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Horror für Halloween (XII): Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula: Nackige Blutsaugerin im Sonnenlicht

12 Okt

Vampyros Lesbos

Von Volker Schönenberger

Erotik-Horror // Vampire scheuen das Tageslicht?! Sonnenstrahlen lassen sie zu Staub zerfallen?! Von wegen – nicht bei Jess Franco, denn so konnte der Spanier bei „Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula“ aufs Ausgiebigste seiner Leidenschaft frönen, viel nackte Haut wohlgeformter Frauenkörper in hellem Tageslicht zu zeigen.

Die Story – wenn man es denn so nennen will – folgt dem Weg der Rechtsanwältin Linda Westinghouse (Ewa Strömberg), die von einer mysteriösen Frau träumt und diese eines Abends in einem Nachtclub lasziv mit einer anderen auf der Bühne tanzen sieht. Kurz darauf erhält sie den Auftrag, zu einer Adligen zu reisen, die vorsorglich ihren Nachlass zu ordnen gedenkt. Die auf einer Insel vor der türkischen Küste residierende Gräfin Nadine Carody (Soledad Miranda) entpuppt sich als ehemalige Geliebte des Grafen Dracula und die Frau aus Lindas Träumen.

Bram Stoker frei interpretiert

Jess Franco entnahm Bram Stokers klassischer Romanvorlage lediglich ein paar Versatzstücke, die er zu einem fiebrig-surrealen erotischen Gruseltraum zusammenfügte. Der Seventies-Soundtrack aus mal sphärischen, mal jazzig-improvisierten, mal lässig swingenden Klängen unterstreicht den fragmentarisch zurechtgeschnittenen Verlauf der Handlung famos. Und der Titel „Vampyros Lesbos“ gibt es bereits vor: Hier wird vor der Kamera hemmungslos die gleichgeschlechtliche vampirische Lust zelebriert. Das ist natürlich für Männer gedreht worden, nicht etwa für lesbische Frauen, so viel ist klar.

„Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula“ ist immer dann am schwächsten, wenn die Figuren den Zuschauern mittels Dialogen und Taten die Geschichte zu vermitteln versuchen, und immer dann am stärksten, wenn Jess Franco die Handlung völlig außen vor und stattdessen Farben spielen lässt. Der Trashfilmer setzt eine außergewöhnliche Bildsprache ein, die näher am Arthauskino ist als am Trash vieler anderer seiner Machwerke – so muss man etliche Regiearbeiten Francos wohl nennen. „Vampyros Lesbos“ ist seinen übrigen mir bekannten Filmen weit überlegen und geht als sinnlicher Bilderrausch ins Ziel, der bei Einnahme einiger bewusstseinserweiternder Substanzen womöglich noch gewinnt. Exploitation für Männer bleibt das natürlich trotzdem.

Horrotica mit mehr Erotik als Horror

„Horrotica“ lautet die Schublade für diese Art Genre, wobei bei „Vampyros Lesbos“ der erotische Anteil den Gruselgehalt weit übersteigt. Etwas Blut gibt es ab und an zu sehen, für Horror-Geübte kaum mehr als in homöopathischen Dosen verabreicht wahrzunehmen. Eine Mordszene im letzten Drittel ist dann von Franco gewohnt dilettantisch inszeniert, eine weitere Tötung kurz darauf kaum besser.

Regisseur Franco persönlich tritt sogar selbst in Erscheinung: als Memmet, der Linda eingangs noch vor Unheil warnt, um später selbst unheilvoll zu agieren. Dennis Price spielt den Psychiater Dr. Seward, der eine geschlossene Einrichtung leitet. Price ist in einigen Jess-Franco-Filmen zu sehen, darunter in „Die Nacht der offenen Särge“ (1972). Auch Ewa Strömberg spielte einige Male unter Franco, am bekanntesten dürfte jedoch Soledad Miranda sein, ebenfalls eine geübte Franco-Darstellerin, außer in „Die Nacht der offenen Särge“ auch in „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (1970) und seiner Marquis-de-Sade-Adaption „Eugénie“ (1973) zu sehen. Anfang der 70er bereits ein Star des Exploitation-Kinos, wäre sie womöglich noch bekannter geworden, doch am 18. August 1970 starb die damals 27-jährige Spanierin bei einem Autounfall in Lissabon. Ihre letzten Filme waren „Sie tötete in Ekstase“ sowie „Der Teufel kam aus Akasava“ nach Motiven von Edgar Wallace, beide unter der Regie Jess Francos und beide mit Ewa Strömberg, ihrem Ko-Star aus „Vampyros Lesbos“. „Eugénie“ war bereits zuvor abgedreht worden, kam aber erst 1973 in die Kinos.

Runter vom Index und uncut immerhin schon bei Arte

Obwohl „Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula“ 2011 vom Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen wurde, ist der Film bislang bei uns nicht auf Blu-ray oder DVD erschienen. Illusions Unlimited hat ihn ungeprüft als Mediabook sowie in Hartbox in Österreich veröffentlicht. Auch in den USA und im Vereinigten Königreich gibt es ungekürzte Fassungen mit der deutschen Originaltonspur. Arte hat ihn 2016 sogar einmal ungekürzt ausgestrahlt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jess Franco sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Vampyros Lesbos
BRD/SP 1971
Regie: Jesús Franco (als Franco Manera)
Drehbuch: Jaime Chávarri, Jesús Franco (als Franco Manera), Anne Settimó
Besetzung: Soledad Miranda, Dennis Price, Paul Muller, Ewa Strömberg, Heidrun Kussin, José Martínez Blanco, Andrea Montchal (als Viktor Feldmann), Jesús Franco
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: keine Angabe

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

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