RSS

Am Rande des Rollfelds – Wegweisende Science-Fiction als Kurzfilm aus Fotos

03 Okt

La Jetée

Von Simon Kyprianou

Science-Fiction-Kurzfilm // Ein Film im eigentlichen Sinne ist „Am Rande des Rollfelds“ nicht: In dem 26 Minuten langen Foto-Roman bekommen wir nur ein einziges bewegtes Bild zu sehen. Foto-Roman nennt Regisseur Chris Marker sein Werk selbst im Vorspann: „Am Rande des Rollfelds“ besteht aus der Montage einzelner Fotografien, begleitet von einer Erzähler-Stimme. Und auch wenn das keinen Film im eigentlichen Sinne ergibt, so erschafft Marker doch etwas, was dem Kino ureigen ist: Das Transzendieren von Raum und Zeit durch Montage.

Das Wesen der Montage

„Am Rande des Rollfeldes“ verführt durch seine Schönheit, die Schönheit der Fotografien und die Schönheit ihrer Montage zu absoluter Aufmerksamkeit und so nimmt man die Technik wesentlich stärker und bewusster wahr als in einem herkömmlichen Film. Dadurch, dass die Bilder bewegungslos sind, lenkt Marker den Fokus des Betrachters eben auf die Montage: das Zusammensetzen der Bilder und damit auf das Thema seines Films; darin geht es um die Montage aus Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit in unserer Erinnerung und unserer Vorstellung, das Zerfließen von Zeit und Raum durch das Zusammensetzen von Erinnerungsfragmenten.

Im folgenden Absatz Spoiler

Zur Handlung, die ich in diesem Absatz inklusive Konklusion bis zum Ende erzähle: Nach dem Ende des Dritten Wertkriegs ist die Erdoberfläche nuklear verseucht, die letzten Überlebenden haben sich in den Pariser Untergrund zurückgezogen. Im Wissen, dass die Menschheit nicht ohne Hilfe überleben kann, führen die Herrscher der Untergrund-Kolonien schreckliche Experimente an ihren Gefangenen durch. Sie versuchen, Gefangene durch die Zeit reisen zu lassen um aus der Zukunft Wissen in die Gegenwart zu bringen. Die Probanden der Zeitreise-Experimente verfallen nach und nach dem Wahnsinn. Der namenlose Protagonist (Davos Hanich) wird als Proband für die Experimente ausgewählt, weil er ein ganz deutliches Bild in seiner Erinnerung hat: eine Frau (Hélène Chatelein) und einen sterbenden Mann, die er als Kind auf der Aussichtsplattform am Flughafen Paris-Orly gesehen hat. Nach vielen schmerzvollen Versuchen funktioniert die Zeitreise, der Mann reist in die Vergangenheit, zu der Frau aus der Erinnerung. Sie verlieben sich ineinander, verbringen Zeit miteinander, er taucht immer wieder auf und verschwindet genauso überraschend wieder. Nach gelungenen Experimenten mit Reisen in die Vergangenheit ist auch die Reise in die Zukunft ein Erfolg, dort erhält der Mann eine Energiequelle, die das Überleben der Menschheit sichert. Er bittet die Menschen der Zukunft, ihn dorthin zurückzuschicken, wo er als Kind die Frau zum ersten Mal sah – auf die Aussichtsplattform des Flughafens Paris-Orly, wenige Tage vor dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs. In dem Moment, in dem er die Frau in der Menge findet, fällt er tot zu Boden. Er hatte als Kind seinen eigenen Tod beobachtet.

Inspiration für Terry Gilliams „12 Monkeys“

Die sehnsüchtigen Strömungen seiner Erinnerung haben den Mann zu seinem Tod geführt. Und das erinnert dann stark an David Cronenbergs wundervollen Kurzfilm „Camera“, in dem der Protagonist, ein alter Schauspieler, verängstigt in die Kamera blickt und sinngemäß sagt, dass die Fotografie der Tod sei, und die Fotografie eines Moments folgerichtig die Fotografie des Todes dieses Moments. So ist es auch mit der Erinnerung, und das Kino besteht ja grundsätzlich aus Bildern der Erinnerung und den Sehnsüchten, die diese in uns auslösen. Marker war, das wird sehr deutlich, auch stark von Hitchcocks „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958) inspiriert. „Am Rande des Rollfelds“ diente seinerseits und klar erkennbar als Inspiration für Terry Gilliams „12 Monkeys“ (1995) mit Brad Pitt und Bruce Willis.

Wo bleibt die deutsche DVD?

Obwohl eine Version mit deutschem Voice-over existiert, ist „Am Rande des Rollfelds“ hierzulande nie auf DVD oder gar Blu-ray veröffentlicht worden. Im Vereinigten Königreich ist eine DVD erschienen, die auch Chris Markers Langfilm „Sans Soleil – Unsichtbare Sonne“ (1983) enthält, gleichermaßen in den USA, wo das Referenzlabel „The Criterion Collection“ mittlerweile auch eine Blu-ray veröffentlicht hat.

Metaphysische Science-Fiction

Dieser Text erscheint im Rahmen der bei „Die Nacht der lebenden Texte“ geplanten Rezension von „Blade Runner 2049“. Einen direkten Zusammenhang zwischen diesem, dem ersten „Blade Runner“ (1982) und „Am Rande des Rollfelds“ gibt es nicht, Chris Markers Kurzfilm kann aber als eine der wichtigsten und frühesten Anstrengungen betrachtet werden, metaphysische Science-Fiction im Kino abzubilden.

Veröffentlichung USA: 7. Februar 2012 als Blu-ray, 26. Juni 2007 als DVD
Veröffentlichung GB: 28. Juli 2003 (Nouveaux Pictures) und 22. August 2011 (Optimum Home Entertainment) als DVD

Länge: 26. Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch, Französisch (Erzähltext)
Untertitel:
Originaltitel: La Jetée
F 1962
Regie: Chris Marker
Drehbuch: Chris Marker
Besetzung: Jean Négroni, Hélène Chatelain, Davos Hanich, Jacques Ledoux
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb USA: The Criterion Collection

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Am Rande des Rollfelds – Wegweisende Science-Fiction als Kurzfilm aus Fotos

  1. Ben

    2019/02/13 at 19:23

    Guter Artikel.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: