RSS

Stigmata – Friseurin erleidet die Wundmale Christi

06 Nov

Stigmata

Von Volker Schönenberger

Horror // Im brasilianischen Belo Quinto laufen die Beisetzungsfeierlichkeiten von Pater Paulo Alameida. Aus dem Vatikan ist der Jesuitenpriester und Wissenschaftler Andrew Kiernan (Gabriel Byrne) angereist. Im Auftrag von Kardinal Daniel Houseman (Jonathan Pryce) weilt er in Brasilien, um eine Marienerscheinung auf einem Gebäude zu untersuchen und als Illusion zu entlarven. Doch die aus den Augen blutende steinerne Statue der Jungfrau von Guadelupe neben dem aufgebahrten Pater Alameida stellt Kiernan vor ein Rätsel. Alameida gehörte zu jenen Menschen, bei denen ein als Stigmata bekanntgewordenes Phänomen auftrat: blutige Wunden an Händen und Füßen, die als Wundmale Christi und somit religiöses Wunder wahrgenommen werden.

Die junge Friseurin Frankie …

In Pittsburgh erleidet derweil die junge Friseurin Frankie Paige (Patricia Arquette) Unerklärliches: In der Badewanne liegend, werden ihre Handgelenke von einer unsichtbaren Macht durchstoßen wie von dicken Nägeln. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, erhält sie in der U-Bahn von anscheinend derselben Macht unsichtbare Peitschenhiebe verpasst. Da sich unter den Insassen eine Gruppe von Priestern und Nonnen befindet, dringt die Kunde des Ereignisses bis in den Vatikan vor, sodass Andrew Kiernan nach Pittsburgh reist und die völlig unreligiöse Frankie aufsucht.

… muss so …

„Stigmata“ zeigt sich im gleichen düsteren Look, der in den 90ern viele Hollywood-Produktionen auszeichnete, allen voran David Finchers „Sieben“ von 1995, in dem es sogar noch mehr regnet. Und es regnet oft, während sich die Ereignisse um die junge Friseurin zuspitzen. Man sieht „Stigmata“ an, dass Regisseur Rupert Wainwright zuvor Musikvideos inszeniert hat. Die schnellen Bildfolgen der Videoclip-Ästhetik vermischt er gekonnt mit Motiven okkulten Horrors, wie sie seit William Friedkins „Der Exorzist“ (1973) ikonografischen Einzug ins Horrorkino gefunden haben. Die Bilder gehen eine schöne Verbindung mit dem kühlen Score von Billy Corgan (Smashing Pumpkins) ein. Obwohl Frankie die Hauptfigur ist, nehmen die Gedanken und Zweifel von Andrew Kiernan doch breiten Raum ein – der Geistliche will der Kirche treu bleiben, fühlt sich aber auch der Wissenschaft verpflichtet und hadert mit seinem Glauben. Der Ausklang des Films gerät dann auch zwiespältig, je nach Sichtweise. Atheisten wie ich können mit der Kirchenkritik etwas anfangen, mit einer ebenfalls zu bemerkenden religiösen Botschaft vielleicht weniger.

Die Apokryphen und das Thomasevangelium

Die Story bedient sich bei Verschwörungstheorien rund um biblische Schriften, die es nicht in den Kanon der Kirche geschafft haben, den sogenannten Apokryphen. Im konkreten Fall thematisiert „Stigmata“ das Thomasevangelium, nimmt sich dabei aber einige Freiheiten. Das darf ein Film auch, erst recht ein Horrorthriller ohne Anspruch auf Realismus. Wenn das so packend gerät wie bei „Stigmata“, ist das völlig legitim. In der zeitgenössischen Filmkritik der späten 90er kam das nicht gut an. Mittlerweile hat „Stigmata“ unter Fans von Horrorfilmen mit okkulter und religiöser Thematik an Beliebtheit gewonnen – und das zu Recht. Rupert Wainwright allerdings beförderte sich 2005 mit seiner nächsten Kino-Regiearbeit ins Hollywood-Abseits: „The Fog – Nebel des Grauens“, dem völlig missratenen Remake des John-Carpenter-Klassikers von 1980.

… einiges ….

Das Label capelight pictures genießt bei Mediabook-Sammlern einen guten Ruf, den die „Stigmata“-Veröffentlichung bestätigt. Bild und Ton der Blu-ray genügen hohen Ansprüchen, die Aufmachung des Mediabooks ebenfalls. Im schön gestalteten Booklet schreibt „Rheinische Post“-Autor Christoph N. Kellerbach kenntnisreich über die Entstehungsgeschichte des Films. Ein interessantes Kapitel widmet er auch dem realen Auftreten von Stigmen in der Geschichte des Katholizismus.

… durchmachen

Als erster überlieferter Fall des Auftretens der Wundmale Christi gilt der spätere Heilige Franz von Assisi, bei dem sich die Stigmen angeblich im Jahr 1224 zeigten. Das kann man für religiös verbrämten Zinnober halten, für den es logische Erklärungen gibt – ich tu das jedenfalls. Das nimmt „Stigmata“ aber nichts von seiner Wirkung.

Der zur Skepsis neigende Geistliche Andrew Kiernan …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jonathan Pryce sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 3. November 2017 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 26. November 2007 als 2-Disc Century3 Cinedition DVD, 30. April 2009, 2. Oktober 2006 und 13. Juli 2000 als DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Stigmata
USA 1999
Regie: Rupert Wainwright
Drehbuch: Tom Lazarus
Besetzung: Patricia Arquette, Gabriel Byrne, Jonathan Pryce, Nia Long, Thomas Kopache, Rde Serbedzija, Enrico Colantoni, Dick Latessa Portia de Rossi,Patrick Muldoon
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Rupert Wainwright, Die Story von „Stigmata“, entfallene Szenen, alternatives Ende, Kinotrailer
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG
Vertrieb DVDs: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

… freundet sich mit Frankie an

Fotos: © 2017 Al!ve AG / capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: