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Horror für Halloween (XXI): Raw – Falscher Hunger

20 Okt

Grave

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Während des Toronto Filmfestivals 2016 wurden bei der Vorführung von „Raw“ zwei Zuschauer ohnmächtig. Einige Monate später musste das Screening des Horrordramas auf dem Göteborg Filmfestival 2017 für kurze Zeit unterbrochen werden, da einige Besucher auf die Toilette rannten, um sich zu übergeben. Regisseurin Julia Ducournau versicherte in Interviews immer wieder, dass es sich dabei nicht um einen clever eingefädelten Marketing-Gag handelte. Dies wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn sie hatte für ihr Kinodebüt bereits zuvor bei den Filmfestspielen in Cannes 2016 den FIPRESCI-Preis gewonnen, was Werbung genug sein sollte, um Interesse an ihrem Werk zu wecken.

Studienanfängerin Justine muss einige Aufnahmerituale über sich ergehen lassen

Doch die Ereignisse in Toronto und Göteborg überlagerten die Berichterstattung über „Raw“. Bald ging weltweit das Gerücht um, es gebe da endlich wieder einen französischen Terrorfilm, der in Sachen Härtegrad in die gleiche Kerbe wie „High Tension“, „Inside“, „Frontier(s)“ und „Martyrs“ schlagen würde. Man solle besser eine Kotztüte bereithalten, wenn man sich diesen Hardcore-Horror zu Gemüte führt, so prophezeiten es zahlreiche Postings in den sozialen Netzwerken. Der Hunger unter den Horrorfans war geweckt. Doch kaum jemand hatte den Film vorab gesehen. So wurde eine komplett falsche Erwartungshaltung geschürt – und die Enttäuschung vieler Zuschauer nach der Sichtung war verständlicherweise groß.

Coming-of-Age-Drama und Body-Horror

Die 16-jährige Justine (Garance Marillier) folgt dem Weg ihrer Eltern und beginnt ihr Studium an einer angesehenen Veterinärschule. Zur Freude der älteren Kommilitonen, darunter Justines Schwester Alexia (Ella Rumpf), müssen die Neuankömmlinge einige typische Aufnahmerituale über sich ergehen lassen. Besonders ekelerregend für die überzeugte Vegetarierin: Sie wird gezwungen, eine Hasenniere zu verspeisen. Kurz darauf stellt Justine einige merkwürdige Veränderungen an sich und ihrem Körper fest. Ein fieser Ausschlag macht sich auf ihrem Bauch breit – und plötzlich verspürt sie einen ungeheuren Heißhunger auf Fleisch, der bald nicht mehr mit herkömmlichen Produkten zu stillen ist.

Alexia will, dass ihre Schwester endlich mal Spaß hat

Auch wenn es durchaus ein paar unappetitliche Szenen gibt, die bei einigen Zuschauern mit empfindlichen Mägen einen Würgereflex auslösen können, ist „Raw“ kein Festival des schlechten Geschmacks. Vielmehr ist Regisseurin Ducournau ein sensibles Coming-of-Age-Drama mit Elementen des Body-Horrors gelungen, bei denen Justines aufkeimende kannibalistischen Neigungen mit ihrem sexuellen Erwachen einhergehen. Erstmals steht die Teenagerin nicht unter der Obhut ihrer Eltern, die hoffen, dass Justine sich nicht so wie die rebellische Alexia entwickelt. Doch die ältere Schwester erklärt Justine gleich zu Beginn ihres Studiums, dass nun die Zeit des Versteckens vorbei ist. Alexia zeigt ihr, wie man feiert, wie man als Frau im Stehen pinkelt und dass, wenn man den Männern gefallen will, die Schambehaarung entwachst gehört – was für Justine und Alexia schmerzhafte Folgen hat.

Die Versuchung lauert überall

Der unheilschwangere Grundton von „Raw“ wird durch Justines Wandlung vom braven, schüchternen Mädchen zur blutdurstigen Jägerin intensiviert. Dies gipfelt in einer Szene, in der sich Garance Marillier wie ein Junkie auf kaltem Entzug unter der Bettdecke verkriecht. Tatsächlich hatte Ducournau ihrer Hauptdarstellerin zur Vorbereitung die bekannte Sequenz aus „Trainspotting“ (1996) als Vorbild mit auf dem Weg gegeben, bei der sich Ewan MacGregor als Renton quält, um von den Drogen wegzukommen. Doch Justines Gier lässt sich nicht so leicht unter Kontrolle bringen, weil überall auf dem Campus Versuchungen lauern.

Justine macht schmerzhafte Veränderungen durch

Das Zusammenspiel der hervorragenden Newcomerinnen Garance Marillier und Ella Rumpf („Tiger Girl“) gepaart mit der Adoleszenz-Thematik erinnert sehr stark an einen anderen Horrorfilm mit einem berühmten Schwesternpaar: Ginger (Katharine Isabell) und Brigitte (Emily Perkins) aus „Ginger Snaps – Das Biest in Dir“ (2000), bei dem allerdings mehr der fantastische Aspekt und der Werwolf-Mythos im Mittelpunkt stehen. „Raw“ wählt dagegen einen realistischen Ansatz, um das Heranwachsen, den dadurch entstehenden emotionalen und sozialen Druck sowie die damit verbundenen Ängste zu verarbeiten, was auch in den drastischen Szenen zum Ausdruck kommt: Das Pflaster, welches sich bei der schon erwähnten Schamhaarentfernung nicht in einem Rutsch abreißen lässt, ein abgeschnittener Finger oder verschiedene Bisswunden – jeder Zuschauer kann die Schmerzen, die dabei entstehen, nachempfinden. Kam es deswegen zu den Ohnmachts- und Übelkeitsanfällen?

Zu einem rohen Stück Fleisch kann doch keiner Nein sagen

Alle, die bei „Raw“ eine blutige Schlachtplatte erwarten, seien also vorgewarnt, dass dies nicht der Fall ist. Die Freigabe ab 16 Jahren ist durchaus gerechtfertigt. Wer hingegen völlig unvoreingenommen an das Horrordrama herangeht, wird ein kleines, äußerst verstörendes Debütwerk entdecken.

Die Schwestern beißen kraftvoll zu

Veröffentlichung: 26. Oktober 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Grave
F/IT/BEL 2016
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Besetzung: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss, Bouli Lanners
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Universal Pictures Home Entertainment

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Universal Pictures Home Entertainment

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