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Horror für Halloween (VIII): 7 Days – Könntest du das wirklich tun?

09 Okt

Les sept jours du talion

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Rache ist süß. Von wegen. Wie kann es sich süß anfühlen, Vergeltung dafür zu üben, dass die eigene Tochter vergewaltigt und ermordet worden ist? Viel Schlimmeres kann einer Familie kaum widerfahren. Wie können Eltern den Gedanken daran ertragen, was ihr Kind erlitten haben muss? Wie können Eltern das überstehen, ohne wahnsinnig zu werden? Und wie kann ein Racheakt den Schmerz überdecken?

Dieser Zerreißprobe müssen sich auch der Chirurg Bruno Hamel (Claude Legault) und seine Frau Sylvie (Fanny Mallette) stellen, deren Tochter Jasmine eines Tages nicht von der Schule heimkehrt. Bald darauf wird die Leiche des gepeinigten Mädchens gefunden – und nicht viel später der mutmaßliche Täter gefasst: Anthony Lemaire (Martin Dubreuil). Beim Opfer gefundene Spermaspuren lassen keinen Zweifel an seiner Schuld.

Hamel muss seine tote Tochter identifizieren

Hamel fasst einen Plan und setzt ihn zügig in die Tat um: Er entführt Lemaire während eines Gefangenentransports und bringt ihn in einer abgelegenen Hütte unter, wo er ihn nackt ankettet. Zur Einstimmung zertrümmert der Arzt seinem bedauernswerten (?) Opfer mit einem großen Hammer erst einmal ein Knie – Beginn eines siebentägigen Martyriums für Lemaire, aber vermutlich auch Hamel, dem der kommende Folterexzess sicher keine Katharsis bringen wird.

Rape and Revenge & Selbstjustiz

Den frankokanadischen „Les sept jours du talion“ („Die sieben Tage der Vergeltung“) verbindet wenig mit Exploitation-Exzessen wie „I Spit on Your Grave“ (ob Original oder Remake), die das Rape-and-Revenge-Genre so in Verruf gebracht haben. Auch mit Selbstjustiz-Thrillern wie „Ein Mann sieht rot“ („Death Wish“) mit Charles Bronson hat das Horrordrama wenig gemein. Und mit Vorfreude auf Torture Porn sollte niemand „7 Days“ angehen – zu spröde und wenig unterhaltsam hat der hauptsächlich fürs kanadische Fernsehen tätige Daniel Grou („Vikings“) seinen Film inszeniert. Obwohl Bruno Hamel als Chirurg mit der menschlichen Anatomie vertraut ist, geht es zu keinem Zeitpunkt um die Zurschaustellung ausgeklügelter Foltertechniken. Mit herabgesetzter Farbsättigung und völligem Verzicht auf Soundtrack schafft der Regisseur eine schmerzhafte Nähe zu seinem Protagonisten.

„Warum sollten wir uns den Arsch aufreißen, um so ein Schwein zu retten?“ Diese Frage stellt einer der Kriminalbeamten etwa nach der Hälfte des Films dem leitenden Ermittler Police Detective Hervé Mercure (Rémy Girard). Dessen Antwort: „Es ist nicht Lemaire, den ich retten will.“ Mercure weiß, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren: Seine Frau wurde bei einem Raubüberfall erschossen, der Witwer hat sich das Überwachungsvideo mit den Sekunden der Tat beschafft und schaut es sich oft an. Dass der Täter gefasst und inhaftiert wurde, gab ihm somit offenbar keinen Frieden. Dennoch will er verhindern, dass sich Hamel Genugtuung verschafft, indem er Lemaire tötet; er ahnt: Diese Genugtuung ist eine trügerische.

Die Eheleute finden in ihrer Trauer nicht zueinander

Insofern ist „7 Days“ ganz sicher kein Hohelied auf Selbstjustiz, wie es vereinzelte Rezensenten seinerzeit kritisch konstatierten. Daniel Grou stellt die Frage der Rechtfertigung von Vergeltung und Selbstjustiz vielmehr in den Raum, ohne sie abschließend zu beantworten. Das erhöht die Wirkung des Gezeigten. Diesen Film kann man mit dem Abspann nicht einfach abhaken.

Teil der Störkanal-Reihe

Als Teil der mit mutigen Filmen bestückten Störkanal-Reihe von I-On New Media ist „7 Days“ gut aufgehoben. Die 2010 erschienene DVD im Digipack enthält ein Booklet mit einem Text von Nando Rohner über Selbstjustiz im Film. Ob es auch in der ein Jahr später erschienenen Blu-ray enthalten ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Kommt irgendwo – ob in der Kneipe oder einem der sozialen Netzwerke – die Sprache auf Kindermörder und Kinderschänder, sind oft schnell Stimmen bei der Hand, die großspurig verlauten lassen, was sie mit solchen Tätern tun würden – als könnten sie auch nur annähernd beurteilen, wie es ihnen angesichts eines derartigen Schicksalsschlags zumute wäre. „7 Days“ kann und will uns dieses Gefühl natürlich auch nicht vermitteln. Wer würde das auch schon fühlen wollen? Aber Daniel Grous Drama vermittelt uns einen Hauch dessen, was die Selbstjustiz mit sich bringen kann – jedenfalls keine Erlösung. Auch Hamel kann den Zwiespalt am Ende nicht lösen: „Monsieur Hamel, finden Sie immer noch, dass Rache eine gute Lösung ist?“ „Nein.“ „Bereuen Sie also, was Sie getan haben?“ „Nein.“

Bringt Rache Erlösung?

Veröffentlichung: 26. Juli 2013 als Teil der Störkanal Triple Box #1 (mit „Dogtooth“ und „Beautiful“), 25. November 2011 als Blu-ray, 27. August 2010 als DVD

Länge: 111 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Les sept jours du talion
KAN 2010
Regie: Daniel Grou
Drehbuch: Patrick Senécal, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Claude Legault, Rémy Girard, Martin Dubreuil, Fanny Mallette, Rose-Marie Coallier, Alexandre Goyette, Dominique Quesnel, Pascale Delhaes, Pascal Contamine
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Booklet (evtl. nur DVD)
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos: © 2010 I-On New Media GmbH / WVG Medien GmbH

 

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