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Horror für Halloween (IX): Junges Blut für Dracula – Bulgarischer Vampir sucht Los Angeles heim

10 Okt

Count Yorga, Vampire

Von Volker Schönenberger

Horror // Im Hafen von Los Angeles wird eine längliche Holzkiste entladen, die unschwer als Sarg zu identifizieren ist. Eine Stimme aus dem Off fabuliert in bedeutungsschwangerem Timbre über paranormale Phänomene und Vampire. Per Lkw gelangt die Last zu einem Anwesen in den Hügeln. Szenenwechsel: Wir werden Zeuge einer Séance, zu der Donna (Donna Anders) einige Freunde in ihr Haus geladen hat. Mit der Hilfe des mysteriösen bulgarischen Grafen Yorga (Robert Quarry) will sie Kontakt zu ihrer kurz zuvor verstorbenen Mutter aufnehmen. Der eine oder andere Teilnehmer feixt sich zwar eins, aber die Verbindung scheint zu klappen – so stark, dass Donna einen hysterischen Anfall bekommt. Zu ihrer Beruhigung setzt Yorga in einem Nebenraum Hypnose ein. Unbemerkt von den anderen und Donna selbst schlägt er sie damit aber auch gezielt in seinen Bann.

Auf dem Thron lässt es sich gut sinnieren

Nach Ende der Veranstaltung fährt das Pärchen Erica (Judy Lang) und Paul (Michael Murphy) den Grafen heim – zu oben erwähntem Anwesen. Als die beiden von dort aufbrechen wollen, bleibt ihr VW Bulli in einer Schlammpfütze stecken, die Paul zufolge dort kurz zuvor noch nicht war. Die Umgebung ist ansonsten trocken. Egal – Erica und Paul machen es sich im Bus gemütlich und haben erst einmal heißen Sex, bevor sie einschlafen. Des Nachts jedoch ertönen draußen plötzlich unerklärliche Geräusche. Erica zieht den Vorhang zurück – und blickt Graf Yorga ins gierige Gesicht. Er fletscht die Zähne …

Aus Yorga wird Dracula

Yorga? Dracula? Genau – die deutsche Titelverhunzung schlug auch 1970 erbarmungslos zu. Aus dem Originaltitel „Count Yorga, Vampire“ wurde „Junges Blut für Dracula“. Bei der Synchronisation beließ man den Namen des Grafen allerdings bei Yorga. Schwamm drüber, Hauptsache, die Leute strömen ins Kino. Dass sie sich dann anschließend wundern, einen Dracula-Film ohne Dracula gesehen zu haben, lässt sich verschmerzen. Immerhin ist der Vampir auch als Yorga tatsächlich hinter jungem Blut her – hinter älterem in Gestalt von Donnas Mutter allerdings auch.

Junges Blut für Dracula – Verzeihung: Yorga

Ursprünglich als Softsexfilm angelegt, kann „Junges Blut für Dracula“ diese Herkunft nicht ganz verleugnen. Einige Darstellerinnen haben in ihren Filmografien doch recht eindeutige Titel gelistet. Im Booklet des Mediabooks von Wicked-Vision Media findet sich der Hinweis, Robert Quarry habe sich bereit erklärt, die Hauptrolle zu spielen, sofern daraus ein klassischer Horrorfilm werde. Das verwundert zwar etwas – der größte Superstar war Quarry nicht gerade –, aber so kam es. Vielleicht hatte jemand bei American International Pictures (AIP) die Idee, Quarry zu einem neuen Horrorstar aufzubauen, um den langsam alternden Vincent Price abzulösen. Quarry tauchte bald darauf auch in „Die sieben Pranken des Satans“ („The Return of Count Yorga“, 1971) erneut als Graf Yorga und – an der Seite von Price – in „Die Rückkehr des Dr. Phibes“ („Dr. Phibes Rises Again“, 1972) auf. 1974 war er in „Das Schreckenshaus des Dr. Death“ („Madhouse“) an der Seite von Peter Cushing und erneut Vincent Price zu sehen. Der Niedergang von AIP und des klassischen Horrorfilms verhinderten aber, dass Quarry nachhaltig in Prices Fußstapfen trat. Angeblich war sogar ein dritter Graf-Yorga-Film geplant, in dem der Vampir in der Kanalisation von Los Angeles hausen und eine Armee untoter Obdachloser anführen sollte. Klingt reizvoll – schade, dass nie etwas draus wurde. AIP hatte im Übrigen kurz zuvor bereits bei „Gruft der Vampire“ („The Vampire Lovers“) mit den britischen Hammer-Studios zusammengearbeitet.

Udo Kier lässt grüßen

Ein wenig erinnert Quarrys Graf Yorga an unseren geliebten Udo Kier, der 1974 in „Andy Warhol’s Dracula“ selbst den ikonischen Vampirfürsten verkörperte. Yorga allerdings ist bei Quarry deutlich weniger nonchalant als Kier ihn wohl verkörpert hätte, verströmt zudem eine Aggressivität, die der bösen Figur gut zu Gesicht steht.

Erica verspürt seltsame kulinarische Gelüste

Zwei Jahre vor „Dracula jagt Mini-Mädchen“ aus dem ehrwürdigen britischen Hause Hammer Films platzierte „Junges Blut für Dracula“ die Handlung in ein zeitgenössisches Setting jenseits des Gothic-Schauders des 19. Jahrhunderts. Das war modern und neu, gleichwohl bereits 1958 „Die Rückkehr des Dracula“ (auch „Draculas Blutnacht“, Originaltitel: „The Return of Dracula“) den Mythos in die Moderne verlegt hatte. Jener Film ist allerdings ein wenig in Vergessenheit geraten, was wohl auch schon 1970 der Fall war. Jedenfalls denkt man bei einem im Los Angeles des Jahrs 1970 spielenden Film wohl an urbanes Flimmern, doch Regisseur und Drehbuchautor Bob Kelljan verortete das Geschehen eher in Randgebiete der Metropole und verzichtete auf Lokalkolorit, desgleichen auch auf zeitgenössische Klänge der Popkultur wie Soulmusik. All das reduziert das Setting aufs Wesentliche – insofern die richtige Entscheidung.

Mediabook von Wicked-Vision Media

Bevor ich aufs Mediabook von Wicked-Vision Media eingehe, sei der guten Ordnung halber darauf hingewiesen, dass ich mich dem Label freundschaftlich verbunden fühle und gelegentlich als Lektor der Cover und des Booklets tätig bin – im Booklet habe ich sogar Lektorats-Credits erhalten, obwohl ich daran nicht beteiligt war. So möge denn jeder Leser für sich selbst entscheiden, ob er mein Lob für seriös oder einen Freundschaftsdienst am Publisher hält. Wer selbst schon Veröffentlichungen von Wicked-Vision Media erworben hat, dürfte aber wissen, dass der qualitative Anspruch hoch ist – und „Junges Blut für Dracula“ hält die Messlatte hoch. Üppiges Bonusmaterial (siehe unten), Sorgfalt bei der Restauration von Bild, Original-Tonspur und Synchronisation, dazu ein prima bebildertes Booklet mit zwei fachkundigen Texten zum Vampirfilm der frühen 70er im Allgemeinen und „Junges Blut für Dracula“ im Besonderen – der gegenüber Blu-rays und DVDs in herkömmlicher Verpackung vergleichsweise hohe Preis erscheint gerechtfertigt.

Niedliches Kreuz – ob es gegen …

Robert Quarry hat nie zu den ikonischen Vampir-Darstellern wie Bela Lugosi und Christopher Lee aufgeschlossen, aber damit steht er nicht allein; man denke nur an Frank Langellas unterbewertete Verkörperung von Bram Stokers Titelfigur in „Dracula“ von 1979. In Deutschland lief „Junges Blut für Dracula“ seinerzeit nur gekürzt im Kino, ebenso im Fernsehen – und war nie auf VHS oder einem anderen Medium erschienen. Umso löblicher, dass nun in einer schönen Edition Abhilfe geschaffen wurde, denn dieser „Graf Yorga, Vampire“ lässt Vampirfan-Herzen höher schlagen und bringt ihr Blut in Wallung. Das dürfte Yorga gefallen. Uns wiederum gefällt, dass Wicked-Vision Media bereits die Veröffentlichung der Fortsetzung „Die sieben Pranken des Satans“ vorbereitet.

… Graf Yorga etwas ausrichtet?

Veröffentlichung: 25. August 2017 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & DVD) im Mediabook (Auflagen: Cover A 222 Exemplare, Cover B 444 Exemplare, Cover C 333 Exemplare)

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Count Yorga, Vampire
USA 1970
Regie: Bob Kelljan
Drehbuch: Bob Kelljan
Besetzung: Robert Quarry, Roger Perry, Michael Murphy
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Dr. Gerd Naumann, Dokumentation „Shocking Cinema Vol. 2“, isolierte Musikspur, Nostalgie-Fassung, deutscher Trailer (Nostalgie-Fassung), deutscher Trailer (2017), US-Trailer, Bildergalerien, internationale Werberatschläge und Filmprogramme, 24-seitiges Booklet mit Texten von Christian Keßler und David Renske
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshots: © 2017 Wicked-Vision Media

 

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