter naht, und Glyn reitet mit Baile zurück nach Portland. Des Rätsels Lösung: In der Stadt hat der Goldrausch Einzug gehalten – und mit ihm die Gier. Der zuvor so vertrauenswürdig scheinende Hendricks hat die für die Siedler bestimmten – und bereits bezahlten – Vorräte einbehalten, da er sie weit profitabler an die Glücksritter losschlagen kann, und verweigert die Herausgabe. Bei einer anschließenden Schießerei steht Cole, mittlerweile eigentlich Casinobetreiber und Hendricks’ rechte Hand, einmal mehr McLyntock bei. Er, Laura und Wilson helfen auch, die Vorräte heimlich an Bord des Dampfers zu bringen, und begleiten Glyn.

Laura verliert ihr Herz an Schuft Cole

Mit Bewaffneten verfolgt Hendricks das Schiff am Flussufer entlang, aber in einer nächtlichen Schießerei lassen er und die meisten seiner Männer ihr Leben. Ein weiteres Mal nimmt die Gruppe um Glyn, der zusätzlich ein paar Tagelöhner anheuert, den harten Weg zur Siedlung auf sich. Nachdem Abgesandte einer Goldgräbersiedlung 100.000 Dollar für die Ladung bieten, nimmt bei Cole die Gier überhand. Zwar verhindert er McLyntocks Liquidierung, reißt aber die Führung an sich. Dem brutal Zusammengeschlagenen wirft er eine Satteltasche mit Vorräten hin. Er könne ja zu Fuß nach Portland zurückkehren.

„Also Wiedersehen, Glyn“, meint Cole höhnisch. „Ja, du wirst mich wiedersehen. Du wirst mich wiedersehen. Wenn du abends zu Bett gehst, wirst du Angst haben müssen, dass ich irgendwo in der Nähe auf dich lauere. Ich werde dich überall finden, wo du auch bist.“ Kein Wunder, dass Coles Lächeln erstirbt. Nein, diesen McLyntock möchte man nicht zum Feind haben. Mit eisigem und zugleich loderndem Blick presst er die Worte heraus. Und er wird seine Drohung wahr machen …

Anthony Mann und James Stewart

Fünf von acht Filmen, die Regisseur Anthony Mann (1906–1967) mit James Stewart drehte, waren Western. Samt und sonders zählen sie zu den besten Beiträgen des Genres in den 50er-Jahren. Ihr erster, vielleicht berühmester, ist „Winchester ’73“ (1950). Auf die „Meuterei am Schlangenfluss“ folgen „Nackte Gewalt“ (1953, mein Lieblingswestern dieses „Duos“), „Über den Todespass“ (1954) sowie „Der Mann aus Laramie“ (1955). Anthony Mann darf für sich geltend machen, einen neuen Typus des Westmanns kreiert zu haben: Die sind keine klassischen Helden, sondern ehemalige Schufte, zerrissene, von ihrer Vergangenheit gejagte Männer. Und diese Altlasten, das Schuldbewusstsein, ein gequältes Suchen nach Vergebung, in Blicken und Gesten zu verlebendigen, das vermochte niemand so vital wie Stewart.

Formidabel allerdings auch, wie Arthur Kennedy den Cole gibt, der stets im Reinen zu sein scheint mit seinen schurkischen „Genen“. Er wirkt wie ein dunkles Spiegelbild des geläuterten, mit sich hadernden Stewart. Die psychologischen Scharmützel der Hauptfiguren, die einander taxieren, belauern, provozieren, bilden den beunruhigenden Puls von „Meuterei am Schlangenfluss“. Zugegebenermaßen scheint klar, dass McClyntock nicht vom eingeschlagenen Weg abweichen, die Siedler nicht hintergehen wird. Wir Zuschauer fragen uns weniger, ob McLyntock entgleist, sondern eher, wann Coles wahre Natur die Überhand gewinnt. Spannend inszeniert ist dieser Schwebezustand auf jeden Fall, dafür sorgt schon das pointierte Drehbuch von Borden Chase, das den Antagonisten zudem ein starkes Arsenal schlüssig ausgearbeiteter Typen an die Seite stellt – den knorrigen, überzeugungsfesten Baile, den skrupellosen Geschäftsmann Hendricks, Hallodri Wilson und den couragierten Flusskapitän („Wären wir bloß auf dem Mississippi geblieben!“). Chase verfasste auch „Red River“ (1948), „Vera Cruz“ (1954) sowie für Anthony Mann „Winchester ’73“ und „Über den Todespass“. Hollywood honorierte Chases Künste leider kaum; es blieb bei einer Oscar-Nominierung für erstgenannten Film.

Hallodri und Helfer: Trey Wilson

Weiterer Hauptdarsteller des Westernklassikers ist die wilde Natur – die Berge, das reißende Flusswasser, fantastisch eingefangen von Kameramann Irvin Glassberg („Das Geheimnis der 5 Gräber“, 1956) an Originalschauplätzen in Oregon, darunter Mount Hood und Columbia River. Wunderbar atmosphärisch gerät so auch der Kontrast zwischen überwältigender Landschaft und dem „Sündenpfuhl“ Portland, der vom Goldfieber befallenen Stadt.

James Stewart schmollt bei der Premiere

Seine „wilde Natur“ zeigte beim Dreh übrigens auch Hauptdarsteller Stewart. Mit Begeisterung stürzte er sich in alle Herausforderungen. Anthony Mann: „James Stewart war geradezu verrückt nach Szenen, in denen er physisch hart gefordert wird. So etwas erregte ihn.“ Dieser Eifer, dieses Engagement, diese Lust an der Mühsal drücken auch dem Film einen Stempel auf. Nicht von ungefähr kommt daher wohl auch Stewarts emotionale Reaktion auf die Filmpremiere: Der junge Rock Hudson, als Spieler Wilson eindeutig ein Nebendarsteller, erntete dort weitaus mehr Applaus als Stewart selbst. Der schwor voller Ingrimm, nie wieder ein Wort mit Hudson zu reden, geschweige denn, wieder mit ihm zu drehen (sie kannten sich aus „Winchester ’73“). Beides hielt er ein.

Die schöne Koch-Media-Edition zeigt sich des Klassikers würdig: Sowohl Blu-ray als auch DVD sind mit der restaurierten alten Kino-Synchronisation ausgestattet. (Die TV-Synchro, eher uncharmant und steril im Sound, findet sich im Bonusmaterial.) Weiterer Pluspunkt: Eine neue HD-Abtastung lässt die Technicolor-Tableaus in ihrer ganzen Pracht erstrahlen.

Die Filme der „James Stewart Western Collection“ von explosive media:

01. Die Uhr ist abgelaufen (Night Passage, USA 1957)
02. Meuterei am Schlangenfluss (Bend of the River, USA 1952)
03. Rancho River (The Rare Breed, USA 1966)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rock Hudson, Arthur Kennedy und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Bricht Glyns altes Ich hervor?

Veröffentlichung: 10. August 2017 als Blu-ray und DVD, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD (Universal)

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bend of the River
USA 1952
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Borden Chase, nach einem Roman von William Gulick
Besetzung: James Stewart, Rock Hudson, Arthur Kennedy, Julie Adams, Lori Nelson, Harry Morgan, Jay C. Flippen, Jack Lambert, Royal Dano, Chubby Johnson
Zusatzmaterial: diverse Trailer, Bildergalerie Universal-Neusynchronisation, Wendecover
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2017 explosive media / Koch Films

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: