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Plötzlich Papa – Hallodri lernt Verantwortung

14 Nov

Demain tout commence

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Eine Gratwanderung: dramatische Themen zu verarbeiten, dabei aber das Publikum nicht mit Tragik überfordern zu wollen. Wenn dann noch ein Wohlfühlfilm herauskommen soll, ist das Scheitern geradezu programmiert. Und so scheitert „Plötzlich Papa“ dem zugegeben vorhandenen Unterhaltungswert zum Trotz dann auch auf ganzer Linie.

So läuft’s manchmal: Samuel ist plötzlich Papa

Aber der Reihe nach: Bei der französischen Tragikomödie handelt es sich um ein Remake des mexikanischen Erfolgsfilms „Plötzlich Vater“ („No se aceptan devoluciones“) von 2013, der hierzulande immerhin 2015 auf Blu-ray und DVD erschienen ist, über den ich aber mangels Sichtung nichts schreiben kann. Die Titelrolle der Neuverfilmung übernahm der hochgewachsene Omar Sy, bekannt aus „Ziemlich beste Freunde“ („Intouchables“, 2011), ebenfalls dem Sektor der Wohlfühlkomödien zuzuordnen.

Von der Côte d’Azur nach London

Sy spielt Samuel, einen eher unzuverlässigen, dafür aber nicht auf den Mund gefallenen Sonnyboy, der unter der Sonne Südfrankreichs Touristen per Motoryacht zu Tagesausflügen umherschippert und seine Chefin dabei einige Nerven kostet. Als er eines Morgens nach durchzechter Nacht wieder mal mit zwei Holden im Bett der Yacht erwacht, steht unvermittelt Kristin (Clémence Poésy) vor dem Boot – an den One-Night-Stand vor knapp einem Jahr kann er sich kaum noch erinnern. Sie offenbart ihm, dass er eine Tochter hat, drückt ihm das Baby in den Arm und zieht von dannen. Samuel kann sein Vaterglück kaum fassen und setzt alle Hände in Bewegung, der entfleuchten Mutter das Kind zurückzubringen. Die Suche führt ihn nach London, was ihn endgültig den Job an der Côte d’Azur kostet. Eine Zufallsbegegnung mit dem schwulen Bernie (Antoine Bertrand) rettet ihn – Bernie ist erfolgreicher Filmproduzent und gibt Samuel einen Job als Stuntman.

In London trifft Samuel (r.) auf den Filmproduzenten Bernie

Acht Jahre später ist aus dem Hallodri Samuel ein liebevoller Vater geworden, der seine Gloria (Gloria Colston) abgöttisch liebt. Das Mädchen ist gern gesehener Gast an den Filmsets, auf denen Samuel seine Knochen hinhält. Dass dabei oft Schultage für draufgehen – halb so wild, die Schulleiterin hat seinem Charme kaum etwas entgegenzusetzen. Um Gloria den Schmerz zu ersparen, von ihrer Mutter im Stich gelassen worden zu sein, erfindet er wilde Lügengeschichten über ihr angebliches Dasein als Geheimagentin mit permanenten Aufträgen auf der ganzen Welt. Aus Kristins Facebook-Profil hat er dafür zwei Fotos genommen, aus denen er Kristin immer wieder vor mondäne Kulissen einbaut oder mit Berühmtheiten zusammenfügt. Glorias E-Mails an die Mutter beantwortet er selbst, sendet die Nachrichten aber immerhin an Kristins Facebook-Account. Der liegt aber über Jahre hinweg still.

Nach acht Jahren sind Vater und Tochter …

Allein Samuels Lügengeschichten verursachen schon Stirnrunzeln. Dass Eltern einem Kind gewisse Wahrheiten verschweigen, um es zu schützen – unbenommen. Aber sich derart haarsträubend in ein komplexes Lügengebilde zu verstricken, ist viel zu viel des Guten. Zumal Gloria als aufgewecktes Mädchen charakterisiert wird. Trotzdem fällt ihr nicht auf, dass Mama auf zig Fotos lediglich zwei verschiedene Posen und Gesichtszüge aufweist. Ebenso merkwürdig: Nach acht Jahren London weigert sich Samuel beharrlich, Englisch zu lernen.

Zwei Absätze mit ein paar Spoilern

Ich verrate nicht zu viel, jede Zuschauerin und jeder Zuschauer riecht von Anfang an drei Meilen gegen den Wind, dass Kristin eines Tages auf der Bildfläche auftauchen und Gloria zurückfordern wird. Und so geschieht es dann auch. Weshalb sie ihr Baby einem so gut wie Fremden in die Hand drückte und von dannen zog – es bleibt das Geheimnis des Films. Kritisiert wird die Mutter dafür vergleichsweise verhalten – von Samuel natürlich, später auch von einem Richter, der das immerhin sogar zum Anlass nimmt, Gloria vorerst Samuel zuzusprechen. Aber es interessiert letztlich kaum. Kristin ist plötzlich wieder da, und weil sie ihr Kind natürlich von jetzt auf gleich abgöttisch liebt, sagt der Film: Schwamm drüber! Keine Rede davon, dass ihr Verhalten Gloria gegenüber wirklich absolut unterirdisch war.

… einfach unzertrennlich

Zwischendurch – noch vor Kristins Wiederauftauchen – kommt ein tragisches Moment hinzu, das so dermaßen gewichtig ist, dass es fortan eine bedeutsame Rolle spielen müsste. Aber weit gefehlt: In lediglich zwei Sequenzen kommt es noch zum Tragen, eine davon das Finale. Dieses Moment dient lediglich dem Zweck, den Konflikt zwischen Samuel und Kristin hinwegzufegen, ist also ein rein filmisches Mittel. So funktioniert das aber nicht! Eine weitere Wendung kann man ebenso von Anfang an erahnen. Nach zwei Dritteln von „Plötzlich Papa“ war ich schon erleichtert, dass meine Befürchtung doch nicht eintrat, da wurde sie plötzlich doch wahr. Ärgerlich! Dann haben wir die Homosexualität von Bernie, die nur für ein paar Gags gut ist, aber keinerlei die Handlung vorantreibende Funktion aufweist, wenn man davon absieht, dass Bernie zu Beginn den stattlichen Samuel anflirtet und ihn dann gutmütig aufnimmt. So bleibt seine Homosexualität letztlich ein belangloses Gimmick des Films und ist insofern verzichtbar. Oder sollte sie einfach ein paar Filmminuten füllen? Nun denn …

Eines Tages taucht Kristin wieder auf …

Anscheinend war „Plötzlich Papa“ in einigen Ländern ein veritabler Kinohit. Und ja, die Komödie unterhält auf eine oberflächliche Weise blendend, das Vater-Tochter-Gespann aus Omar Sy und der Schauspieldebütantin Gloria Colston harmoniert prächtig, lässt die Funken sprühen und sicher einige Herzen aufgehen. Aber dennoch: Die von bald 9.500 Abstimmenden abgegebene 7,4-Wertung der IMDb (Stand Oktober 2017) ist mir unbegreiflich. So recht macht „Plötzlich Papa“ nicht Lust, das mexikanische Original zu schauen, aber es ist dem Vernehmen nach deutlich besser geraten, vielleicht tu ich es doch mal. Das Remake schustert dramatische Themen gefühlig zusammen und kratzt dabei kaum einmal auch nur an deren Oberfläche. Das reicht vielen vielleicht schon für einen Wohlfühlfilm – mir nicht.

… und will ihre Tochter zurück

Veröffentlichung: 12. Mai 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Originaltitel: Demain tout commence
Internationaler Titel: Two Is a Family
F/GB 2016
Regie: Hugo Gélin
Drehbuch: Hugo Gélin, Mathieu Oullion, Jean-André Yerles
Besetzung: Omar Sy, Gloria Colston, Clémence Poésy, Antoine Bertrand, Asley Walters, Anna Cottis, Raquel Cassidy, Clémentine Célarié, Raphael von Blumenthal
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Tobis / Universum Film

 

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