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Insel der zornigen Götter – Ein düsteres Paradies

13 Nov

Bird of Paradise

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // André Laurence (Louis Jourdan) hat am College den Studenten Tenga (Jeff Chandler) kennengelernt, der von einer Insel in der Südsee stammt. Der junge Laurence will die Heimat seines Freundes entdecken und begibt sich gemeinsam mit Tenga auf die lange Seereise zu dem beschaulichen Eiland, wo ihn herrliche Natur, traumhafte Musik und wunderschöne Frauen, aber auch diverse sonderbare Bräuche, allerlei Aberglaube und ein finsterer Hohepriester (Maurice Schwartz) erwarten. Der redet wenig, führt aber viel Grausames im Schilde. André verliebt sich in Kalua (Debra Paget), Tochter des Häuptlings und Schwester von Tenga, überquert mühsam alle Hürden und notwendigen Bräuche, um sie bekommen zu können – und dennoch droht der jungen Liebe ein tragisches Schicksal.

„Insel der zornigen Götter“ ist das Remake eines Films mit identischem Originaltitel, der unter der Regie von King Vidor entstand und 1932 veröffentlicht wurde – in Deutschland wurde dieser Film später unter dem Titel „Luana“ präsentiert. Bekanntheit erlangte die in Schwarz-Weiß realisierte Produktion von RKO Pictures unter anderem durch den Ruf, der erste Tonfilm mit komplett sinfonisch komponierter Musik gewesen zu sein. Zudem wurden einige Aufnahmen aus diesem Film im Horrorklassiker „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932) zweitverwertet. Das Remake hat den Vorzug, in Technicolor produziert worden zu sein, was der Geschichte und den Schauplätzen sehr gelegen kommt. Der Drehort Hawaii wird einmal mehr recht ansehnlich als Südsee-Paradies verkauft.

Die Rückkehr des gebrochenen Pfeils

Gleichzeitig wirkt „Insel der zornigen Götter“ wie eine Adaption von Delmer Daves‘ berühmtem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950), den er unmittelbar zuvor gedreht hatte. Dieser Film konnte drei Oscar-Nominierungen erringen – eine davon für Jeff Chandler als besten Nebendarsteller, in der Rolle des Apachen-Häuptlings Cochise. Die Produktionen folgten so dicht aufeinander, dass „Insel der zornigen Götter“ sogar schon im Kino startete, bevor die Oscars für 1950 überhaupt vergeben waren. Daves holte Jeff Chandler für sein Südsee-Abenteuer erneut ins Boot und besetzte ihn nochmals als gelehrten, mit der westlichen Welt vertrauten Ureinwohner – nun also in der Rolle eines Südsee-Insulaners. Zudem wurde auch Debra Paget erneut engagiert, sie spielte ebenfalls eine sehr ähnliche Rolle wie in dem vorausgegangenen Western – als gutmütige, liebe und recht naive Ureinwohner-Frau. Daves hatte in Paget und Chandler offenbar seine Musen gefunden, wenn es um die Darstellung der Gegensätze innerhalb eines Stammes – zwischen hohem Bildungsstand und fataler Leichtgläubigkeit – ging. Lediglich James Stewart kehrte, als einziger unter den drei Hauptdarstellern aus „Der gebrochene Pfeil“, nicht zurück. Der Besucher bei den Eingeborenen wurde stattdessen diesmal von Louis Jourdan gespielt, nachdem zuvor auch Sterling Hayden für die Rolle gehandelt worden war. Für den in Frankreich geborenen Jourdan war es der erste Farbfilm seit seiner Übersiedelung nach Hollywood und insofern ein Meilenstein seiner Karriere.

