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Horror für Halloween (XXVI): Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis: Neo-Western mit Vampiren

23 Okt

Near Dark

Von Simon Kyprianou

Horror // „Kino ist die Sehnsucht der Gespenster danach, sich zu materialisieren“, so Regisseur Christian Petzold über seinen Film „Phoenix“, aber auch bezogen auf das Kino im Allgemeinen. Er hat Kathryn Bigelows „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ zuerst in einem Seminar bei seinem Lehrer, späterem Freund und künstlerischem Partner Harun Farocki geschaut und dann der Crew vorbereitend zum Dreh seines ersten Kinofilms „Die innere Sicherheit“ (2000) gezeigt.

Der Kuss des Vampirs

Bigelows Film beginnt mit einem Moment der Leidenschaft: Der Cowboy Caleb (Adrian Pasdar) streift nachts durch einen kleinen verschlafenen Ort im amerikanischen Westen und trifft kurz vorm Morgengrauen auf die junge Mae (Jenny Wright), die ihn bittet, sie nach Hause zu fahren. Zwischen beiden besteht unmittelbar eine starke Anziehung, und so versucht Caleb, sie vor dem Aussteigen zu küssen. Aus dem Kuss wird ein leidenschaftlicher Biss, Mae saugt ihn aber nicht aus, sondern flieht nach dem Biss vor ihm, den Anbruch des Tages fürchtend.

Danach geht es Caleb zunehmend schlecht, sein Truck springt nicht an, den Heimweg schafft er nur unter größter Anstrengung. Kurz bevor er die Ranch erreicht, auf der er mit seinem Vater und seiner jungen Schwester lebt, wird er entführt, er wird in einen abgedunkelten Campingwagen gezogen. Mae und ihre Vampir-Familie (unter anderem: Bill Paxton, Jenette Goldstein), angeführt von Jesse Hooker (Lance Henriksen) beraten, was sie mit Caleb tun sollen – der Biss wird auch ihn in einen Vampir verwandeln. Auf Maes Bitten hin akzeptiert die Gruppe ihren Vorschlag, ihm eine Chance zu geben, sich in die Familie einzufügen. Das Problem: Caleb will keine Menschen töten, doch das ist der einzige Weg, um als Vampir zu überleben.

Das ewige Leben – Traum oder Albtraum?

Die Existenz als Vampir hat für Kathryn Bigelow wenig Romantisches. Das Ewig-Leben-Müssen, die Existenz als kaltblütige Mörder im Schutze der Nacht, das ständige Töten, das ziellose Umherziehen, Umherirren durch den kargen Westen – es ist ein eintöniges Dasein, von der Sehnsucht geprägt, wieder ein Mensch zu werden. Eine Existenz, die überhaupt nur durch das Existieren als Gruppe erträglich wird. Deshalb beißt Mae am Anfang des Films auch Caleb, sie erträgt das ewige Leben nicht mehr allein, sie braucht einen Begleiter, um die Ewigkeit erträglicher zu machen. Insofern sind die Vampire in „Near Dark“ wie die Terroristen in Petzolds „Die innere Sicherheit“: Die Terroristen leben wie eine Familie von Gespenstern im Untergrund, verborgen vor der übrigen Welt, gefangen von der Sehnsucht, wieder zu wirklichen Menschen zu werden, die auch außerhalb der Dunkelheit der Illegalität leben können.

Dann gibt es ungefähr in der Mitte des Films, es ist die schönste Szene, ein ungeheuer brutales Gemetzel in einer heruntergekommenen Rocker-Bar: Die Vampir-Gang bringt alle Besucher der Bar um und saugt sie aus. Im Hintergrund läuft „Fever“ von den Cramps. Das Töten ist wie ein wilder Tanz, jede Bewegung, jeder Spruch, jede Geste, jeder Schlag sitzt, wie eingeübt, wie ein Ritual, als wenn man jeden Samstag immer wieder auf dieselbe Art und Weise feiern geht. Nur in einem solchen Moment fühlen sie sich noch lebendig, nur dann erkennt man Leidenschaften bei den Vampiren, wie in einem Drogenrausch. Diese Highs brauchen sie, wie um sich selbst mit der Gewissheit zu berauschen, sich zu versichern, dass sie doch noch leben. Alles dazwischen ist nur das Down, der Entzug, der Schlaf in abgedunkelten schäbigen Motel-Zimmern tagsüber, sie siechen dahin wie Drogenleichen.

Vom „Aliens“-Dreh zu „Near Dark“

Der Film wurde günstig und schnell produziert, einige der Darsteller wie Paxton, Goldstein, Henriksen übernahm die Regisseurin direkt von der Alien-Fortsetzung „Aliens“, an der James Cameron gearbeitet hatte, Bigelows Freund und späterer Ehemann. Aber man sieht der Ästhetik des Films die Produktionsbedingungen nicht an, es ist faszinierend, wie handwerklich sicher und präzise im Hinblick auf Wirkung und Stimmung Bigelows Ästhetik schon in ihrem Frühwerk ist und wie präzise, ohne eine Nachbildung oder eine billige Hommage zu sein, im Hinblick auf die Genres, auf die sich Bigelow bezieht. Das ziellose Streifen durch die Nacht erinnert an den Film noir, insbesondere Szenen wie die an der Busstation und die Liebe, deren Leidenschaftlichkeit Caleb in die Nacht hinein(ver)führt. Genau wie Kathryn Bigelow mit audiovisuellen Mitteln die Zuschauer verführt, den Vampiren ins Nachtleben zu folgen, voller Musik, voller Leidenschaften, voller Exzesse. Das karge, weite Land, durch das die Vampire wie die Gangsterbande aus „The Wild Bunch“ lethargisch streifen und in dem sich sich am Ende wie Cowboys zum Duell gegenüberstehen, erinnert nicht zufällig an einen Western. Mühelos und dynamisch verbindet Bigelow diese beiden amerikanischen Genres beziehungsweise Stile, eignet sie sich und ihrer Erzählung an, ohne je zu einer bloßen Imitation oder Miniatur zu werden. Mit „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“ ließ Kathryn Bigelow auch schon deutlich werden, dass sie eine der ästhetisch aufregendsten Filmemacherinnen der Gegenwart werden würde.

Bislang leider nur auf nicht adäquaten DVD-Veröffentlichungen erschienen, braucht „Near Dark“, ein Film der wie alle Filme der Regisseurin vornehmlich visuell funktioniert, dringend neue Veröffentlichungen. In den USA hat Anchor Bay eine adäquate DVD veröffentlicht, im Vereinigten Königreich hat Studiocanal bereits 2009 eine Blu-ray in den Handel gebracht. Warum nicht auch bei uns?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Kathryn Bigelow sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Bill Paxton in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: diverse als DVD

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Near Dark
USA 1987
Regie: Kathryn Bigelow
Drehbuch: Kathryn Bigelow, Eric Red
Besetzung: Adrian Pasdar, Jenny Wright, Lance Henriksen, Bill Paxton, Jenette Goldstein, Joshua Miller
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: diverse

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

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Eine Antwort zu “Horror für Halloween (XXVI): Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis: Neo-Western mit Vampiren

  1. Titanica

    2017/11/05 at 16:24

    „Near Dark“ ist für mich immer wieder ein Genuss, optisch und inhaltlich. Schade, dass K. Bigelow keine solchen Filme mehr macht …

     

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