Ein Südsee-Film mit allem, was dazu gehört

Südsee-Filme aus dem klassischen Hollywood-Kino haben erzählerisch gewisse Eigenheiten, da sie häufig fast komplett auf abgeschotteten Inseln spielen und die Schauplätze und narrativen Möglichkeiten dadurch eingeschränkt werden. Zudem werden die Ureinwohner der Südsee – im Vergleich zu (sogenannten) Indianern in Nordamerika, Völkern aus Afrika, aufbrausenden Kulturen im indischen Raum oder der „gelben Gefahr“ im Fernen Osten – im US-Abenteuerfilm zwar meist relativ wohlwollend und überwiegend friedfertig dargestellt, allerdings in einer Art und Weise, die sie gleichzeitig ausgesprochen naiv erscheinen lässt. „Insel der zornigen Götter“ reiht typische Versatzstücke eines Südsee-Films geradezu wie an einer Perlenkette auf und eignet sich daher gut um die Funktionsweisen dieser Filme zu definieren. Der Film ist im Grunde voll von Klischees – Klischees allerdings, die dieses Subgenre des Abenteuerfilms durchweg prägen und letztlich auch seinen Reiz ausmachen.

Zunächst einmal sind in diesen Filmen meist so gut wie alle Eingeborenen in ihren abergläubischen Weltanschauungen gefangen. Selbst der am College ausgebildete Tenga folgt den Bräuchen seines Stammes ohne Wenn und Aber – mögen sie noch so barbarisch sein. Hinzu kommt eine Hülle und Fülle an betörender Musik, anmutigen Tänzen und Festen mit Speis und Trank. Auf den ersten Blick ein Schlaraffenland, obendrein mit vielen schönen Frauen in farbenfrohen Kleidern, die im Südsee-Film traditionell aber auch sehr viel Haut zeigen, vor Hingabe, Liebe, Demut nur so strotzen, gern Blumen im Haar tragen und den Männern völlig untergeben sind. Da ist also die eine traumhafte, paradiesische, wenn auch von einem äußerst fragwürdigen Frauenbild konterkarierte Seite des Südsee-Abenteuers und die andere alptraumhafte und fatalistische: Rituale und Bräuche legen den Menschen Lasten auf oder bedingen den Tod, Naturkatastrophen wie Taifune, Monsune, Hurrikane oder Vulkanausbrüche suchen die Inseln heim; und mögen die sonstigen Inselbewohner auch noch so naiv und selbst die jungen Männer überwiegend sehr friedliebend sein, so gibt es doch meist einen finsteren und berechnenden Schamanen, Medizinmann, Hohepriester – wie auch immer man es bezeichnen will –, der die Bewohner der Insel mit den Bräuchen und Ritualen unter Druck setzt und sich das von Naturkatastrophen verursachte Leid zunutze zu machen versucht, indem er diese „Strafen der Götter“ benutzt, um seinen Einfluss noch weiter zu stärken, damit alle seinen Geboten bedingungslos Folge leisten.

Was den Unterschied macht

All diese Versatzstücke vereint auch „Insel der zornigen Götter“. Der Film ist hinsichtlich seiner Bildsprache sicherlich eher den düsteren Exemplaren des Südsee-Films im klassischen Hollywood zuzuordnen, hebt sich jedoch vor allem durch die melodisch komplexe und berührende Musik des russischen Komponisten Daniele Amfitheatrof ab, die an rhythmische wie auch harmonische Motive angelehnt ist, welche für den gezeigten Kulturkreis typisch sind. Amfitheatrofs Musik befördert das Eintauchen in die Lebenswelt der Ureinwohner in wundervoller Weise. Der Zuschauer geht die Reise von André Laurence in die fremde Welt gewissermaßen mit und versinkt nicht zuletzt auch akustisch in der zunächst traumhaft anmutenden Kultur mit all ihren sich in der Geschichte zeigenden Widersprüchlichkeiten. Louis Jourdan spielt die Hauptrolle mit einer am Ende regelrecht tragischen Warmherzigkeit und Offenheit. Sein André Laurence versucht die fremde Kultur voller Interesse zu verstehen, agiert mit dem Vorsatz, sich anzupassen und zu integrieren, entdeckt seine Liebe zu der Insel und einer Frau, versteht aber trotzdem zu wenig und zu langsam, so dass er am Ende alles zu verlieren droht. Kein Held, der das Kind schon schaukeln wird, sondern ein normaler Mensch von nebenan, der von einem Konflikt eingeholt wird, den er nicht rechtzeitig kommen sieht – eine für den damaligen Hollywood-Abenteuerfilm recht ungewöhnliche Rolle. Ein dritter Punkt, neben der Musik und der verhältnismäßig düsteren Bildsprache, der den Film in die Reihe der besten Exemplare des Südsee-Films der klassischen Hollywood-Ära erhebt.

Kann nicht ewig unterschlagen werden

In Deutschland hat es der Film bisher dennoch nicht auf DVD geschafft und auch in den USA ist er weit im Schatten von „Der gebrochene Pfeil“ versunken, konnte weder Oscar-Nominierungen noch sonstige Preise ergattern. Immerhin gibt es in den Staaten seit 2013 nun doch eine DVD. Der Kritik waren die klischeebeladenen Mechanismen des Südsee-Films teils einfach zu plakativ, um den Film positiv zu besprechen. Dies hat auch seine Berechtigung, da der Blick auf die Eingeborenen im Südsee-Film gerade durch das ständige Betonen ihrer Gutgläubigkeit und Naivität doch recht abwertend ist. Man hat im Südsee-Film mehr als in so gut wie jedem anderen Abenteuerfilm-Subgenre des klassischen Hollywood-Kinos ständig das Gefühl, dass die gezeigten Kulturen demonstrativ als überholt und in der sogenannten modernen Welt nicht überlebensfähig dargestellt werden. Es fehlt gerade im Südsee-Film ganz besonders an kritischen Figuren aus der Mitte dieser Völker, es fehlt an Charakteren, deren Welt darüber hinaus reichen würde, einfach zu machen, was ihnen gesagt wird, Gäste zu bedienen, zu singen, zu tanzen, Bräuchen zu folgen und ständig zu lächeln – bezüglich des letztgenannten Punktes stehen die Südsee-Ureinwohner übrigens im deutlichsten nur denkbaren Gegensatz zum Klischee vom niemals lächelnden Ureinwohner Nordamerikas im Western. Der in dieser Form verklärende Blick von außen ist jedoch ein allgemeines Problem des Südsee-Films und nichts, was speziell gegen „Insel der zornigen Götter“ spricht.

Eine Veröffentlichung auf DVD in Deutschland hat das Werk in jedem Fall verdient, allein schon als Exemplar aus Delmer Daves‘ erfolgreichster Phase als Regisseur. Die Synchronfassung ist auf alle Fälle noch erhalten und absolut hörenswert, obwohl es sich um einen der wenigen Filme handelt, in denen Jeff Chandler nicht von Curt Ackermann synchronisiert wurde; Ackermann hatte sich so früh in Chandlers Karriere noch nicht als dessen Stammsprecher durchgesetzt. Carl Raddatz – bekannt unter anderem als Hauptdarsteller der UFA-Filme „Immensee“ (1943) und „Opfergang“ (1944) des berüchtigten „Jud Süß“-Regisseurs Veit Harlan, die 2016 in Deutschland auf DVD erschienen sind – ist eine würdige Alternativbesetzung als Synchronstimme von Jeff Chandler und passt aus meiner Sicht besser als andere Variationen wie Wolfgang Lukschy, Heinz Engelmann und Arnold Marquis, die ebenfalls vereinzelt für Chandler zum Einsatz kamen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Chandler sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 11. Juni 2013 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Bird of Paradise
USA 1951
Regie: Delmes Daves
Drehbuch: Delmer Daves, nach einem Theaterstück von Richard Walton Tully
Besetzung: Debra Paget, Louis Jourdan, Jeff Chandler, Everett Sloane, Maurice Schwartz, Jack Elam, Prince Leilani, Otto Waldis, Alfred Zeisler, Mary Ann Ventura
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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